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Full text of "Das heutige Russland"

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V 



DAS 



HEUTIGE RÜSSLAND 



KÜLTÜRSTÜDIEN 



VON 



ERNST VON DER BRÜGGEN 




LEIPZIG 

VERLAG VON VEIT & COMP. 

1902 



' .111 . . 903 



V 




Druck von Metzger A Wittig in Leipzig 



\ 



VORWORT 

VTTT'enn man bei den beiden grorsen wirtschaftlichen Parteien 
^^^^ in Deutschland eine Umfrage darüber veranstalten wollte, 
wie sie sich Rufsland im allgemeinen wünschen, so würde man 
sehr wahrscheinlich folgende Antworten erhalten; die einen würden 
sagen: „Wir wünschen Rufsland reich genug, um unsere Fabrikate 
zu kaufen," die anderen: „Wir wünschen Rufsland reich genug, 
um die Früchte seines Bodens für die eigene Nahrung zu ver- 
wenden." Industrielle wie Agrarier haben also bei uns durchaus 
freundliche Wünsche für die Zukunft des grofsen Nachbars. Man 
kann sagen, dafs das Interesse Deutschlands, soweit es ein wirt- 
schaftliches ist, auf das Wohlergehen Rufslands gerichtet ist 

Andererseits haben wir ein mehr theoretisches Interesse an 
dem Prozefs der Entwickelung eines Staates, der bisher eine ganz 
absolutistische Verfassung sich bewahrte, während er zugleich in 
vielen Kulturzweigen einen Weg eingeschlagen hat, der anderswo 
stets zu einer Änderung dieser Art von Verfassung geführt hat 
Das moderne wirtschaftliche und geistige Volksleben ist so mannig- 
faltig, so trieblustig, so unruhig, so leicht verletzbar geworden, 
dafs es die alten Formen büreaukratischer Allwissenheit und All- 
macht nicht mehr erträgt Wenn ein Staat geistig und wirtschaft- 
lich modern werden, die neuen Gliederungen privaten Schaffens 
und Seins annehmen will, wird er auch öffentlich zu neuen gesell- 
schaftlichen und endlich auch staatlichen Formen gedrängt. In 



Rufsland macht man heute den Versuch, sich finanziell und wirt- 
schaftlich dem Gange der europäischen Entwickelung anzuschliersen, 
wie man es bisher politisch gethan hat, insoweit die internationalen 
Interessen in Frage kamen. Es kann nicht ausbleiben, dafs der 
wirtschaftlichen Belebung, wenn sie anhalten soll, die Belebung 
der geistigen Kräfte nachfolgt, deren eine moderne Volkswirtschaft 
bedarf. Und wenn diese Richtung eingehalten wird, so kann weiter 
nicht ausbleiben, dafs die Formen des staatlichen Organismus sich 
ändern, indem sie sich den Bedürfnissen eines differenzierteren 
Volkslebens anpassen. Nach unseren europäischen Erfahrungen 
ist diese staatliche Änderung unvermeidlich und führt der gewalt- 
same Widerstand gegen sie zur Revolution oder zur Erschöpfung, 
und wir bemerken seit geraumer Zelt bei unseren Nachbarn Symptome 
für die eine wie für die andere Erkrankung. 

Ich habe mich bemüht, nach den Ursachen dieser Krankheits- 
symptome zu forschen und bin zu einem für den deutschen Leser, 
wenigstens sofern er zu den erwerbenden Klassen gehört, nicht 
erfreulichen Ergebnis gelangt Aber wenn Rufsland einer inneren 
Krisis zutreibt, so ist es wünschenswert, dafs sowohl Industrielle 
als betrachtende Politiker von kommenden Ereignissen nicht über- 
rascht werden. Solcher Überraschung vorzubeugen und zugleich 
auf die geschichtlich interessanten Kämpfe im Innern des über- 
grofsen Reiches hinzuweisen, ist der Wunsch, mit dem ich dieses 
Buch dem Leser vorlege. 




I 



INHALT 



Seite 

Erstes Kapitel. Aufseres Wachstum 1 

Zweites Kapitel. Innere Kämpfe 10 

Drittes Kapitel. Finanzen 22 

Viertes Kapitel. Industrie 53 

Fünftes Kapitel. Das Zentrum. Der Adel 82 

Sechstes Kapitel. Der Adel 94 

Siebentes Kapitel. Der Bauer 102 

Achtes Kapitel. Der Bauer 122 

Neuntes Kapitel. Kirche und Moral 140 

Zehntes Kapitel. Verarmung und Hungersnot 152 

Elftes Kapitel. Mittelklassen. Stadtwesen, Schulen, Revolutionäre, Kunst, 

Litteratur 165 

Zwölftes Kapitel. Die europäischen Grenzländer 188 

Dreizehntes Kapitel. Kolonien und Weltmacht 202 

Vierzehntes Kapitel. Die Landschaftsverfassung 217 

Fünfzehntes Kapitel. BUreauliratie 247 

Sechzehntes Kapitel. Büreaukratie 262 

Siebzehntes Kapitel. Verfassungsfragen 269 



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i 



ERSTES KAPITEL 

ÄUSSERES WACHSTUM 

Y'or Zeiten war Rufsland in mehr denn 70 Kleinstaaten zer- 
splittert Es war vielleicht die glücklichste Zeit, die es erlebt 
hat Aber schon am Schlufs des 16. Jahrhunderts hatte Moskau 
fast alle die TeilfürstentUmer zertrümmert. Ein Jahrhundert weiter, 
und Peter I verwandelte das asiatisch-l^ulturlose Grofsfürstentum 
Moskau in ein halbeuropäisches Kaisertum Rufsland. Ein un- 
geheures Reich, hervorgegangen aus äufseren Kämpfen mit Schwe- 
den und der Türkei, wie das neue Deutschland aus den öster- 
reichischen und französischen Kriegen. Und doch, wie ganz anders 
im Innern als dieses! Ohne eigene Kultur, trat es vqn Haus aus der 
europäischen Kulturwelt mit dem Anspruch der äufseren Gleich- 
berechtigung gegenüber. In so heilloser Verwirrung und Ermat- 
tung Peter es zurückgelassen hatte, er hatte doch wenigstens 
die Absicht, die Kräfte des Volkes kulturlich zu entwickeln und 
er versuchte an hundert Stellen es aus dem Schlummer zu reifsen. 
Seine Nachfolger liefsen Begonnenes verfallen und thaten für 
die Entwickeiung des Volkes fast nichts. In hundert Jahren 
wurde nicht geschaffen, was Friedrich Wilhelm I für Preufsen 
schaffte. Auch Katharina hat für das Wohl ihres Volkes nur 
wenig geleistet Seit Peter wurde in Verwaltung und Gesetz- 
gebung experimentiert, hier etwas eingeführt, da etwas abgeschafft 
launenhaft, ohne Ausdauer, meist ohne Verständnis, flundert 
Jahre nach dem ersten Auftreten des grofsen Reformators war 
Rufsland eine gewaltige europäische Macht, aber im Innern war 
es nur wenig weiter gekommen auf dem Wege materiellen und 
geistigen Wachstums. Schein und wieder Schein nach aufsen, im 

y. D. BBÜeoBK, HaOland. 1 



2 ERSTES EAP! TEL 

Innern aber das alte Elend, die Bettelarmut, die Bestechung, die 
Unwissenheit, die äufsere Kirchlichkeit, die Willkür der Beamten. 
Erreicht hatte man nur drei Dinge: einen glänzenden Hof, ein 
grofses Kriegsheer und die Durchführung der Unfreiheit aller 
Volksklassen. 

Diese drei Dinge waren notig, um die Rolle der Grolsmacht 
spielen zu können, auf die seit Peter alles politische Streben hin- 
ging. Ein glänzender Hof, um das neue Kaisertum zu illustrieren, 
ein grofses Heer, um zu erobern und in Europa Gewicht zu haben, 
die Dienstpflicht des Adels, die Fesselung des Städters an die 
die Stadt, die Leibeigenschaft des Bauers — alles nur zur Stär- 
kung der staatlichen Gewalt, nur um Beamte, Soldaten, Geld zu 
haben. Für diese Ziele des Ruhmes, der äufseren Macht wurden 
die vorhandenen schwachen Volkskräfte nie geschont. 

Es sind zwei Jahrhunderte gewaltiger äufserer Erfolge, fort- 
gesetzter räumlicher Ausdehnung. Man hat über das Anwachsen 
Rufslands folgende Berechnung aufgestellt: 

Der tägliche Zuwachs an Bodenfläche betrug: vom Jahre 1500 
bis 1900 130 Quadratmeilen oder ca. 6380 qkm, vom Jahre 1676 
(Tod Alexeis, des Vaters Peters I) bis 1876 90 Quadratmeilen oder 
ca. 4410 qkm.; von der Thronbesteigung Katharinas II, 1762, bis zur 
Thronbesteigung Alexanders II, 1856, 80 Quadratmeilen oder ca. 
3920 qkm. ^ Berechnet man nun weiter den Ländererwerb von der 
Thronbesteigung Alexanders IL bis zur Thronbesteigung Nikolaus II 
im Jahre 1894, in welchem Jahre Rufsland 22 400 000 qkm umfafst, 
so steilen sich als täglicher Zuwachs ca.438qkm heraus, wobei indessen 
zu berücksichtigen ist, dafs in dieser Periode das amerikanische 
Gebiet Rufslands mit 17500 Quadratmeilen oder 857500 qkm an 
die Vereinigten Staaten verkauft worden ist. Das Wachstum hat 
also allmählich an Geschwindigkeit wohl abgenommen, ist aber doch 
noch so bedeutend, dafs wenn Deutschland Tag aus Tag ein seine 
Grenzen — nicht einbegriffen die überseeischen Kolonieen — um 
438 qkm erweiterte, man bald nicht mehr wissen würde, wohin man 
mit dem Reichtum sollte. Alle sechs Monate etwa ein Landzuwachs von 
derGröfse Bayerns, alle Jahre 160 000 qkm Vergröfserung des Reiches 
— dafür reichte unsere staatliche und kulturliche Verdauungskraft 
schwerlich aus, so landhungrig wir auch trotz aller Kolonieen noch 



' BrOckner, Die Europäisierung Rufslands. 



ÄUSSERES WACHSTUM 3 

sind und für lange bleiben werden. Auch Rufsland hat diese 
Landmenge bis in die neuere Zeit, bis vor etwa 40 Jahren, 
nicht verdaut — kulturlich verarbeitet, sondern blos staatlich ver- 
schluckt, und wenn das Wachstum seit 50 Jahren an Geschwindig- 
keit abgenommen hat, so ist es doch noch keineswegs abgeschlossen, 
wie die neuesten Vorgänge im Amurgebiet und in der Mandschurei 
zeigen. 

Hat dieses Wachstum Rufslands nun dem russischen Volk, dem 
Steuern zahlenden Russen, zum Wohl gereicht? Denn zuletzt hat 
doch alle Staatskunst nur das eine Ziel: dem Wohl des Volkes zu 
dienen, und alle politische Entwickelung nur den Sinn, dafs sie 
dem Volke zu gute komme, von dessen Kräften sie getragen wurde. 
Zwar, Waffenruhm und Herrschermacht gehören auch zu den Gütern, 
die ein kriegerisches, ein ehrgeiziges Volk hoch hält Je roher 
ein Volk ist, um so höher schätzt es gemeiniglich diese Dinge, 
soweit sie aus der Bethätigung der eigenen rohen Kraft hervor- 
gehen. Zur Zeit der Völkerwanderung galt Kriegsruhm bei den 
meisten Völkern für das höchste Gut; die Hunnen Attilas, die 
Mongolen Dschingis-Khans rechneten ohne Zweifel es ihren Herr- 
schern als höchste That an, zu immer neuen Kämpfen geführt 
zu werden, weite Länder zu erobern und zu beherrschen. Allein 
wir urteilen heute nicht aus der Denkweise von Hunnen und Mon- 
golen heraus, sondern als Glieder von Kulturvölkern. Wir sind 
nicht unempfindlich für Kriegsruhm und Herrschaft, aber wir 
schätzen sie nicht mehr an sich, als Selbstzweck, sondern nur 
insoweit, als sie mit Kulturzwecken verbunden sind, als sie die 
Mittel liefern, um uns materiell, geistig, sittlich zu reifen, zu stärken. 
Nicht blos äufserer Ruhm und Macht gehören zum Volkswohl, 
sondern auch alles das, was die Kraft giebt, sie im Sinne fried- 
licher innerer Kultur und Zivilisation zu behaupten, und die Fähig- 
keit, sie dem wirklichen Wohl des Volkes nutzbar zu machen. Ja, 
Krieg und Eroberung sind soweit im Werte gesunken, dafs sie heute 
als Übel gelten, die nur im auf sersten Notfall oder um grofser Kultur- 
zwecke willen hingenommen werden. Dies ist wenigstens die 
Richtung, in der das Bewufstsein der Kulturvölker Europas gegen- 
wärtig schreitet 

Sind etwa Kriegslust und Herrschsucht nationale Eigen- 
schaften des russischen Volkes? Wenn man die Vergangenheit 
daraufhin prüft, wird man diese Frage schweriich bejahen können. 



4 ERSTES KAPITEL 

Als die Normannen ihre Herrschaft aufrichteten, begegneten sie 
einem angesichts ihrer geringen Kriegerzahl auffallend schwachen 
Widerstand gerade bei den slawischen Stämmen. Türkische und 
mongolische Völker, wie Polowzer, Petschenegen, Chasaren, machten 
ihnen weit mehr zu schaffen. Ebenso schwach war der Wider- 
stand gegen die im 13. Jahrhundert einbrechenden Mongolen. 
Kriegerisch und herrschsüchtig waren nicht die slawischen Völker, 
wohl aber die normannischen Teilfürsten, auch dann, als nur der 
Fürst von Moskau als Machthaber nachgeblieben war. Mit dem 
Aussterben dieser moskauer normannischen Dynastie liefsen Kriegs- 
lust und Eroberungslust nach, denn die polnischen Kämpfe des 
17. Jahrhunderts gingen von Polen, nicht von Moskau aus. Erst 
Peter griff wieder zum erobernden Schwert aus eigenem Antriebe, 
und auch nach ihm kam der Anstofs zu den häufigen Kriegen 
nicht vom Volk, sondern von dem Ehrgeiz, der Habsucht einzelner 
Grofsen und von dem Bedürfnis der Herrscher fremden Blutes, 
dem Thron Glanz zu verleihen. 

Im Volke fand schon Peter eine sehr starke und deutliche 
Abneigung gegen seine erobernde Politik. Was der Prinz Alexei 
und die altrussische Partei, an deren Spitze er stand, wollten, war 
ausdrücklich Verzicht auf Krieg und Eroberung; das neue Rufsland 
hafsten sie, sie wollten die eroberten Länder wieder den früheren Be- 
sitzern zurückgeben, wollten das Kaisertum vernichten, um das 
alte Grofsfürstentum mit asiatischer Ruhe und Sitte wieder her- 
zustellen. Alexei und viele andere büfsten dafür mit dem Tode, 
aber der Gedanke, dem sie gelebt hatten, starb nicht mit ihnen, 
sondern tauchte immer wieder auf, in abgeschwächter Form zwar, 
aber im Grunde doch stets als derselbe: der Gedanke, sich von 
Europa wieder abzuwenden, in Moskau das alte nationale Behagen 
sich wieder zu schaffen, ohne Herrschaft über europäische fremde 
Länder, ohne Kriege und mit weniger Steuern. Dahin waren die 
Wünsche der GOLIZYN und DOLGORüKi unter Peter II, unter Anna 
gerichtet Der Versuch, Annas Alleinherrschaft zu beschränken, 
war im Grunde auf dasselbe Ziel gerichtet, das die Partei Alexeis 
im Auge gehabt hatte; eben das Gleiche hoffte man durch die Er- 
hebung Elisabeths auf den Thron zu erringen. Und ohne allen 
Zweifel waren diese von den angesehensten Geschlechtem des 
Landes verfolgten Ziele durchaus volkstümlich. Die grofse Masse 
der leitenden Stände wollte mit der ehrgeizigen Politik Peters und 



ÄUSSERES WACHSTUM 5 

seiner Schüler, den Ostermann, MOnnich, BfstüSCHEW brechen, 
wollte weder gegen Türken, noch Perser, noch Schweden noch 
Preufsen kämpfen und wäre hundert Jahre nach Peters Auftreten 
noch bereit gewesen, Petersburg selbst aufzugeben und aller Ein- 
mischung in europäische Händel zu entsagen. National russisch 
war diese moskauer Partei — nicht Peter noch seine Nachfolger, und 
man darf noch heute zweifeln, ob das Recht, ob die politische 
Vernunft auf selten der Petriner und nicht vielmehr bei deren 
Gegnern war. Denn die Erfolge der petrinischen Politik entsprechen 
nicht den Opfern, die das russische Volk für sie bringen mufste. 
Nach hundert Jahren der Siege, Eroberungen, des Ruhmes war 
der Zustand, in dem Adel, Geistlichkeit und Bauer lebten, nicht 
besser, sondern elender als vorher. 

Das haben damals einsichtige Männer erkannt und ihre war- 
nenden Stimmen vernehmen lassen. Ein Elsässer ^ schrieb zur Zeit 
Katharinas II folgendes: „Vor allem mufs Rufsland den Krieg ver- 
meiden." „Niemals wird Rufsland die Früchte von Peters Be- 
mühungen ernten, nie die Wagschale des Handels auf seine Seite 
bringen, nie aufgeklärt und blühend werden, bis es der Eroberungs- 
sucht entsagt hat'' Selten wohl hat ein Prophet richtiger pro- 
phezeit, als dieser Elsässer. Und nicht lange nach ihm schrieb 
der Minister PANIN in einem Memorial vom Jahre 1801': „La 
guerre la plus heureuse ne peut que Taffaiblir et augmenter 
les embarras de son gouvernement, en diss^minant des forces, 
qui depuis les derni^res acquisitions ne sont plus proportionn^es 
ä r^tendue des limites.'' PANIN aber war einer der scharfsichtigsten 
und patriotischsten Staatsmänner, die Rufsland hervorgebracht hat 
Und auch zu seiner Zeit war man nur am Zarenhofe und in seiner 
Umgebung kriegerisch und ruhmbedürftig; aufserhalb Petersburgs 
und vollends in der Masse des Volkes sehnte man sich eher 
danach, von Europa nichts zu hören noch zu sehen, von den end- 
losen Rekrutierungen befreit zu werden. Wie konnte es auch anders 
sein, da 40 Kriegsjahre das Land in unglaubliche innere Unord- 
nung und völlige Verarmung gestürzt hatten, als die „göttliche'' 
Katharina starb. Und als Paul die richtige Folgerung daraus 



^ J. B. Scherer, Gesch. des russ. fiandels, deutsch von tlAMMERSDÖRrER, 
Leipzig 1789, S. 79. 

' BRÜCKNER, Materialien zu einer Biographie Panins, Bd. VI, S. 18. 



6 ERSTES KAPITEL 

zog, dafs aller Politik der Eroberung fortan zu entsagen sei, 
da erfolgte in Wirklichkeit wie ein schlechter Scherz das andere, 
dafs er zu einem Kriege gegen England schritt, um als Grofs- 
meister der Malteser die Insel Malta zu erlangen, was denn doch 
a^uch nicht zu den wichtigen russischen Interessen gehörte. Kaum 
war Paul verschwunden, so kam die Leitung der äufseren Politik 
in die Hände erst des friedliebenden Panin, dann des Fürsten 
KOTSCiiüBEi, der ebenso entschlossen war, die äufseren Dinge 
ruhen zu lassen, um alle Sorge der inneren Entwickelung zuzu- 
wenden. Und wieder kommt es. ganz anders: Rufslands Heere 
durchziehen ganz Europa. Menschen und Millionen versinken in 
den Abgrund der äufseren Politik, und das Herzogtum Warschau 
wird erobert. Viel Ehre und künftige böse Sorge! Am Schlufs 
seines Lebens, im Jahre 1824, mufste Alexander selbst bekennen: 
„Ruhm und Ehre haben wir genug gehabt; aber wenn ich bedenke, 
wie wenig im Innern des Reiches geschehen ist, so legt sich mir 
dieser Gedanke aufs Herz wie ein Gewicht von 10 Pud."^ Und 
doch hatte Alexander wenigstens seinen Speranski gehabt Wenig 
später warnte der Nationalökonom Fr. List Rufsland vor all zu 
grofser Ausdehnung seiner Grenzen und vor dem Streben nach 
politischem Einflufs auf die europäischen Angelegenheiten.' Es 
hat also an Männern nicht gefehlt, welche die Gefahren erkannten, 
die auf dem seit Peter betretenen Wege für Rufsland lagen. Unter 
Alexander I hatten sich Gruppen in der Menge der Beamten und 
Offiziere gebildet, die nach freieren Staatsformen strebten; allein 
das Streben wurzelte weniger in der praktischen Erkenntnis der 
eigenen Mängel, als in der theoretischen Bewunderung der in 
Europa während der Kriegsjahre wahrgenommenen Dinge und 
Lehren. Im Volk, in der Masse fühlte man die Last der Kriege 
schwer, ertrug sie aber geduldiger als man gleiche Lasten früher 
ertragen hatte. Denn in Anschauung und Stimmung des russischen 
Volkes wurde durch die napoleonische Invasion eine Änderung 
hervorgerufen. Der Brand von Moskau im Jahre 1812 weckte 
ähnliche Kampflust wie die Einäscherung Moskaus in der Tataren- 
zeit: gegen Tataren, wie gegen Franzosen erhob sich ein wirklicher, 
aus der Seele des Volkes emporflammender Kampfeszorn, der, wie 



* Schilder, Alexander I, Bd. IV, S. 217. 
' Fr. LiST, von C. Jentsch, S. 73 ff. 



ÄUSSERES WACHSTUM 7 

immer in solchen Kriegen roher Völker, einen religiösen Cha- 
rakter annahm. Diese napoleonischen Kriege waren die ersten 
volkstümlichen Kriege seit der Erhebung gegen die polnische 
Herrschaft zu Anfang des 17. Jahrhunderts. Sie waren oder 
schienen doch dem Volk aufgedrungen, und es erhob sich zur 
Abwehr. Nicht Kriegslust, noch Eroberungslust entflammten es. 
Keiner der endlosen Kriege des 18. Jahrhunderts, in die das Volk 
hineingetrieben wurde, hat eine solche Wirkung auf den Russen 
gehabt, wie der Feldzug gegen Napoleon bis nach Paris hin. Indem 
er „die Gallier und die 20 mit ihnen verbündeten Völker" über 
die Grenze fliehen sah, mochte er die Empfindung haben, als 
triebe er nun endlich all die verbalsten Fremden, das ganze seit 
Peter auf ihm lastende fremde Wesen zum Lande hinaus. Bis 
heute wird alljährlich einmal am Weihnachtstage in den Kirchen 
ein Dankgebet gehalten für die Vertreibung der napoleonischen 
Scharen; aber dem niederen Volk erschienen diese Scharen nicht 
als ein französisches Heer, sondern mehr als die Gesamtheit der 
Fremden, dieser seit mehr als 200 Jahren so aufdringlichen Euro- 
päer. „Unchristen" waren auch sie, wie die Tataren und Türken, 
die Erbfeinde von Volk und Kirche. 

Diese allgemein im Volksbewufstsein festgewurzelte Erbfeind- 
schaft gegen Tataren und Türken hat bis in die neueste Zeit einen 
wichtigen Faktor in der russischen äufseren Politik gebildet Nach- 
dem die demütigenden Reste des Tatarenjochs zu Ende des 
16. Jahrhunderts fast ganz abgeschüttelt worden waren, lebte der 
Kampf gegen die noch nachgebliebenen Kanate im Süden und 
Sudosten weiter fort in gelegentlichen Kriegsfahrten von der einen 
und anderen Seite her, und in den Raubzügen, mit denen sich die 
Kosaken am Dnjepr und Don beschäftigten. Diese gegenseitigen 
Raubzüge drangen als poesiereicher Stoff in das Bewufstsein des 
gesamten russischen Volkes ein, noch ehe sie zu wirklicher poli- 
tischer Bedeutung für den Staat gelangten. Hier, in den freien 
Niederiassungen am Don, in der Setsche, dem Kosakenlager des 
unteren Dnjepr, lebte wirkliche Kriegslust, hier war der Russe be- 
seelt nicht blos vom Drang nach Beute, sondern auch von Durst 
nach Ruhm, nach Schlachten und Ehren. Im Kampf gegen die 
Krimer Tataren und die Türken, aber häufig auch gegen Russen 
und Polen erstarkte ein wirklich kriegerisches Volk, und mit dem 
kriegerischen Geist erblühte zugleich ein Sinn für Freiheit, wie 



8 ERSTES KAPITEL 

er in keinem anderen Zweige des russischen Volkes emporge- 
wachsen ist 

Freilich, die frühere Freiheit, die Unabhängigkeit von jeder 
anderen Gewalt als der des selbstgewählten Hauptmanns (Hetmanns), 
ging unter, die Kosaken wurden seit dem 17. Jahrhundert allmäh- 
lich unter polnische und russische Macht gebeugt. Nachdem im 
17. Jahrhundert das linke Ufer des Dnepr und dann Kiew russisch 
geworden waren, stürmte Peter I weiter vor, und mit der Unab- 
hängigkeit der Kosaken des Dnjepr hatte es nach der Schlacht von 
Pultawa und dem Tode Mazeppas ein Ende. Mit List und Gewalt 
wurde ihre Freiheit allmählich verkürzt, ihr Widerstand gebrochen. 
Katharina II unterwarf auch die östlichen Niederlassungen, und 
seitdem gab es keine freien Kosaken mehr. Aber die Tradition 
der Kämpfe der Kosaken gegen die Ungläubigen lebte im russi- 
schen Volke weiter, und von Peter I an wurde diese Tradition zu 
einer starken Stütze all der vielen kriegerischen Vorstöfse, die von 
den russischen Herrschern gegen die Tataren und Türken voll- 
führt wurden. Nachdem die Tataren durch die Eroberung der 
Krim unter Katharina unschädlich gemacht worden waren, begann 
die kriegerische Tradition sich gegen die Türken zu richten. In- 
dessen geschah das weit weniger aus dem Empfinden des Volkes 
heraus, als durch die eroberungssüchtige Aufreizung der Regierung. 
Unter Anna waren die ehrgeizigen Kriegszüge MONNiCtiS mit ihren 
unbarmherzigen Menschenopfern dem Volke so verhafst, dafs es 
den Untergang des eigenen Heeres gern hingenommen hätte, um 
damit nur den Frieden zu erkaufen. Es fühlte, dafs die Opfer zu 
grols waren für Zwecke, die es nicht als die eigenen ansah. Erst 
Katharina gab der volkstümlichen Vorstellung ein festes Ziel, seit 
sie den Plan fafste, Konstantinopel selbst zu nehmen, die Türken 
aus Europa zu vertreiben und ein neues russisches Zartum am 
Bosporus zu gründen. Mit Hilfe der Kirche wurde die gegen die 
Tataren gerichtete volkstümliche Tradition verwandelt in die heilige 
Aufgabe, Byzanz der orthodoxen Kirche wiederzugewinnen und die 
russischen Bruderstämme der Balkanhalbinsel vom Joche der Un- 
gläubigen zu befreien. Und wirklich sind seitdem diese Kriege gegen 
die Türken volkstümlich gewesen, wie keine anderen, die die russi- 
schen Herrscher in dieser Zeit führten, bis zuletzt, im Jahre 1876, 
der Zar nicht mehr der Führer war, sondern von Unterthanen und 
Geistlichkeit in den Krieg getrieben wurde. 



ÄUSSERES WACHSTUM 9 

Denn inzwischen iiatte sich noch eine andere Umwandlung 
vollzogen. Der Türkenkrieg von 1828, wie der Krimkrieg von 1853 
ergaben sich aus dem monarchischen Streben nach Festigung der 
Stellung einer europäischen Grofsmacht. Weder 1828 noch 1853 
waren reale russische Interessen vorhanden, deren Bedrohung zum 
Kriege drängte. Es stand nur das russische Prestige in Frage, der 
rühmliche, aber kulturell und materiell recht platonische Einflufs 
Rufslands auf Griechenland und die Balkanländer, sowie die 
ebensowenig im Sinne des Volkswohles bedrohte autoritäre Macht- 
stellung des russischen Thrones gegenüber den Westmächten, die 
einer ungebührlich angeschwollenen Anmafsung, einem zu selbst- 
herrisch gewordenen Protektorat Rufslands auf der Balkanhalbinsel 
entgegentraten. Noch weniger vom volkstümlichen Willen ge- 
tragen war der Kampf von 1849 gegen die aufständischen Ungarn. 
Das Interesse des Volkes hatte mit diesem Aufstande nicht das 
Mindeste zu schaffen; es sah dabei keinen Vorteil, sondern nur 
Opfer, wie schon mehrmals früher, z. B. im siebenjährigen Kriege, 
in den Feldzügen SüWOROWS in Italien, in dem phantastisch und 
kopflos geführten Zuge gegen Napoleon, der mit Austeriitz und 
dem Tilsiter Bündnis endete. In dem Kriege von 1876 lebte die 
volkstümliche Tradition wieder auf mit ihrem kirchlichen und 
nationalen Enthusiasmus, angestachelt von ehrgeizigen Parteiführern, 
die inzwischen in den inneren Kämpfen emporgekommen waren. 
Es war der Ausdruck einer Wandlung, die als Ergebnis innerer 
Kämpfe in dem nationalen Bewulstsein der leitenden Volks- 
schichten eingetreten war. 



-x^^^ 



ZWEITES KAPITEL 

INNERE KÄMPFE 

*T^as seit 1813 gereizte Volksbewufstsein wurde neu geweckt 
^^ durch den polnischen Aufstand von 1830, weit stärlier aber 
durch den von 1863. Dem russischen Volle safs nächst Tataren 
und Türken doch immer noch als Erbfeind der Pole im Kopfe, wenn 
auch die Furcht vor ihm im Laufe zweier Jahrhunderte ge- 
schwunden war. Indessen war dem Volksbewufstsein in letzter 
Zeit eine treibende, formende Macht erwachsen durch die Ver- 
breitung der Bildung, der Teilnahme an öffentlichen Dingen, vor 
allem in der Presse. Wenn von dem russischen Volk früherer 
Zeit als von dem Träger einer Tradition, nationaler Meinungen 
oder Wünsche gesprochen wird, so ist das nur in sehr bedingtem 
Sinne zu verstehen. Die grofse bäuerliche Masse hatte und 
hat bis heute keine die allgemeinen Angelegenheiten betreffen- 
den Meinungen oder Wünsche. Alle Politik verkörpert sich ihr 
in Zar und Kirche, und der Führung dieser beiden Gewalten 
folgt sie blindlings. Die Tradition, wie sie, aus den Kämpfen 
gegen Tataren, Polen, Türken fliefsend, in das Dorfleben der 
Bauern sich ergofs, ging fast völlig auf in der Tradition des 
Kampfes für Zar und Kirche. Fast völlig, denn daneben macht 
sich doch schon früh das Verständnis auch des gemeinen Mannes 
für sein Volkstum bemerkar. Der Ruf „Man schlägt die Unsern" 
ist nicht erst heute sicher, den gemeinen Mann in Rufsland auf 
die Beine zu bringen; das nationale Band hat sich nicht erst in 
unserer Zeit so gefestigt, wie es heute sich zeigt Aber das Be- 
wufstsein dieses Bandes war nie die Quelle eines offensiven, auf 
Eroberung ausgehenden Dranges, sondern wurde immer nur durch 



INNERE KÄMPFE 11 

den Angriff von aufsen geweckt Es war defensiv, es flammte 
auf bei dem Ruf: ,,Man schlägt die Unsern'\ im übrigen aber war 
und ist der Volkscharakter nicht kriegerisch, sondern friedliebend. 
Hätten wir Deutsche auch nur ein Bruchteil von dem nationalen 
Gesamtgefähl gehabt, das den Russen schon seit hundert und 
zweihundert Jahren beseelte so hätten wir nicht so lange auf ein 
geeintes Deutschland warten müssen. 

Abgesehen nun von diesen blofsen Stimmungen und Empfin- 
dungen der Massen, gab es eine politische Meinung natürlich nur 
in den oberen Klassen, und diese bestanden, da es sehr wenig 
Stadtbewohner gab, aus dem Adel. Denn seit Peter so zu sagen 
den Adel zum Leibeigenen des Staates gemacht hatte, seit jeder 
Edelmann im Heer oder Amt dienen mufste, waren Beamte und 
Offiziere eben auch Edelleute, und so war der Adel stets die Volks- 
klasse, die allein am politischen Leben teilnahm, von der, mit 
Ausnahme des PüGATSCHEWschen Aufstandes, alle politischen von 
der Regierung unabhängigen oder ihr entgegenlaufenden Be- 
wegungen, auch die umstürzenden, ausgingen. Es hat zahllose 
Bauemunruhen, besonders unter Nikolaus I gegeben; sie waren 
aber nicht politischer Natur, sondern örtliche Empörungen gegen 
die Vergewaltigungen durch Adel und Beamte. Politisch hatte nur 
der Adel Bedeutung. Im 18. Jahrhundert griffen die grofsen Ge- 
schlechter, im 19. auch der niedere Adel in das Staatsleben 
thätig ein. 

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich aus dem Adel 
selbst eine Klasse herausgearbeitet, die die alten Traditionen der 
grofsen Geschlechter verlief s, indem sie europäischer Denkweise 
sich zuwandte. Die von Peter I gewünschte Annäherung an 
Europa, das Eindringen von Schulbildung und hunderterlei Ele- 
menten der Kultur und Zivilisation waren so weit vorgeschritten, 
dafs sich eine neben der Leitung des Staates einhergehende Mei- 
nung bilden konnte, die weder das Volk noch auch nur den 
Adel umfassend, nur spärlich öffentlich hervortretend, doch den 
Stock bildete, aus dem eine mehr oder weniger von der Regierung 
unabhängige, mehr oder weniger öffentliche Meinung emporstrebte 
— dieses erste Erwachen, diese Kinderjahre des jungen Rufsland mit 
ihrem philosophierenden und politisierenden Schaumspritzen, mit 
ihren moskauer Studentenkreisen, ihren talentvollen und kritik- 
lustigen jungen Schriftstellern. Das ist alles oft genug auch in 



12 Z WEITES KA PITEL 

deutschen Schriften geschildert worden. Dieses junge Rufsland hatte 
noch kaum die Eierschalen abgeworfen, als die liberalen Jahre 
unter Alexander II die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Re- 
formen in Verwaltung und Justiz brachten. Man jauchzte, man 
hoffte auf freie Entwickelung, man erstarkte schnell an Zahl 
und noch mehr an Selbstbewufstsein. Aber zu gleicher Zeit mit 
den grofsen freiheitlichen Reformen von 1861 bis 1864 brach 
der polnische Aufstand aus. Er fand ein durch die Reformen in 
allen Schichten erregtes Volk vor, eine von liberalen Ideen, aber auch 
von grofsem Thatendurst aufgestachelte Masse unter den gebildeten 
und halbgebildeten Klassen, eine jugendlich selbstbewufste Presse, 
eine neue Volkskraft ohne Vergangenheit, ohne Erfahrung, ohne 
realen Boden, ohne feste Ziele, mit viel Wollen und wenig Wissen 
Das ungestüm des Knaben griff gierig nach den gröfsten Auf- 
gaben, und der polnische Aufstand bot eine solche dar: das Vater- 
land konnte gerettet, die Nation gerächt werden! Das war mehr 
als alle Reformen im Innern dieses Vaterlandes, hier konnten die 
jungen Arme erprobt werden. 

Die Presse erfafste den günstigen Augenblick und warf sich 
in den Kampf mit Wucht und mit der nationalen Fahne in der 
Hand. Es gelang ihr, neben dem fleer des Staates sich an die 
Spitze eines grofsen Teils der oberen Klassen mit einem idealen 
Gedanken, einem volkstümlichen Empfinden zu stellen. Jetzt trat 
zum erstenmal eine von einem mafsgebenden Bruchteil des Volkes 
getragene und zugleich auf reale politische Ziele gerichtete öffent- 
liche Meinung hervor, wie sie sich noch nie, weder zur Zelt der 
Verschwörungen des 18. Jahrhunderts, noch in den ständischen 
Versammlungen der Romanows, gezeigt hatte, noch zeigen konnte. 
Dieser politische Aufstand hat für Polen grofse und unheilvolle 
Folgen gehabt, die aber an Stärke, und leider zum Teil auch an 
unheilvoller Richtung kaum zurückstehen gegen die Wirkung, die 
er auf das gesamte russische Reich ausgeübt hat Indem die öffent- 
liche Meinung bei ihrem ersten Hervortreten sich einem inneren, 
nicht wie 1813 einem äufseren Feinde gegenübersah, und indem 
sie, den Heeren folgend, ihn mit Leichtigkeit und unter Anerken- 
nung von selten der Regierung besiegte, wuchs ihre Kraft und 
auch der Wunsch, die Kraft weiter wachsen zu lassen. Die ge- 
wonnene Stellung führte zur Macht und auch zur Überhebung, 
die, nach Beendigung des polnischen Aufstandes, nach neuer Be- 



INNERE KÄMPFE 13 

thätigung verlangte. Die neuerstandene volkstümliche Macht be- 
durfte des Kampfes, därstete nach Kampf, um sich zu fühlen, um 
sich zu entwickeln, um sich bei der Regierung in Ansehen zu 
setzen, um sich bei Regierung und Volk als berechtigt, als nötig 
zu erweisen. Zum Kämpfen aber gehören zwei, es handelte sich 
also darum, Gegner zu finden und an das Tageslicht der neu 
aufgehenden russischen Sonne zu ziehen. Und die nötigen Gegner 
fanden sich. 

Die Regierung hatte stets auf die Stimmung sei es der Grofsen, 
sei es des tieeres oder der Beamten Rücksicht nehmen müssen. 
Bei der äufseren Politik besonders, bei manchen Kriegen hatte das 
Bedürfnis mitgewirkt, durch rühmliche Thaten den Glanz der Krone 
zu mehren, durch kräftige Verbindung wirklicher oder angeblicher 
russischer Interessen im Auslande die Aufmerksamkeit der Unter- 
thanen von den inneren Zuständen abzuziehen. Jetzt machte sich 
dieses Bedürfnis in verstärktem Mafse geltend. Die zarische Selbst- 
herrschaft sah sich unversehens zwischen zwei starken politischen 
Strömungen hin und hergeworfen, an deren Spitze Katkow und 
tiERZEN standen, jener als Vertreter des jungen Nationalismus, 
dem dieser als Vertreter des noch jüngeren Sozialismus entgegen- 
trat Indem man der Presse und dem moskauer jungen Rufsland 
unmittelbaren Einflufs auf die Lösung der polnischen Fragen ein- 
räumte, liefs man die Ansprüche der Presse und ihrer Hinter- 
männer sich über den Kopf wachsen. Bald gingen denn auch die 
Wogen jener beiden Strömungen gefährlich hoch. Während die 
moskauer Nationalisten im Verein mit der Regierung auf die am 
Boden liegenden Polen mit Gewaltmafsregeln losschlugen, erstarkte 
die Partei, deren Ziel die Beseitigung der Staatsgewalt war. Ein 
JWüRAWJEW wurde Nationalheld hier, ein BAKUNlN, später eine 
Sassulitsch dort. Und je bedrohlicher der Nihilismus um sich 
griff, um so höher stieg das Ansehen und auch das Gewicht der 
Gegenpartei. Eine Zeitlang regierte ein Journalist fast den ganzen 
Staat, man horchte mehr nach KATKOW hin als nach irgend 
einem Minister. Und KATKOW schmiedete das Eisen, solange es 
warm war. 

Sein Streben ging dahin, das Selbstbewufstsein, das nationale 
Gefühl im Volke zu stacheln und zu stärken, zu welchem Ende 
er an die alten Traditionen der moskauer Bojarenmacht anknüpfte, 
wie sie im 18. Jahrhundert, und zuletzt noch in den Versuchen 



14 ZWEITES KAPITEL 

und Ideen der beiden Panin um die Wende des 19. Jahr- 
hunderts aufgetaucht waren. Aber wenn man auch sich mit 
Forschungen in den Archiven über die Notabeinversammlungen 
der alten Zeit in gewissen Kreisen beschäftigte, so blieb das doch 
bedeutungslos, solange die Regierung selbst nicht wagen wollte, 
die Konsequenzen solcher Ideen und Studien praktisch zu ziehen. 
Ein freieres Feld fanden die Moskauer in dem Kampf, der nun 
gegen die Grenzprovinzen begann. Hier konnten die nationalen 
Fäuste versucht, die russischen Muskeln gestärkt werden, und hier 
legte ihnen die Regierung keinen Zügel an. fiatte bis dahin die 
Regierung in endlosen Kriegen nach Vermehrung auf serer Grölse 
und Macht gestrebt, so begann nun ein Kampf um Ausdehnung 
und um Macht, der im Namen der Nation geführt wurde. 

In Polen waren im Jahre 1867 die iiauptkämpfe auch auf 
dem Gebiet der Gesetzgebung und der Verwaltung beendet, die 
moskauer Reformatoren aus dem jungrussischen Lager, die 
TSCHERKASSKI und MiLJüTlN, hatten dort, wie die MüRAWJEW und 
Kaufmann in Littauen, ihre grofse Politik getrieben. Eben aber 
war der Norddeutsche Bund gegründet worden, was der jungen 
Partei der Verteidiger der russischen Nation eine sehr willkommene 
Gelegenheit zu neuen Taten, zu einer Wendung ihrer Kolonnen 
gegen die Deutschen, besonders die in den Ostseeprovinzen 
gab. Man konnte ihnen zwar nicht das Geringste vorwerfen, 
was irgend als staatswidrig oder gar staatsgefährlich hätte er- 
scheinen können, aber .darum handelte es sich auch gar nicht 
Die Nation mufste etwas zu thun haben, das russische Selbst- 
gefühl mufste geweckt werden, die in Polen entfaltete politische 
Bethätigung von Presse und Partei mufste irgendwo und irgend- 
wie fortgesetzt werden, um nicht wieder in den alten politischen 
Schlaf zurückzusinken oder um nicht wieder der Regierung ent- 
behrlich zu werden. Also mufsten diese Deutschen verdächtigt 
werden, BiSMARCK mufste böse Absichten auf die alten deutschen 
Länder haben. Kaiser Alexander II wurde von allen Seiten be- 
arbeitet, links von Katkow und Pobedonoszew , rechts von 
Leuten wie der hessische Minister Baron VON Dalwigk. Er liefs 
sich überzeugen, dafs hier Gefahr drohe. Aber wie wenig er die 
Verheerung wollte noch ahnte, die seine im Herbst 1867 in Riga 
angekündigten Eingriffe in die Rechte der Provinzen nach sich 
ziehen würden, mag aus seinen eigenen Worten hervorgehen. 



INNERE KÄMPFE 15 

Am 12. Oktober 1867 hatten die Vertreter der vier baltischen 
Ritterschaften eine Audienz beim Kaiser, bei welcher er folgende 
Worte an sie richtete: „Messieurs, permettez-moi de r^duire cette 
question ä ses veritables proportions. L*ukase, qui prescrit Fusage 
de la langue russe, date de 1850. II n'a pas ^te execut^ jusqu'ici 
par plusieurs raisons, entre autre parcequ'il a präsente de veri- 
tables difficultes, mais en partie aussi parceque les gouverneurs 
generaux ont peut-Stre eu pour vous Irop de condescendance. 
Leukase, vous le savez, n'emane pas de mol, mais de feu mon pere 
et je dois y tenir et j'y tiens ä ce que sa volonte soit ex^cutee. 
Ce que vous me dites de vos sentiments, je n'en doute nullement 
et je n'en ai Jamals dout^. Mais aussi, mes amis — je dis ä 
dessin mes amis — vous n'auriez dfi douter des miens; il sont tou- 
jours les mSmes. Par Tex^cution de Tukase on ne touche aucu- 
nement ni ä votre droit, ni ä vos Privileges de caste. Jamals on 
n'exigera de vous Femploi d'une autre langue que la votre, et Ton 
continuera ä correspondre avec vos ressorts et tribunaux de pro- 
vince en allemand, comme par le pass^. Mais la langue de T^tat 
etant le russe, cette langue doit etre en usage dans tous les Gou- 
vernements- Verwaltungen comme langue officielle. Cest aussi pour- 
quoi je me suis servi de cette langue toutes les fois que je me 
suis adresse ä vous publiquement Cependant vous savez, com- 
bien j'aime ä vous parier allemand, et si je parle fran^ais en ce 
moment, c*est que je m'exprime plus facilement. Je comprends 
parfaitement, que vous soyez bless^s par les menees de la presse. 
Aussi ai-je toujours blam^, moi, cette presse infame, qui, au Heu 
de nous unir, tache de nous d^sunir. Je crache sur cette presse, 
qui voudrait vous mettre sur la mgme ligne avec les Polonais. 
J*estitne votre nationalit^ et j'en serais fier comme vous. J*ai 
toujours dit, qu'il ^tait stupide de reprocher ä quelqu*un son ex- 
traction. Ainsi, messieurs, calmez-vous et ne craignez rien. II 
n'est pas question d'un changement du Systeme. Du reste j'ai 
donn^ carte blanche au gouverneur-g^n^ral. Je ne veux d'ailleurs, 
ni que la chose se fasse du jour au lendemain, ni que les em- 
ployes soient forc^s de quitter le service, ni en g^n^ral que rien 
soit casse. Et maintenant, messieurs, restez persuades que je vous 
aime et que jamais je n'oublierai que vos peres et grandperes 
ont servi Tetat et verse le sang pour la Russie. Que Dieu 
vous guide!" 



16 ZWEITES KAPITEL 

Diese Rede schildert vortrefflich die Lage: der Kaiser, wider- 
willig dazu gedrängt, eine vergessene Verordnung seines Vaters 
zur Ausführung zu bringen, gedrängt von einer erstarkten öffent- 
lichen Meinung, die ihrerseits erstarkt war durch die Teilnahme 
unstaatlicher, unoffizieller Mächte an der Politik gegenüber den 
Polen. Was die diese Mächte leitende und vom Kaiser verachtete, 
ja gehafste Presse, was demnach jene Mächte selbst wollen, sagt 
der Monarch offen heraus: ihn, den Zaren, die Regierung mit den 
deutschen Ständen der Provinzen verfeinden. Es mufste Feind- 
schaft geschaffen, Kampf geschaffen werden zur Stärkung der Be- 
deutung dieser unoffiziellen politischen Mächte. Indem man gegen 
Polen und Deutsche focht, rang man zugleich um einen die ab- 
solute Selbstherrschaft beschränkenden Einflufs und war stolzer 
darauf, einen Katkow, einen TsctiERKASSKi aus eigener Kraft in 
mafsgebende Stellungen neben Minister und Gouverneure erhoben 
zu haben, als auf alle Würden, die der Staat, der Selbstherrscher 
verleihen konnte. 

Kaiser Alexander ward es gewifs nicht leicht, in verbriefte 
Rechte und gesunde Zustände auch nur in diesem milden Sinne 
einzugreifen. Aber das junge nationalistische Rufsland drängte 
ungestüm in die einmal gelegte Bresche nach und begann sein 
Zertrümmerungswerk, welches natürlich ein Aufbau genannt wurde. 
Leider wurden die nationalen Eiferer gerade gegenüber dem Deutsch- 
tum auch durch äufsere Vorgänge unterstützt Die Ereignisse von 
1870 — 1871 störten die tlarmonie zwischen Thron und Gesell- 
schaft; man warf dem Zaren vor, Preufsen bei der Einigung 
Deutschlands geholfen zu haben. Vielleicht fühlte Alexander, dals 
ein wenig politische Berechtigung in diesem Vorwurf enthalten 
war, so offenbar auch eine andere Haltung dem treuesten Freunde 
gegenüber, den Rufsland unter den Grofsmächten von jeher ge- 
habt hatte, der Rufsland noch eben, 1854 und 1864, gute Dienste 
erwiesen hatte, gegen die Loyalität verstofsen hätte. Genug, man 
murrte in der Gesellschaft, und Alexanders Arm verlor an Kraft 
in der Beschützung seiner deutschen ünterthanen. 

Denselben Effekt hatte der Krieg von 1877 und nachher der 
Berliner Kongrefs. Jetzt ruhte die öffentliche Meinung, die noch 
unter Nikolaus nur die Meinung der Hofgesellschaft war, auf 
weit breiterer Grundlage. Presse, Geistlichkeit, Offiziere, Beamten, 
ja Professoren und Studenten hatten an ihr Anteil und wirkten 



INNERE KÄMPFE 17 

durch die Hofgesellschaft auf die Minister und den Herrscher. Bis 
dahin hatten Zare und Zarinnen Kriege geführt und Länder erobert 
im Interesse der zarischen Politik, die sehr oft mit dem Interesse 
des Volkes keineswegs übereinstimmte. Jetzt wollte das junge 
Rufsland den Krieg und setzte seinen Willen durch. Ein Kreuzzug 
für die von den Ungläubigen geknechteten Siawenbrüder sollte das 
Nationalgefühl stärken, das Selbstbewufstsein des Volkes, die Be- 
deutung seiner Vertreter, der Tschernajew, Ignatjew, Katkow, 
kurz des nach politischer Macht strebenden jungen Rufsland stärken. 
Man erzählt, die Kaiserin und der zarische Beichtvater seien es 
gewesen, die den Kaiser zum Entschlufs brachten; aber hinter 
ihnen stand eine sehr grofse Schar, von der die Kaiserin und der 
Beichtvater und was sonst das Ohr des Monarchen hatte, vorwärts 
getrieben wurde. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dafs, von dem 
Kanzler Fürsten GORTSCtiAKOW abgesehen, die Neigung der russi- 
schen Diplomatie für den Krieg weder allgemein noch stark war. 
Zu Anfang 1890 kursierte in Petersburg unter einigen Würden- 
tragern eine dem Ministerium des Auswärtigen eingereichte Denk- 
schrift des ehemaligen Ministerresidenten in Cettinje und späteren 
Geschäftsträgers in Sofia, Herrn JONIN, über den Krieg von 1877. 
Darin wies dieser inzwischen als Gesandter in Bern verstorbene 
Diplomat nach, wie ganz unvorbereitet und wider Willen Rufsland 
sich in den Krieg begeben hatte, da man doch mit 4 Armeekorps 
gar nicht die Absicht haben konnte, einen ernstlichen Krieg zu 
führen, sondern nur einschüchtern konnte, was auch der 300 km 
betragende Marsch GüRKOs beweise; man habe überhaupt nicht 
ernstlich an einen Krieg geglaubt, da man weder ein klares Ziel 
noch einen festen Plan hatte, mit allen Höfen, mit Wien, Beriin, 
London, verhandelte, ohne feste Abmachungen zu treffen, und 
endlich in Wien verabredete, Österreich solle, wenn die Zustände 
auf der Balkanhalbinsel geändert würden, Bosnien und Herze- 
gowina in Besitz nehmen. Einige russische Diplomaten hätten 
darauf gedrungen, dafs wenigstens die Grenzen dieses Gebietes 
genau festgesetzt würden; aber Fürst GORTSCHAKOW habe durchaus 
seine Zustimmung nicht geben wollen, weil er völlig freie Hand 
behalten wollte. „Und doch,'^ heifst es in der Denkschrift wörtlich, 
„bedurften wir vor dem Kriege keiner Verabredungen, weder mit 
Österreich noch mit England — BiSMARCK trug uns einfach ein 
positives Bündnis an." Der Beriiner Vertrag habe für Rufsland 

y. D. BsOoeBV, Rußland. 2 



18 ZWEITES KAPITEL 

nur zwei Übel geschaffen: die Teilung Bulgariens und die Er- 
klärung Batums zum Freihafen. Alles sonst Nachteilige sei in 
S. Stefano verschuldet, wo ein unausführbarer Vertrag zu Papier 
gebracht wurde. 

Diese interessanten Aufzeichnungen zeigen, dafs der Krieg von 
1877 von GORTSCHAKOW ebenso unklug begonnen wurde, wie die 
Verhandlungen in Berlin in völliger Verzagtheit und Enttäuschung 
von seinen Bevollmächtigten geführt wurden. Sie bestätigen 
wiederum, dafs BiSMARCK vor dem Kriege zu helfen bereit war, 
dafs aber GORTSCfiAKow nicht darauf einging; und es ist bekannt, 
dafs BiSMARCK trotzdem an seiner Hilfsbereitschaft festhielt, indem 
er alle Forderungen Rufslands unterstützte. Die Eitelkeit GORT- 
SCHAKOWs trug einen grofsen Teil der Schuld an dem kopf- 
losen Hineintaumeln in diesen Krieg; allein die treibende Kraft 
war weniger der alte Kanzler, als die Schar jüngerer Streber, 
welche dieses Krieges zu bedürfen meinten, um im Volk Ansehen 
und bei der Regierung Einflufs zu gewinnen. Deren Anerkennung 
zu gewinnen, in Europa seinen ins Schwanken geratenen Ruf 
wieder herzustellen, also seine unmäfsige Eitelkeit zu befriedigen, 
das waren die sehr starken Motive GORTSCfiAKOWs, die sich mit 
jenen Wünschen der Hofkreise verbanden. Der serbische Aufstand, 
der den Krieg einleitete, war nicht so sehr von dem offiziellen 
Rufsland, als von den Sendboten russischer Anhänger panslawisti- 
scher Ideen geschürt worden; es waren dieselben Leute, welche als 
Freiwillige unter Leitung des russischen Generals TsctiERNAJEW mit- 
gekämpft hatten. Diese Slawenschwärmer rissen die Umgebung des 
Zaren und endlich ihn selbst fort, und GORTSCüAKOW suchte dann 
möglichst viel zur Befriedigung seines Bedürfnisses nach Ruhm 
aus dem Feldzuge herauszuschlagen. Als dann in Berlin die 
Schlufsrechnung etwas dürftig ausfiel, als während des anfangs 
unglücklichen Ganges der Dinge in dem Heere bedenkliche Zeichen 
der iWifsstimmung bemerklich wurden, da suchten diese Slawen- 
befreier die eigene Schuld auf BiSMARCK und Deutschland abzu- 
wälzen. Die Verleumdung und Verhetzung begann und hatte Er- 
folg sowohl beim Volk, das an die deutsche Treulosigkeit sich zu 
glauben gewöhnte, als bei Alexander, der den nun verdoppelten 
Vorwürfen, russische Interessen seiner Vorliebe für Deutsch- 
land zu opfern, nicht mehr zu widerstehen vermochte. Dazu 
mochte das seinen Willen schwächende Bewufstsein kommen, dafs 



INNERE KÄMPFE 19 

er nicht ohne Schuld daran war, dafs seine Truppen vor den 
Thoren von Konstantinopel umkehren mufsten. GORTSCHAKOW 
zog an der Alarmglocke emsig mit, und es kam so weit, dafs 
Alexander fast zu einem noch unbesonneneren Kriege als dem 
türkischen hingerissen wurde. Die Folge war der Abschlufs 
des Dreibundes. 

Nun hatte die nationale Aktionspartei wieder das, was sie 
brauchte, nämlich einen Feind, gegen den sie das russische Volks- 
gefühl hetzen konnte. Dieser Feind war der Deutsche, und da 
man ihm nicht mit Krieg in Deutschland beikommen konnte, so 
wurde um so intensiver gegen das Deutschtum im allgemeinen und 
gegen die deutschen Unterthanen Rufslands im besonderen gehetzt 
Die Zertrümmerung alter, wertvoller Kultur in den Ostseeprovinzen 
wurde fortgesetzt Aber auch dieses Übungsfeld genügte noch nicht 
Gegen die Kleinrussen, einen Stamm von 7—8 Millionen mit eigener 
Sprache und Litteratur, wurde ein schon früher begonnener nationaler 
Feldzug wieder aufgenommen; gegen die kaukasischen Fremdvölker 
ebenfalls; die deutschen Kolonieen des Südens wurden bedrängt 
Als man endlich unter Alexander III ziemlich nahe an das Ziel 
gekommen war, als nur noch ein von diesem Herrscher geschütztes 
Kulturland, Finland, übrig war, an das man nicht hatte fland an- 
legen dürfen, versäumte man keinen Augenblick nach dem Thron- 
wechsel, die Besonderheiten auch dieses Landes für staatsgefährlich 
zu erklären. Jetzt hämmern die nationalen Fäuste auf Finland 
ein, entsprechend dem Programm, nach welchem sie den revolutio- 
nären Polen gegenüber zuerst gearbeitet hatten und das sie dann 
auf höchst unrevolutionäre andere Bewohner des grofsen Reiches 
anwandten. 

Die Dinge hätten vielleicht einen anderen Gang genommen, 
wenn die tioffnung auf eine liberale Änderung der Verfassung, 
wie sie gegen Ende der Regierung Alexanders II in weiten Kreisen 
gehegt wurde, sich erfüllt hätte. Der Thatendrang des jungen 
Rufsland hätte dann vielleicht nicht nötig gehabt, sich gegen Polen, 
Türken, Deutsche, Kleinrussen, Kaukasier, Finländer auszutoben, 
sondern würde ein besseres, dankbareres, edleres Feld der Bethäti- 
gung in den weiten, der ordnenden tland sehr bedürftigen Gefilden 
des eigenen Landes gefunden haben, zu dessen angeblichem Wohl 
seit 40 Jahren all jene bösen Feinde so grimmig bekämpft werden. 
Jene Pläne einer Änderung der Verfassung —denn auch die absolute 

2* 



20 ZWEITES KAPITEL 

Monarchie ist eine Verfassung — standen dicht vor der Reife, als 
Alexander II ermordet ward. Niemals hat sich wohl ein Verbrechen 
schwerer an dem Verbrecher und leider auch an dem ganzen Volke 
gerächt, als diese That an der Menge derer, aus deren Mitte sich 
die mörderischen Hände erhoben. 

Dem Charakter des neuen Monarchen entsprach ein reaktio- 
näres, durchaus nicht ein liberales System. Erstaunlich nur ist, 
mit welcher Leichtigkeit die neueste öffentliche Meinung sich 
diesem Charakter anzupassen vermochte. Binnen kurzem war 
der Drang nach Freiheit wie weggefegt aus den Räumen des 
russischen Hauses. Man warf sich auf die Nihilisten, man wurde 
eifrig kirchlich, man that, was man konnte, um nicht den Einflufs 
durch Abweichung von dem Willen des Zaren und Pobedonoszews 
gänzlich einzubüfsen, und kaum waren einige Jahre verflossen, so 
schwor diese öffentliche Meinung nur noch auf drei Dinge: absolute 
Selbstherrschaft, absolute kirchliche Orthodoxie, absolute russisch- 
nationale Herrschaft Nichts mehr von Rechten oder Institutionen, 
die unabhängig von diesen drei Gewalten wären, nichts von Aus- 
bau der Reformen Alexanders II, nichts von Freiheit, von provinziellem 
Leben, von akademischem Leben, von religiösem Leben. Im Namen 
dieser drei Gewalten wurden alle Winkel des Reiches nach Feinden 
und Verdächtigen durchstöbert, und natürlich fand man, was man 
brauchte. Der Kampf gegen fremde Sprache, Recht, Kultur ging 
weiter, daneben der gegen Stundisten und Sekten aller Art, gegen 
Katholiken und Protestanten, endlich auch gegen Schulen und 
Provinzialstände. Das alte Rufsland hatte sich dem staatlichen 
Beamtentum wieder völlig unterworfen, und beim Tode Alexanders III 
war dieses Beamtentum wieder so allmächtig wie nur jemals friiher, 
ja es ward sehr bald selbstherrschender als die Krone. 

Fragt man, was in den hundert Jahren seit dem Tode Pauls I 
für die Kultur gethan worden ist, so wird man im ganzen zu 
demselben Bekenntnis gelangen, das Alexander I ablegte: zentner- 
schwer mufs diese Frage sich dem auf die Brust legen, der die 
Verantwortung für die Volkswohlfahrt voll auf sich nimmt Eine 
ungeheures Beamtenheer ist geschaffen, ungeheure Papiermengen 
wurden vollgeschrieben, Gesetze und Verordnungen wurden ohne 
Zahl ersonnen. Hunderte von Kommissionen arbeiteten ohne Rast 
— aber zieht man die Summe der langen Rechnung, so war 
es im ganzen eine Arbeit, die der Russe mit dem Bilde kenn- 



INNERE KÄMPFE 21 

zeichnen würde: aus dem Hohlen ins Leere umgiefsen. Man hat 
Zivilisation zu schaffen gesucht, nicht Kultur; Formen, nicht 
Inhalt; Schein, nicht Wesen. Man setzt sich an eine Tafel, die 
von besser gekochten Speisen strotzt, als Paris selbst sie liefert, 
und fühlt sich erhaben über Paris; man rollt in eleganteren Wagen 
als in England dahin, und meint England hinter sich gelassen zu 
haben; man rechnet mit Millionen von Soldaten und Milliarden von 
Rubeln, und hält Rufsland für den Führer im Staatsleben der Welt; 
man schiciit seine Befehle bis an den Stillen Ozean und glaubt 
damit bewiesen zu haben, dafs die Regentenpflichten voll erfüllt 
würden. Und blickt man näher zu? Die Speisen, die Weine, die 
Wagen sind französisch oder englisch; die schlechten Wege, die 
elenden Dörfer, die Unordnung, die Rechtlosigkeit, der Unverstand, 
die Unbildung, kurz der Mangel an wahrer Kultur — der ist durch 
äufsere Verzierungen oft verdeckt, aber nicht überwunden. Die Be- 
rechtigung dieser Behauptung sollen die folgenden Kapitel erweisen. 




DRITTES KAPITEL 

FINANZEN 

jn^u allen Zeiten sind wohlgeordnete Finanzen das Kennzeichen 
•^-^ eines wohlgeordneten Staates gewesen. Aber ihre Bedeutung 
für das Staatsleben war nicht zu allen Zeiten gleich grofs. So 
gut es eine Zeit gab, in der der Einzelne und die Massen des 
Geldes noch wenig bedurften, weil sie ihre Bedurfnisse zumeist oder 
ganz befriedigten durch Selbsterzeugung einfacher Lebens- und 
Genufsmittel und deren . unmittelbaren Austausch, wo also die 
Naturalwirtschaft noch vorwaltete, so gut gab es im Leben der 
Staaten eine Zeit der Naturalwirtschaft In den Jahrhunderten der 
Heeresfolge und des Patrimonialgerichts, des Zehnten und der Frone 
brauchte der Fürst für staatliche Bedürfnisse sehr wenig Geld, und 
was er einnahm, verbrauchte er meist für sich und seinen Hof, 
wie es der Ritter auf seiner Burg that Erst der Verkehr, der 
Handel, die Geldwirtschaft der Völker brachten auch in dem Staats- 
leben die Finanzen zu immer stärkerer Geltung, und je gröfsere 
Bedeutung das Geld bei der Stadtbevölkerung wie im Dorf erlangte, 
um so wichtiger wurde es für den Fürsten, dieses Machtmittel in 
der Hand zu haben: stehendes Heer, staatliche Rechtspflege, staat- 
liche Verwaltung mufsten bezahlt werden, und zu diesem Zweck 
mufste man aufser den alten Zöllen zu allerlei Steuern greifen, die 
immer sich mehrten mit dem wachsenden Geldverkehr der Be- 
völkerung und dem wachsenden Geldbedürfnis der Regierung. 

Im alten Rufsland lebten die Grofsfürsten von Moskau wie die 
Erbherren auf ihren Landgütern. Was sie an Gefällen in allerlei 
Ware erhoben, was sie durch grofse Handelsmonopole und aus dem 
Gewerbe erwarben, ging in ihren zarischen Säckel und war ihr 



FI NA NZEN 23 

privates Einkommen, an dem das Volk keinen oder setir geringen 
Nutzen oder Anteil liatte. Mit Peter I, mit dem europäisclien 
Wesen, das er ins Land brachte, begann das Bedürfnis nacti Geld 
zu wachsen, und von da an erst kann man von russischen Staats- 
finanzen reden. Indessen wirtschaftete auch Peter noch vorwiegend 
mit Naturalmitteln, mit Menschen und Produkten des Landes, die 
er schonungslos für seine Eroberungspolitik, aber doch auch für 
seine inneren Umwälzungen, wie er sie nun gerade verstand, auf- 
wandte. Sein Staatsbudget an Geld betrug nur 3, später bis zu 
10 Millionen, dafür verbrauchte er aber so viel Menschenmaterial 
in Kriegen und Bauten, durch sein zivilisatorisches Wüten gegen 
hoch und gering, dafs zwischen 1678 und 1710 die Zahl der flöfe, 
d. h. der steuerzahlenden Siedelungen sich um 20 Prozent ver- 
minderte.^ Ein Fünftel der Bevölkerung hatte Peters zivilisatorische 
Naturalwirtschaft umgebracht oder aus dem Lande getrieben. Je 
mehr seine Nachfolger die europäischen Beziehungen verstärkten, 
je mehr sie selbst und ihr flof sich äufserlich europäisierten, um- 
somehr Geld brauchten sie, umsomehr wuchsen Zölle und Steuern, 
und diejenige Kaiserin, die sich der höchsten Kultur rühmte, die 
,^öttliche'' Katharina, hatte so verfeinerte europäische Bedürfnisse, 
dafs sie z. B. bei einem Staatsbudget von etwa 65 Millionen Rubel 
davon für den Ankauf einer Sammlung von Kameen 7 Millionen 
ausgeben konnte, tlof und Heer kosteten Geld, aber Land und 
Volk sahen davon wenig: unter Anna, im Jahre 1734, kostete die 
Verwaltung der Provinzen eines Reiches, das von Riga bis an den 
Stillen Ozean sich ausdehnte, nur etwa 181000 Rubel. Es war 
eben im Innern noch die alte staatliche Naturalwirtschaft; sie blieb 
vorherrschend bis in das 19. Jahrhundert hinein. Das Geldwesen 
und das Budget des Staates wurden nicht durch innere Bedürf- 
nisse, sondern durch die äufseren Beziehungen bestimmt, nämlich 
durch die seit dem Schlufs des 18. Jahrhunderts sich mehrenden 
Handelsbeziehungen und die seit derselben Zeit beginnende Ver- 
schuldung des Staates. 

Die Naturalwirtschaft blieb noch lange nachher die vor- 
herrschende Form im privaten Erwerbsleben; sie fand ihr Ende 
erst infolge der im Jahre 1861 stattfindenden Aufhebung der 
Leibeigenschaft und des sich daran schliefsenden Emporkommens 



^ Vgl. MilOkow, Umrisse zur russischen Kulturgeschichte, T. I, S. 26. 



24 DRITTES KAPITEL 

städtischer Industrie, ja sie ist im Grunde auf dem platten Lande 
in den grofsrussischen Gubemien noch heute nicht ganz ver- 
schwunden, wie wir in einem späteren Kapitel sehen werden. Der 
Staat war dem Volk in seinem finanziellen Wirtschaftssystem sehr 
weit zeitlich vorausgeeilt Bis 1861 lebten etwa 95 Prozent der Be- 
völkerung auf dem platten Lande von den Erzeugnissen des Bodens 
und der häuslichen Gewerbe; industrielle Produkte und namentlich 
fremdländische Erzeugnisse brauchten nur der zarische Hof, das 
Heer, die Flotte, die wenigen Reichen in Land und Stadt und 
aufserdem die nichtrussischen, eroberten Provinzen an der West- 
grenze. Daher genügte für diese Konsumenten die Ausfuhr von 
Rohprodukten in Friedenszeiten völlig, um die nötige Menge an 
Edelmetall ins Land zu ziehen und eine aktive Handels- und 
2^hlungsbilanz herzustellen. Leider nur gab es stets mehr Kriegs- 
ais Friedensjahre, weshalb die Ausgaben des Staates die günstige 
Handelsbilanz immer wieder umwarfen und das Land von Edel- 
metall entblöfsten. So ist es diese 200 Jahre her gegangen. Von 
den wirren Zeiten Peters I ab hatte der kluge Minister Oster- 
mann sparsam gewirtschaftet; der überseeische Handel hatte sich 
unter ihm gehoben, aber der ganze Handelsumsatz betrug 1742 doch 
erst 8 Millionen Rubel.^ Er stieg dann auf 21 Millionen im Jahre 
der Thronbesteigung Katharinas II, und auf 109Va Millionen in deren 
Todesjahr 1796. Aber diese ruhmvolle Regierung war es auch, die 
trotz steigender aktiver Handelsbilanzen im Jahre 1769 in Peters* 
bürg und Moskau Assignatenbanken gründete und mit Anleihen und 
mit Ausgabe von Bankassignaten zu operieren begann, was ihr zwar 
grofse Geldmittel zuführte, aber bei den steten Kriegen und der 
Verschwendung nicht verhinderte, dafs fast alles Edelmetall aus 
dem Lande ging und der Geldkurs sehr ungünstig wurde. Für 
das Jahr 1794 wurden die Einnahmen des Staats auf 68750000 
Rubel veranschlagt; davon aber mufste, aufser anderen unnützen 
Dingen und Personen, ein Heer von 593000 Mann erhalten werden*, 
weshalb es verständlich ist, dafs nur noch Kupfergeld im Lande 
vorhanden war, das gegen Silber mit 80 Prozent Verlust gewechselt 



^ Storch, iiist Statist. Gemälde des Russ. Reichs, Supplementband zu 
T. 5, 6 und 7. 

* Nach der Berichten Tarrachs und Tauentziens aus Warschau, Mai und 
Sept. 1795. Kgl. Preufs. Geh. Staatsarchiv. 



FI NA NZEN 25 

wurde. Und nach anderen Angaben^ betrug im Jahre 1796, dem 
Todesjahre Katharinas, das Agio für die Assignaten der von dieser 
Monarchin gegründeten Staatsbank in Silber 397*3 Prozent, in Gold 
42 Va Prozent^ Kaum war die ruhmvolle Regierung beendet, 
so fiel im folgenden Jahre das Silberagio auf 24V2 Prozent, 
das Goldagio auf 28 Prozent und die Handelsbilanz erreichte ein 
Aktivum von 21,7 Millionen. Das will sagen, dafs die materiellen 
Verhältnisse des Landes sich unter dem ruhmlosen Nachfolger 
Katharinas, Paul I, ebenso besserten, wie es unter Katharina I und 
Peter II, den gleich ruhmlosen Nachfolgern des grofsen Peters, ge- 
schehen war. 

Aber alsbald kam wieder eine Zeit des Ruhmes und der Siege 
und mit ihr das materielle Elend: die napoleonischen Kriege und 
die aus ihnen hervorgehende grofse Politik Alexanders I vermehrten 
die Staatsschuld auf über eine Milliarde Rubel'; die Ausgaben für 
das Heer stiegen im Jahre 1816, also nach Beendigung der Kriege 
gegen Frankreich und gegen die Türkei, auf 234 Millionen Rubel. 
Dafür entwickelte sich der Handel günstig, mit 32 Millionen 
Oberschufs im Jahre 1817, und das Staatsbudget zeigte schon 
1816 4147« MUiionen Rubel an Einnahmen, freilich in entwerteten 
Bankassignaten. Denn die Metallverhältnisse blieben schlecht, der 
Bankrubel stand zum Silberrubel bis zum Jahre 1818 wie 4:1, 
d. h. weit schlechter als unter Katharina, was sich durch die stark 
gewachsene Staatsschuld erklärt. Diese Schuld bestand zum 
gröfsten Teil aus schwebender Bankschuld, nur zu geringem Teil, 
nämlich 102 Millionen holländischer Gulden, aus verzinslichen An- 
leihen im Auslande, und wäre daher nicht besonders lästig ge- 
wesen, wenn ihr ein entsprechender metallener Wechselfonds zur 
Basis gedient hätte. Das war nicht der Fall, und der Bankrubel 
konnte daher gegenüber dem durch die günstige Ausfuhr von allen 
Seiten aus dem Auslande eindringenden fremden Metallgelde keinen 
rechten Wert erlangen. Die fremde Gold- und Silbermünze verdrängte 
nicht blos die Bankassignaten, sondern auch das russische klingende 
Geld und der Kampf mit diesem fremden Gelde spielte eine Haupt- 
rolle in den Beratungen, die unter Cancrin zu der Reform von 

* Storch, a. a. 0. 

' Nach einer vom Grafen Speranski aufgestellten Tabelle stand der Assig- 
natenrubel im Jahre 1796 gleich TOVa Kop. Silber. 
' S. BERNtlARDi, Rufs. Gesch. III, S. 143. 



26 DRITTES KAPITEL 

1839 führtetL Das fremde Metall, durch andauernd gunstige 
Handelsbilanz ins Land gebracht, erleichterte es der von diesem 
Minister gegrfindeten Depositenkasse, das nötige Silber an sich 
zu ziehen, auf welches der an Stelle der alten Assignaten ge- 
schaffene neue Bankrubel gegründet wurde. Mit diesen neuen 
Banknoten kam dann allmählich einige Ordnung in die Geldver- 
hältnisse, die aber doch nicht vor steten, oft starken und dem 
Handel höchst beschwerlichen Schwankungen geschützt werden 
konnten. Der Kredit hob sich, die Banknoten stiegen im Kurse, 
aber kaum kamen sie dem Parikurse nahe, so brach 1853 der 
Krimkrieg aus und warf den Geldkurs wieder weit zurück. Indessen 
litt dabei der Staatskredit nur wenig. Die Handelsbilanz freilich 
verschlechterte sich, als auf den europäischen Markt immer mehr 
Rohstoffe aus überseeischen Ländern gebracht wurden. Seit Anfang 
der fünfziger Jahre trat die australische Wolle konkurrierend auf, 
schon vorher drückte die amerikanische Baumwolle auf die Preise 
der russischen Rohprodukte, später, gegen Ende der sechziger Jahre, 
begann das amerikanische Getreide seinen Eroberungszug auf 
den europäischen Märkten. Um die Ausfälle in der Ausfuhr zu 
decken, griff man zu verstärkten Schutzzöllen bei der Einfuhr. In- 
dessen wuchs das Staatsbudget; der Staat zahlte pünktlich die 
Zinsen und so befestigte sich das Vertrauen in die finanzielle 
Zukunft des Reiches, und zwar besonders fest im Auslande. 

Dies Vertrauen der Geldmächte wurde kräftig durch Anleihen 
ausgenutzt. Es kamen die Reformen von 1861—1864, welche 
die Gründung von Agrarbanken zur Folge hatten und die Ein- 
fuhr von Maschinen aller Art plötzlich anschwellen liefsen; dazu 
kam der energischere Bau von Eisenbahnen, der Beginn industrieller 
Thätigkelt, endlich der Krieg von 1877. Das alles erforderte grofse 
Summen: in 25 Jahren bezog Rufsland durch Anleihen aus dem 
Auslande IV2 Milliarden Gold, und hatte einschliefslich der aus 
den sibirischen Goldwäschereien geflossenen Menge im Jahre 1887 
doch nur 281 Millionen als Bestand in der Staatskasse. Aus den 
Metallanleihen mufsten die passiven Zahlungsbilanzen an das Aus- 
land gedeckt werden, die sich seit der Entwertung des Papierrubels 
und dem Anwachsen der Zinsforderungen einstellten. Aus den An- 
leihen wurde auch das Defizit gedeckt, welches sich im Reichsbudget 
regelmäfsig ergab. Da trat im Jahre 1887 an die Spitze des 
Finanzamts Wyscünegradski. Mit ihm begann eine neue Ära, die 



FINANZEN 27 

durch die Rücksichtslosigkeit sich auszeichnet, mit der alle Volks- 
kräfte angespannt wurden zur Erreichung fiskalischer Zwecke, eine 
Ära, die heute auf dem Höhepunkt angelangt zu sein scheint 

Vor 1860 waren die ungeheuren Entfernungen allein genügend, 
um aller Verwaltung den Charakter grofser Schwerfälligkeit zu 
verleihen. Eine Neuerung im ganzen Reich einzuführen, noch mehr 
aber sie richtig auszuführen, war besonders für einen Verwaltungs- 
zweig wie das Finanzministerium schwer, das mehr als andere 
Zweige der staatlichen Verwaltung darauf angewiesen ist, nach 
festen Normen zu verwalten. Jede neue Steuer war wenigstens 
bis an die asiatische Grenze durchzuführen, und die Ausführung 
mufste kontrolliert werden. Solange es keine Eisenbahnen gab, 
war es für den Minister sehr schwierig, zu wissen, wie grofs die 
Steuerkraft in den entfernten Gebieten war, noch schwerer, zu 
wissen, wie ehrlich oder wie raublustig seine Beamten in Astrachan, 
Odessa oder Pensa arbeiteten. Kein anderer Verwaltungszweig ist 
so zur Unehrlichkeit verieitend und bedarf daher der unausgesetzten 
Kontrolle seiner Beamten. Der Ausbau des Bahnnetzes begann 
anfangs der sechziger Jahre; die flauptmaschen waren in den 
achtziger Jahren bereits vollendet Damit öffnete sich das Land einer 
völlig neuen finanziellen Behandlung. Bahnen und Telegraphen 
machen es heute dem Minister möglich, unvergleichlich viel schneller 
fiskalische Neuerungen vorzunehmen, ihre Wirkungen zu beobachten, 
seinen Einflufs jederzeit geltend zu machen, seine Kassen vor un- 
reinen Händen auch dort zu schützen, wohin vor 50 Jahren kaum 
jemals ein prüfender Blick des revidierenden Beamten gelangte. 
Die gesamte Maschine ist zuverlässiger geworden und leichter zu 
handhaben. Es ist daher nur natürlich, dafs ein Finanzminister 
des Jahres 1860 anders verwaltet als einer vom Jahre 1890, und 
man kann die neue Ära durchaus nicht allein auf die Rechnung 
der betreffenden Minister setzen. Die administrative Technik hat 
eine Entwickelung eriangt, die vor 50 Jahren unmöglich war; heute 
sind die Minister in den Stand gesetzt, der Entwickelung des wirt- 
schaftlichen^ Volkslebens Schritt für Schritt nachzugehen. Diese Mög- 
lichkeit mufste im fiskalischen Interesse ausgenutzt werden und 
wurde ausgenutzt Ohne diese Umwälzung im technischen Apparat 
konnten die ungeheuren Summen nicht in Bewegung gesetzt werden, 
mit denen der Staat heute operiert. Aber die Wirksamkeit des 
Apparats birgt freilich auch die Gefahr in sich, dafs sie mifs- 



28 DRITTES KAPITEL 

bräuchlich angewandt, dafs der fiskalische Nutzen verfolgt werden 
kann mit einem Eifer, der die Interessen der allgemeinen Wohl- 
fahrt nicht immer im Auge behält. Dafs dieses in der neuen Ära 
geschehen ist, wird heute dem Minister Witte von vielen und sehr 
beachtenswerten Seiten zum Vorwurf gemacht* 

Als der Finanzminister WYSCtiNEGRADSKi im Jahre 1887 sein 
Amt antrat, fand er eine Staatsschuld von 4Vs Milliarden Kredit- 
rubel vor, die jährlich an Zins und Tilgung 262 Millionen ver- 
langte; im Reichsschatz fand er 281 Millionen Gold. Die Schuld 
hatte sich durch Anleihen angehäuft, die meist im Auslande ge- 
macht waren, als Zins und Tilgung flofs daher viel Gold jährlich 
dorthin ab, was auf den Kurs des Kreditrubels nachteilig einwirkte. 
In dieser Periode des Anwachsens der russischen Staatsschuld seit 
den sechziger Jahren hatte in Europa und auch Amerika das Gold eine 
dominierende Stellung erlangt: Deutschland war zu reiner Gold- 
währung übergegangen, der lateinische Münzbund war geschlossen 
worden; in den Vereinigten Staaten, in Oesterreich, in Italien — 
überall suchte man das Gold zum Fundament der Geldwirtschaft 
zu machen. Je mehr Rufsland dem europäischen wirtschaftlichen Ver- 
kehr sich erschlofs, je mehr es fremder Waren bedurfte, umsomehr 
Gold brauchte es, um sie zu bezahlen. Dieses Bedürfnis stieg mit jeder 
der neuen ausländischen Anleihen, die bisher zum Teil eben zu dem 
Zweck abgeschlossen worden waren, Gold herbeizuschaffen. Während 
von 1862 — 1887 die Schulden um etwa 1 Milliarde zugenommen hatten, 
blieb die Zahlungsbilanz schlecht, es flössen jährlich 50— 60 Millionen 
Gold mehr ab als einkamen, denn die eigene Goldgewinnung er- 
gab damals nur etwa 20 Millionen jährlich; die Ausfuhr überstieg 
seit Erhöhung der Zölle um 60 Prozent vom Jahre 1881 ab zwar 
die Einfuhr, aber nicht so, dafs mit eigenen Mitteln auch nur 
der ausländische Schulddienst bestritten werden konnte, weshalb 
man immer wieder borgen mufste, um zu bezahlen. Den bergab 
rollenden Wagen brachte WYSCtiNEGRADSKi mit festem Griff zum 
Stehen. Vor allem zog er die Steuerschraube an: in drei Jahren 
wurden über 50 Millionen Rubel Steuereinnahmen mehr jährlich 
erzielt. Zugleich wurden in zwei Jahren 16 Millionen Rubel Steuer- 
rückstände beigetrieben, und diese Beitreibungen wurden damals 



' Vgl. für die folgenden Ausführungen das Buch von Schwan EBACfl : „Geld- 
reform und Volkswirtschaft". Petersburg 1901 (russisch). 



FINANZEN 29 

auch schon zu dem so wichtigen Instrument gemacht, als welches 
sie bis heute sich bewährt haben. Durch die Steuerbeitreibung zwang 
der Minister den russischen Bauer, sein Getreide im Herbst so 
schleunig als möglich zu verkaufen. Das trug zur Beschleunigung 
und Mehrung der Ausfuhr bei. Man rechnet, dafs, während von 
1882—1886 von der reinen Ernte jährlich 15 Prozent ausgeführt 
wurden, dieser Satz von 1887—1891 auf 22 Prozent stieg. Das 
Getreide spielte von jeher die Hauptrolle bei der Ausfuhr, stieg 
aber erst unter dem Ansporn Wyscmnegradskis zu der Bedeutung 
auf, die es seitdem hat Wurde der Bauer durch den Steuer- 
beamten zum schleunigen Verkauf genötigt, so lockte man den 
Grofsgrundbesitzer dadurch, dafs man ihm den Verkauf, zu dem 
ihn überdies die schnell wachsende Bodenverschuldung und der 
Geldmangel antrieben, erleichterte. Der Minister sicherte sich die 
Verfügung über die Bahntarife, führte einen Differenzialtarif für 
das Getreide ein und lockte durch billige Frachtsätze aus den ent- 
ferntesten Gutsspeichem das Getreide in die Ausfuhrhäfen. Er 
schuf, sagt SCHWANEBACfi, eine Prämie für die Getreideausfuhr, und 
hatte Erfolg damit Ebenso erfolgreich dämmte er die Einfuhr ein, 
indem er 1887 den Zoll auf Kohle, Eisen, Thee und andere not- 
wendige Einfuhrartikel erhöhte, 1890 eine allgemeine Zollsteigerung 
um 20 Prozent eintreten liefs, und endlich 1891 auf viele Waren 
einen fast prohibitiven Zoll legte. Was er mit diesen Mafsregeln 
erreichte, war, dafs der Getreideexport in dem ersten Jahrfünft 
nach seinem Amtsantritt gegen das vorhergehende Jahrfünft von 
durchschnittlich 312 Millionen Pud jährlich auf 442 Millionen Pud 
stieg, die Handelsbilanz aber, die nach 1867 passiv gewesen und 
erst seit dem Ende der siebziger Jahre in eine aktive übergegangen 
war, von + 66 Millionen auf i- 307 Millionen Rubel anschwoll. 
Wurde hierdurch der seitherige Goldabflufs in einen Goldzuflufs 
verwandelt, so diente demselben Zweck die Umwandlung der aus- 
wärtigen Metallschulden in Papierschulden. Bei diesen Konversionen 
wurden freilich die Tilgungsfristen verlängert, aber auch die Tilgungs- 
quote herabgesetzt Der jährliche Dienst für die auswärtige Schuld 
verminderte sich um V\^ Millionen Rubel, die Schuld selbst ver- 
mehrte sich von 796 auf 941 Millionen Rubel Gold. 

Während man vorher die starken Kursschwankungen dadurch 
zu mildem gesucht hatte, dafs dem fallenden Kurse durch Aufkauf 
der Banknoten in Beriin entgegen gewirkt wurde, was erhebliche 



30 DRITTES KAPITEL 

Kosten verursachte, benutzte Wyschnegradski die vorhandenen 
Goldbestände dazu, im Börsenspiel die Kursschwankungen zum 
Vorteil des Fiskus auszunutzen, womit er zur Mehrung des Gold- 
vorrats beigetragen haben soll.^ Während er die Staatseinnahmen 
so zu heben suchte, legte er den Ausgaben einen straffen Zügel 
an. Von den mehr als 50 Millionen Mehreinnahmen an Steuern und 
Zöllen gab er dem Lande nichts zurück; die Ausgaben im Budget 
stiegen nur wenig. 

Die finanziellen Erfolge Wyschnegradskis waren glänzend. 
Das chronische Defizit im Budget verschwand: es stellte sich ein 
jährlicher Überschufs von 41,4 Millionen Rubel ein. Diese Über- 
schüsse gaben dem Minister die Möglichkeit, die Zinsen der Staats- 
schuld ohne Schwierigkeiten zu zahlen, zugleich aber auch durch 
Ankauf von Wechseln Gold aus dem Auslande zu holen und dem 
schon vorhandenen Metallfond hinzuzufügen. Während seiner Ver- 
waltung, 1887—1893, wuchs der Goldvorrat rapide, von 281 Vj Mil- 
lionen auf 581,6 Millionen Rubel alter, oder 782,8 Millionen neuer 
(1898er) Währung. Die Mittel, um diese 300 Millionen Gold in 
die Keller des Staates zu ziehen, bestanden in der verstärkten 
Besteuerung und den dadurch gewonnenen Mehreinnahmen gegen- 
über den Anschlägen des Budgets, d. h. in dem, was später unter 
dem Namen „freier Barbestand'' in den ministeriellen Berichten und 
Anschlägen eine immer wachsende Bedeutung erlangt hat Diese 
Goldvorräte wanderten zum grofsen Teil in die Keller der Reichs- 
bank, die dafür Noten abgab, wodurch, dem eigentlichen Zweck 
dieses Instituts zuwider, das Lombardgeschäft litt Der Metallfond 
der Bank wuchs zwischen 1888 und 1893 aufs doppelte, zugleich 
sank aber der Umsatz des Lombard- und Diskontogeschäfts auf die 
tlälfte — die Bank begann auf einen Abweg zu geraten: aus einer 
zur Hebung des wirtschaftlichen Lebens bestimmten Anstalt 
wurde sie ein finanzielles Werkzeug des Ministers, was sie auch 
heute noch geblieben ist, nachdem sie ihre Thätigkeit als Kredit- 
anstalt auf kommerziellem und industriellem Gebiet in grofsem Mafs- 
Stabe wieder aufgenommen hat 

Diesem finanziellen Triumphzuge WYSCHNEGRADSKIS wurde ein 
schlimmer Stein in den Weg gerollt in dem Jahre 1891 mit seinem 



^ S. GOLOWIN, Rufslands Finanzpolitik und die Aufgaben der Zukunft. 
Deutsch von KOLLOSSOWSKI. Leipzig 1900. 



FINANZEN 31 

ausgedehnten Mifswachs. Der Staat mufste 162 Millionen opfern, 
um dem hungernden Volk zu helfen, und die Ausfuhr sank im 
Jahre 1892 erheblich. Die guten, von Wyschnegradski geschaffenen 
Staatsfinanzen konnten jedoch die Ausfälle sehr viel leichter er- 
tragen, als es vordem der Fall gewesen wäre. Schon 1893 setzte 
die Aufwärtsbewegung der Ausfuhr wieder kräftig ein und der 
Staatsschatz schlofs beim Abgange WYSCüNEGRADSKls mit einem 
reichen Goldvorrat ab. Die Staatsschuld war in den 6 Jahren nur 
um 229 Millionen Rubel gewachsen, der Dienst für dieselbe aber 
hatte sich sogar, infolge der Konversionen in niedriger verrentete 
Papiere, um 20,7 Millionen vermindert. 

Als der Staatssekretär WrrTE das Ministerium übernahm, fand 
er die Finanzen zwar in guter Lage vor, aber von zwei Seiten her 
drohten Gefahren: hier die Staatsschuld, dort die Steuerkraft. 
Es erschien möglich, dafs eines Tages das Mifsverhältnis sich 
einstellte, dafs gleichsam durch die Eingangspforte des Hauses 
nicht mehr soviel hereinkommen könnte, als durch die Ausgangs- 
pforte hinausgehen mufste. Wie energisch WYSCHNEGRADSKI es 
auch vermieden hatte, die Staatsschuld durch neue Anleihen zu 
vergröfsem, so war sie doch in der vorhergehenden Periode durch 
Bahnbauten und andere grofse Ausgaben zu einem bedenklichen 
Umfang gelangt Die 70er Jahre hatten alljährlich eine starke An- 
leihe gebracht, die Staatsschuld belief sich 1893 auf 4571 Millionen 
1898 er Währung, der Dienst für diese Summe auf 241 Vs Millionen. 
Vermehrt hatte sich die Staatsschuld unter WYSCHNEGRADSKI nur 
um 229 Millionen. Aber ein grofser Teil der Schuld war im Aus- 
lande untergebracht und mufste mit Gold bedient werden; in Gold 
mufste auch das steigende Bedürfnis nach Maschinen und anderen 
Erzeugnissen gedeckt werden, die die russische Industrie nicht her- 
stellte. Wenn die Ausfuhr, die eben einen starken Stofs durch die 
Mif sernte von 1891 erhalten hatte, dieses Gold nicht zurückbrachte, 
so konnte sich zuletzt auch der angesammelte Goldschatz nicht 
mehr halten und der Finanzkarren nahm wieder seinen gefährlichen 
früheren Lauf zum Abgrunde hin. Zugleich begann sich schon 
1893 die Wirkung des von Wyschnegradski ausgeübten gewalt- 
samen Druckes auf die Getreideausfuhr zu zeigen. Hinter dem 
Bauer stand der Mann mit der Steuerpeitsche, vor ihm und dem 
Grofsgrundbesitzer der Mann mit den billigen, lockenden Differential- 
tarifen. Es war soweit gekommen, dafs die Amerikaner ein Schiff 



32 DRITTES KAPITEL 

mit Brotkom als Geschenk für die Hungernden nach Peters- 
burg schickten. Das Schlimmste war, dafs die Steuern immer 
schwerer beigetrieben werden konnten und die Rückstände zu 
wachsen begannen. In 46 Gubernien Rufslands betrugen im Jahre 
1893 die bäuerlichen Rückstände bereits llO'/s Millionen Rubel 
und davon fielen auf die zentralen und östlichen, die altrussischen, 
und zwei' neurussische Gubernien, also auf das fruchtbare Schwarz- 
erdegebiet, 110 Millionen. Die Rückstände übertrafen trotz aller 
Strenge der Beitreibung die jährliche Steuerquote um das Doppelte 
bis Dreifache. Das war ein bedenkliches Zeichen der nachlassenden 
Steuerkraft bei dem Landvolk, d. h. bei mehr als 90 Prozent der 
Bevölkerung dieser Gebiete, die zugleich die Hauptproduzenten des 
Landes waren. 

Dafs Verschuldung und besonders auswärtige Verschuldung 
des Staates ein Übelstand sei, hatte man von jeher in gewissem 
Mafse anerkannt; schon Cancrin hatte ausgesprochen, der Staat 
solle zu ausländischen Anleihen nur im Fall äufserster Not greifen.^ 
Wenn aber die landwirtschaftliche Produktionskraft weiter sank, 
so drohte die Hauptquelle der Ausfuhr und auch der Steuern zu 
versagen, oder wenn sie sich auf der seitherigen Höhe erhalten 
oder gar mehren sollte, so mufsten die harten Beitreibungen 
fortgesetzt werden. Diese Quelle versprach nicht die Mittel zu 
liefern, um das Reich auf dem Wege europäischer Entwicke- 
lung weiterzubringen, auf den man es seit 1861 auf sozialem 
Gebiet und seit Ausbau des Hauptnetzes der Bahnen auf wirt- 
schaftlichem Gebiet geleitet hatte. Wollte man die Steuerkraft 
wahren, so mufste man die Produktionskraft mehren, so mufste 
man mit den Mitteln des Staates die wirtschaftliche Entwickelung 
heben. Und man wollte dieses letztere, man wollte Rufsland auf 
die Höhe eines europäischen Kulturstaates heben, nachdem es so 
lange eine Grofsmacht, aber kulturiich von Europa abhängig ge- 
wesen war. Und das sollte schnell geschehen, sofort, denn das 
nationale Selbstbewufstsein ertrug keinen Aufschub mehr. Diese 
Strömungen mochten WITTE die Entscheidung für den von ihm 
einzuschlagenden Weg erieichtem. Er mochte erwägen, dafs die 
Produktivität der Landwirtschaft mit staatlichen Mitteln so zu er- 



^ Vgl. A. Schmidt, Das russische Geldwesen wahrend der Finanzverwal- 
tung des Grafen Cancrin von 1823—1844, St. Petersburg 1872, S. 21. 



FINANZEN 33 

höhen, dafs dadurch neue Anleihen unnötig wurden, eine Aufgabe 
von vielen Jahren «sein würde; dafs eine agrare Reform nicht eine 
Angelegenheit des Finanzministers allein sei, sondern der Mitwirkung 
anderer Organe der Regierung bedürfe, die eine solche Reform vor- 
läufig nicht für durchführbar, vielleicht nicht einmal für nützlich 
hielten. Denn jede agrare Reform mufste und mufs, um Grofses 
zu wiriien, alsbald auf prinzipielle Fragen, wie Gemeindever- 
fassung, Feldgemeinschaft, Steuersystem, ja Dorfschule und pro- 
vinzielle Selbstverwaltung, stofsen, Fragen, die von den Kollegen 
des Ministers in sehr verschiedener Weise wären beantwortet worden. 
Der Minister konnte im Vertrauen auf eine natürliche Entwickelung 
der Dinge, der grofsen Agrarreform von oben her entsagend, auf 
dem von seinem Vorgänger eingeschlagenen Wege weiterschreiten, 
den Goldschatz weiter anwachsen lassen und den Geldkurs fixieren, 
bis er in die Lage kam, die seit lange eingestellte Einlösung der 
Banknoten gegen Metall wieder aufzunehmen. Er konnte versuchen, 
die ausländische Schuld allmählich zu tilgen und dadurch dem 
Goldabflufs zu steuern. Mochten auch gute Ernten und starke 
Ausfuhr die Einfuhr industrieller Erzeugnissen, die, da sie im In- 
land nur in geringem Mafse hervorgebracht werden, aus dem Aus- 
lände bezogen werden müssen, nicht ausgleichen — ein stärkeres 
Einströmen fremder Waren, womit ein steigendes Abströmen von 
Gold ins Ausland verbunden ist, steht immer in genauem Zu- 
sammenhang mit der fortschreitenden Entwickelung des Landes — 
so lagen ja 581 Vs Millionen Gold in den Kellern. Zudem be- 
gann sich die Ausfuhr wieder zu heben. Der Weg der allmäh- 
lichen Hebung des Volkswohlstandes und der allmählichen Til- 
gung der ausländischen Schulden drohte sehr lang zu werden. 
Herr WriTE traute sich die Kraft zu, die Hauptziele: Wieder- 
herstellung der Valuta und wirtschaftliche Unabhängigkeit des 
Reiches, auf kürzerem Wege zu erreichen. Und hatte Wyschne- 
GRADSKI eine feste Hand gezeigt, so blieb er doch weit zurück 
hinter dem rücksichtslosen Vorgehen, das nun überall zu Tage 
trat Gleich das erste Jahr überstürzten sich die Neuerungen. 
Der Geldkurs wurde nicht mehr durch Notenkäufe zum Steigen, 
sondern durch An- und Verkauf von Goldwechseln auf einen 
festen Stand gebracht Die Steuern wurden vermehrt und um 
etwa 70 Millionen jährlich erhöht Dann wurde der Zollkampf 
mit Deutschland, der infolge der vorhergegangenen übermäfsigen 



34 DRITTES KAPITEL 

Zollerhöhungen ausgebrochen war, beendet durch Abschlufs eines 
Handelsvertrages, der die Zölle herabsetzte. Das Konvertieren der 
Anleihen wurde — wenigstens in der bisherigen Art — eingestellt, 
aber man schritt sofort zu neuen Anleihen, die nun von Jahr 
zu Jahr folgten. 

Hatte WYSCtiNEGRADSKi ohne Röcksicht auf die wirtschaftliche 
Leistungsfähigkeit das fiskalische Interesse an der Regelung der 
Valuta und der Sicherung des Budgets verfolgt, so ging WITTE in 
dieser Richtung noch weit energischer vor. Vor allem machte er 
sich zum unumschränkten Herrn des Geldverkehrs. Nicht nur die 
Reichsbank, sondern alle Privatbanken nahm er unter seine Auf- 
sicht und mittelbare Leitung; er sicherte sich das Recht, Direktoren 
abzusetzen, Makler ohne weiteres zu entlassen, Banken und Wechsel* 
Stuben zu schlief sen; er verbot bei Strafe alle Spekulationen in 
Goldwerten, ja er zwang die privaten Banken zeitweilig, den 
Wechselverkehr ins Ausland der Reichsbank zu überlassen, und 
diese selbst mufste, nach dem neuen Statut von 1894, fortan 
weniger dem Handel dienen, als der Industrie und den Börsen- 
operationen des Ministers. Zugleich begann WnTE den Goldschatz 
weiter zu mehren. Wenn sein Vorgänger geradeswegs auf die 
Goldwährung abzielte, so scheint WITTE zu Anfang noch geschwankt 
zu haben, bis das fortgesetzte Anschwellen der in den Kellern tot 
daliegenden Goldmenge ihn dazu antrieb, den Schritt zu wagen. 
Denn ein Wagnis blieb es, dafs er zu Anfang 1896, noch vor 
Erlafs des betreffenden Gesetzes, mit dem Einwechseln der Bank- 
noten in Gold begann, als der Goldvorrat sich auf 629J Millionen 
Rubel oder 2Vt Milliarden Franken gesteigert hatte. Hätte sich 
die Handelsbilanz wieder ungünstig gestellt, so mufste auch die 
Zahlungsbilanz schlecht werden und das mit grofsen Opfern ge- 
sammelte Metall würde ins Ausland zurückgeflossen sein. Die Gold- 
währung konnte und kann sich nur halten unter der Voraussetzung, 
dafs das Gold durch fortgesetzte Überschüsse im Handel im Lande 
bleibt Ein Land wie England kann im Aufsenhandel grofse Summen 
abfliefsen lassen, ohne sich zu schädigen, weil es mehr als diese 
Summen in Form von Zinsen fremder Staaten, von Zinsen und Ge- 
winnen in seinen über die Erde zerstreuten privaten Schuld- 
forderungen und industriellen Anlagen ständig zurückholt Im 
Jahre 1899 belief sich die Unterbilanz im englischen Handel (Grofs- 
britannien ohne die Kolonien) auf über 3 Milliarden Mark, aber 



FINANZEN 35 

der Besitz an fremden Werten wird auf 40 Milliarden Marli oder 
etwa 20 Milliarden Rubel geschätzt Rufsland hat keine solchen 
Forderungen, keine fremden staatlichen oder privaten Schuld- 
forderungen, auch keine industriellen Anlagen im Auslande, aus 
denen es Gewinn hätte ziehen können. Von der eigenen Industrie 
aber ging ein grofser Teil des Gewinnes in Zinsen und Dividenden 
jährlich hinaus an die fremden Gläubiger und Aktionäre. Die staat- 
lichen Zahlungen, der „Goldtribuf, wie man es jn Rufsland zu 
nennen pflegt, sowie die Gewinne und Zinsen privater ausländischer 
Gläubiger müssen, nächst der eigenen Goldgewinnung in den 
sibirischen Wäschereien, völlig durch die Überschüsse des Handels 
aufgebracht werden, wenn die Goldwährung sich halten soll. Ist 
der Handel nicht im stände, diese Überschüsse zu schaffen, so kann 
der Goldvorrat zeitweilig durch Anleihen oder andere Operationen 
im Auslande ergänzt werden, in der Erwartung, dafs sich die 
Handelsbilanz bessern und die Kosten solcher Operationen wieder 
einbringen werde. Indessen kann dieses Mittel doch nur als zeit- 
weiliges und als Aushilfe gelten bis auf bessere Zeiten, und wer 
es anwendet, mufs ein starkes Vertrauen in die künftige Steuer- 
kraft des Landes haben, um zu ihm zu greifen. An solchem 
Vertrauen nun hat es Herrn Witte nicht gefehlt „Im festen 
Glauben,'' sagt er in seinem Budgetbericht für 1898, an die 
„stetige Fortentwickelung der Produktivkräfte Rufslands" ging er 
ans Werk. 

Die Ausfuhr hatte sich nach dem Rückgang von 1892 wieder 
gehoben. Aber infolge des Handelsvertrages mit Deutschland, der 
die Zölle stark herabsetzte, und infolge des gleichzeitig wachsen- 
den Bedürfnisses nach für den Eisenbahnbau und für die Industrie 
notwendigen fremdländischen Waren, stieg auch die Einfuhr so 
stark, dafs das Aktivum des Handels, das zwischen 1887 und 
1892 über 300 Millionen Rubel jähriich ergeben hatte, von 1893 
bis 1898 nur 143 Millionen betrug und in einem Jahre, 1896, 
sogar auf nur 99,3 Millionen Rubel sank. Da nun im Jahre 1893 
der Dienst für die äufsere Staatsschuld jähriich etwa 100 Millionen 
in Gold forderte, so konnte man von dem Ertrag der eigenen 
Goldwäschereien nicht so viel Überschufs erwarten, um den Gold- 
schatz zu sichern oder zu vermehren. Noch unsicherer war die 
Aussicht, aus den ordentlichen Einnahmen die Mittel zu gewinnen, 
um durch grofsartige staatliche Kredite die einheimische Industrie 

8* 



36 DRITTES KAPITEL 

SO zu fördern, dafs man vom Auslande unabhängig wurde. Der 
Minister hatte sich zur Aufgabe gestellt, in dem grofsen und 
industriell sehr unentwickelten Lande schleunigst eine Industrie 
zu schaffen, die den jährlichen Abflufs vieler Millionen für Bahn- 
schienen und rollendes Material , für landwirtschaftliche und 
industrielle Maschinen, für Chemikalien und viele andere Dinge 
hemmen sollte; eine Industrie, die dem Bauer Verdienst und 
dem Unternehmer Vermögen zuführen, die die Ansammlung von 
Kapital beschleunigen und dem Staat neue Steuerobjekte bieten, 
sollte. Dazu brauchte der Minister Geld, und Geld war wiederum 
nötig, um die Eisenbahnen zu verstaatlichen, um die Goldwährung 
durchzusetzen, um dem verarmten russischen Adel und den Bauern 
zu helfen, kurz um die Finanzpolitik mit der souveränen Allgewalt 
zu führen, die wir seitdem bewundem. Herr Witte verliefs un- 
bedenklich die vorsichtige Zurückhaltung Wyschnegradskis und 
griff zu neuen Anleihen. 

Die politische Annäherung an Prankreich hatte ihm dessen 
reichen Kapitalmarkt geöffnet Frankreich hatte schon vorher den 
gröfsten Teil der russischen Staatsschulden übernommen und damit 
Deutschland von einer die deutsche Politik gefährlich drückenden 
Last befreit Von nun an wurde es zum Säckelmeister Rufslands, 
und das deutsche Kapital thäte gut, Frankreich dieses Geschäft 
ganz zu überlassen. Die politische Freundschaft pflegt nicht da- 
durch sich zu erwärmen, dafs sie mit grofsen Geldverbindlichkeiten 
belastet wird. Man kann schwer freie Hand in der Politik einem 
Staate gegenüber behalten, dem man einen zu grofsen Teil des 
Volksvermögens, sei es in Staatspapieren , sei es in Privatanlagen, 
hingegeben hat Ein Krieg, in den Rufsland heute verwickelt würde, 
müfste Frankreich fast ebenso in Sorge stürzen als Rufsland selbst 
Und wenn, wie man sagt, französisch-belgisches Geld in russischen 
Eisen- und Stahlwerken allein mit 1650 Millionen Franken beteiligt 
ist, so bedeutet das eine sehr merkliche Vermehrung der Macht, 
die der russische Finanzminister über die französische Politik ge- 
wonnen hat Wie im privaten. Leben, so geht es auch im staat- 
lichen: die Stimmung Rufslands für ein Land, dem es 8—9 Mil- 
liarden in verschiedenen Formen schuldig ist, wird nicht nur von 
Dankbarkeit getragen sein. Und man braucht nur die Budget- 
berichte des Herrn Witte zu studieren, um zu erkennen, dafs er 
mit dem fremden Gelde mehr als kühner Bankuntemehmer, denn 



FINANZEN 37 

als sorgsamer Hausverwalter verfährt Er sagt es offen, dafs das 
fremde Kapital die Produlitivliraft Rufslands anregen soll und dafs 
es ihn wenig liümmert, was aus ihm sonst wird. Rufsland ist 
nicht ein Landgut, das man wegen einer tlypothelienschuld ein- 
klagen und versteigern lassen kann. Es giebt keinen Gerichtshof 
für insolvente Staaten. Sollte einmal Rufsland die Zinsen und 
die Tilgung für die 60000 Werst Eisenbahnen, die es gebaut hat, 
nicht aufbringen können, dann dürfte es schwer sein, dieses Pfand- 
objekt unter den Hammer zu bringen; ebenso schwer ist es, den 
Minister dafür verantwortlich zu machen, dafs er das Vertrauen 
fremder Kapitalisten in eine zauberhaft üppige Entfaltung der russi- 
schen Volkswirtschaft unterstützt hat Die russische Verschuldung 
ist uns Deutschen nicht schädlich, eher das Gegenteil; aber wir 
sollten die Hände möglichst davon lassen. 

Seit dem Amtsantritt des Herrn Witte verging kein Jahr ohne 
wenigstens eine Anleihe, und am 1. Januar 1900 hatte Herr Witte 
die Staatsschuld schon um 1579 Millionen Rubel gemehrt; sie 
betrug 6150 Millionen Rubel und erforderte einen jährlichen Dienst 
an Zinsen und Tilgung von 292 Millionen. Er begann ferner in 
grofsem Mafsstabe russische Wertpapiere, insbesondere auf Gold 
gestellte, wie Eisenbahnobligationen, Pfandbriefe der Adels-Agrar- 
banh, im Auslande zu verkaufen. In 6 Jahren gingen von den 
beiden genannten Werten 7io über die Grenze, und zum Jahre 1900 
befanden sich im Auslande im ganzen an russischen Goldwerten 
etwa für 3V3 Milliarden Rubel, die einen jährlichen Dienst in Gold 
von 140 Millionen Rubel forderten. Für die hinausgegangenen 
Schuldverschreibungen aber war Gold ins Land geflossen. In 
Rufsland waren nur die auf den Rubel neuer Währung lautenden 
Anleihen geblieben. Solcher Papiere waren über 4 Milliarden vor- 
handen und von ihnen im Lande selbst rund 2700 Millionen; von 
der 4 pronzentigen Rente waren am 1. Januar 1899 im Lande rund 
1503 Millionen.^ Eine dritte Geldquelle öffnete sich seit 1895 
durch die schnell sich entwickelnde Industrie, die der Minister auf 
jede Weise förderte. Aus dem kapitalreichen Westen strömte Gold 
herbei zu industriellen Anlagen aller Art, Summen, die auf durch- 
schnittlich mindestens 100 Millionen Rubel jährlich angeschlagen 
worden sind. 



Bericht der Kreditkanzlei. 



38 DRITTES KAPITEL 

Während der Überschufs des Aufsenhandels nicht ausreichte, 
um den jährlichen „Goldtribuf \ die Zinsen und Tilgung der Staats- 
schuld an das Ausland, zu zahlen, während die sibirischen Wäschereien 
von 1893—1898 im ganzen 297 Millionen Rubel an Gold ergaben, 
mehrte sich der staatliche Goldschatz in dieser Zeit um 637V8 Millionen 
und erreichte am 1. Januar 1897 bereits die Summe von 1247 Millionen. 
Eine solche Goldmasse in den Kellern zu haben und zugleich bei 
der alten Silberwährung, die eigentlich nur Papierwährung war, 
weiter zu verbleiben, hatte keinen Sinn: man mufste dieses tote 
Kapital irgendwie fruchtbar machen und entschlofs sich endlich 
dazu, zur Goldwährung überzugehen. Auf Grund des Gesetzes 
vom 3. Januar 1897 wurde damit begonnen, das Papiergeld zu 
dem fixierten Kurse von IVs Rubel gegen 1 Rubel Gold ein- 
zuwechseln, und hatte es nun auch sehr eilig, das Land mit Metall 
zu überschütten. Im Volk war man verblüfft: die lebende Gene- 
ration hatte nie, die ganz alten Leute nur als Seltenheit russische 
Imperiale gesehen, und nun wurde das Gold jedem von den Renteien 
aufgedrängt Man hielt Herrn Witte für einen Finanzkünstler, fast 
für einen Zauberer. Allein es war nicht viel Kunst, noch weniger 
Zauberei dazu nötig, mit vollen Händen das Gold auszustreuen, 
solange das Ausland fortfuhr, immer neue oder auch alte russische 
Werte aufzunehmen, und solange mit Hilfe der Steuerschraube 
und anderer Mittel die Einnahmen des Staates hoch gehalten 
werden konnten. Am 1. Januar 1899 war an Gold im Staatsschatz 
1420,1 Millionen, an fiskalischem Gold bei Banken im Auslande 
179,9 Millionen, zusammen eine Summe von etwa 1600 Millionen 
Rubel Gold neuer Währung. In 10 Jahren war Rufsland auf die 
Höhe der westeuropäischen Geldwirtschaft gelangt, w^ es finanziell 
eine Grofsmacht geworden, hatte es mit der alten Abhängigkeit von 
den Notierungen an der Berliner und anderen Börsen gebrochen, 
die weder seiner politischen Stellung, noch seinem vermeintlichen 
Reichtum entsprach. 

So schien es. Aber man konnte sich denn doch nicht ver- 
hehlen, dafs dieser scheinbare Goldüberfluls meist aus fremdem 
Gelde bestand, dafs die Schulden, die man gemacht, auch verzinst 
und getilgt werden mufsten, dafs der Goldrubel auch wieder dorthin 
zurücklaufen könnte, woher er gekommen war, wenn die Produktions- 
kraft des Volkes ihn nicht festhielt Von da ab war die ganze 
Sorge des Ministers darauf gerichtet, ein solches Rücklaufen 



FINANZEN 39 

des Goldes ins Ausland zu verhindern. Die Produktion murste 
gehoben werden. Bis dahin beschäftigten sich 90 Prozent der Be- 
völkerung mit dem Landbau; 90 Prozent aller Ausfuhr bestand 
in Rohstoffen: 85 Prozent aller Ausfuhr bestand 1893 aus Er- 
Zeugnissen der Landwirtschaft Noch im Jahre 1898 sagte der 
Minister in einer Rede, der Landbau schaffe fast gar kein Kapital, 
das zu industriellen Zwecken könne verwandt werden. Und Kapital 
war in grofser Menge nötig, um das Land industriell von der so 
stürmisch gerade in dieser Zeit sich aufwärts bewegenden fremd- 
ländischen Industrie unabhängig zu machen. Denn an den hierzu 
nötigen natärlichen Reichtümern, besonders an Kohle, Erdöl, Eisen, 
gebricht es dem Lande nicht Nun sollten die Schätze gehoben 
werden. 

Gleich im Jahre 1894 wurden für ungefähr eine Milliarde 
Staatspapiere, die im Inlande lagen, konvertiert Die mit 5 Prozent 
verzinslichen Werte wurden eingezogen und dafür 4prozentige 
Rentenpapiere ausgegeben. War der unmittelbare Gewinn des 
Fiskus an Zinsen vielleicht auch nicht grofs, so mufste doch die 
Wirkung dieser Operation in einem Lande sehr grofs sein, wo das 
Geld so rar, wo der private Zinsfufs etwa 10 Prozent jährlich 
betrug. Mit der neuen 4prozentigen Rente zog man die Sprozen- 
tigen und dann auch die 4prozentigen Goldwerte aus dem Lande 
und verkaufte sie ins Ausland. Die innere Schuld wurde zu Ve 
in 4prozentige Staatsrente verwandelt Das freigewordene Kapital 
wandte sich industriellen Unternehmungen zu, die bessere Ver- 
zinsung verhiefsen, und daneben auch dem Börsenspiel, das sich 
der Vermehrung industrieller Aktiengesellschaften parallel ent- 
faltete. Der Minister erreichte, was er wollte: er trieb das im Lande 
vorhandene Geld mit Gewalt in die Industrie und strich dabei 
noch einen Gewinn für den Fiskus ein. 

Mit freigebiger Hand wurde das Geld des Staates der Industrie 
zugeführt Zahlreiche Banken wurden gegründet und staatlich 
unterstützt; durch sie flofs das Geld den Gründungen zu, die 
überall erstanden. Technische und Handelsschulen wurden vom 
Staat errichtet oder mit Geld unterstützt Das ausländische 
Kapital folgte dem ausbrechenden Gründungsfieber eifrig nach, 
das nun auch durch die stillen russischen Ebenen flog, nachdem 
es kurz vorher durch Mitteleuropa geflogen war. Von 1894 bis 
1899 wurden 927 Aktiengesellschaften mit einem angegebenen 



40 DRITTES KAPITEL 

Kapital ^ von 1420Va Millionen Rubel konzessioniert, von denen 151 
Gesellschaften ausländische waren. Allen voran schritt die Regie- 
rung selbst mit dem Bau neuer Eisenbahnen, mit dem Bau von 
Kriegsschiffen, mit der Unterstützung von Schiffahrtsgesellschaften, 
wodurch die Eisenproduktion und die Eisenindustrie schnell er- 
starkten und in ihrem Gefolge eine Menge von gewerblichen Be- 
trieben und Fabriken ins Leben riefen. 

Trug die Verwaltung WYSCflNEGRADSKis einen merkantiüstischen 
Charakter, so verwaltete Herr W TTE monopolistisch. Die Eisenbahnen 
wurden zum grofsen Teil verstaatlicht In den 10 Jahren von 
1892—1902 verwandte Herr Witte zur Erweiterung des staat- 
lichen Bahnnetzes 2251,9 Millionen Rubel'; im ganzen waren schon 
1897 in privaten und staatlichen Eisenbahnen falst 4 Milliarden 
Rubel festgelegt, die meist fremdes Geld waren.' Für diese Zwecke 
hatte der Minister die Staatsschuld schon im Jahre 1900 um über 
eine Milliarde vermehrt, den Goldtribut an das Ausland um rund 
40 Millionen jähriich. Am 1. Januar 1902 erreichte nach dem 
Budgetbericht für 1902 das gesamte Bahnnetz 60000 Werst oder 
64200 km, das Netz der Staatsbahnen eine Länge von 40000 km, 
im Privatbetrieb standen demnach 24200 km. Der Staat war schon 
1897 an dem gesamten staatlichen und privaten Bahnbau mit 
94,9 Prozent des Anlagekapitals beteiligt^ und diese Beteiligung 
ist seitdem durch die grofsen asiatischen Staatsbauten und die 
Verstaatlichung der Moskau-Archangel-Bahn noch bedeutend ge- 
stiegen, so dafs der Staat als der Unternehmer für das gesamte 
Bahnnetz angesehen werden kann. Die Kosten des Bahnbaues 
waren nicht zu hoch, auch wenn man die im europäischen 
Rufsland besonders günstig liegenden Verhältnisse berücksichtigt 
Wenn man das Netz der Staatsbahnen allein ins Auge fast, das 
40000 km beträgt, und seinen Wert nach dem Budgetbericht für 
1902 mit 3551,6 Millionen Rubel als Bauwert annimmt, so kostete 
der Kilometer durchschnittlich 88790 Rubel. Das Finanzministerium * 



^ ScflWANEBACfl schätzt das wirklich verwandte Kapital auf 560 bis 
600 Mill. 

' Bericht zum Budget far 1902. 

* Statistischer Oberblicli über das Eisenbahnwesen in Rufsland, heraus- 
gegeben 'vom Verkehrsministerium, für das Jahr 1900. 

^ Bulletin Russe de statisique financi^re, 1901, A. p. 7. 

^ KOWALEWSKI, La Russie ä la fin du 19 si^cle, Paris, 1900, p. 875. 



FINANZEN 41 

giebt als Baukosten 81125 Rubel pro Werst oder 86798 Rubel 
pro Kilometer an. Das Verkehrsmintsterium ^ berechnet für das Ge- 
samtnetz die Anlagekosten sogar auf 109500 Rubel pro Werst oder 
117165 Rubel pro Kilometer. Auch das wäre nicht viel im Ver- 
hältnis zu anderen Ländern und in Berücksichtigung des wegen 
der grOfseren Spurweite schwereren Bahnkörpers und Rollmaterials. 
Die gesamten Bauaufwendungen^ pro Kilometer betrugen in 
Preufsen im Jahre 1899: 252 139 Mark, im Jahre 1900: 253854 Mark.^ 
Hier sind aber, wie ich annehme, nicht nur die ersten Anlage- 
kosten, wie bei den russischen Angaben, sondern auch die späteren 
Bauten eingerechnet Immerhin ist ein Unterschied in den Bau- 
kosten zu Gunsten Rufslands wahrscheinlich vorhanden. Dem- 
gegenüber stehen die Einnahmen so: für 1902 sind budgetmäfsig 
veranschlagt aus dem Staatsbahnnetz und Billetstempel rund 
400 Millionen Rubel, was bei 40000 km Bahnlänge auf den Kilo- 
meter 10000 Rubel macht. In Preufsen betrugen für 1900 auf 
den Staatsbahnen die Bruttoeinnahmen pro Kilometer 45532 Mark, 
also mehr als das Doppelte der russischen Einnahmen; der Betriebs- 
fiberschufs pro Kilometer betrug in Preufsen 18451 Mark, die 
Betriebskosten also 27081 Mark, d. h. mehr als die ganzen Brutto-« 
einnahmen in Rufsland, die nur 23200 Mark betragen. Wenn 
dabei dennoch eine Verrentung, sogar ein, wenn auch „kleiner 
Gewinn'^ vom Minister erzielt wird, so ist man bisher an eine so 
sparsame, so erstaunlich nutzbringende Verwaltung in Rufsland 
nicht gewöhnt gewesen. Allein das Verkehrsministerium rechnet 
— freilich nur für die europäisch-russischen Bahnen — eine Ver- 
zinsung des Anlagekapitals mit 4^/2— 5^1 1 Prozent aus, und das 
Finanzministerium' gar für die Jahre 1897—1899 einen durch- 
schnittlichen „Reingewinn'^ von 400 Millionen Franken („produit net% 
Das stimmt also wieder nicht Die Sache wird auch nicht klarer, wenn 
man die ordentlichen budgetmäfsigen Ausgaben mit 297V8 Millionen 
Rubel, d. i. 7437Va Rubel pro Kilometer dagegen hält Sollte man 
in Rufsland um so viel billiger arbeiten als in Preufsen? Oder 
sollten die Nachrichten, ob nun ganz oder halb offiziell gegeben, 
nicht vertrauenswürdig sein? Man mufs an der Haltbarkeit dieser 

' Statistischer Oberblick über das Eisenbahnwesen^ in Rufsland, heraus- 
gegeben vom Verkehrsministerium, für das Jahr 1900. 

' „Statistili der Eisenbahnen Deutschlands" für 1899 und 1900. 
* Bulletin, p. 9. 



42 DRITTES KAPITEL 

Aufstellungen zweifeln, wenn man auch nur das wirkliche Ergebnis 
der Bahnwirtschaft des vorhergehenden Jahres in Augenschein 
nimmt Der Minister sagt in seinem Budgetbericht für 1902: ,,Im 
Jahre 1900 stellte sich als das Endergebnis der Beteiligung des 
Fiskus an dem Wirtschaftsbetriebe des gesamten Bsriinnetzes, mit 
Einschlufs des Unterschusses für die sibirischen Bahnlinien, ein 
kleiner Reingewinn heraus.'^ Auch dieser „kleine Reingewinn*" ist 
sehr unwahrscheinlich. Nach den Abrechnungen der Reichskontrolle 
betrugen im Jahre 1900 die Einnahmen aus Staats- und Privat- 
bahnen -373,9 Millionen Rubel, die Ausgaben 405,6 Millionen Rubel, 
so dafs der Fiskus ein Defizit von 31,7 Millionen Rubel zu decken 
hatte. Hiernach verwandelt sich der „kleine Reingewinn" in einen 
nicht kleinen Vertust Für das Jahr 1901 wird sich der Verlust 
ohne allen Zweifel als weit gröfser herausstellen, schon durch die 
Erweiterung der sehr verlustreichen sibirischen Bahnstrecken. Nimmt 
man nun aber das Organ des Ministers, das Bulletin Russe, zur 
Hand, so zeigt sich folgendes^: Die Bilanz der Staatsbahnen nebst 
den von den Privatbahnen gezahlten Annuitäten für die 15 Jahre 
von 1896—1900 ergab für den Staat einen jährlichen Verlust von 
durchschnittlich 12,9 Millionen Rubel. Es ist nicht verständlich, 
wie demgegenüber der ministerielle Bericht für 1902 als „Rein- 
ertrag der Staatsbahnen und Zahlungen der Privatbahnen" für 1900 
die Summe von 139 Millionen Rubel angeben kann, da die Zahlungen 
der Privatbahnen nach dem Bulletin nur 22 Millionen Franken oder 
8V4 Millionen Rubel, freilich „im Minimum", wie das Bulletin sagt, 
betragen. Vollends illusorisch wird die Rentabilität der russischen 
Staatsbahnen, wenn man erwägt, dafs seit dem Jahre 1900 die 
sibirisch-mandschurischen Strecken hinzugekommen sind, deren 
Bruttoeinnahmen sehr gering, deren Betriebskosten aber erhöht 
werden durch schlechten Bau des Bahnkörpers, schwierige klima- 
tische Verhältnisse und die Notwendigkeit, sie militärisch zu schützen. 
Und dieses sind die offiziellen Ziffern der Ministerien und der 
Reichskontrolle, während andere Aufrechnungen zu beträchtlichen 
jähriichen Veriusten des Fiskus an den Eisenbahnen gelangen.' 

Inzwischen aber werden neue Anleihen aufgenommen und neue 
Bahnen gebaut, die der Minister an sich für eine „mächtige Pro- 

^ Bulletin Russe p. 30, 31. 

* Z. B. ,,Das hungernde Rursland", von Lehmann und Parvus, Stuttgart, 
DiETZ, S. 480 ff. 



FINANZEN 43 

duktivkrafr erklärt Das Budget von 1902 zeigt an Ausgaben für 
Eisenbahnen folgende Posten: ordentliche Ausgaben 398 625050 Rubel; 
aufserordentliche 165658493 Rubel; zusammen 564283543 Rubel; 
davon für neue Bahnbauten 170Va Millionen. Hierzu werden grofse 
Summen kommen, die von privaten Gesellschaften für Bahnbauten 
aufgebracht werden. Alle diese Gelder kann man sicher als mittel- 
bar oder unmittelbar von dem Auslande erborgt ansehen. Sie 
iiaben stets ihre mehr oder weniger offene Nährquelle in Anleihen, 
die gemacht wurden oder gemacht werden. So wird denn auch 
für 1902 voraussichiich eine sehr bedeutende neue Anleihe des 
Staates ans Licht treten. Alles dies zeigt, wie stark der Kredit 
Rufslands und wie unbedenklich der Minister ihn auszunutzen 
entschlossen ist Er vertraut eben noch immer der Produktiv- 
kraft des Landes, trotz aller Enttäuschungen, die die letzten 10 Jahre 
gebracht haben, und trotz des immer drückender werdenden Gold- 
tributs ans Ausland. Ja, wenn es sich um Nordamerika handelte! 
Dort wäre das Land und vor allem das Volk vorhanden, um solche 
Anlagen vielleicht produktiv und rentabel zu machen, selbst wenn 
sie durch erborgtes Kapital geschaffen wurden. Aber — tierr Witte 
ist eben nicht Minister der Vereinigten Staaten. 

Seit 1895 begann Herr WITTE auch den Verkauf des Brannt- 
weins zu verstaatlichen. Er erklärte in dem Budgetbericht für 
1899, „dafs bei der Umgestaltung des Systems der Erhebung der 
Getränkesteuer durchaus nicht die Absicht voriag, in dieser Mafs- 
nahme eine Quelle zur unmittelbaren Vermehrung der Staatsein- 
nahmen zu finden". Indessen ist die staatliche und die durch 
indirekte Besteuerung von den Getränken aufgebrachte Summe von 
322 Millionen im Jahre 1896 auf die für 1901 veranschlagte Summe 
von 488 Millionen gestiegen, und hiervon fallen auf das fiskalische 
Branntweinmonopol rund 169 Millionen. Die Einführung des Brannt- 
weinmonopols hat freilich dem Staat 114 Millionen Rubel gekostet, 
und der für 1901 angenommene Reingewinn aus dem monopoli- 
sierten Handel beläuft sich auf nur 38 Millionen Rubel, was aber 
immer noch hoch gerechnet erscheint Denn für 1900 belief sich 
nach Angabe der Reichskontrolle der Gewinn durch das Monopol 
blofs auf 5,2 Millionen Rubel. Wenn aber der Minister noch 1898 
meinte, den Branntweinhandel nur zu dem Zweck in seine iland 
genommen zu haben, um „den Mifsständen im Getränkehandel ein 
Ende zu machen*', so wird man wenigstens das Glück bewundern 



44 DRITTES KAPITEL 

müssen, das ihm in fünf Jahren eine Steigerung der Einnahme 
des Staates aus Steuer und Handel mit Getränlien um 166 Mil- 
lionen Rubel einbrachte. Für 1902 ist die Einnahme aus dem 
fiskalischen Branntweinverkauf, die Accise eingeschlossen, auf 
497,4 Millionen Rubel veranschlagt, eine Summe, die um so ge- 
waltiger ist, als das Jahr 1901, wie der Minister in demselben 
Budgetbericht sagt, „eine der am wenigsten günstigen Ernten'' ge- 
bracht hat Trotzdem hat der fiskalische Branntweinhandel in den 
ersten zehn Monaten von 1901 bereits den Voranschlag um 
31 V2 Millionen Rubel fiberschritten, so dafs in diesem Hunger- 
jahre der Staat über 500 Millionen Rubel aus dem Verbrauch an 
Getränken ziehen wird. Wenn man erwägt, dafs es sich fast nur 
um Branntwein handelt, so kann man sich der Vorstellung nicht 
verschlief sen, dafs dem Vorteil des Fiskus ein körperlicher und 
sittlicher Nachteil des Volkes gegenüberstehen mufs. 

Aufser dem Eisenbahnnetz und dem monopolisierten Brannt- 
weinhandel werden noch manche andere Einnahmequellen un- 
mittelbar staatlich ausgebeutet, wie Post und Telegraph, Forsten, 
Bergwerke, Domänengfiter u. s. w. Alle diese durch das Finanz- 
ministerium, Domänenministerium und Verkehrsministerium ver- 
walteten Staatsgüter und Regalien lieferten zusammen für 1901 
40 Prozent der ordentlichen Einnahmen in die Staatskasse 
(693,3 Millionen Rubel) und für 1902 gar 57 Prozent (1031 Mil- 
lionen). Sie bilden diejenigen Posten im staatlichen Budget, denen 
das Anschwellen desselben hauptsächlich zu danken ist Diesen 
Einnahmen stehen freilich entsprechende Ausgaben gegenüber: die 
Finanzverwaltung kostet nach dem Anschlage für 1902 etwa 
335,2 Millionen, die Verkehrsverwaltung 435,5 Millionen, zu- 
sammen 770,7 Millionen Rubel. Der Staatsbesitz aber und die 
Staatswirtschaft haben Verhältnisse angenommen, die in keinem 
andern Lande der Welt erreicht worden sind und sich den Idealen 
des Staatssozialismus nähern. 

Hierzu kommt, dafs die Reichsbank mit der ihr seit 1897 fiber- 
lassenen Notenemission und dem in ihr völlig konzentrierten 
Geldverkehr ganz in der Hand des Finanzministers ist; dafs die 
im ganzen Lande verbreiteten staatlichen Sparkassen mit gegen- 
wärtig mehr als 700 Millionen Rubel Einlage dazu benutzt werden, 
um vornehmlich 4prozentige Staatsrente in ihnen anzulegen, wo- 
durch diese 700 Millionen als eine Art schwebender innerer 



FINANZEN 45 

Anleihe des Staates erscheinen; dafs nach einer Verordnung des 
Jahres 1901 alle bäuerlichen Gemeindeltassen nicht mehr als 
50 Rubel bar aufbewahren dürfen, sondern das Mehr an die Staats- 
renteien zur Aufbewahrung zu übergeben haben. Nimmt man das 
alles zusammen, so erkennt man eine in der Hand des Ministers 
gesammelte finanzielle Gewalt, die ziemlich absolut genannt werden 
mufs. Seine Macht steigt noch durch die Art der Veranschlagungen 
in den Budgets. Die Einnahmeposten werden so niedrig veran- 
schlagt, dafs sich regelmäfsig Überschüsse ergeben, die als „freier 
Barbestand'' für unvorhergesehene Bedürfnisse vom Minister ver- 
wandt werden. So standen zu seiner Verfügung am 1. Januar 1895: 
352,1 Millionen Rubel, am 1. Januar 1900: 245 Millionen, am 
1. Januar 1901: 123 Millionen und am 1. Januar 1902 wieder 
240 Millionen. Wie diese Barmittel entstehen, ist nicht immer 
klar. Für 1902 aber giebt der Minister selbst an, dafs etwa 150 Mil- 
lionen aus neu emittierter 4prozentiger Rente bestehen. Jeden- 
falls kann man diese nicht zu den „Überschüssen'' zählen. Solche 
Summen geben einen guten Rückhalt für Jahre der Mlfsemten, 
selbst für chinesische Kriege und asiatische Bahnbauten. Solche 
Überschusse sind leuchtende Farben in dem Bilde des russischen 
Finanzwesens, für viele blendend genug, um sie als Beweis der 
grofsen und wachsenden Steuerkraft des Volkes gelten zu lassen. 
Ebenso blendend erscheinen die Ziffern des gesamten Staats- 
budgets. Nach den Angaben des Ministers betrugen die Ausgaben 
im Jahre 1889 867,5 Millionen; nach dem Bericht der Reichs- 
kontrolle wurden im Jahre 1900 ausgegeben: 1889 Millionen; für 
1902 sind veranschlagt: 1 946 572 000 Rubel. In den sechs Jahren 
von 1895—1900 stiegen die Ausgaben um rund 125 Millionen 
jährlich. Und diese Ausgaben wurden durch die Einnahmen nicht 
nur gedeckt, sondern liefsen noch erhebliche Überschüsse zurück, 
freilich ohne verhindern zu können, dafs alljährlich wenigstens 
eine Anleihe im Auslande nötig wurde. So haben wir im Jahre 
1901 im Mai eine Anleihe im Betrage von 348 Millionen Mark 
(435 Millionen Franken) und dann die verdeckte Anleihe durch Ver- 
kauf von Eisenbahnprioritäten im Betrage von 80 Millionen Mark 
erlebt, trotz des am 1. Januar 1901 vorhandenen freien Barbestandes 
von 123 Millionen Rubel, und trotz der vor weniger als Jahres- 
frist (Bericht zum Budget 1901) abgegebenen Versicherung des 
Ministers, dafs er einer Anleihe „zur Vollziehung des Staatsbudgets 



46 DRITTES KAPITEL 

für das künftige Jahr' nicht bedürfe". Ob zur Vollziehung des 
Budgets oder zur Befriedigung anderer Bedürfnisse, auf die wir 
noch zurückkommen werden: es sind immerhin Anleihen, die die 
Staatsschuld und den Goldtribut vergröfsem und auf den Glanz 
des Budgets einen Schatten werfen. 

Noch ein anderer Umstand ist bedenklich. Seit 1894 wurde 
die 4prozentige Staatsrente eingeführt, die keine jährliche Tilgung 
hat und hauptsächlich im Inlande zur Einlösung von Papieren mit 
höherer Verzinsung und mit Tilgung verwandt wurde. Bis zum 
Jahre 1900 hatte der Minister bereits für 2Vs Milliarden Rente 
untergebracht, und zwar im Inlande 1503 Millionen, wodurch an 
Amortisation jährlich 19,2 Millionen erspart werden. Die Parallele 
zu der französischen Rente träfe nicht zu angesichts des ümstandes, 
dafs Frankreich zwar eine ähnliche Schuldenlast wie Rufsland, aber 
unähnlich mehr Kapital hat; weil Rufsland kein Kapital hat, schiene 
es vorsorglicher, dafs an der laufenden Tilgung festgehalten würde, 
statt dafs mit der Rente immer mehr die Zukunft zu Gunsten des 
Augenblicks belastet wird. Indessen scheint der Minister dieses 
Papier ganz besonders zu begünstigen. Im Juli 1901 machte die 
Stsatsbank bekannt, dafs die Inhaber gewisser Eisenbahnanleihen 
und anderer 47] prozentiger Staatsobligationen aufgefordert werden, 
freiwillig diese Papiere gegen Rente einzutauschen. Der Sinn dieser 
Eröffnung scheint gewesen zu sein, dafs der Fiskus selbst als 
Inhaber eines bedeutenden Postens jener Papiere dadurch freie 
Hand bekam, sie gegen Rente umzutauschen und dann ins Aus- 
land zu verkaufen. — Es mufs eben auf alle Weise die Zahlungs- 
bilanz gehalten und Gold ins Land gezogen werden, um den Abflufs 
auszugleichen. Diesen Zweck hatte auch die folgende Mafsregel. 
Ein Ukas vom 4./16. Dezember 1900 bestimmte, dafs die Rente, 
soweit sie im Auslande und im Besitz fremder Unterthanen ist, 
von der Kapitalrentensteuer, der sie gleich anderen Wertpapieren 
in Rufsland unterworfen ist, befreit sein und aufserdem einige 
Vorteile in den Verkehrsformen geniefsen solle. Das heifst, die 
Rente soll dem ausländischen Markt mundgerecht gemacht, dem 
Rückströmen nach der Heimat vorgebeugt werden. Und alljährlich 
werden in aller Stille neue Serien dieser Staatsrente auf den Markt 
gebracht, so dafs die Gesamtsumme dieses Papiers sich auf 
2800 Millionen Rubel am Schlufs von 1901 belaufen dürfte. Damit 
verschwindet die Amortisation der Staatsschuld immer mehr. 



FINANZEN 47 

Zugleich wächst die Staatsschuld fortgesetzt schnell an und 
ebenso die Verpflichtung privater Bahngesellschaften an das Aus- 
land. GOLOWIN^ berechnete vor etwa einem Jahre die Summe 
aller Verpflichtungen, staatlicher und privater, an das Ausland, mit 
Einbegriff des in der russischen Industrie angelegten fremden Kapitals, 
auf 8Vs Milliarden Rubel. Lassen wir indessen die privaten Ver- 
pflichtungen beiseite und behalten nur die staatlichen im Auge. 
In dem Budgetberichte für 1902 giebt der Minister die Summe 
der Staatsschuld zum 1. Januar 1902 an mit 6497,3 Millionen 
Rubel. Dieser Summe stellt er die Kapitalanlagen des Fiskus 
und die sicheren Forderungen mit 4614,8 Millionen Rubel gegen- 
über als Aktiva des Staates, woraus sich eine wirkliche Schuld von 
blos 1882,5 Millionen Rubel ergeben würde. Danach hätte sich die 
Staatsschuld in den letzten 10 Jahren um 1143,8 Millionen Rubel 
vermindert Das ist sehr überraschend. Erstens stimmen diese 
Ziffern wieder nicht mit denen des offiziellen Organes'; in diesem 
sind verzeichnet 6469,7 Millionen Schulden und als Schuldrest 
des Fiskus nach Abzug der Aktiva 1331 V4 Millionen, also um 
551 V4 Millionen Rubel weniger als die vom Minister angegebenen 
Summen. Solche Differenzen machen die Veröffentlichungen frag- 
würdig. Noch fragwürdiger ist es, als Aktivum den Wert der 
Staatsbahnen mit 3551,6 Millionen Rubel aufgeführt zu sehen. 
Denn ihr Wert kann doch nicht blos nach den Baukosten ab- 
geschätzt, sondern es mufs die Verrentung in Betracht gezogen 
werden. Wir haben oben gesehen, dafs die Verrentung, die 4 Prozent 
betragen soll, aus den Mitteilungen der Staatsämter nicht ganz 
klar hervorgeht Sehen wir zu, wie dieser Kapitalwert von 
3551,6 MUlionen berechnet ist Ich führte schon an, dafs als Rein- 
gewinn der Eisenbahnen 400 Millionen Franken aufgeführt werden.^ 
Diese 150 Millionen Rubel zu 4 Prozent kapitalisiert, macht 
3750 Millionen Rubel, also mehr als der Ministerialbericht ansetzt 
Der Minister sagt aber in demselben Bericht, die Reineinnahmen 
von den Staatsbahnen seien „klein'', was man getrost in „nicht 
vorhanden'' übersetzen darf. Die Bahnen haben eben in Wirklich- 
keit keinen Reingewinn abgeworfen und ihre Verzinsung nur müh- 
sam aufgebracht Die asiatischen Bahnen verschlimmem diese 

* GOLOWIN, a. a. 0., S. 67. 

* Bulletin, S. 9 und 545 ff. 
' Bullelin, S. 9. 



48 DRITTES KAPITEL 

Lage. Das Aktivum von 3551,6 Millionen schwebt demnach etwas 
hoch in der Luft Ein zweiter Posten sind die Annuitäten der Privat- 
bahnen, die aber nur 22 Millionen Franiten oder SVs Millionen Rubel 
ausmachen. Im dritten Posten sind die bäueriichen Loskaufscheine 
(Land Obligationen) mit mindestens 33^4 Millionen Rubel oder 
90 Millionen Franken aufgeführt Auch dieser Posten ist bedenk- 
lich, wenn man erfährt, dafs nach Mitteilungen der Reichsrentei 
die Rückstände an diesen sogenannten Loskaufszahlungen sich 
am 2. Januar 1901 auf 250 Millionen Rubel beliefen, während die 
gesamte für 1900 veranlagte Loskaufsumme nur 77,7 Millionen 
betrug. Also für 1900 mehr als die dreifache Quote an Rück- 
ständen. Ebenso zweifelhaft erscheint die Annahme, dafs diese 
Loskaufszahlungen in Zukunft steigen werden, wenn man die 
L^ge der Bauern erwägt, auf der sie beruht Der letzte Posten ist 
der fünfte, welcher 214561500 Rubel als Saldo des Fiskus in 
seinem Verkehr mit der Staatsbank aufweist Wenn dieser Saldo 
auch als Aktivum gelten mag, so ist zu bemerken, dafs dabei die 
Hauptrolle der Goldschatz des Staates mit 648 Millionen spielt 
Dieser Schatz bildet bekanntlich die Sicherheit für die schwebende 
Banknotenschuld von 630 Millionen Rubel, und er sowohl wie die 
gesamten Bankoperationen des Staates sind stetem Wechsel unter- 
worfen, können also nicht einer festen Kapitalsicherheit zur Grund- 
lage dienen. Uge die russische Staatsschuld ganz oder zum 
gröfsten Teil im L^nde, so wäre sie dem Staatskredit und der 
neuen Goldwährung nicht gefähriich. Allein sie liegt zum gröfseren 
Teil im Auslande und mufs mit Gold verzinst und getilgt werden. 
Und sie vermehrt sich alljährlich, im Lande durch neue Emissionen 
der 4prozentigen Rente, im Auslande durch Anleihen und Verkauf 
von Bahnobligationen. Im Liiufe des Jahres 1901 wurden aufser 
der schon angeführten französischen Anleihe von 435 Millionen 
Franken auch Obligationen einiger Privatbahnen im Betrage von 
80 Millionen Mark in Berlin verkauft, denen weitere Millionen 
folgen dürften; wenigstens sollten nach dem Voranschlage des 
Budgets für 1901 nicht nur 80 MUlionen Mark, sondern 82 Millionen 
Rubel solcher Obligationen zur Ausgabe gelangen, die der Minister 
schwerlich wird im Kasten liegen lassen, nachdem jener TeU von 
80 Millionen Rubel leicht Käufer gefunden hat. Seit 1894 waren 
von solchen Bahnprioritätien nach Berlin schon für 900 Millionen 
Mark gewandert Sind es auch private Schuldscheine, so werden 



FINANZEN 49 

sie doch vom Staat garantiert und mehren den Goldtribut an 
das Ausland; es sind eben nur verdeckte äulsere Staatsanleihen. 
Dem Abflufs des Goldes, soweit er nicht durch die Handelsbilanz 
gedeckt wird, mufs immer wieder auf den drei alten Wegen 
entgegengetreten werden: Anleihen, Verkauf von Werten, Herein- 
ziehung von Kapital für industrielle Anlagen. Schon ist eine 
Wendung in dem Goldstande zu bemerken. In seinem Budget- 
bericht für 1901 gesteht der Minister, dals, nachdem der Gold- 
vorrat des Landes seit Jahren stetig gewachsen, er sich im 
Jahre 1899 um 24,6 Millionen, 1900 bereits um 74,1 Millionen 
vermindert habe. Das hätte nun freilich wenig zu sagen gegen- 
über einem Goldvorrat der Staatsbank, der immer noch über 
700 Millionen betragt Allein die Möglichkeit ist nicht aus- 
geschlossen, dafs der Abflufs weiter zunimmt und damit eine 
Zahlungsbilanz bewirkt, die die neue Goldwährung erschüttern 
könnte. Das aber hängt nicht mehr ganz von der wenn auch noch 
so gewaltigen Kraft eines Mannes, sondern zuletzt von der Ent- 
wicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse ab. Die Ausfuhr ist seit 
1887 bis in die letzten Jahre sich im Wert gleich geblieben und be- 
wegte sich um 700 Millionen Rubel; die Einfuhr bewegte sich zwi- 
schen 500 und 600 Millionen. In der Einfuhr nimmt den ersten 
Platz Metall ein, roh und verarbeitet, und zwar wurde davon im 
Jahre 1893 nur für 90,2 Millionen eingeführt, mit dem Abschlufs der 
Handelsverträge aber stieg dieser Posten sofort auf 137,2 Millionen 
im Jahre 1894 und ist 1898 auf 171,8 Millionen angelangt Es 
wurden Maschinen und anderes Material für industrielle Anlagen 
eingeführt und daneben landwirtschaftliche Maschinen, d. h. es wur- 
den bedeutende Ausgaben verwandt auf Dinge, deren Nutzen sich 
erst erweisen mufs. Seit dem industriellen Krach von 1898 ist 
diese Einfuhr gesunken. Die Gesamtausfuhr zeigte infolge der 
Mifsjahre von 1897 und 1898 einen Rückschritt, ist aber in den 
ersten 11 Monaten des Jahres 1901 wieder gestiegen. Nach wie 
vor spielt die ilauptrolle in der Ausfuhr das Getreide, und das 
trotz der Mifsemte dieses Jährte. Indessen sind auch die An- 
gaben über die tlandelsbilanz Rufslands für die letzten Jahre nicht 
übereinstimmend.^ Wie dem auch sei, es bleibt Thatsache, dafs 

^ Die Newyorker Handelsstatistik weist in ihren Tabellen für das Jahr 1900 
in der russischen tlandelsbilanz einen ünterschufs von 12 Mill. Dollars auf, welche 
Angabe indessen gegenüber anderen Ausweisen nicht haltbar zu sein scheint. 

T. 9. BxOiaeiv, Rnßlsnd. ^ 



50 DRITTES KAPITEL 

die Ausfuhr nur durch künstlichen Antrieb auf der nötigen flöhe 
erhalten werden kann. Der Budgetbericht für 1902 giebt an, dals 
im Vergleich zu dem ungünstigen letzten Jahrfünft die Ernte von 
1901 einen Ausfall von 236 Millionen Pud ergeben habe. Ist das 
richtig, so müfste, damit das für die Volksnahrung nötige Korn 
im Lande bleibt, die Ausfuhr etwa um die fiälfte geringer sein als 
in den letzten Jahren. Statt dessen ist sie in den elf ersten 
Monaten von 1901 um rund 100 Millionen Pud oder 34 Millionen 
Zentner gestiegen. Nach aller Statistik müfste das russische Volk, 
wenn es so weiter geht, in einigen Jahren einfach aussterben. 
So ungenau diese Berechnungen sein mögen, so wird man gerade 
dieser Erklärung des Ministers gewifs glauben dürfen, dafs die 
Ernte von 1901 „eine der am wenigsten günstigen" war. Was 
das für ein Volk zu bedeuten hat, das seit zehn Jahren zu einem 
grofsen Teil am Hungertuche nagt, wird jedermann einsehen. 
Das Brot wird heute ins Ausland verkauft, und im nächsten Früh- 
ling ist es im Lande so teuer, dafs der Bauer es nicht kaufen 
kann. Indessen haben auch diese Mifsverhältnisse eine Grenze. 
Die Kornausfuhr wird sich nicht mehr auf der bisherigen Höhe 
halten lassen und die Handelsbilanz wird ungünstiger werden. 
Wenn der Minister mit Recht auf seine finanziellen Erfolge mit 
Stolz hinweisen darf, so wird man ihm doch nur schwer bis zu 
der Überzeugung folgen können, dafs diese Erfolge die „ün- 
erschütteriichkeit des russischen Staatshaushaltes" klar beweisen. 
Der Staatskredit Rufslands ist gut und in sehr fester Hand. Er 
wird unterstützt durch den in Europa geltenden Glauben an die 
unerschöpflichen Naturschätze und die Grölse des Reiches. Diese 
Meinung ist gestützt auf einige unbestreitbare Thatsachen. Das 
Vermögen des russischen Staates ist sehr grofs. Aufser seinen 
Eisenbahnen, Domänen, Minen besitzt er in Europa und Asien an 
Forsten 238 Millionen Dessätinen oder 255730000 ha, die im 
Jahre 1900 einen Ertrag von 41 Millionen Rubel abwarfen; für 
1902 ist der Ertrag mit 63 Millionen veranschlagt Das ist wenig 
im Vergleich zu andern Ländern. Die Staatsforsten von Preufsen, 
Bayern, Württemberg, Baden und Hessen umfassen zusammen nur 
über 4 Millionen Dessätinen oder etwa 4,3 Millionen Hektar, gaben 
aber einen Reinertrag von 37—40 Millionen Rubel.* Immerhin 



^ Radzig, Vortrag im Verein der ölconomisten in Petersburg 1902. 



FINANZEN 51 

aber haben die Staatsforsten des europäischen Rufsland einen sehr 
bedeutenden Wert, der von Jahr zu Jahr steigt — Die Kirche hat 
in Klöstern und Kirchen grofse Schätze an Edelmetall und Edel- 
steinen. Setzt man dieses staatliche und kirchliche Vermögen der 
Summe der Staatsschuld entgegen, so scheint diese letztere sehr 
an Bedrohlichkeit zu verlieren. Allein es hat für die Volkswirt- 
schaft wie für die Finanzkraft des Staates doch nur das lebende, 
das fruchtbringende Vermögen praktischen Wert, und weder die 
Juwelen der Kirche noch die Wildnisse Sibiriens tragen etwas ein. 
Der Minister überschätzt daher vielleicht den Kredit des Staates, 
indem er (Budgetbericht für 1902) erklärt, derselbe „bedürfe keiner 
speziellen Sicherstellung^ Die Franzosen scheinen gegenwärtig 
diese Meinung nicht mehr zu teilen; wie man sagt, hat Herr Witte 
im Winter 1901 auf 1902 ihre Forderung von Spezialpfändem für 
eine neue Anleihe abgewiesen und die Anleihe von 181 Millionen 
Rubel deshalb in Deutschland und ilolland untergebracht Hier 
aber liegt denn doch ein Spezialpfand zu Grunde in der chinesi- 
schen Kriegsschuld, und es wird sich in nicht langer Frist zeigen, 
ob Herr WfTTE an seinem stolzen Standpunkt, für neue Anleihen 
reiche der allgemeine Staatskredit aus, wird festhalten können 
Die beiden Minister WYSCHNEGRADSKI und WITTE haben der Staats- 
wirtschaft eine gewaltige Ausdehnung verliehen, sowohl in direkter 
Verwaltung als durch den Einflufs, den der Staat auf die private 
Wirtschaft ausübt Es fragt sich nur, wie weit sie den wirt- 
schaftlichen Wohlstand vorwärts gebracht haben, auf dem die 
Staatswirtschaft und die Staatsfinanzen zuletzt doch ruhen. Und 
hier stehen einander die Meinungen zweier Autoritäten schroff 
gegenüber. Der Minister Witte erklärte im November 1899 und 
erklärt immer wieder in seinen öffentlichen Darlegungen die Finanz- 
lage Rufslands für fest begründet Er hält die wirtschaftliche Lage 
des Volkes für gut, denn, meint er, eine so glänzende finanzielle 
Lage sei bei damiederiiegendem Erwerbsleben nicht möglich. Und 
der Geheimrat ScfiWANEBACfl, einer der hervorragendsten Räte und 
früherer Mitarbeiter desselben Ministers, sagt über die beiden 
grofsen Gebiete des wirtschaftlichen Lebens, Industrie und Acker- 
bau, folgendes^: „Bei der gegenwärtigen Sachlage vermag unsere 
ungenügend entwickelte Industrie schweriich die feste Stütze der 

* S. 231, a. a. 0. 

4" 



52 DRITTES KAPITEL, FINANZEN 

Valuta zu bilden, die sie nach dem Plan der Geldreform sein 
sollte. Eher darf man die Besorgnis hegen, dafs die industriellen 
Schwierigkeiten die ohnehin nicht leichte Aufgabe, die Valuta end- 
gültig sicher zu stellen, noch komplizieren werden/' 

So stehen sich zwei autoritative Stimmen gegenüber. Was Herr 
Witte unternommen hat, ist so gewaltig, dafs noch kein Staats- 
mann jemals Ähnliches versucht, geschweige denn durchgeführt 
hat Herr WITTE ist ohne Zweifel eine aufserordentliche Kraft und 
besitzt die Macht, seine Kraft in ungewöhnlichem Mafse zu ent- 
falten. Aber er leistet, wie wir weiter unten sehen werden, grofsen- 
teils mehr Danaidenarbeit, als Herkulesarbeit Er ist nicht Diktator, 
und hat mit anderen Kräften zu rechnen, die sich ihm vielfach 
hindernd entgegenstellen. WYSCflNEGRADSKl ist unter der Last der 
Arbeit körperlich zusammengebrochen. Wenn die Kräfte des Herrn 
Witte versagten, wenn er heute oder morgen sein Amt niederlegen 
müfste — was dann? Wer vermöchte seine Erbschaft anzutreten? 
Auch ihm wird es schwerlich gelingen, das russische Volk über 
Jahrhunderte der langsamen kulturlichen Entwlckelung, wie Europa 
sie gegangen ist, mit einem kühnen Sprunge hinwegsetzen zu lassen. 
Die scharfen Reizmittel, die er in etwas mechanisch äufserlicher 
Weise anwendet, steigern die Blutleere, an der das Volk krankt 
trotz der mit Gold gefüllten Kassen des Staates. Die glänzenden 
Finanzen können die verhängnisvolle Thatsache nicht verdecken, 
dafs das Reich in Gefahr ist, aus Entkräftung grofsen Um- 
wälzungen entgegen zu gehen. 

Ich werde mich in den folgenden Kapiteln bemühen, den Ur- 
sachen dieser Gefahr, die uns schon im vorhergehenden Kapitel 
im Zusammenhang mit der äufseren Politik entgegentrat, auch in 
den inneren Verhältnissen nachzuspüren. 




VIERTES KAPITEL 

INDUSTRIE 

Öer gewaltige Aufschwung, den die Industrie in Europa und 
Amerika genommen hat, ist in verhältnismäfsig liurzer Frist 
vor sich gegangen. Die Formen und die Mafse, die wir heute 
anstaunen, reichen mit ihren Anfängen doch nur bis zur Mitte 
des vorigen Jahrhunderts zurficli, bis zu der Zeit, da nicht blos 
die maschinelle Technik durch die Anwendung der Dampfkraft sich 
vervollkommnet hatte, sondern auch durch Dampfschiff und Eisen- 
bahn die Möglichkeit gegeben war, die vermehrten industriellen 
Erzeugnisse schnell, in grofsen Mengen und auf weite Entfernung 
hin in Verkehr zu bringen. Die Revolution des Dampfes fand in 
Europa und in dem rein europäisch geschulten Amerika Bedingungen 
vor, die eine lange kulturiiche Entwicklung vorbereitet hatte; ohne 
deren Vorhandensein wäre es sicherlich nicht möglich gewesen, so 
jählings das ganze wirtschaftliche Leben der Völker umzuwandeln. 
Auch vor der Dampfmaschine gab es eine Industrie. Das Mittelalter 
hatte sein sehr entwickeltes Gewerbe, die Manufaktur war längst 
vor Watt und Stephenson zu hoher Blüte gelangt Das städtische 
Gewerbe hatte längst eine Menge Städte zu Bifite und Wachstum 
gebracht, hatte einen zahlreichen gebildeten Stand sich aus- 
scheiden lassen, in dem Kunst, Wissen und Technik gepflegt wur- 
den und sich vererbt hatten. Die Dampfmaschine war ja doch 
nur ein Mittel, eine freilich gewaltige Kraft, mit der die vorhandene 
Industrie ihren Gang beschleunigen konnte; die gewerbliche Vor- 
bildung, das wirtschaftliche Bedürfnis, die Art seiner Befriedigung 
waren in der Hauptsache schon vorher da und machten die schnelle 
Anwendung und Entwickelung der mit Dampf und Elektrizität arbei- 
tenden neuen Technik erst möglich. Ebenso alt waren die Wege 



54 VIER TES KA PIXEL 

des tlandels, die die Dampfmaschine vorfand, und endlich folgte 
die industrielle Revolution aberall und genau den Goldadern des 
Kapitals, der Menge des in den Ländern angehäuften Geldes. Eng- 
land, das nach den napoleonischen Kriegen als alleiniger see- 
mächtiger flandelsmann nachgeblieben war und seine Monopol- 
stellung zur Ansammlung grofser Reichtumer benutzte, England 
war auch am ersten in der Lage, die neuen Erfindungen und Ent- 
deckungen praktisch auszunutzen, eben weil es dazu das nötige 
Geld hatte, und so ist das Wachstum der Industrie auch weiter 
genau hinter der Ansammlung von Kapital hergegangen: so in Frank- 
reich, Belgien, Dänemark, Amerika, und so auch in Deutschland nach 
seiner Einigung und dem Milliardenregen von 1871. Kurz, zum 
Emporblähen der Industrie in unserer Zeit gehören auch in von der 
Natur dazu gut ausgestatteten Ländern als Vorbedingungen drei 
Dinge: gewerbliche Schulung des Volkes, Kapital, und ein kräftiges 
Bürgertum. Welche dieser Bedingungen waren nun erfüllt, als 
Herr WrfTE daran ging, Rufsland industriell zu emanzipieren? 

Bis 1861, dem Zeitpunkt der Bauernbefreiung, gab es im eigent- 
lichen Rufsland fast keine Industrie aufser der landwirtschaftlichen. 
In Moskau, Tula, Petersburg, Odessa bestanden einige Tuchfabriken, 
einige Eisenwerke, Baumwollfabriken u. s. w., aber die grofse Masse 
der gewerblichen Bedürfnisse des Volkes wurde von der in den 
Dörfern und auf den Gütern schaffenden Hausindustrie befriedigt 
Noch vor 30 Jahren fror der Bauer in den Kohlengebieten des 
Ostens in seiner Hütte, weil er kein Brennmaterial kaufen konnte, 
während die Steinkohle unbenutzt vor der Hütte zu Tage lag. Mit 
den Eisenbahnen mehrten sich wohl die Bedürfnisse, aber den 
stärksten und ersten Anstofs erhielt die Nachfrage nach den kom- 
plizierteren Erzeugnissen des industriellen Europa doch erst in- 
folge der Ablösung der bäuerlichen Hörigkeit, die es dem Bauern 
ermöglichte, zum städtischen Arbeiter zu werden. Der Bauer 
brachte keinerlei gewerbliche Schulung in die Stadt mit aufser der, 
die er etwa als Hofesschmied, Tischler, als Klöpplerin, Stickerin 
u. dergl. im Gutshof erlangt hatte. Die Hausindustrie auf den 
Gutshöfen verfiel von dem Augenblick an, wo die sogenannten 
Hofleute als Freie die Höfe vertief sen; die Dorfindustrie, die hier 
und da ganze Dorfschaften und Kreise mit Wagenbau, mit 
Fertigen von Krummhölzern, Heiligenbildern, Holzlöffeln, mit Weben 
rohester Stoffe beschäftigt hatte, begann fast überall dort zu verfallen, 



INDUSTRIE 55 

wo die Eisenbahn die städtische Konliurrenz hinbrachte. Es gab in 
Rufsland — ich rede vom russischen Rufsland, nicht von den er- 
oberten Fremdländem — sehr wenig nutzbare gewerbliche Schulung 
aulser der, die bei der rohesten Arbeit am Webstuhl, am Spinn- 
rocken, mit Sage und Beil, mit Nadel und Messer erworben werden 
konnte; es gab fast keine anderen Arbeiter als einfache Acker- 
knechte. Oft allerdings von einer erstaunlichen Fähigkeit, sich mit 
den einfachsten Werkzeugen in allen möglichen Lagen zurecbt zu 
finden, aber doch nur mit der natärlichen Anstelligkeit, die für die 
rohesten Lebensbedürfnisse genügt, weit verschieden von dem 
stadtischen Handwerker, wie er in Deutschland schon im 14. Jahr- 
hundert, ja im 11. bereits zu finden ist Es gab eben noch kein 
festes städtisches Handwerk, wie es überhaupt kein Bürgertum, 
kein Städtewesen von irgend welcher sozialen Bedeutung gab. 
In dem halben Dutzend Städten, die mehr als 50000 Einwohner 
zählten, lag das Gewerbe fast ganz in den Händen Fremder; nur 
im Handel hatte sich der Russe feste Stellung erworben, und auch 
da nur im Binnenhandel, aller Aufsenhandel gehörte Deutschen, 
Engländern, Holländern u. a. 

Zwischen 1861 und 1895 änderte sich hierin einiges, und zwar 
hauptsächlich infolge der plötzlichen Änderung in den agraren Zu- 
standen. Die Aufhebung der Leibeigenschaft hatte eine Menge 
Arbeitskräfte frei gemacht, und gleich darauf flössen viele hundert 
Millionen an Ablösungsgeldern und Darlehen des Staats an den 
Grundadel ins Land. Man begann zur Stadt zu ziehen, der Adel 
mit dem Gelde, der Bauer mit der Arbeitskraft, und das war der erste 
Anstofs zu industriellen Unternehmungen. Aber diese erste Welle 
verlief im Sande. Alles erwies sich nur als ein künstliches Auf- 
schäumen, eingepumpte Kohlensäure, durch diesen Millionenregen 
entstandener Schwindel, der weder eine solide Industrie, noch ein 
arbeitsames Bürgertum, noch fruchtbares Kapital hervorbrachte. Das 
Kapital ging meist verloren, von den Gründungen gediehen sehr 
wenige, aber das Bedürfnis nach Industriewaren und deren Import 
stieg ständig. Aus der agraren Revolution von 1861 erwuchs 
nichts Neues, keine neue arbeitende Klasse, kein kapitalkräftiges 
Bürgertum, und da beides die Voraussetzung für das industrielle 
Wachstum ist, so konnte es mit der Industrie im Innern des 
Reiches nicht recht vorwärts gehen. Um so schneller erblühten 
die fremdsprachigen Grenzländer, besonders Polen, und es kam 



56 VIERTES KAPITEL 

soweit, dafs man zum Schutz der russischen, besonders der 
Moskauer Industrie nach einem Binnenschutzzoll gegen die west- 
lichen Provinzen verlangte. In der mechanischen, kurzsichtigen 
Weise, die dem grünen Tisch eigen ist, meinte die Regierung es 
erzwingen zu können, dafs die fast ganz aus fremdländischem Ma- 
terial und durch fremde Werkleute an der Westgrenze empor- 
wachsende Industrie die Grenzprovinzen überspringen und sich 
gleich im Zentrum, am Ural, Donez, wo Eisen und Kohle bei der 
Hand lagen, niederlassen sollte. Die deutschen oder belgischen 
Unternehmer weigerten sich oft, Fabriken an Orten anzulegen, wo 
zwar das Rohmaterial zur Stelle war, wo es jedoch völlig an vor- 
geschulten Arbeitern, besonders Handwerkern gebrach; schon die 
Reparatur eines Dampfkessels wurde sehr schwierig, sie war oft 
nicht eher möglich, als bis Reserveteile aus England oder Deutsch- 
land herbeigeschafft waren. Starb ein Maschinist, so konnte die 
Fabrik an der Wolga wochenlang stillstehen, ehe ein Ersatzmann 
aus Europa beschafft war, während in Lodz der Ersatz leicht 
zu haben war, dank der nahen Grenze und der starken, deutschen 
Einwanderung. So roh, für die Industrie ungeschult der russische 
Bauer war, man hätte ihn vielleicht durch fremde Werkführer 
allmählich zu einem tüchtigen Arbeiter erziehen konnte. Indessen 
waren da noch andere Übelstände zu beachten, die an sich ge- 
nügend waren, um eine Konkurrenz des russischen Fabrikarbeiters 
mit dem europäischen unmöglich zu machen. Der eine Obelstand 
war, dafs der russische Bauer gewöhnt war, im Durchschnitt im 
Jahr 90 und mehr Feiertage zu haben, und dafs er also einem so 
steten Arbeiten, wie die Fabrik es fordert, sich schwer anbequemte; 
dafs ferner auch Staat und Kirche nicht gestatteten, ihre vielen 
Feiertage zu mifsachten. Denn in Rufsland giebt es weit mehr 
Anlässe, von der Arbeit auszuruhen, als anderswo. Vergleicht 
man die Kalender miteinander, so ergiebt sich im Jahre an Sonn- 
und Feiertagen, den roten Kalendertagen, für: 

das protestantische Deutschland ... 58 
„ katholische „ . . 65 

,, orthodoxe Rufsland 94 

Denke man sich nun eine Fabrik in Elberfeld, die 36 Tage im Jahr 
mehr feiert als ihr Konkurrent in Barmen, so wird man die Aktien 
jener Fabrik wahrscheinlich nicht hoch einschätzen. 

Dazu kommt weiter, dafs der russische Bauer im russischen 



INDUSTRIE 57 

Rufsland mit wenig Ausnahmen Glied der Dorfgemeinde und als 
solcher Besitzer einer Hütte und eines Fetzens Land in der Gemeinde- 
flur ist Verläfst er das Dorf, um als Arbeiter in eine Moskauer 
Fabrik zu gehen, so hängt Ihm der Faden doch stets am Bein, der 
ihn zurückzieht in sein Heimatsdorf. „Was wollen Sie,'' rief mir 
einmal einer der ersten Industriellen Moskaus zu, „was wollen Sie 
mit diesen Leuten machen, es sind ja alles Gutsbesitzer! Der beste 
von ihnen erlernt im Laufe einiger Jahre die Leitung einer Maschine 
in meiner Weberei, man kann mit ihm was leisten und giebt ihm 
mehr als den elenden Lohn, den der gewöhnliche Arbeiter wert 
ist In einigen Jahren hat er 200 oder 300 Rubel erspart, dann 
bittet er um seine Entlassung, um nach seiner Hütte und Wirt- 
schaft zu sehen, und zieht ab. Im Dorf ist er der reiche Mann, 
der Residenzler, und spielt eine Rolle, solange der Sparpfennig 
reicht Ein Jahr Ist vergangen oder zwei, da erscheint Trifon 
wieder bei mir, verbeugt sich „bis zur Erde" und bittet wieder 
um Anstellung. „Väterchen Karl Iwanowitsch, der alte Trifon 
ist wieder da'' — und wieder „bis zur Erde". Inzwischen sind neue 
Maschinen eingeführt, Trifon hat auch in den zwei Jahren an seiner 
Geschicklichkeit eingebüfst, und er mufs von neuem zu lernen an- 
fangen. So kann er es selten zu besseren Stellungen bringen." 
Und dazu kommt, dafs sein Land im Dorf oft nicht so viel trägt, 
um die Abgaben zu bezahlen, und er also von seinen Ersparnissen 
zuschiefsen mufs, aber doch auch wieder von dem Klotz am Fufs 
schwer loskommen kann. Er ist halb Bauer, halb Fabrikarbeiter, 
und daher beides schlecht 

Endlich hat man mit bureaukratischer Gewaltsamkeit die wenigen 
gewerblich etwas vorgeschulten Kräfte, die im Lande waren, nicht be- 
rücksichtigt Noch heute giebt es grofse Dörfer, in denen Tausende von 
Bauern als Messerschmiede, andere, in denen sie sich als Tischler 
ernähren. Statt hier zu unterstützen, anzuknüpfen, zu entwickeln, 
hat man diese Leute in der Hand von Ausbeutern zu Bettlern werden 
lassen. Diese und manche andere Umstände mufsten daran zweifeln 
lassen, ob eine blühende, gesicherte Industrie hervorwachsen könne, 
ehe der Boden dazu vorbereitet, die sozialen und wirtschaftlichen 
Hemmnisse beseitigt waren. Man hatte in Japan eben ein Beispiel 
vor Augen, wie ein völlig abgeschlossenes Volk plötzlich der euro- 
päischen Zivilisation sich erschlofs und im Verlauf von ein paar 
Jahrzehnten dazu gelangte, der industriellen Selbständigkeit sehr 



58 VIERTES KAPITEL 

nahe zu kommen. Aber dieses Beispiel pafst nicht auf Rufsland. 
Japan hatte keine industriellen Grofsbetriebe, aber es hatte längst, 
ehe der erste Dampfkessel dorthin kam, ein reiches gewerbliches 
Leben; das Handwerk war sehr alt, sehr vervollkommnet, das Kunst- 
gewerbe blühte auf manchen Gebieten seit Jahrhunderten, eine 
geschulte Arbeiterschaft war zahlreich vorhanden, kurz es hatte 
seine Art von alter Kultur und eine sehr arbeitsame, erwerbsame 
Bevölkerung. In alledem steht Rufsland durchaus hinter Japan 
zurück. Der russische Arbeiter war von dem Verständnis für 
europäische Industrie weiter entfernt als der japanische, und der 
russische Unternehmer hatte weniger Befähigung zur Leitung einer 
Fabrik als der Japaner. Und er hat auch wenig Geld. 

Dieser Mangel an Geld war unter den vorhandenen Übel- 
ständen derjenige, welchem noch am ehesten konnte abgeholfen 
werden. Weder ein geschulter Arbeiterstand, noch ein unter- 
nehmender Bürgerstand konnten über Nacht aus diesem städte- 
losen Ackerboden gestampft werden. Wollte man warten, bis nach 
Jahrzehnten vielleicht die wachsende Landbevölkerung in die Städte 
drängen, neue Städte und in ihnen bürgerliches Gewerbe .gründen 
würde; wollte man den natürlichen Gang gehen, das Handwerk, 
die Manufaktur sich langsam entwickeln lassen, wie es in Europa 
geschehen war, so lief man Gefahr, dafs ein russisches Bürgertum, 
ein russisches Gewerbe überhaupt nicht zum Dasein gelangte. 
Denn der Vorsprung Europas war so grofs, dafs das russische 
Gewerbe erdrückt worden wäre, sei es durch Einfuhr von fremden 
Waren, oder durch Einwanderung fremden gewerblichen Bürger- 
tums, wie es vor vielen hundert Jahren in Polen geschehen war. 
Ganz ohne fremde Waren und fremde Menschen konnte man natür- 
lich an einen industriellen Aufschwung nicht denken; aber sich 
ganz in fremde Hände zu geben und lauter Städte wie Lodz ent- 
stehen zu sehen, das konnte man doch auch nicht über sich ge- 
winnen. Das polnische Beispiel war für das russische Bewufstsein 
nicht veriockend, und, wie mir scheint, für das deutsche oder 
belgische oder französische auch nicht Denn nachdem die Deutschen 
im 12. und 13. Jahrhundert in Polen blühende Städte geschaffen 
hatten, wurden sie zum gröfsten Teil wieder verdrängt und ver- 
trieben, und die Städte wurden zu den^ Judennestern, die sie meist 
noch heute sind. 

Die russischen Finanzminister WYSCüNEGRADSKi und nach ihm 



IND USTRIE 59 

Herr WITTE entschlossen sich, mit Aufwand von Geld Rufsland 
industriell zu emanzipieren. Ohne Bürgertum und ohne Arbeiter 
wagte man den Kampf mit der europäischen Industrie und dem 
europäischen Kapital aufzunehmen. Und das nötige Geld? Der 
Staat hatte kein überflussiges Kapital, das Volk wenig: man mufste 
also mit fremdem Kapital vorgehen, man mufste daneben das wenige 
einheimische zu industriellen Unternehmungen antreiben. Herr WrrTE 
äufserte sich in einer am 1./13. März 1899 gehaltenen Rede über 
seine Pläne folgendermafsen : „Unumgänglich ist die breiteste 
Herbeiziehung von Kapital in die Industrie. Bedauerticherweise 
haben wir in ungenügender Menge eigenes freies Kapital. Der Land- 
bau gewährt davon fast nichts; Kapitalien, die irgendwo unterm 
Scheffel liegen, bleiben unbeweglich, obgleich sie leicht die Mög- 
lichkeit hätten, grofsen Gewinn zu bringen, und es gelingt nicht, 
sie schnell an Gottes Licht zu ziehen. Wir müssen daher das reiche 
und billige fremde Kapital benutzen. Auf diesem Wege verkürzt 
sich die schwere Periode des Aufenthalts in der Schule, und die 
Schule selbst verbessert sich durch das Eindringen eines weiteren 
Standes der technischen Kenntnisse, eines breiteren industriellen 
Schwunges, eines thätigeren Wettbewerbes. In solcher Schule kann 
man nicht schlummern, man mufs arbeiten und arbeiten. Freilich 

wird man diese Hilfe fremden Kapitals nicht billig bezahlen 

Andererseits zeigt die einfache Arithmetik den ganzen Vorzug der 
Einfuhr fremden Kapitals vor der Einfuhr fremder Waren.'* Das 
war offenbar schon im Jahre 1894 das Programm des Ministers 
als er die gesamte innere Schuld in 4 prozentige Papiere, und dann 
in 4 prozentige untilgbare Staatsrente zu konvertieren begann. Die 
nächste Wirkung der Konversion war das Strömen des Kapitals 
zur Börse, wo es nach höher verzinster Anlage suchte und das 
erste Industrielle Gründungsfieber entzündete. Dazu kam neuer 
Brennstoff von oben, von der Regierung, seit sie Anleihe auf An- 
leihe an den ausländischen Markt brachte, seit sie mit vollen 
Händen Geld ins Land warf, wovon ein grofser Teil zur An- 
spomung der Industrie diente. Vor allem geschah das in der 
Welse, dafs das Eisenbahnnetz mit Eifer erweitert wurde. Jede 
neue Bahn rief neue oder verstärkte Bedürfnisse nach Schienen, 
nach rollendem Material, nach Kohlen, nach Bauten, Hochbauten, 
Brückenbauten, Telegraphen hervor, und diese Bedürfnisse zogen 
die Errichtung von Fabriken und Werkstätten aller Art nach sich. 



60 VIER TES KA PITEL 

Oberall bildet die Eisenindustrie den i1aup4)feiler des modernen 
industriellen Baues; blüht sie, so ist anzunehmen, dars es der 
Industrie des Landes im ganzen gut geht; stockt sie, so stockt es 
in dem allgemeinen Erwei1>e, und es ist daher die Hauptsorge jeder 
Regierung, die Eisenindustrie in gutem Gang zu halten. Das war 
auch stets die Sorge des russischen Ministers, und so marschierte 
der Staat voran an der Spitze einer nicht abreifsenden Kette von 
Unternehmern, der Staat voran als grOfster von ihnen allen mit 
seinen Bahnbauten, seinen Eisenwerken, seinen Lokomotivfabriken 
und seinen Waggonfabriken, voran allen anderen, den chemischen 
Fabriken, Zementfabriken u. s. w., die sich daran schlössen. Unter 
seiner Fuhrung schössen fiberall die Fabriken empor, am zahl- 
reichsten natfiriich im zentral liegenden Gebiet von Moskau und 
Wladimir, femer in dem an Eisen und Kohle reichen Donezgebiet, 
dann in den grofsen Haf enplätzen , wo fremde Technik, englische 
Kohle erreichbar waren, und in Polen, wo deutsches und jüdisches 
Kapital, wo schlesische Kohle nahe zur Hand waren. 

Zwischen 1894 und 1899 wurden 927 Aktiengesellschaften 
konzessioniert mit einem genannten Kapital von 1420 Millionen 
und einem nach der Annahme Schwanebachs wirklich verwandten 
Kapital von 560—600 Millionen Rubel. Die industrielle Produktion 
steigerte sich in entsprechendem Grade, denn sie stieg von 
541 Millionen im Jahre 1877 auf 802 Millionen im Jahre 1887, 
und auf 1010 Millionen im Jahre 1892, sprang aber in dem nächsten 
Jahrfünft, 1892—1897, auf 1816 Millionen, d. h. um 161,2 Millionen 
Rubel jährlich. Und in den 6 Jahren WlTTEscher Industrialisierung 
Rufslands von 1894—1899 wurden für den Bau von Bahnlinien 
und für rollendes Material 1273 Millionen verausgabt Es leuchtet 
ein, dafs hier ein enger Zusammenhang vorliegt, dafs die Steigerung 
der industriellen Produktion wesentlich eine Folge des gesteigerten 
Bahnbaues war, und zwar weit weniger eine Folge des durch die 
neuen Bahnen erieichterten Warenverkehrs, als eine Folge der Be- 
dürfnisse für die Ausführung des Bahnbaues selbst Ein grofser 
Teil der neuen industriellen Anlagen entstand für und durch den 
Bahnbau und lebt auch heute noch von ihm und durch ihn. 
SCflWANEBACti berechnet den Betrag der in diesen 6 Jahren in 
Bahnen, Aktiengesellschaften und in den Einrichtungen für das 
Branntweinmonopol angelegten Summen auf über !i Milliarden Rubel. 
Die Früchte dieses Goldregens machten sich natüriich beim I^skus 



IND ÜSTRIE 61 

in einem sehr starlien Anschwellen der mit diesen Unternehmungen 
verbundenen Steuern bemerkbar. Fär die hauptsächlich hier in 
Betracht kommenden Steuertitel (Handelssteuer, Zölle, Accise, Stempel 
und andere Gebuhren, Post und Telegraphen) stiegen die Ein- 
nahmen um 236 iWUlionen, d. h. um 37 Prozent Aber leider kam 
der Aufschwung nicht wie in Deutschland nach 1871 aus eigenen 
Mittein, sondern zum Hauptteil durch einen Regen fremden Goldes, 
das mit Gold verzinst und einstmals zurückgezahlt werden mufs, 
und zum geringeren Teil durch die Mobilmachung des eigenen, 
russischen Kapitals, durch dessen industrielle Verwendung dem 
ohnehin armen L^nde die nötigen Mittel entzogen wurden, um 
seinem Hauptgewerbe, dem Ackerbau, aufzuhelfen. Die russischen 
Gelder, die zu industriellen Unternehmungen verwandt wurden, be- 
standen zum guten Teil aus dem Erlös verkauften Landes und dem 
Erlös aus Hypotheken, mit denen der Grundbesitz belastet wurde. 
Nachdem der Minister den gröfsten Teil der Eisenbahnen ver- 
staatlicht hatte, während der Bau neuer Bahnen, wenigstens der 
gröfseren Normalbahnen, meist in Regie betrieben wurde, geriet 
auch die Hilfsindustrie in völlige Abhängigkeit von ihm, da auch die 
Privatbahnen von ihm finanziell abhängig waren. Hochöfen, Kohlen- 
gruben, Walzwerke, Waggonfabriken, alle Reparaturwerkstätten lebten 
ganz oder teilweise von den Bahnen und besonders dem Bahn- 
bau, auch soweit sie nicht staatliche Anstalten waren. Der Minister 
hatte viele private Fabriken dieser Art durch seine direkte Er- 
munterung ins Leben gerufen, und sie fanden anfangs genügend 
Arbeit und Gewinn. Aber da es mit der Rentabilität der Staats- 
bahnen doch haperte, auch sonst die Verhältnisse immer zur Spar- 
samkeit mahnten, so begann er diese Hilfsindustrie zu drücken. 
Die Preise für Waggons oder Schienen u. s. w. wurden herab- 
gesetzt; weigerte sich eine Fabrik, diese Herabsetzung anzu- 
nehmen, so blieben die Bestellungen aus, und da sie doch 
einmal auf die „Kronslieferung'', wie man in Rufsland sagt, an- 
gewiesen war und ist, so mufste sie schlief slich nachgeben. So 
schnürte der Minister mancher Fabrik die Kehle so weit zu, dafs 
sie zeitweilig ohne Gewinn arbeiten mufste, dafs jedenfalls die er- 
warteten hohen Dividenden ausblieben. Einerlei, sie war ein- 
mal da, und mufste nun nicht für die Aktionäre, sondern zum 
Nutzen des Staates arbeiten: sie war unmittelbar und in gewisser 
Art auch eine Staatsanstalt geworden wie die Eisenbahnen selbst 



62 VIERTES KAPITEL 

Gar manche fremde Aktiengesellschaft hat inzwischen die Erfahrung 
gemacht, dafs ihr wohl erlaubt wurde, eine industrielle Anlage zu er- 
richten und zu bezahlen, dafs sFe aber über die Höhe des Reingewinns 
und der Dividenden lieineswegs allein zu t)estimmen habe; das fiska- 
lische Interesse taucht auch hier, und oft in Qtierraschender Gestalt 
empor. Die ganze gewaltige ililfsindustrie des Bahnbaues gehorcht 
dem Willen des Ministers, aus dessen Hand sie lebt Und dieser 
Minister ist nicht der Verkehrsminister, sondern der Finanzminister. 
Eine ähnliche Stellung hat dieser Minister auf anderem Ge- 
biet durch die Einführung des Branntweinmonopols errungen. 
Das Brennereigewert>e war längst von ihm abhängig durch die 
Besteuerung des Spiritus und die damit verbundene, äufserst 
lästige Kontrolle der Brennereien. Durch die Monopolisierung des 
Handels und Verschleifses des Branntweins ist der Branntwein- 
produzent gezwungen, seine Ware an den Fiskus zu verkaufen, 
denn es giebt keinen anderen Käufen Der Fiskus macht also den 
Preis nach Gutdünken, und da er stets geneigt ist zu generalisieren, 
für möglichst grofse Bezirke, womöglich für das ganze Reich einen 
gleichen, für die Rechnungsführung bequemen Einheitspreis festzu- 
setzen, so kann es kommen, dafs in Jaroslaw zwar die Kartoffeln 
doppelt so teuer sind als in Grodno, der daraus gebrannte Spiritus 
aber an beiden Orten denselben Preis erzielt In Wirklichkeit ge- 
schieht folgendes: Um den Preis für Branntwein, der den Brennereien 
bewilligt werden soll, festeustellen, wird zuerst der Preis für das 
Rohmaterial ermittelt Dabei wird ganz offen der Grad des Wohl- 
standes der einen und der anderen Provinz in Anschlag gebracht: 
Ihr in Podolien oder in Kuriand seid wohlhabender, als die in Twer 
oder Saratow; daher berechnen wir, der Fiskus, euch den Zentner 
Kartoffeln mit 50 Kopeken, denen in Twer mit 80 Kopeken. Also 
die tüchtigeren, fleifsigeren Landwirte werden zu Gunsten der 
schlechteren belastet, und das nicht durch Gesetz, sondern durch 
Willkür. Der Handel mit Branntwein nicht nur, sondern auch das 
Brennereigewerbe liegen völlig in der Hand des Finanzministers, der 
sie willkürlich für den Fiskus ausbeutet Dem Fiskus ist es auch 
bequemer, mit wenigen grofsen Brennereien, als mit vielen kleinen 
zu thun zu haben, weshalb denn auch die Zahl der Brennereien 
auf kaum Vs d^r früheren Zahl gesunken ist Die dem Ackerbau 
dienenden Brennereien verschwanden und verschwinden, und die 
industriellen Fabriken dehnen sich aus. 



IND USTRIE 63 

Eine andere grofse Industrie, die Zuckersiederei und Raffinerie, 
hat sich unter der gouvemementalen Fürsorge starli entwickelt. 
Seit dem Anfang der siebziger Jahre wurde der Rübenzucker durch 
hohe Zölle geschützt und verblieb unter dieser Anspornung bis heute. 
Durch Gesetz vom 20. November 1895 wurde eine Organisation der 
Zuckerproduzenten geschaffen, durch welche die Produktion kontin- 
gentiert und der Inlandpreis von Jahr zu Jahr normiert wird. Der 
Rübenbau dehnte sich in den südlichen Gubemien schnell aus, der 
russische Zucker verdrängte allmählich völlig den fremden. Wer 
hat den Vorteil hiervon? Umgekehrt wie beim Branntwein gewinnt 
beim Zucker der Ackerbau: dort vertreibt die Regierung den land- 
wirtschaftlichen Betrieb, hier ruft sie ihn hervor und nützt dadurch 
dem Ackerbau. Wenigstens macht der Zucker es einer Anzahl 
grofser, meist sehr grofser Güter möglich, zu intensivem Ackerbau 
überzugehen und dabei noch grofsen Gewinn zu erübrigen, freilich 
oft mit dem Opfer der Wälder, die sich in Fabriken und dann in 
Brennholz zum Heizen der Kessel verwandeln. Der Fiskus hat 
einen Gewinn aus der Zuckersteuer, die für 1902 im Budget auf 
Ober 69,4 Millionen Rubel angesetzt ist Aufkommt aber für die 
Gewinne von Fiskus und Fabrikbesitzern der Steuerzahler, und zwar 
in einem Mafse, dafs diese Steuer wiederum ganz als finanzielle 
Abgabe, nicht als gewöhnliche Verbrauchssteuer erscheint Der 
vom Konsumenten bezahlte Inlandpreis beträgt das Drei- bis Vier- 
fache von dem im Auslande für russischen Zucker gezahlten Preise ; 
der im Auslande für den Zucker dem russischen Fabrikanten ge- 
zahlte Preis deckt die Produktionskosten nicht: den Ausfall mufs 
eben der Konsument in Rufsland decken. 

Eine merkwürdige Kundgebung über diesen Gegenstand er- 
schien kürzlich, am 3./16. März 1902, in dem offiziellen Organ des 
Finanzministeriums, dem „Finanzboten". Zunächst wird da fest- 
gestellt, dafs jene Organisation von 1895 den Zweck habe, den 
Binnenmarkt mit billigem Zucker zu versorgen. Ob der Zweck 
nun erreicht sei, wird nicht welter gesagt, freilich auch nicht, dafs 
gerade das Gegenteil erreicht wurde, die Verteuerung des Zuckers, 
welche sich schon aus dem oben erwähnten Preisverhältnis im 
Inland- und im Auslandverkauf ergiebt Alle Welt ist darin einig, 
dafs infolge der durch das Zuckersyndikat durchgeführten Mono- 
polisirung der Zucker 3 — 4 mal teurer im Inlande ist als der ins 
Ausland exportierte und dort verkaufte Zucker. Der „Finanzbote'* 



64 VIER TES KAPITEL 

sagt, dafs laut Berechnung der Zuckerindustriellen diese auf den 
seit dem September 1895, also seit Organisierung des Syndikats, 
nach Westeuropa verkauften Zucker 32 Millionen ' Rubel verioren 
haben. Der Zuckerexport betragt 10 — 12 Prozent von der Produktion, 
und diese 12 Prozent wurden also mit Verlust von 32 Millionen 
vertiauft Diese 32 Millionen Rubel, die Differenz zwischen Pro- 
duktionskosten und Verkaufserlös, werden natürlich von den Pro- 
duzenten auf den inländischen Konsum abgewälzt Nach den 
offiziellen Angaben war die Gesamtproduktion seit 1895 rund 
286Vs Millionen Pud, der Inlandsverbrauch 204 Millionen Pud. 
Verteilt man nun den Veriust von 32 Millionen Rubel auf diesen 
Konsum, so trägt die Gesamtproduktion 15 Kopeken auf das Pud, 
der Inlandverbrauch I3V2 Kopeken auf das Pud von dem bei der 
Ausfuhr eriittenen Verlust Zu diesen 13Va Kopeken auf das Pud 
kommen aber die Gewinne der Siedereien und Raffinerien hinzu. 
Der Finanzbote gesteht, was allbekannt ist, dafs die Siedereien 
hohe Dividenden abwerfen, und dafs die Raffinerien in der Hand 
von ein paar Monopolisten sind, die die Preise „in ungünstigster 
Weise bildend Siedereien und Raffinerien schlagen also zu jenen 
I3V2 Kopeken auf das Pud ihre sehr grofsen Gewinne hinzu, und 
der Staat nimmt seine Steuer von 69Vs Millionen Rubel, so dafs 
die drei- und vierfache Verteuerung des Zuckers im Inlande er- 
klärlich wird. Nur ist schwer einzusehen, wie dabei jener Zweck 
des Gesetzes von 1895 erreicht wird, den Binnenmarkt mit billigem 
Zucker zu versehen. Klar bleibt aber, dafs der Staat über 
60 Millionen Rubel vom Zucker gewinnt, und dafs diese Organi- 
sation von 1895 eine indirekte hohe Exportprämie auf den Roh- 
zucker gesetzt hat Darüber sind die Verfasser der eben ab- 
geschlossenen Brüsseler Zuckerkonvention auch nicht im Zweifel 
gewesen. 

Der überspannte Protektionismus WyschnegradSKIs, wie er 
im Zolltarif von 1891 gipfelte, wurde zwar vom 1. Januar 1894 ab 
durch den deutsch-russischen ilandelsvertrag gemildert, blieb aber 
nach wie vor das herrschende System. Dennoch mehrte sich 
die Einfuhr schnell, angestachelt durch den Bedarf an industriellen 
sowie auc)i landwirtschaftlichen Maschinen. Daher hoben sich die 
Eingangszölle, wenn auch anfangs nur wenig, betrugen aber für 
1896 schon 182 Millionen; sie richteten sich auch ferner nach der 
Intensität des Gründungsfiebers, auf welche der Minister Rücksicht 



IND ÜSTRIE 65 

nahm, soweit es unumgänglich nötig war. Die industrielle Krisis 
von 1898 hatte eine Verringerung der Zolleinnahmen zur Folge, 
Wo man irgend glaubte, ohne Hilfe fremder Fabrikate auszukommen, 
zögerte man auch mit einfachem Einfuhrverbot nicht Bahnen und 
Fabriken aller Art wurden verpflichtet, Materialien und Fabrikate, 
die in einheimischen Fabriken hergestellt werden, aus dem In- 
lande zu beziehen, obzwar die einheimischen Produkte, vom 
Rohmaterial abgesehen, meist schlechterer Qualität und teurer 
als die fremden waren. RADZIG^ sagt, Rufsland habe in den 
12 Jahren von 1884—1895 ffir den Bahnbau 113 Millionen Pud 
Schienen russischer Provenienz gekauft, und berechnet, dafs, wenn 
diese Schienen in England wären gekauft worden, 92 Millionen 
Rubel erspart worden wären. Wenn man zu dieser Summe auch 
nur die Hälfte der Zuschüsse, die von dem Staat den Schienen 
produzierenden Fabriken gegeben worden sind, hinzufügt, so erhält 
man eine Überzahlung von mehr als 100 Millionen Rubel. „Für 
die mehr als 100 Millionen Rubel, sagt RADZIG, die seit dem 
Jahre 1884 für Schienen zu viel gezahlt worden sind, hätten 
weitere 2000 Werst Eisenbahnen gebaut werden können.^ Seit 
1895 wurden, besonders für die sibirische Bahn, weitere ungeheure 
Mengen Schienen verbraucht, die von russischen Fabriken ge- 
fertigt waren. Sie waren für die sibirische Bahn in zu schlechter 
oder zu leichter Qualität geliefert worden und mufsten durch 
schwerere ersetzt werden. Indessen waren diese schlechten Schienen 
mit 2 Rubel 25 Kopeken das Pud bezahlt worden, während eng- 
lische — wahrscheinlich bessere — Schienen für 70 Kopeken das 
f^d, also für ein Drittel des Preises der russischen Schienen, an^ 
geboten wurden.' Nimmt man hinzu, was aufserdem andere staat- 
liche und private Bahnen seit 1895 an Schienen verbraucht haben, 
so könnten leicht wieder 100 Millionen Rubel an Überzahlung 
herausgerechnet werden. Es ist ohne Zweifel ein gerechtfertigtes 
Streben der Regierung, einen so wichtigen Zweig der Eisenindustrie, 
wie die Schienenfabrikation, im eigenen Lande in der Vollkommen- 
heit zu haben, wie der wachsende Verkehr es erfordert Wenn 
aber so grofse Opfer, wie die Überzahlung von 200 Millionen 

^ Zitiert in IsSAJEWs Sclirift: ,,Zur Politik des nissisclien Finanzministe- 
rinms seit Mitte der achtziger Jalire". Stuttgart 1898. S. 14. 

* Sielie Referat des Herrn BirOkow in der Gesellschaft der Ökonomisten, 
St Petersb. Ztg. Nr. 287. 1901. 

T. D. BKOeexv, Rußland. 5 



66 VIERTES KAPITEL 

Rubel für Schienen im Laufe von 16 Jahren die Leistungs- 
fähigkeit der einheimischen Fabriken nicht auf eine höhere Stufe 
heben konnten, als wie sie durch die angegebene Preisdifferenz 
gekennzeichnet wird, so mufs man annehmen, dals der künst- 
lich ins L^ben gerufenen Industrie Mängel anhaften, die nicht 
in angemessener Frist abgestellt werden können. Unterdessen 
kostet die Lehrzeit zu vieL Denn wie hier bei den, Schienen, so 
überzahlt der Staat auch bei anderen Fabrikaten, so überzahlt das 
Volk, wie wir sahen, beim Zucker, und so überzahlt es noch bei 
vielen, durch den Schutzzoll gezüchteten, teuer und schlecht her- 
gestellten, aber russischen Dingen. Diese Beispiele zeigen, daTs 
Kapital allein noch nicht ausreicht, um eine den heutigen An- 
sprüchen gewachsene Industrie zu schaffen; sie deuten darauf hin, 
dals auch da, wo das Kapital sich mit guten und ausreichenden 
Rohprodukten, wie in diesem Fall mit Eisen und Kohle, verbindet, 
in Jahrzehnten der Vorsprung nicht eingeholt werden kann, den ein 
Land mit in hartem Ringen geschulter Arbeiterschaft und einem 
Stand kaufmännisch und technisch ausgebildeter Männer voraus hat 
Noch dazu in einem Land wie Rufsland, das auch der Lehrkräfte 
entbehrt, um wenigstens die theoretische Ausbildung auf eine höhere 
Stufe zu heben. Und besäfse es auch die besten Lehrkräfte und 
eine Fülle von Schulen: die heutige Industrie verlangt mehr, sie ver- 
langt eine handarbeitende Bevölkerung, in der technisches Verständ- 
nis, mechanische Specialisierung gewissermafsen in Fleisch und Blut 
übergegangen sind; eine köpf arbeitende Bevölkerung, in der Ge- 
wohnheiten und Traditionen herrschen, in der leicht und ohne allzu 
grofse und häufige Fehlgriffe der rechte Mann sich an das rechte 
Rad stellt, in der schon bei dem Knaben die Wahl eines Berufs 
von Bedeutung ist, eine Bevölkerung, bei der die erwerbende Arbeit 
als Naturtrieb sich vorfindet In diesem durch jahrhundertelange 
Arbeit herausgebildeten Charakter der zur gewerblichen Arbeit 
vorzugsweise berufenen Bevölkerung liegt die flauptkraft, der 
Europa und das europäische Amerika ihre Industrie verdanken. 
Diese Industrie wird geleitet, beseelt von der Wissenschaft; ihrer 
Blüte ging die Blüte der Naturwissenschaften voraus, die ihr Geist 
und Gesetz gaben zum Leben; von der Wissenschaft wird sie 
auch femer stets begleitet, geführt werden. Aber dem Ge- 
lehrten folgt der Techniker, der industrielle Unternehmer, der 
Arbeiter mit altbewährten, traditionellen Erfahrungen, mit prali-* 



INDUSTRIE 67 

tischem Sinn, mit Ausdauer und Fleifs. Überall mufs sich erst 
das Handwerk gefestigt haben, ehe man zur Gro[sindustrie über- 
gehen kann. Das ist bis heute in Rufsland nicht der Fall, 
ein Handwerkerstand existiert nicht aufserhalb einiger gröfserer 
Städte. Man meint heute vielfach in Rufsland, dafs die Volks- 
schule der Industrie helfen könnte, wenn sie allgemeiner verbreitet 
und besser wäre, und gewifs wäre der Arbeiter, der lesen, 
schreiben, rechnen kann, dem heutigen, dieser Dinge nur zu oft 
unkundigen Arbeiter vorzuziehen. Aber die Volksschule kann jene 
praktische Schulung hundertjähriger verfeinerter gewerblicher Arbeit 
nicht ersetzen. Auch Englands Arbeiter sind durch die Praxis er- 
zogen worden, seine höhere technische Arbeiterschaft ist nicht aus 
technischen Hochschulen hervorgegangen, seine Wissenschaft auf 
diesem Felde ist nicht die höchststehende; England besitzt keine 
technische Hochschule, keine Handelsschule, die sich deutschen 
Fachschulen dieser Art an die Seite stellen liefsen; und dennoch 
sind seine Leistungen auf dem Felde der praktischen Technik 
unübertroffen. Diese durch Kenntnisse und Erfahrung von Gene- 
rationen vorgeschulte Arbeiterschaft kann für Rufsland kein Minister 
von heute auf morgen schaffen, weder durch die Volksschule, 
noch durch Vermehrung der technischen Hochschulen. Solcher 
Hochschulen giebt es vier: die Zahl der sogenannten industriellen 
und Handelsschulen wächst aber seit 5 Jahren so, dafs man sich 
fragt, wo denn die Lehrkräfte herkommen sollen. Trübnikow^ 
zählt ihrer 190. Nach Anderen sind allein dem Handel dienende 
Schulen seit 1896 aus privaten Mitteln über 100 gegründet worden, 
die über 20000 Schüler fassen und jähriich 2Va Millionen Rubel 
kosten. Der Finanzminister verausgabt (Budget für 1902) für 
Schulen dieser Art rund 4Vi Millionen. Aber die Zahl einheimi- 
scher technisch geschulter Kräfte ist noch gering und dabei sind 
diese Kräfte vorwiegend polnischer und deutscher Nationalität 
Wenn trotzdem die Industrie seit 1895 ein überraschend starkes 
Wachstum aufweist, so wird man die treibenden Kräfte in dem 
starken Schutzzoll, in der ihn ausnutzenden Einwanderung fremder 
Unternehmer, in der Einwanderung fremden Kapitals, fremder 
Techniker und Werkführer, in der freigebigen Unterstützung von 
selten der Regierung mit Geldmitteln und Aufträgen zu suchen haben. 



^ Trübnikow, Die Reichtamer Rufslands, Bd. I. S. 61. 



68 VIERTES KAPITEL 

So war der einheimische russische Produzent mit geringen 
Kenntnissen, geringen Erfahrungen und geringem eigenen Gelde 
ausgerüstet, als er sich unter Leitung der Regierung kopfüber in 
den Strom des industriellen Schaffens stürzte. Wie aber stand 
es mit dem Konsumenten? Für wen sollte fabriziert werden? 

Selbst ein so sanguinisch veranlagter Mann, wie der Herr 
Minister WITTE, wird sich zu der Hoffnung nicht versteigen, dafs 
das industrielle Rufsland es in absehbarer Zeit zu einer irgend 
nennenswerten Ausfuhr von Fabrikaten nach Europa bringen werde. 
Bessere Aussichten bieten sich in Asien, und nach diesem Markt 
geht ja denn auch die ganze Sehnsucht der russischen Politiken 
Er steht dem russischen Fabrikat offen vom Stillen Ozean an bis 
an den Euphrat Was ist nun dorthin ausgeführt worden? Mir 
stehen leider die Ziffern für den asiatischen Export nicht zu Ge- 
bote, wenn man sich jedoch vergegenwärtigt, dafs der gesamte 
Export an Fabrikaten in dem Jahre vor Beginn des Industrie- 
taumels, 1894, sich auf 9V2 Millionen, im Jahre 1895 auf 11,2 Mil- 
lionen Rubel belief,^ und dafs durchschnittlich von 1887—1899 
die jährliche Ausfuhrziffer 25,6 Millionen, d. i. 3,7 Prozent' der 
russischen Gesamtausfuhr erreichte, so wird man von dem asia- 
tischen Markt, auch wenn er den gröfsten Teil dieser Fabrikate 
aufnahm, doch kaum einen wesentlichen Einflufs auf eine industrielle 
Produktion von 1800 Millionen Rubel an Wert erwarten dürfen. 
Die Produktion bleibt also voriäufig auf den inneren Markt an- 
gewiesen. Wie aufnahmefähig war nun dieser innere Markt? 

Ein Land mit 126 Millionen Köpfen' und unentwickelter In- 
dustrie ist geeignet auf einen deutschen Industriellen einen sehr 
verführerischen Reiz auszuüben. Er wird sich sagen, dafs diese 
126 Millionen Weifse gewifs ein gröfseres Bedürfnis nach Zivili- 
sation, nach den Erzeugnissen wirtschaftlicher Kultur haben, als 
eine gleiche Zahl von Negern oder Indem; dafs, wenn sie auch zur 
Zeit noch wenig Bedürfnisse haben, dies nur an ihrer Unbekannt- 
schaft mit den Genüssen der Zivilisation liegen könne, und dafs 
es daher nur nötig sei, sie mit ihnen bekannt zu machen, um 
ihre Kauflust zu wecken. Er kann femer erwägen, dafs dieses 

^ ISSAJEW, a. a. 0. S. 12. 
* SCHWANEBACH, a. a. 0. S. 134. 

' Volkszählung von 1897, MilOkow zahlt 129 Millionen mit Finland ein- 
begriffen. 



INDUSTRIE 69 

Land reiche Naturschätze birgt, dafs es sehr fruchtbar ist, und 
dafs es in der That ungeheure Mengen Getreide in letzter Zeit 
produziert und davon sehr viel an das Ausland verliauft hat, näm- 
lich in dem Jahrfünft von 1887—1891 durchschnittlich 442 Mil- 
lionen Pud oder 128 Millionen Zentner, und in dem Jahrfünft von 
1893—1897 gar 523 Millionen Pud oder fast 134 Millionen Zentner. 
Er kann sich ferner vorrechnen, dafs eine so starke und zugleich 
wachsende Getreideausfuhr einen wachsenden Wohlstand im Lande 
müsse begründet haben oder begründen werde, wovon ja auch 
der glänzende Stand der Finanzen des Staates Zeugnis ablege. 
Er kann zu dem Schlufs gelangen, dafs es nach alledem ein 
äufserst günstiger Augenblick sei, um in diesem L^nde industrielle 
Anlagen zu machen. So konnte er urteilen, ehe er die wirklichen 
Zustände in diesem Lande genau kannte. Nachdem er die Zustände 
aber genauer beobachtet hatte, mufste er zu der Erkenntnis kommen, 
dafs in seiner Rechnung einige Irrtümer enthalten waren. Er 
mufste bemerken, dafs von den 126 Millionen Menschen nur ein 
geringer Teil, vielleicht ein paar Millionen, in einer Lebensstellung 
sich befinden, mit der das Bedürfnis nach verfeinerten Industrie- 
waren verbunden zu sein pflegt; dafs diese paar Millionen an 
fremdländische Waren dieser Art gewöhnt und durch sie verwöhnt 
sind; dafs 90 Prozent, oder wenn man die unrussischen Grenz- 
länder abscheidet, etwa 70 Prozent von den 126 Millionen, trotz 
der reichen Getreideausfuhr nicht zu Wohlstand gelangt, vielmehr 
in einer Lebenslage geblieben sind, die sie durchaus nicht zu 
beachtenswerten Abnehmern von Fabrikaten stempelt, und dafs 
die wirtschaftlichen Verhältnisse, die politischen Verhältnisse, die 
flnanziellen und kulturellen Verhältnisse eine baldige Besserung der 
Lebenslage dieser Bevölkerung nicht in Aussicht stellen. Er wird 
den inneren Markt dieses Landes daher für weniger grofs, weniger 
aufnahmefähig halten, als er ihm anfangs schien, und er wird nach 
all diesen Erwägungen in dem Umfang seiner Unternehmungen eine 
weise Vorsicht walten lassen. 

Die Förderung der Industrie ist die natürliche Aufgabe jedes 
russischen Finanzministers. Eine Feuerung, die die Temperatur 
des Treibhauses auf 20 Grad gebracht hätte, wäre der Pome- 
ranze vielleicht sehr wohlthätig gewesen; als die Wärme aber 
auf 30—40 Grad stieg, konnten viele Früchte nicht reifen. In den 
5 Jahren von 1892 — 1897 stieg die Produktion der Industrie, wie 



70 VIERTES KAPITEL 

wir sahen, um 806 Millionen Rubel oder um durchsclmittlich jähr- 
lich 161,2 Millionen Rubel; die Eisenindustrie verdoppelte die Menge 
ihrer Erzeugnisse. War denn nun in dieser kurzen Periode der 
Wohlstand des Volkes so gestiegen, waren die Bedürfnisse nach 
Industriewaren so gewachsen, um 161 Millionen jährlich mehr aus- 
geben zu können? Fand die Industrie ihren Markt in der Masse 
des Volkes? Nein, sondern der Hauptabnehmer war die Regierung 
mit ihrem Eisenbahnbau, dem fiskalischen wie dem durch Gesell- 
schaften mit fiskalischer Hilfe betriebenen Bau, für den in dieser 
Periode 1273 Millionen Rubel ausgegeben wurden. Nicht das 
russische Volk, sondern der russische Fiskus stellte den Markt 
für die verdoppelte und verdreifachte industrielle Thätigkeit, der 
Fiskus, der selbst das Geld borgte, um die Waren zu bezahlen. 
Der Bahnbau war fiskalisch, direkt oder indirekt, denn nach 
amtlichen Angaben trägt die Regierung 94,9 Prozent der Anlage- 
kosten der Privatbahnen.^ Die Industrie war fiskalisch und ist 
fiskalisch zum gröfseren Teil: der Staat ist auch hier der gröfste, 
der hauptsächlichste Unternehmer im Reiche. Bau der Staatsbahnen 
Branntweinmonopol, Industrie — das sind drei gewaltige Gebiete 
der Verwaltung, die von der Hand des Finanzministers geleitet 
werden. 

Erst 6 Jahre ist es her, es war im August 1895, dafs In 
Petersburg zum erstenmal, wenn ich nicht irre, der anderwärts 
schon oft aufgeführte Tanz um das goldene Kalb an der Börse auf- 
geführt wurde. Nach 1861, als der russische Adel seine Leibeigenen 
verloren und dafür Loskaufsscheine und Bankdarlehen bekommen 
hatte, begann er zwar auch sich in diesem Tanz zu versuchen, aber 
doch in sehr mäfsigen Grenzen und sehr ungeschickt Jetzt, dreifsig 
Jahre später, strömten die Millionen zu Hunderten nach Peters- 
burg zu besserer Verzinsung oder zu raschem Kapitalgewinn, und 
der Gründungstaumel war da. Banken entstanden, Banken gaben 
ohne viel Zögern Geld für alle möglichen und unmöglichen in- 
dustriellen Anlagen, man rief sogar nach einer grofsen Emissions- 
bank, da die Anfertigung und der Vertrieb von Aktien immer noch 
nicht schnell genug vor sich ging. Unter dem hohen Zollschutz 
gaben manche grolse Unternehmungen sehr grofsen Gewinn. Bis 



^ Statistische Obersicht Aber das Eisenbahnwesen in Rufsland 1901. 
St. Petersburg. 



IND USTRIE 71 

in die neueste Zeit zeigte der Kurszettel Gesellschaften, die bis zu 
60 Prozent Dividenden zahlten. Kaum aber waren drei Jahre ver- 
flossen, so spürte man schon etwas Atemnot In Europa stieg 
der Kapitalwert, die Geldknappheit drückte auf die vielen unsolid 
gegründeten Unternehmungen, der Finanzminister begann mit dem 
Staatskredit zurückzuhalten. Ein paar grofse industrielle Firmen, 
von Derwes, dann MAMONTOW, stürzten. Trotzdem wurden noch 
im zweiten Halbjahr 1899 48 ausländische Gesellschaften kon- 
zessioniert, im ganzen für 1899 70 fremdländische Gesellschaften, 
d. h. mehr als in irgend einem Jahre vorher. Insgesamt waren 
am Schluls von 1899 in Rufsland 146 fremde Gesellschaften 
konzessioniert^ mit einem genannten Kapital von 765 Millionen 
Rubel oder 2075 Millionen Franken, wovon auf Frankreich 792 Mil- 
lionen, Belgien 734 Millionen, Deutschland 261 Millionen, England 
231 Millionen Franken fallen; hiervon war freilich ein Teil russi- 
sches Kapital unter fremder Firma. Der Minister warnte persön- 
lich und durch die Presse vor Überstürzung, aber nun wurde 
auf ihn in dem allgemeinen Fieber, das er entfacht hatte, nicht 
mehr geachtet, und man forderte von ihm nur immer mehr Geld, 
neue Unterstützungen. Man kann auch nicht sagen, dafs solche 
Forderung erstaunlich gewesen wäre, nachdem ja vom Minister 
selbst die Gründungslust so offen und stark war angestachelt 
worden. Der Minister suchte mit Worten zu helfen, da er es mit 
Geld nicht vermochte. In einer langen Erörterung, die offiziell in 
der Presse am 23. Oktober 1899 erschien, setzte er auseinander, 
dafs das Unglück nicht von dem Mangel an Geld herrühre, wovon 
die nie erreichte Summe von 1350 Millionen im Lande vorhanden 
sei, und dafs die Valuta sich nicht in Gefahr befinde. Auch ver- 
sprach er durch die Staatsbank Kredite zu eröffnen. Schon früher 
hatte er warnend darauf aufmerksam gemacht, dafs die grofsen 
fiskalischen Bestellungen für die Bahnbauten im Jahre 1900 im 
wesentlichen würden abgeschlossen sein. Anderseits suchte er 
der Entmutigung zu steuern. Am 31. Oktober 1899 erklärte er 
sogar vor den versammelten Direktoren der privaten Kreditanstalten, 
die Finanzlage Rufslands sei glänzend, selbst gediegener als die 
von Frankreich und England, ein Ausspruch, der zeigt, in welchem 
gefährlichen Grade dieser Minister die Lage seines Ressorts von 



^ Frankf. Ztg., Januar 1900. 



72 VIERTES KAPITEL 

der Finanzlage des Volkes trennte und von der Macht glänzender 
Zahlen alles erwartete. Ein Jahr nur verging, und er mufste die 
bösen Polgen seines Irrtums erfahren, als die Not aufs höchste 
stieg, als der Krach heranjiam. Der Minister war nun selbst in 
die Klemme geraten. 

Die Überschüsse der Einnahmen wären noch immer bedeutend 
gewesen, aber auf serordentliche Ausgaben waren herangetreten 
und hatten die Kassen geleert Der Minister wollte für den Bau 
der sibirischen Bahn keine neuen Anleihen aufnehmen, sondern 
sie aus seinen „freien Barbeständen'^ bauen. Nun aber traten die 
chinesischen Verwickelungen ein, für die er noch weit weniger zu 
Anleihen seine Zuflucht nehmen wollte. Er mufste also die freien 
Bestände auch hierzu brauchen und verwandte, wie er angab 
(Bericht zum Budget 1901), im Jahre 1900 dazu rund 61 Millionen. 
In Wirklichkeit beliefen sich die für 1900 gemachten aufserordent- 
lichen Ausgaben auf die gewaltige Summe von rund 334 MUlionen 
Rubel und überstiegen den Voranschlag um rund 141 Millionen. 
Damit wurden die Mittel des Staates so scharf in Anspruch ge- 
nommen, dafs nicht viel übrig blieb, um der bedrängten Industrie 
zu Hilfe zu kommen. Der Staatskredit stockte, infolge davon auch 
der Kredit der Privatbanken, und auf diesen direkten oder indirekten 
Staatskredit hin war ja eine sehr grofse Menge industrieller An- 
stalten von Hause aus gegründet worden und angewiesen. Da 
kam denn der Krach. 

Im Laufe des Jahres 1900 sanken alle industriellen Papiere, 
und zu Anfang Oktober herrschte der Schrecken an der Peters- 
burger Börse. Sogar die Agrarbanken verioren durchschnittlich 
70 Rubel auf die Aktie, die NOBELschen Naphthaaktien 144 Rubel 
auf die Aktie, NOBELsche Anteilscheine verioren 3500 Rubel auf 
das Stück u. s. w. Ein eingeweihter Korrespondent^ verglich zu 
Anfang 1901 die belgischen Gesellschaften mit einem grolsen 
Ruinenhaufen; es kamen 734 MÜlionen Franken für sie in Frage. 
Vom Oktober 1900 ab brach eine Firma nach der anderen zusammen ; 
noch in den letzten Tagen des Jahres, vom 22. — 27. Dezember, 
fielen die Aktien der besten Gesellschaften täglich um bedeutende 
Ziffern, so dafs die St Petersburger Zeitung am 27. Dezember alt SL 
ausrief: „Angesichts all dieser erschütternder Vorgänge steht einem 



^ Züricher Tages-Anzeiger, 1901, 25. April, Nr. 96. 



IND ÜSTRIE 73 

der Verstand still!" Und am 30. Dezember schrieb sie folgendes: 
„Es war ein böses Jahr, Gott sei Dank, dafs es endlich vorüber 
ist! Viele Jahre werden nötig sein, um alles Böse zu vergessen 
und um die erlittenen schweren Wunden ordentlich vernarben zu 
lassen. Von 282 Börsenversammlungen, die wir hatten, sind 
beinahe 200 durch einen panikartigen Verlauf gekennzeichnet 
worden. Die politischen Vorgänge in der ganzen Welt und die 
prekäre Lage des Geldmarktes haben in Gemeinschaft mit starken 
Enttäuschungen über die Thätigkeit und die Entwickelung der 
heimischen Industrie, speziell dem schroffen Niedergang in der 
metallurgischen Branche, der Krisis den scharfen Charakter auf- 
gedrückt, von dem wir so oft besonders in den letzten drei 
Monaten berichten mufsten." 

In einem Bericht des Finanzministeriums wurde mitgeteilt, dafs 
24 Millionen Rubel allein dadurch verloren gegangen seien, dafs 
im Bau begriffene Fabriken und Werke nicht konnten vollendet 
werden, weil man die Überzeugung gewonnen hatte, dafs sie, wenn 
in Betrieb gesetzt, niemals ihr Kapital verzinsen könnten. Andere 
Werke im Werte von 200 Millionen Rubel mufsten wegen mangeln- 
den Absatzes ihrer Erzeugnisse geschlossen werden; aus demselben 
Grunde zahlten 17 grofse ausländische Aktiengesellschaften im 
Jahre 1900 keine Dividende. 734 Millionen fremden — wohl 
belgischen — Kapitals hatten sich mit weniger als 2V2 Prozent 
verzinst Mehr als 400 Fabriken entliefsen ihre sämtlichen Arbeiter 
und stellten den Betrieb ein. Im Donezgebiet wurden von 57 Hoch- 
öfen 25 gelöscht Ungezählte Millionen in Masseleisen, berichtete 
im April 1901 der Korrespondent des Züricher Tagesanzeigers, 
liegen, auf Käufer wartend, da, und noch immer werden Fabriken 
geschlossen, die bis dahin mühselig ihr Dasein fristeten. „Der 
gröfste Teil des fremden Kapitals,*' meint der Korrespondent weiter, 
„ist verloren, und der Schlag für Rufsland selbst ein um so 
schwererer, als sich in Zukunft fremdes Kapital nur aufserordent- 
lich schwer entschlief sen wird, in Rufsland gewinnbringende An- 
lagen zu suchen." Ohne Zweifel wurde sehr viel Kapital durch 
sinnlose Spekulationen und überstürzte Anlagen bei mangelnder 
Lokalkenntnis verloren, aber andererseits stellte sich heraus, dafs 
eine gute Verzinsung in Rufsland überhaupt nur schwer zu er- 
langen war; brachten doch die ursprünglich so hohen Gewinn 
verheifsenden Eisenwerke Rufslands selbst zur Zeit der höchsten 



74 VIERTES KAPITEL 

Konjunktur nicht mehr als 5^', Prozent Damit soll keineswegs 
gesagt sein, dafs der intelligente und gleichzeitig vorsichtige Indu- 
strielle und Kaufmann nicht in Rufsland gewinnbringende Ver- 
wendung für sein Kapital und seine Thätigkeit finden könnte. 
Weiter hiefs es in der Korrespondenz: ,yZu diesen Ursachen kommt 
die ungleiche Verteilung der Produktivkräfte des Reiches, die Über- 
kapitalisation der neuen Gesellschaften, deren wilde Konkurrenz 
untereinander zu dem ausgesprochenen Zweck, den Gegner zum 
Bankrott zu treiben, und eine jeder Grundlage entbehrende Börsen- 
spekulation. Eine ganze Anzahl Banken ruinierten sich dadurch, 
dafs sie ganz phantastische Industrie-Unternehmungen finanzierten, 
oder sich in landwirtschaftliche Spekulationen einliefsen, von denen 
ihre Direktoren nicht die leiseste Ahnung hatten. In ebenso zahl- 
reichen Fällen wurden kostspielige Fabrikgebäude aufgeführt und 
mit den teuersten Maschinen ausgestattet, ohne dafs man sich 
irgendwie an die gemachten Voranschläge hielt, oder sich darum 
kümmerte, ob das so angelegte Kapital sich selbst in guten Zeiten 
verzinsen könne. Die meisten der in den letzten Jahren entstandenen 
neuen Aktiengesellschaften fanden sich nach Vollendung ihrer 
Fabriken ohne oder ohne genügendes Betriebskapital.'' 

Sehen wir uns nun den Kurszettel vom 1. Januar 1902 an, 
so finden wir wenig darin, was auf einen Rückgewinn an dem 
verlorenen industriellen Boden vertrösten könnte. Zwar die Spiel- 
wut ist an der Börse kaum geringer geworden, denn das reinste 
Spielpapier, die Prämienlose, dominiert heute. Aber die Eisen- 
industrie, diese Führerin auf dem industriellen Markt, hat seit dem 
letzten Schreckensmonat Oktober 1900 noch weitere Rückschritte 
gemacht Wenn man die Notierungen der Petersburger Börse vom 
31. Dezember 1896, 1900 und 1901 vergleicht, so ergeben sich 
folgende Veriuste: 





1896 


1900 


1901 




Aktien 




31. Dezember 








Rubel 


Rubel 


Rubel 


Verlust Rubel 


Alexandrowski Stahlgiefserei 


295 


64 


20 


275 


Bränsker Stahlwerke . . . 


508 


225 


147 


361 


Donez-^urjew-Werke . . , 


350 


90 


47 


303 


Ssormowo Eisenwerke. . , 


210 


55 


74V. 


135V. 


Kolomna Maschinenfabrik , 


640 


350 


275 


365 


Malzew-Fabriken . . . . 


656 


490 


335 


321 


Putilow-Fabriken . . . 


120 


81 


50 


70 



IND USTRIE 




75 


1896 




1900 


1901 






31. 


Dezember 






Rubel 




Rubel 


Rubel 


Verlust Rubel 


230 




218 


163 


67 


2165 




1025 


900 


1265 


265 




156 


103 


162 


135 




3 





135 


335 




50 


45 


290 



Aktien 

Russische Lokomotivenfabrik 
Baltische Waggonfabrik . . 
Petersbuiger Metallfabrik . 

Glebow 

Phönix-Waggonfabrik . . . 

Das sind Zahlen, die offen für einen schlimmen Geschäfts- 
gang sprechen, und wenn sie sich blos auf wenige Werlie er- 
strecken, so sind es Werlie ersten Ranges in der leitenden Eisen- 
industrie. Die Zahlen könnten durch eine lange Reihe anderer 
ergänzt werden, die alle Zweige der Industrie umfassen. Sechs 
Jahre scheinbar glänzenden industriellen Aufschwungs haben genügt, 
um einen jähen Niedergang eintreten zu lassen, der Hunderte und 
aber Hunderte von Millionen für immer verschlungen hat Indessen 
hat der Minister den Mut noch nicht verloren. Wieder griff er 
zu ausländischen Anleihen, die bei der allgemeinen Geldknappheit 
in Europa weder so leicht noch so billig als früher ins Werk zu 
setzen waren. Seit dem Mai 1901 brachte er 623 Millionen Mark^ 
ins Land, die für Eisenbahnzwecke verwandt wurden. Die Moskau- 
Kasaner, die Lodzer Bahn erhielten die Mittel zur Erweiterung des 
Betriebes. Drei neue Bahnen wurden in Angriff genommen: die 
Nordbahn, Orenburg-Taschkent, Bologoje-Sedlez, zusammen etwa 
4OO0 km, so dafs heute an staatlichen und privaten Bahnen 
im Bau begriffen sind 6298 Werst, aufser der unter Leitung der 
Ostchinesischen Gesellschaft im Bau stehenden Strecke von 
2377 Werst' Das Budget weist für Bahnbauten im Jahre 1902 
wieder 170Vt Millionen Rubel auf.' Nun flössen den Eisenwerken, 
Waggonfabriken u. s. w. wieder Bestellungen zu, die sie für einige 
Zeit sicherten. Ohne diese Hilfe stände es um viele dieser Werke 
heute wohl noch schlimmer, als es die oben erwähnten Notierungen 
der Börse andeuten. Allein wie lange wird man mit dieser Hilfe 
reichen? Sind Bahnen wie die Orenburg-Taschkenter oder die 
Bologoje-Sedlezer etwa produktive Anlagen? Sind die 1000 Mil- 



^ Franzis. Anleihe 435 Mill. Fr. und verkaufte Obligationen 80 Mill. m., 

• St. Pctersb. Ztg., 1902, A 64. 

* Seit obiges geschrieben wurde, sind weitere neue Bahnbauten beschlossen 
worden: Saratow-Astrachan, Petersburg-Kiew. 



76 VIER TES KA PI TEL 

lionen Rubel, welche die sibirische und die im Oktober 1902 er- 
öffnete Mandschurische Bahn nach neueren Angaben (Now. Wremä) 
verschlungen haben, produktiv angelegt? Sie mögen auf die 
Produktion und den tlandel in jenen Gegenden Asiens anregend 
wirken und insoweit produktiv genannt werden. Aber ihr Bau 
legt bisher schon dem Reich eine Milliarde neuer Schulden auf, 
die verzinst und getilgt werden müssen, und die Taschkenter Bahn, 
wenn auch in der Zukunft viel versprechend und daher eine weit 
bessere Anlage als die ostsibirischen Bahnen, wird weitere ilunderte 
von Millionen hinzufügen. Denn wenn Herr Witte stets mit Stolz 
darauf hinweist, er habe die sibirische Bahn aus seinen Über- 
schüssen und Barbeständen gebaut, so ist das doch blofse Spiegel- 
fechterei, da diese Barbestände und Überschüsse eben durch die 
Anleihen und zum Teil aus den Anleihen entstanden und ent- 
stehen. Dafs diese Bahnen Zins und Tilgung selbst aufbringen 
werden, steht für lange hinaus nicht zu erwarten, und ehe es 
geschieht, wird man vom Gesichtspunkt des russischen Steuer- 
zahlers aus diese Bahnen nicht für produktive Kapitalanlagen 
halten können. Länder wie England können grofse Summen auf 
Anlagen verwenden, die in Jahrzehnten erst Zinsen in Aussicht 
stellen; eine Bahn von Kairo zum Kap ist ein Unternehmen, das 
kein anderer Staat als England heute angreifen dürfte. Was aber 
würde selbst der englische Steuerzahler dazu sagen, w^nn diese 
Bahn mit Staatsmitteln und gar mit erborgten Staatsmitteln ge- 
baut würde? 

Auch anderwärts als in Rufsland befindet sich die Industrie 
in bedrängter Lage. Auch in Deutschland ist auf den grofsen Auf- 
schwung ein Rückschlag gefolgt Man hatte sich mit Übereifer 
in das Gewühl des Weltmarktes gestürzt und arbeitete zum grofsen 
Teil für die Ausfuhr. Der Weltmarkt wurde knapper und die für 
ihn arbeitende Industrie mufste sich einschränken. Doch hat der 
Weltmarkt, obgleich gestört durch Krieg und Furcht vor Krieg, in 
sich nicht an Kaufkraft verloren und wird sich wieder beleben 
bei sicheren Zeiten. Wenn die Ausfuhrindustrie Schaden leidet, 
so entgehen den Einzelnen und den Aktionären Gewinne, vielen 
Arbeitern der Verdienst Aber die deutsche Industrie ist durch 
eigenes Kapital emporgekommen, nicht durch Staatsanleihen int 
Auslande. Und ferner ist jede Industrie nur insoweit eine volks- 
wirtschaftlich gesunde, als ihre Hauptpfeiler auf einheimischem 



IND USTRIE 77 

Boden stehen, als sie ihren Hauptmarkt im Inlande hat Eine 
Industrie, die hauptsächlich für die Ausfuhr arbeitet, bringt das 
eigene Land in wirtschaftliche Abhängigkeit vom Auslande und 
wird daher immer den Wechselfällen der fremden Märkte aus- 
gesetzt sein. So liegt es in England und in Belgien. Der deutsche 
Markt ist bisher stark genug, um die einheimische Industrie in 
der Hauptmasse aufrecht zu halten, und es ist zu wünschen, dafs 
es dabei bliebe. Es wäre ein Unheil, wenn das deutsche Wirt- 
schaftsleben jemals von dem Wohlergehen der Ausfuhrindustrie so 
abhängig würde, wie es in England und Belgien der Fall ist Wenn in 
den Industriestaaten Europas und Amerikas jahrelang mit so leiden- 
schaftlicher Hast an der Vermehrung industrieller Werte gearbeitet 
worden ist, wie es seit 10 oder 15 Jahren geschah, so darf man 
sich darüber nicht aufregen, dafs der Weltmarkt versagt In 
Deutschland allein lagerten zum Herbst 1901 für iVs Milliarden 
Industriewaren, die keinen Käufer fanden. Man dürfte doch wohl 
jiicbt glauben, auch nicht hoffen noch wünschen, dafs unsere 
industrielle Produktion für das Ausland in dem Tempo weiter 
wachse, wie sie seit einiger Zeit gewachsen ist In diesem Sinne 
Industriestaat zu werden, davor möge uns Gott bewahren, und 
da wir unsere Industrie aus eigenen Mitteln, nicht wie Rufsland 
aus fremden geschaffen haben, so kommen dadurch einzelne wohl 
in Notlage, dem Ganzen aber wird diese Stockung wohlthun. 

Rufsland ist anders gestellt: es führt an Fabrikaten sehr wenig 
aus, und zugleich ist sein heimischer Markt sehr dürftig. Ihn zu 
beleben machte sich die Staatsregierung zur Aufgabe, indem sie 
mit eigenem und fremdem Gelde den Anstofs zur Herstellung einer 
ungeheuren Menge von Waren gab und zugleich für den Absatz 
dieser Waren eine Menge von Schienenwegen öffnete. Das geschah 
mit einer solchen Hast, so gewaltsam, dafs in wenigen Jahren die 
Nachfrage von dem Angebot an Industrieartikeln überholt wurde. 
Und hier versagte der innere Markt, der Volkswohlstand, nicht wie 
gegenwärtig in Deutschland der äufsere Markt Vordem hatte man 
dieselben Ziele, aber besonnener verfolgt Nach der Agrarreform 
von 1861 förderte der Minister von Reütern kräftig Industrie und 
Handel. Im Laufe seiner Amtszeit, 1862—1879, gründete er 
45 kommerzielle und industrielle Banken, und baute über 18000 Werst 
Eisenbahnen, ohne damit dem Staat erhebliche Schulden aufzu- 
bürden. Die 45 Banken waren nützlich angelegt in einem Lande, 



78 VIER TES KAPITEL 

das eben von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft übergehen 
sollte, und in dem es weder Geld noch Banken gab. Jetzt, in 
der neuen Ära, arbeitete man mit Milliarden, wie 20 Jahre früher 
mit Millionen, und schuf doch keine Industrie, die mit der fremd* 
ländischen Einfuhr zu konkurrieren fähig wäre, die eines hohen Zoll- 
schutzes entbehren könnte. Dieses aber, die freie Konkurrenz, ist 
nach den Worten des Ministers das Ziel des Protektionismus. Der 
Schutz durch Zölle gilt der Schule, in der das Volk sich industriell 
entwickeln soll. Er hat allerdings in kurzer Zeit eine Fülle 
industrieller Thätigkeit hervorgerufen, die nicht spurlos verschwinden 
kann. Der Verbrauch an Textilwaren und an Eisenwaren ist stark ge- 
stiegen und wird, wenigstens in den westlichen Landesteilen, voraus- 
sichtlich noch steigen. Mehr als die Hälfte, nach anderer Annahme 
sogar Vs d^r Eisenindustrie, arbeitet für privaten Bedarf, wobei 
allerdings zu beachten ist, dafs staatliche und private Eisenbahnen 
zusammen die Hauptabnehmer des Eisens sind. Von dem russi- 
schen Roheisen soll im Jahre 1899 etwa Vs für Bahnbauten und 
nur Vs für privaten Verbrauch verwandt worden sein. Eine Menge 
industrieller Waren, die vordem vom Auslande geliefert wurden, 
werden jetzt in Rufsland selbst hergestellt Die meisten bedürfen 
auch jetzt noch des Zollschutzes, und vielleicht würde ein durch- 
schnittliches Urteil dahin lauten, dafs bisher zu teuer und zu schlecht 
produziert worden ist Es werden gleichwohl die Grundbedin- 
gungen für industrielle Arbeit, wie sie in diesen Jahren geschaffen 
wurden, bestehen bleiben, auch wenn ein Teil der Unternehmungen 
zu Grunde gehen wird. Man wird aber ein so hohes Lehrgeld 
gezahlt haben, dafs der Volkswohlstand darunter leiden mufs und 
die Kaufkraft industrieller Werte noch weiter gesunken ist Der 
Einsatz ist zu grofs gewesen in diesem Spiel, und so ist das Spiel 
volkswirtschaftlich verloren: der industrielle Niedergang ist nicht 
ein vorübergehender Tiefstand, sondern ein Verlust, der nicht 
wieder sich ausgleichen wird. 

Wir werden in den folgenden Kapiteln sehen, dafs die Er- 
zeugung von Rohstoffen ebensowenig sicher gegründet ist, als 
die von Fabrikaten. Sollte die Ausfuhr von Rohstoffen sinken, 
so wird man bei dem heutigen Finanzsystem versucht sein, 
die Handelsbilanz durch verstärkten Protektionismus zu stützen. 
Zu demselben Mittel zu greifen wird man versucht sein, wenn 
mit Schlufs des Jahres 1903 kein günstiger Handelsvertrag mit 



INDUSTRIE 79 

Deutschland zu stände kommt Die Erfahrungen von 1891 
bis 1894 haben indessen gezeigt, dafs der Nutzen, den hohe 
Sciiutzzölle der Industrie vielleicht bringen, leicht von Nach- 
teilen herabgedrückt werden, die damit der Landwirtschaft zugefügt 
werden. Der Staat, dessen Finanzen hauptsächlich auf der Aus- 
fuhr von Rohstoffen ruhen, ist immer im Nachteil gegenüber dem 
Industriestaat, dessen Fabrikate er durch Zölle bekämpft Ein 
ackerbauendes Land verträgt weit weniger eine merkantile Politik, 
als ein verarbeitendes. In dem Austausch der Waren ergiebt sich 
für den Ackerbauer stets der Nachteil, dafs die Rohstoffe durch 
Gewicht und Volumen grofse Anforderungen an die Frachtmittel 
stellen. Hier hilft der Staat nun freilich nach, soweit er die Fracht- 
mittel beherrscht, nämlich durch billige Tarife auf seinen Bahnen. 
Aber es tritt der Übelstand ein, dals die Ausfuhr-Wagen zum 
grofsen Teil leer den Rückweg machen müssen, weil die Einfuhr 
an Rohstoffen gering ist, die Fabrikate aber die Räume, die Korn 
oder Holz einnahmen, nicht füllen. Die Abnutzung des Bahn- 
materials wird also erhöht, die Kosten der Fracht werden ver- 
mehrt Am Hafen tritt derselbe Übelstand ein bei der Schiffs- 
fracht Kommt nun ein hoher Zollsatz hinzu, werden etwa Kampf- 
zölle erhoben, und vermindert sich infolge derselben die Einfuhr, 
so kommen immer mehr Schiffe mit Ballast geladen zum Hafen, 
und dementsprechend steigen die Frachtpreise, die der Landwirt, 
nicht der Fabrikant, in der Hauptsumme bezahlt So war es in 
Rufsland in den Zeiten der hohen Zollsätze. Zu Anfang der 
neunziger Jahre liefen die meisten Schiffe mit Ballast ein, weil sie 
keine Einfuhrware fanden, und das russische Korn mufste den 
Verlust bezahlen; der russische Landwirt bezahlte nicht nur mehr 
als vorher für deutsche Maschinen und englische Game, sondern 
bekam weniger für sein Korn, als er ohne die hohen Zölle erhalten 
hätte. Die Einfuhr wurde durch die Schutzzölle WYSCtlNEGRADSKls 
um 100 Millionen Rubel an Wert herabgedrückt, die Ausfuhr von 
Rohstoffen um über 300 Millionen verstärkt; aber die ausgehenden 
Schiffe fanden keine Rückfracht und mufsten diesen Ausfall durch 
erhöhte Frachtpreise von der Ausfuhr decken. In Libau kamen 
leere Schiffe ein mit 67 Prozent des gesamten einkommenden 
Tonnengehaltes; in den Häfen des Schwarzen Meeres und Asowschen 
Meeres kamen vor der Zollerhöhung, im Jahre 1883, Schiffe mit 
Ballast ein 57 Prozent, nach Einführung des hohen Tarifs von 



80 VIERTES KAPITEL 

1891 und 1893 aber, im Jahre 1893, 77 Prozent, im Jahre 1894 
80 Prozent Die Landwirte verloren also annähernd soviel, als 
hierdurch die Fracht verteuert wurde, und was das zu sagen hat, 
deutet eine Angabe des Odessaer Börsenkomitees aus früherer Zeit 
an, die von einer russischen Fachzeitung ^ mitgeteilt wurde. Dort 
heifst es: „Vom 1. Juni 1884 bis 1. August 1885 sind an Kohlen- 
zoll 480000 Rubel Gold vereinnahmt, für dieselbe Zeit aber auf 
120 Millionen Pud ausgeführtes Getreide 2V2 Millionen Rubel an 
Fracht überzahlt worden oder 3V4mal so viel als der Betrag des 
Zolles/' Ohne den Kohlenzoll hätten die Schiffe mehr Kohlen 
hereingebracht, also weniger Schiffe leer kommen müssen, infolge- 
dessen konnten weniger hohe Frachtkosten bei Ausfuhr des Getreides 
berechnet werden. Einen Teil des Kohlenzolles bezahlte der Landwirt 

Dies ist ein Beispiel dafür, wie leicht die allzu eifrige Ver- 
folgung des fiskalischen Interesses das Volksinteresse schädigt, 
und wie grofse Vorsicht gerade ein Staat, der auf die Ausfuhr von 
Rohstoffen angewiesen ist, bei der Behandlung des Zolltarifs be- 
obachten mufs, wenn er sich nicht selbst durch überspannten 
Protektionismus schädigen will 

Andere Staaten sind zu ihrer Zeit in ähnlicher wirtschaftlicher 
Lage gewesen wie Rufsland vor dreifsig Jahren: Frankreich zur 
Zeit COLBERTs, Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts. Beide standen Englands wirtschaftlicher Übermacht ähn- 
lich gegenüber wie heute Rufsland gegenüber den Industriestaaten 
des Westens. Die wirtschaftliche Abwehr wurde dort unter staat- 
lichem Schutz, nicht aber mit staatlichen Mitteln durchgeführt Die 
Belebung, der Anstofs selbst vollzog sich in Deutschland aus der 
AVitte des Volkes heraus und wurde von führenden Kräften zur 
Reform des wirtschaftlichen Lebens erweitert Männer wie PERTHES, 
Friedrich List, flANSEMANN entfesselten die im Volke schlummernden 
Kräfte und die Regierungen mufsten folgen, nicht umgekehrt, wie es 
heute in Rufsland geschieht List hat in Deutschland für Eisen- 
bahnen und Schutzzoll im ähnlichen Sinne gewirkt wie Wyschne- 
GRADSKI und Witte in Rufsland; aber List arbeitete mit den mate- 
riellen Mitteln, die im Volke bereits vorhanden waren und nur 
mobil gemacht zu werden brauchten; Rufsland arbeitet mit Summen, 
die das Volk mit einem grofsen „goldenen Tribut'^ an das Ausland 



^ Promyschlenni Mir (Industrielle Welt). 



IND ÜSTRIE. 81 

belasten. List fand ein für die industrielle Arbeit und den Ver- 
brauch industrieller Erzeugnisse wohl vorbereitetes Volk vor: in 
Rufsland fehlte beides. In Deutschland ging man zOgemd und vor- 
sichtig zum I^otektionismus über, um der Grofsindustrie allmählich 
zum Wachstum zu verhelfen: in Rufsland vmrde ein industrielles 
Fieber erzeugt ohne Rücksicht auf die Kräfte des Volkskörpers. 
In Deutschland hatte man weder grofse Politik noch Kolonien zu 
bezahlen: in Rufsland verwendet man jährlich viele hundert Mil- 
lionen auf die Erhaltung der Weltmacht und Förderung der Kolonien. 
Und endlich das Wesentlichste: man hat die Männer nicht für so 
ungeheure Aufgaben, wie man sie sich gestellt hat 

In diesen 10 Jahren wurde ein stolzer Neubau, richtiger ein 
neues Stockwerk auf die alten Mauern der russischen Volkswirt- 
schaft gesetzt, mit aller Kunst, aller Technik, allen Vollkommen- 
heiten unserer Zeit Dennoch hat es in dem neuen Stockwerk 
bedenklich gekracht und manchen Rifs gegeben, und es scheint, 
dafs jene alten Mauern von Lehmschlag den modernen Neubau 
nicht zu tragen vermögen. Wenn der innere Markt dauernd ver- 
sagen sollte, wenn der russische Konsument nicht im stände wäre, 
die Erzeugnisse der neuen Industrie aufzunehmen, dann hätten 
zwei sehr gewandte und sehr energische Minister einen grofsen 
Fehler begangen. Wir wollen nun suchen, uns hierüber etwas 
Klarheit zu verschaffen. 




V. D. BsOflaBr, Ruflland. 



FÜNFTES KAPITEL 

DAS ZENTRUM. DER ADEL 

Vt^us dem vorhergehenden Abschnitt drängt sich die Bemerliung 
fJ^^ auf, wie in der neuen Ära seit 1887 die Staatswirtschaft Rufs- 
lands immer mehr sich von der Volliswirtschaft scheidet. Die 
Finanzen des Staates nehmen immer stärlier die Sorge und Thätig- 
keit der beiden Finanzminister dieser Zeit in Anspruch, sie gewinnen 
das Obergewicht über die Volliswirtschaft. Auch wo die Minister die 
wirtschaftliche Arbeit im Vollie fördern, wie in der Industrie, ist 
der leitende Gesichtspunlit immer ein staatsfinanzieller: die staat- 
lichen Geldmittel sollen gemehrt werden. Nicht, wie der Wohl- 
stand im Volke zu heben wäre, ist die erste Frage, sondern, welchen 
Nutzen der Fiskus haben wird. Finanzielle Technik, das ist die 
oberste Regierungskunst, und diese allerdings war seit 1887 glän- 
zend. So waren es auch die Staatsfinanzen. Wie überwiegend 
ilerr WrrTE hierin seine Aufgabe sah, wie durchdrungen er davon 
war, dafs blühende staatliche Finanzen ein untrüglicher Beweis 
für wachsendes Wohlergehen des Volkes seien, hat er selbst oft 
ausgesprochen. In seinem Budgetbericht für 1896 erklärte er die 
finanziellen Erfolge für so glänzend, wie sie seither weder in Rufs- 
land noch anderswo je erreicht wurden; sie hätten alle Merkmale der 
Dauerhaftigkeit an sich; sie seien nie und nirgends bei einer Ver- 
armung des Volkes vorgekommen, und undenkbar in Zeiten, wo 
die Volkswirtschaft leide. Er meinte bemerkt zu haben, dals der 
Wohlstand im Volke steige, äafs sich aus dem Bauernstände heraus 
eine wohlhabende Schicht der Landbevölkerung bilde, die in sich 
die Bedingungen zu weiterer Entwickelung trage. Das Vertrauen in 
die Macht der Staatsfinanzen spricht auch noch aus den ministe- 



DAS ZENTRUM. DER ADEL 83 

riellen Kundgebungen der letzten beiden mageren Jahre. Allein es 
ist nicht wahrscheinlich, dafs an einem so einsichtigen Mann wie 
Herrn WrTTE die Erfahrungen dieser Zeit und die von allen Seiten 
sich erhebenden Warnungen ganz wirkungslos könnten vorüber- 
gegangen sein. 

Wenn man die russische Litteratur der letzten 20 Jahre fiber- 
schaut, so ist man überrascht, fast immer und überall auf Schilde- 
rungen oder Beurteilungen von wirtschaftlichen, sozialen, moralischen 
Obelstanden des Volkslebens zu stofsen. Von GOGOL an bis auf 
GORKI hat sich die sogenannte schöne Litteratur meist mit diesen 
Dingen, und zwar kritisch, negierend, klagend beschäftigt. Positiv 
bauend ist weder diese, noch die Fachlitteratur gewesen, und das 
ist dadurch erklärlich, dafs das Volk selbst, wenigstens bis 1864, 
von jeder praktischen Beteiligung an öffentlichen Dingen ausge- 
schlossen war. Ihm blieb nur die Rolle des Zuschauers und 
Kritikers gegenüber einem Schauspiel, das von dem staatlichen 
Beamtentum aufgeführt wurde. Auf diese erzählende Litteratur 
werde ich noch zurückkommen. Hier will ich nur auf die in 
letzter Zeit sich mehrenden fachlichen Schriften hinweisen, die 
neben den amtlichen Veröffentlichungen von den verschiedenen 
Gebieten des Volkslebens handeln, und die sämtlich in schroffem 
Widerspruch stehen nicht nur zu dem Optimismus des Finanz- 
ministers, sondern fast immer auch zu dem gesamten Gange der 
inneren Politik. Was uns zunächst interessiert, sind die speziell volks- 
wirtschaftlichen Schriften. Welche von ihnen man zur Hand nehme 
— von Keüssler und Engeuwann bis auf GoLOWiN, Schwanebach, 

NOWKOW, ISSAJEW, LOCHTIN, SiMKOWITSCH, JERMOLOW, M LOKOW 

u. s. w. — überall, und ganz besonders deutlich in den Werken 
national-russischer Schriftsteller — wird man denselben tief klagen- 
den Grundton vernehmen, den Ausdruck der Enttäuschung, des 
Schmerzes über die Gegenwart, oft der Erbitterung über die eigene 
Machtlosigkeit gegenüber einer Welt von Übeln. Nur Fremde, die 
als litterarische Geschäftsreisende das Land durchfliegen, sind 
manchmal anderer Meinung. Man muls dabei stets im Auge be- 
halten, wie vorsichtig besonders die Tagespresse der Zensur gegen- 
über zu steuern genötigt ist, sobald sie innere Zustände besprechen 
wiU. Vielleicht nicht ein Zehntel von dem, was ihr am Herzen 
liegt, wird ausgesprochen. Und dennoch brechen manchmal Schreie 
der Verzweiflung durch. 

6* 



84 FÜNFTES KAPITEL 

Es handelt sich bei allen diesen Untersuchungen und Klagen 
weniger um das ganze russische Reich, als um das sogenannte 
Zentrum, das eigentliche Rufsland, ja man kann sagen um das 
alte Grofsfürstentum Moskau mit Ausschlufs Sibiriens. Es sind 
die Gebiete, wo die Schwarzerde vorherrscht, als Wellenland im 
nördlichen, als Steppe im südlichen Teil, ein Land, das an natür- 
licher Fruchtbarkeit unübertroffen ist, das an Ausdehnung Deutsch- 
land weit übertrifft Das sogenannte zentrale Rufsland umfafst 
338000 Quadratkilometer mit 147» Millionen Einwohnern, zeigt 
aber heute dieselben wirtschaftlichen Erscheinungen, dieselben 
kulturlichen Zustände wie das Wolgagebiet im Osten. Diese bei- 
den Bezirke zusammen bilden gerade das grofsrussische Kemland 
in einer Ausdehnung von 923000 Quadratkilometer mit 257« Mil- 
lionen Einwohnern.^ Es bildet die nationale Hochburg, von der 
aus Geist und Charakter des Riesenreiches bestimmt werden, von 
dessen Festigkeit die Zukunft Rufslands und der Russen abhängt 
An dieses Land schliefst sich im Süden das gleichfalls grofs- 
russische Neurufsland und im Südwesten Kleinrufsland an, die, in 
manchen Dingen vom Zentrum abweichend, weit weniger von der 
wirtschaftlichen Not zu leiden haben, im ganzen aber doch an dem 
Entwickelungsgange des Zentrums teilnehmen, zu dem sie nach 
Bodenbeschaffenheit und auch nach Nationalität gehören. Diese 
letzteren beiden Gebiete, eine gewaltige, fast ganz waldlose Ebene 
von grofser Fruchtbarkeit, umfassen 633800 Quadratkilometer mit 
19300000 Einwohnern. Lassen wir uns nun von kundigen Füh- 
rern durch einige Räume der russischen Hochburg leiten. 



Vor 1861 waren die sozialen und die wirtschaftlichen Zustände 
sehr einfach organisiert. Der Staat forderte durch seine Beamten 
Steuern und Rekruten, handhabte die obere Gerichtsbarkeit und die 
höhere Polizei, und sah darauf, dafs Ruhe im Lande herrschte. Die 
eigentliche Macht und Verwaltung lag in den Händen des angesesse- 
nen Adels, der weniger sein Land, als die darauf sitzenden Bauern 
verwaltete, die ihm hörig, an die Scholle gebunden, völlig in seiner 
Gewalt standen. Von zahlreichem Hausgesinde umgeben safs der 
Edelmann auf dem Hof und hielt die Dorf bauern zur Arbeit auf 



^ S. KowALEWSKi, La Russie ä la fin du 19. si^cle. Paris 1900. 



DAS ZENTRUM. DER ADEL 85 

seinem Acker an, zu einer Arbeit allerursprünglichster Art und mit 
dem allerrohesten Ackergerät; er selbst, der Herr, ohne jede andere 
landwirtschaftlichen Kenntnisse, als sie der Bauer auch besafs, aber 
auch mit der Bedürfnislosigkeit, die ein breites, bequemes Leben 
in weiten Flächen mit dem Überflufs an einfachen Nahrungsmitteln, 
an Brot und Butter, an Fleisch und Gemüse, an Kwafs und Met 
und Branntwein, an Wild und Fischen, an Wolle und Lein zur 
Kleidung so leicht mit sich bringt Im Hause safsen die Mägde 
am Spinnrocken, die Weiber am Webstuhl; auf den reicheren Höfen 
gab es Klöpplerinnen und Stickerinnen, gab es Gestüte, Gärten und 
Parks; da ritt man mit zahlreicher Meute oder mit Windhunden 
zur Jagd; man verstand gut zu tafeln, die Vornehmeren hielten 
mehr auf gediegene Ausbildung ihrer drei oder vier Köche, als auf 
die eigene Bildung, und die kulinarische gute Tradition hat alle 
Stürme der Neuzeit überstanden. Aber das kostete alles nicht gar 
viel, weil Koch und Küche kein Geld erforderten, und so kümmerte 
man sich wenig ums Geld, denn man brauchte davon wenig. Aber 
man lernte auch wenig oder nichts; man begnügte sich mit dem 
sehr dürftigen Unterricht im Gymnasium der Gubemialstadt, man 
bedurfte nur geringer Kenntnisse, um in den Militärdienst zu treten. 
Wer höher hinaus wollte, ging nach Petersburg in das Lyceum oder 
in die Junkerschule. Man lernte auch nicht die Landwirtschaft, 
denn der Bauer kratzte in althergebrachter Weise mit seiner höl- 
zernen Zoche den Boden im Frühling auf, säte ohne zu düngen 
und erntete den Weizen in diesem und die Sommerung im nächsten 
Jahr, und im übernächsten gab es Brache; Rinder, Rosse und 
Schafe hatten stets ausreichende Weideflächen in der jungfräulichen 
grasreichen Steppe, frafsen ihr Heu in den leichtgebauten Winterställen 
oder auch nur unter einem Schutzdach, die Kühe gaben wohl wenig 
Milch, aber die grofse Kopfzahl machte es. Was war da zu lernen? 
Der Edelmann war, wie TERPIGOREW sagt, Polizeianstalt, nicht Land- 
wirt Der Aufseher hatte nur darauf zu achten, dafs kein Bauer 
den Tag stahl, dafs jeder nach Befehl zur Stelle war, heute zu 
Fofs, morgen mit Pferd und Gerät, heute allein, morgen mit Weib 
und Kind. Im Dorf mufste er aufpassen, dafs die Hütten aus- 
gebessert wurden, dafs die Staatssteuer einflofs, und wenn's not 
that, mufste der Gutsherr einschreiten, hier einen Streit schlichten, 
da die mannbar gewordenen Mädchen verheiraten, dort für ein 
Vergehen den Prügel schwingen lassen — was stets im Pferde- 



86 FÜNFTES KAPITEL 

stall geschah — oder gar in Ketten legen» nach Sibirien verschiclien, 
oder diesen oder jenen Taugenichts verliaufen. Was war viel da- 
bei zu lernen? und auch Sorgen gab's nicht allzuviel. Der Bauer 
zahlte seine Kopfsteuer, der Herr seine Branntwein -Accise, und 
sonst war nicht viel zu steuern, es sei denn, dafs man in der 
Gouvernementsstadt bei dem Kaufmann für ein Pariser Kleid oder 
einen persischen Teppich oder bei dem Gastwirt für Champagner mit 
dem Preise indirekt Staatssteuer entrichtete. Hypothekenschulden 
hatte man nicht oder doch wenig, und das wenige erst, seit vor 
kurzem der vom Staat errichtete „Vormundschaftsrat** dem Adel 
Kredite eröffnet hatte; eine Justiz, bei der Bauer oder Stadter Recht 
finden konnte und die Geld gekostet hätte, gab es auch nicht, 
und wo nötig, da konnte man Polizei und Gericht mit einigen 
Gänsen, Fischen, einem Gaul, einem Fälschen Branntwein in gute 
Stimmung versetzen. Übrigens gehörten die oberen Beamten in 
der Provinz ja meist zu „uns^ zum Adel der Provinz, und waren 
nicht grausam. Was hatte man da zu sparen oder zu sorgen? 

Dann aber kam das Jahr 1861 mit dem erschütternden 
19. Februar, an dem die Bauern die persönliche Freiheit, ihren tlof 
im Dorf und ihren Anteil an der Dorfflur erhielten. Erst war man 
wie betäubt von diesem Schlage, und mit gutem Grunde. Denn 
der Adel war hierauf in keiner Weise vorbereitet worden. Man 
erwäge, dafs bisher das Vermögen des Edelmannes in Bauern, 
nicht in Land bestand, wenn man unter Vermögen den nutzbaren 
Besitz versteht Nutzbar war der Bauer, nicht das L^nd, denn 
Quadratmeilen des schönsten Landes im Gouvernement Samara 
oder Simbirsk, auch Saratow jenseits der Wolga, hatten gar keinen 
Wert an sich; sie bekamen erst Wert von dem Augenblick an, 
wo der erste Bauer auf ihnen angesiedelt wurde. Die Witwe in 
Terpigorews Erzählung macht sich Vermögen, indem sie alles 
Takelzeug, Männer, Weiber, iVUidchen, Kinder, dessen sie habhaft 
werden konnte, im Tambowschen Gubemium, ihrer Heimat, auf- 
kauft und in die Samarasche Wüste, oder vielmehr Steppe, mit Ketten 
gefesselt schickt, um in Ketten dort zur Arbeit zu gehen, bis sie 
sich eingewöhnt hatten: Neuland brechend, flutten bauend, und vor 
allem Kinder zeugend — niemand durfte damit zögern, sobald er am 
Ort anlangte; denn jedes Kind mehr trug zur Erhöhung der Werte 
des Landes bei und jeder Strolch war gut genug, um mit einer Dirne 
zusammengethan zu werden und eine Familie zu schaffen. Es 



L 



DAS ZENTRUM. DER ADEL 87 

waren da unendliche Gebiete, aber ohne Menschen darauf; der 
Boden war fast umsonst zu haben, der Gutsherr kolonisierte, in- 
dem er deportierte. Umgekehrt mochte man wenig Land haben, 
aber viel Bauern, so hatte man an ihnen doch Vermögen, denn sie 
erarbeiteten etwas, sie gingen auch wohl als Händler in die Stadt, 
und von dem Verdienst gaben sie einen Teil dem Leibherrn ab. 
Und nun waren plötzlich die Bauern weg, frei, und man hatte noch 
Land, aber ohne die Arbeiter dazu! Freilich, man bekam von der 
Regierung Loskaufsscheine; der freie Bauer mufste für sein Land 
dem ehemaligen Gutsherrn eine Summe zahlen; die Regierung trat 
für ihn ein und gab dem Gutsherrn einen Schein über die Schuld, 
den dieser verkaufen konnte. Aber der Bauer hatte nur etwa vier 
Hektar Land auf den Kopf bekommen ; vorher, als Leibeigener, jedoch 
hatte er sechs oder acht Hektar fOr den Herrn bearbeitet Wie 
sollte der Herr nun diese bearbeiten, um zu den alten Einkünften 
zu kommen? Was er für die vier Hektar des Bauern an Zinsen 
durch den Fiskus erhielt, deckte nicht den Ausfall von den drei 
Hektar, die nun brach lagen, und die derselbe Bauer vordem be- 
arbeitet hatte. Denn der Bauer wollte anfangs nur ungern sich fär 
Tagelohn verdingen, und wo ein harter Herr safs, da gab es erst 
recht keine Lohnknechte. Auch hatte der Bauer seinen Pflug nebst 
Pferd mit fortgenommen und der Gutshof war oft ohne Gerät und 
Zugvieh. Es war wirklich eine sehr schwierige Lage; man hatte 
wohl noch den Gaul, aber Silen und Pflug waren fort — wie 
sollte man nun ackern? Drauf sen das neue Gut im Samaraschen 
mit den neuen Ansiedelungen, den Erdhütten der deportierten 
Bauern, ohne Gutsgebäude, hatte gar keinen Wert mehr; aber 
auch das Stammgut trug nichts mehr, weil wenig darauf ge- 
ackert wurde; die brach liegenden Flächen wuchsen. Der 
Kutscher war nach zwei Jahren fortgezogen, der Tischler, der 
Schmied, die Spinnerinnen und Stickerinnen und Weberinnen hatten 
nur noch die gesetzliche Dienstfrist von zwei Jahren im Hof 
ausgehalten und sich dann verlaufen. Der Gutshof war verödet, 
nur dieser oder jener alte Diener, Koch, Aufseher hielt noch aus 
Anhänglichkeit bei der alten Herrschaft aus, wenn er eben genug 
Anhänglichkeit hatte und die Herrschaft danach war. Sonst ging 
aucti er seiner Wege, nahm Dienste in der Stadt oder eröffnete im 
Dorf eine Schenke, einen Kramladen, eine Schmiede — der arme 
Gutsherr aber breitete entsetzt die Arme zum Himmel aus: seines 



88 FÜNFTES KAPITEL 

Vermögens, das er von Vätern und Vorvätern ererbt, habe man 
ihn beraubt — was nun beginnen! 

Allmählich wich die Betäubung, und zwar beim Adel wie auch 
beim Bauern. Dieser letztere hatte seinen Freiheitsrausch aus* 
geschlafen, und da er von seinem Aclier allein meist nicht 
leben konnte, mufste er beim Gutsherrn Arbeit nehmen. Es be- 
gann die erste Wanderung auf Art>eit, die nachmals so grofsen 
Umfang angenommen hat Der Gutsherr schickte sich seufzend 
und klagend in die neue Wirtschaftsart, für die Geld zu Lohnen 
verlangt wurde, das er nun schaffen sollte. Die Ackerfläche 
war eingeschrumpft, Geld aus dem Lande zu ziehen war noch 
schwerer als ehedem, und viele kamen in Bedrängnis. Viele hatten 
ja auch von dem Vormundschaftsrat das erste Darlehn gegen 
flypothek erhalten, und war es nicht grofs, so mufsten die Zinsen 
doch gezahlt werden. Nun kamen die Loskaufsscheine, man er- 
hielt Geld. Da begann eine Erregung plötzlich durchs Land zu 
gehen. Was man vom Vormundschaftsrat erhalten hatte, war in 
alle Winde gegangen. Jetzt hiers es, man müsse in neuer Zeit 
ein neues Leben anfangen: die einen wollten eine neue Art von 
Landwirtschaft beginnen, wie sie im Auslande, in Deutschland, 
Frankreich, geführt wird, wo die Gutsbesitzer doch von ihrem 
Lande grofse Einkünfte haben. So sollte es nun auch hier im 
Orelschen oder Tambowschen werden, und man reiste mit Los- 
kaufsscheinen nach Moskau, ging in die neue deutsche Maschinen- 
niederlage und fragte da, welche Maschinen und Geräte man sich 
wohl anschaffen müsse, um auf deutsche Art zu wirtschaften. 
Mit mehreren Fuhren Maschinen und ein paar deutschen Werk- 
führern kehrte man heim, alle Nachbarn wurden auf einen be- 
stimmten Tag eingeladen, und nun wurden vier Rosse vor einen 
schweren Pflug gespannt, oder eine Säemaschine, ja vielleicht eine 
Dreschmaschine in Gang gesetzt War das Glück gut, so kam sie 
wirklich in Gang zum Staunen der Nachbarn, und es dauerte 
sogar Wochen, ehe ein Rad brach oder ehe die Knechte erklärten, 
der Pflug tauge nichts, ehe alles in den Schuppen wanderte 
und die deutsche Landwirtschaft ein Ende hatte. Die ersten Ver- 
suche fielen bei der völligen Unbekanntschaft mit modernem 
Ackerbau natürlich meist traurig aus, auch wenn sie nicht vom 
tländler in der Stadt oder von dem deutschen Werkführer, der 
vielleicht ein mecklenburger Stromer war und nie eine Dresch- 



DAS ZENTRUM. DER ADEL 89 

maschine gehandhabt hatte, betrogen wurden. Was dabei sicher 
war, das war das Hin^chmelzen der Losliaufsscheine. 

Man kann nichts Vollendeteres dieser Art lesen, als die 
Schilderungen, die Terpigorew von diesen Zuständen nach der 
Bauernbefreiung entwirft^ Es ist das Chaos, das wirtschaftliche 
und auch das moralische Chaos. Denn dieser Adel ward nicht nur 
wirtschaftlich gänzlich unvorbereitet aus der reinen Naturalwirt- 
schaft hinausgeworfen in eine Geldwirtschaft, die er nicht ver- 
stand, sondern er war auch ebenso moralisch unfähig in Verhältnisse 
gestofsen worden, die einen festen Willen und viel Besonnenheit 
forderten. Hatte er bisher Geld in die Hand bekommen für ein 
nach Petersburg verkauftes Rofs, so war das nur dazu da, um in 
Champagner und Pesten verthan zu werden; denn wozu sonst brauchte 
er Geld auf seinem Gut, sofern er nicht ein Geizhals war oder 
Land zukaufen wollte? Jetzt hatte er Geld, und das flofs ihm so 
schnell wie vorher durch die Pinger, denn an die Zukunft, ans 
Bezahlen zu denken hatte er nicht, aber den Herrn zu spielen 
überall, wo er erschien, hatte er wohl gelernt; oder vielmehr das 
safs ihm im Blut aus den Generationen in der Zeit der Leibeigen- 
schaft; vielleicht auch safs es im nationalen Slawenblut, in der 
„weiten Natuf'' des Russen. Und dazu kommt noch, dafs der 
Russe, ob Bauer oder Edelmann, keine Anlage zur Landwirtschaft 
hat Er ist nicht Landwirt in dem Geiste, wie wir Deutsche 
wenigstens, es verstehen; er ist nicht Ackerwirt, hängt nicht an 
der Scholle und trennt sich leicht von ihr, um in die Stadt zu ziehen 
und einen Dienst zu suchen. 

Andere, die von moderner Landwirtschaft nichts hielten, hielten 
umso mehr von guter Kindererziehung, die es der Nachkommen- 
schaft ermöglichen sollte, im Staatsdienst den verlorenen Wohlstand 
wieder zurück zu gewinnen. Sie nahmen ihre Loskaufsscheine, 
fuhren damit nach Petersburg oder Moskau und lebten dort so breit 
und bequem, wie sie es gewohnt waren und ihrem Stande an- 
gemessen hielten. Die Söhne wurden für die „Kronsanstalten'^ vor- 
bereitet, lernten die Hauptsachen, nämlich fremde Sprachen und gute 
Manieren; die Töchter wurden von wirklichen oder vermeintlichen 
Gouvernanten glattgeschliffen; die Eltern zeigten sich in der Weit 
— und dann waren die Loskaufsgelder alle. Man mufste wieder 



^ Terpigorew, Verkümmerung. St. Petersburg. (Russisch.) 



90 FÜNFTES KAPITEL 

heim auf die Scholle, man mufste da zu Gelde machen, was noch 
vorhanden war, um den hoffnungsvollen Sohn in die glänzende 
Staatskarriere zu bringen, die ihm nach seinen Gaben und Ver- 
sicherungen sicher bevorstand. Und dann ging es abwärts. 

Etwas später, als auf dem Lande ein Gutsbesitzer nach dem 
anderen zusammenbrach, suchte die Regierung zu helfen. Trotz der 
bereits zweimal gemachten Erfahrungen glaubte sie in dem Geld- 
mangel das Übel sehen zu mUssen, das an dem Grundadel zehrte. 
Es wurde im Jahre 1874 die gegenseitige Boden-Kredit-Gesellschaft 
gegründet mit staatlicher Hilfe und unter staatlicher Kontrolle. Sie 
gab Papiere zu pari aus, die zu 88 verkäuflich waren, auf Metall 
lauteten, nicht unter 7 — 8 Prozent, bald aber 9—11 Prozent Zins 
forderten, den Kapitalverlust von 12 Prozent eingerechnet, den der 
niedere Kurs veranlafste. Diese „goldene Bank" hat eine Menge 
Gutsbesitzer ruiniert, bis der Staat sie aufhob. Nun trat der Staat 
selbst ein, gründete im Jahre 1886 und 1894 die Adels- Agrarbank 
und die Bauer- Agrarbank, regte die Gründung einer Menge von 
Privatbanken an, kurz streute das Geld ins Land, das den Adel 
retten sollte. Aber dieser Adel hatte noch immer nicht gelernt, 
mit Geld umzugehen. Er nahm, was man ihm anbot, hielt es oft 
für eine Unterstützung, zu der der Zar gegenüber seinem getreuen 
und bedrängten Adel wohl verpflichtet war, entrüstete sich dann 
aber manchmal, wenn von ihm Zinsen oder gar Rückzahlung von 
Kapital gefordert wurden, was doch unmöglich der Zar habe im 
Sinn haben können, als er das Geld gab. Im übrigen lebte man 
davon wieder einige Jahre, und einige Gutsbesitzer gelangten 
wirklich zu modemer, d. h. intensiverer Wirtschaft, besonders durch 
die Zuckerindustrie; das waren aber wenige und sehr reiche Leute. 

Wieder eine neue Zeit brach an, als der Eisenbahnbau in 
grofsem Mafsstabe begann und als der Gründungstaumel die 
Residenz erfafste. Da hiefs es denn auch in der Provinz: wir 
müssen eine Bahnkonzession haben, wir müssen Aktiengesellschaften 
gründen. Die meisten dieser Gutsbesitzer hatten weder eine Aktie 
noch eine Fabrik jemals gesehen und keine Ahnung von dem ge- 
schäftlichen Gang solcher Unternehmungen. Aber bald fand sich 
da ein Bruder, der in Paris gewesen war und dort einigemal 
die Börse besucht hatte, oder ein anderer, der mit dem Finanz- 
minister auf der Schulbank gesessen hatte — ganz in seiner Nähe, 
nur zwei Plätze von ihm! — dem es gar nicht fehlen konnte. 



DAS ZENTRUM. DER ADEL 91 

durch des Ministers Protelition die schönsten Konzessionen zu er- 
langen, die gewinnreichsten Unternehmungen zu gründen. Das 
Spiel begann, man nahm aus den neuen Hypothelienbanlien das 
Geld, gründete Bahnen oder sonst was, und das Geld flofs ab; 
bald safs man wieder auf dem Trockenen, denn all diese Bahnen 
und Gründungen waren faul in der Wurzel, aus Unkenntnis und 
Unehrlichkeit, mehr noch aus Leichtsinn. 

Man rechnet, dafs auf diese Weise an iVs Milliarden von dem 
Adel auf seine Besitzungen erborgt und dann zu weitaus gröfstem 
Teil durch Leichtsinn, Unkenntnis und Unverstand, durch grenzen- 
lose Charakterschwäche und kindliche Sorglosigkeit vergeudet 
wurden. Denn seit Beginn der siebziger Jahre ist in manchen 
Gegenden ein Drittel des Adels und noch mehr von seinen Gütern 
verschwunden, weggefegt durch die gepriesene Geldwirtschaft, die 
den Fortschritt bedeutet Man sieht es Terpigorew an, wie ihm 
das Herz blutet, wenn er von diesem Nachbar und von dem und 
von jenem in langer Reihe erzählt, wie es kam, dafs sie von 
ihrer Scholle mufsten. 

Die wirtschaftliche Umwälzung hatte nicht alle unvorbereitet'^ge- 
troffen. Kalte, geriebene Rechner, kleine Beamte oder Kaufleute aus 
der Stadt, oder Wucherer, die ihre Zeit verstanden tauchten auf. 
Zwei Typen solcher Leute schildert TERPIGOREW; sie tauchen in all 
seinen Erzählungen auf. Der eine raubt den Bauer, der andere 
den Edelmann aus; der eine nimmt Pferd, Kuh, die nächste Ernte 
des Bauern durch wucherische Vorschüsse fort, der andere kauft 
für willkürlich von ihm gesetzte Preise die Pferde des Edelmannes, 
dann die Wirtschaftsgebäude, dann den Park, den Obstgarten, dann 
die Möbel im Herrenhause, endlich das Herrenhaus selbst. Alles 
wird fortgebracht; die uralten eichenen Wände des Hauses werden 
auseinander genommen und in der Stadt wieder zusammen- 
gefügt, die Möbel hineingesetzt, und da ist nun der alte Hof selbst 
in die Kreisstadt oder Gubemialstadt gezogen, wie der ehemalige 
Herr es auch gethan hat. Aber in dem Hause sitzt der Wucherer, 
und der Herr bettelt um eine kleine Anstellung irgendwo im 
Smolenskischen oder in Petersburg, oder er ist Säufer geworden 
und verkommen, oder er ist verschollen, man weifs nicht wohin. 
Wo der Hof stand, ist es öde geworden, die alten Linden der 
Alleen, die mächtigen Bäume des Parks, alles ist fort, und die 
Acker werden jährlich stückweise an die Bauern im Dorf ver- 



92 FÜNFTES KAPITEL 

pachtet, die Wiesen werden verpachtet, der Wald wird abgeholzt 
und verkauft. Hunderte, vielleicht Tausende von Gutem sind jetzt 
in diesem Zustande, nicht nur im Tambowschen, Orelschen, Tula- 
sehen u. s. w., sondern auch ganz in der Nähe Mosliaus. 

Wenn man diese Schilderungen liest, meint man, es sei von 
Kindern die Rede. So wenig Besonnenheit, so wenig Festiglieit, 
so wenig Erfahrung, so wenig Lebenslilugheit, so wenig Selbst- 
achtung; und so viel Zutrauen, Weichherzigkeit, Sorglosigkeit, so 
leicht im Nehmen und Geben, so genursfähig, so duldsam gegen 
andere — es sind Kinder, die noch kaum die Schule verlassen 
haben; ihre Gedanken reichen nicht über den nächsten Monat, 
die nächste Woche hinaus, sie haben nie ökonomisch zu denken, 
zu rechnen gelernt, und nationalökonomisch schon gar nicht Es 
ist in allem ein überraschender Mangel an Besonnenheit, ja an 
praktischer Vernunft zu beobachten, der uns anderen kaum be- 
greiflich ist Wenn dies der Charakter, der empirische Charakter 
des Volkes wäre? Ich wüfste dann freilich kaum, wie es zu Selb- 
ständigkeit jemals sich herausarbeiten könnte. 

Inzwischen hatte die Regierung Alexanders II den ersten Ver- 
such gemacht, das Volk zu Selbstthätigkeit und Selbständigkeit 
zu erziehen. Sie hatte die Landschaftsinstitutionen ins Leben ge- 
rufen, sie hatte die erste wirkliche Rechtspflege organisiert Dem 
Adel öffneten sich seit 1863 und 1864 diese beiden Felder nütz- 
licher und einträglicher Arbelt, und er drängte sich besonders in die 
die Stellungen, die Landschaften boten, wo es keines Fachstudiums 
wie in der Justiz bedurfte. Es war in der ersten Schreckenszeit 
nach der Bauernbefreiung; der Adel hatte durch das Amt des Frie- 
densvermittlers, der den adligen Kreisen angehörte und die Be- 
ziehungen zwischen den Bauern und den ehemaligen Leibherren 
zu regeln hatte, bedeutenden Einflufs auf die Bauern im Dorf 
und ebenso auf die wenigen bäuerlichen Vertreter in den Land- 
schaften. Als dann dieses Amt abgeschafft vmrde, schwand 
auch dieser Einflufs und es begann sich ein mittleres Element 
heraufzuschieben, das wirklich arbeiten lernte, das aber den 
Suppentopf der Pfründen für den Adel schmälerte. Dieses Element 
wurde für den Adel das, was der Dorfwucherer, die „Faust"', für 
den Bauer wurde: es beutete den kindlich-leichtlebigen Edelmann 
aus, bereicherte sich durch seine Wälder, Häuser, Parks, und 
machte sich in der Verwaltung Stellung. 



DAS ZENTRUM. DER ADEL 93 

So fand sich der Adel einem doppelt feindseligen Beamten- 
tum gegenüber und geriet alsbald mit ihm in Streit auf dem 
Boden der Selbstverwaltung, die die Landschaftsverfassung dem 
Adel eröffnet hatte. Wie ich schon sagte, fiel diese Neuerung in 
die Zeit völliger Fassungslosigkeit des bauerlos und damit brotlos 
gewordenen Adels, der nun, seit 1864, in den neuen landschaft- 
lichen Amtern Rettung vor tlunger und Schande suchte. Man 
hatte allerlei Aufgaben den Landschaften überwiesen , die mit Ver- 
vendung bedeutender Geldmittel verbunden waren. Die Land- 
schaften besteuerten das Land, erhoben und verwendeten die 
Steuern für öffentliche Zwecke. Da waren Wege, Spittel, Schul- 
häuser, Getreidemagazine und Brücken zu bauen, und man wufste 
sehr gut aus der alten Erfahrung mit den Kronsbauten, Kronsunter- 
nehmem und Lieferanten, wie man dabei Geld verdienen konnte. 
Die Landschaften wurden ein Feld der Spekulation; die Bauten 
wurden schlecht ausgeführt, die Wege vernachlässigt, und so kam 
es, dafs die Zustände bald schlimmer wurden als ^uvor. Dies 
brachte die Regierung gleich anfangs in Opposition mit der Land- 
schaft Dazu kam die natürliche Abneigung des Beamten des 
Staates gegen jede von ihm unabhängige Autorität, die seine 
A\acht beschränkte, die scheel sehende büreaukratische Eifersucht 
auf alle ständische Selbständigkeit Die Gouverneure hinderten, 
hemmten, die Landschaften beschwerten sich, und der Streit wurde 
allmählich zu einem Prinzipienkampf zwischen Selbstverwaltung 
und Staatsbeamtentum. Endlich bildete sich auch noch ein poli- 
tischer Gegensatz heraus zwischen den Anhängern der alten 
bureaukratischen Selbstherrschaft und der auf Wahl der Stände 
ruhenden Landschaft, die den Verdacht erweckte, nach politischen 
Vertretungskörpern zu streben, durch die die zarische, d. h. die 
büreaukratische Allgewalt könnte eingeschränkt werden. Den bureau- 
kratischen Verteidigern des Absolutismus stellte sich sofort die 
Kirche zur Seite, und der Prinzipienkampf nahm dann einen für 
die Landschaft verderblichen Ausgang, wie wir in einem anderen 
Abschnitt sehen werden. 




SECHSTES KAPITEL 

DER ADEL 

(Fortsetzung) 

^l^er Grundadel zeigte sich nach der Bauernbefreiung unfähig, 
^^^in die neue Lage sich zu finden, die Landwirtschaft auf 
seinen Gütern auf neuer Grundlage wieder in Gang zu bringen. 
Daran allein aber kann es nicht gelegen haben, wenn das ganze 
Land verarmte. An die Stelle der verarmten Edelleute traten 
andere Besitzer, die alten Acker wurden von diesen selbst be- 
arbeitet oder an Bauern verpachtet, und die Erträge kamen den 
neuen Nutzniefsem zu gute. Wir werden weiterhin von den 
Grfinden reden, weshalb der Bauer verkümmerte; hier wollen wir 
den privaten Grofsgrundbesitz im Auge behalten, der über ein 
Drittel des Im Privatbesitz befindlichen Nutzlandes ^ umfafst 

* Der Landedelmann der alten Zeit baute wenig Korn auf seinen 
weiten Ebenen. Wozu auch, da es doch nur schwer verkäuflich 
war bei guten Ernten und auch bei schlechten nur geringen Geld- 
wert hatte. Vor 50 Jahren galt der Scheffel Hafer dort im Zen- 
trum oft nur 15 Kopeken oder 30 Pfennige, der Scheffel Weizen 
das Doppelte; und oft konnte man auch dafür keine Käufer finden. 
War die Ernte eingebracht, so standen die Kornmieten in langen 
Reihen in der Nähe der Riege, und man drosch nach Bedarf die 
nächsten Mieten weg. War ein gutes Jahr gewesen, so fand die 
nächste Ernte noch einen Teil der alten Mieten ungedroschen vor, 
es setzten neue tiaufen sich an die alten an, und kam kein Un- 
fall dazu, so fand man ungedroschene Mieten von drei oder gar 



^ LOCHTIN, Der Zustand der Landwirtschaft in Rufsland. Petersbur^^ 1901. 



DER ADEL 95 

vier Jahren stehen. Das war dann der Stolz bei Adel und Bauer, 
das Zeichen des Reichtums, wenn da an der Strafse entlang die 
hellen neuen Mieten zunächst glänzten, und hinter ihnen immer 
grauere sich hinzogen, die ältesten halb schon verfault, ganz 
dunkel gefäii)! Dabei ging dann freilich mancher Scheffel Korn 
verloren, aber es hatte doch auch eine gute Seite. Denn kam ein 
Mifsjahr, so wurde das Leben wohl knapper, aber man hungerte 
nicht, sondern zehrte von den alten Mieten, der Gutshof so gut 
als der Bauer, den bei Kraft zu erhalten ja im Interesse, wenn 
nicht im Pflichtgefühl des Lelbherm lag. Hatte ein Bauer im 
Dorfe nichts geemtet, so griff der Herr zu den Vorräten der alten 
Mieten und der Kornspeicher, und dem Hunger war gewehrt. 
Wollte der Acker nichts mehr geben, so liefs man ihn liegen und 
brach neuen in dem Steppenlande und der Schwarzerde, denn an 
Düngen dachte man nicht. Der beste Weizen ging wohl nach 
Moskau in die Mühlen; wo Schafzucht war, wurde Wolle verkauft, 
wo Pferdezucht war, flofs hiervon einiges Geld ein; die Steuern 
waren gering, der baren Ausgaben gab es wenig. 

Dann aber kam nach der Bauernbefreiung die Not, erst fehlte es 
an Arbeitskraft, dann an Geld, und viele gingen in dieser Not unter. 
Inzwischen jedoch dehnte sich das Netz der Eisenbahnen aus und 
die Frachtsätze wurden unter Wyschnegradski so heruntergesetzt, 
dafs von dem entferntesten Acker her der Weizen, wenn nur eine 
Bahn nicht sehr weit, d. h. wenn sie nicht viel über 100 Kilo- 
meter weit ab war, zur Station gefahren und mit Nutzen nach 
einem Hafenplatz versandt werden konnte. Man erhielt plötzlich 
das Dreifache, das Sechsfache der früheren Preise und während 
vordem nur ein oder zwei Händler in der Kreisstadt Käufer waren, 
machten bald die Hafenplätze aus weiter Ferne ihre magnetische 
Anziehungskraft bis in die Dörfer jenseit der Wolga bemerkbar. 
Nun begann man den Kornbau auszudehnen. Ein Stück Wiese 
oder Weideland nach dem anderen wurde umgebrochen, die Weizen- 
flächen drangen immer weiter vor, die Maschinen und Ackergeräte 
wurden in Massen aus dem Auslande herbeigeschafft, die Kom- 
produktion und die Kornausfuhr schnellten in wenig Jahren zu 
unerhörter Höhe auf. Die Bodenpreise vervielfachten sich, man 
glaubte eine goldene Zukunft vor sich zu haben. Heute ist die 
Steppe, die vielbesungene, die endlose, die blumige und sinnige 
Steppe, noch jenseits der asiatischen Grenze, jenseits des Ural zu 



96 SECHSTES KAPITEL 

finden, im alten Rufsland ist sie fast verschwunden, und anstatt 
ihrer wogen jetzt die Kornfelder ununterbrochen von Tula und 
Orel bis an das Schwarze Meer und die Wolga und weiter hin. 
Die Erde ist fruchtbar genug, um manches Jahr hintereinander 
Weizen, oder abwechselnd Roggen, Hanf, Hafer zu tragen, bei 
flüchtiger Bearbeitung und ohne Düngung; so wird denn gesät 
und wieder gesät, und diese gutsherrlichen Acker, meist 
Neuland, tragen noch heute das achte Korn in guten Jahren, 
doppelt so viel als der Acker des Bauern oder doch um ein 
Drittel mehr. Denn die Kraft des bäuerlichen Ackers ist seit 
Jahrhunderten ausgesogen worden. Der Gutsherr hat mehr Neu- 
land als der Bauer, also schon um deswillen bessere Erträge. 
So wurde denn der Raubbau, wie er seit RüRlKs gesegneter Zeit 
in russischem L^nde getrieben wird, in gröfstem StU über das 
ganze Land ausgedehnt Nur in noch weit räuberischerer Weise. 
Denn wenn auch vordem schon nicht gedüngt wurde, so gab es 
doch viel Rindvieh, Pferde, Schweine, die dem Lande unwillkürlich 
etwas Dung zuführten, auch ohne viel Bemühung des Menschen. 
Die gewaltigen Grasflächen nährten das Vieh und kamen mittelbar 
der geringeren Ackerfläche zu gute. Nun schwanden die Gras- 
flächen und es schwand auch das Vieh. Um ein Drittel hat es 
an Zahl heute abgenommen gegen die Zeit vor 20 Jahren, während 
in den Kulturländern Europas der Viehbestand allenthalben ge^ 
wachsen ist, und auch das mag noch zu gering gerechnet sein. 
Die Heumenge wurde geringer und das wenige Vieh, was blieb, 
mufste sich nicht blos beim Bauern, sondern auch auf den meisten 
Herrenhöfen von Stroh kümmerlich nähren. So erschöpfte sich 
die Kraft des Bodens um so schneller, je gröfser die Ackerfläche 
wurde, und die Ackerfläche dehnte sich um so mehr aus, je mehr 
Eisenbahnen gebaut wurden. Dürftig blieb und wurde die Ernte 
von dem einzelnen Morgen lindes, aber die Menge der besäten 
Morgen machte es, so dafs im Herbst sehr viel mehr Kornmieten 
für den Dampfdrescher längs der Landstrafse aufgebaut wurden, 
als je dagestanden hatten. Aber graue und grauere Mieten gab 
es nicht mehr, wie früher, denn kaum war die Ernte beendet, so 
wurde auch schon gedroschen und schleunig verkauft, so bei den 
meisten Herren, so bei allen Bauern. Das Stroh faulte irgendwo 
oder wurde als Brennstoff verbraucht, und kam dann ein Hunger* 
jähr, so hatte man keine Vorräte. Pferdezucht und Viehzucht vcr- 



DER ADEL 97 

fielen, die Schafzucht gleichfalls, besonders in den zentralen 
Gubernien, und endlich änderte sich auch das Klima. Die Wälder 
waren fort, die Grasflächen waren fort, und mit ihnen die das 
Wasser zurückhaltenden Kräfte: die Ackerfläche verdunstete schnell 
das Schneewasser im Frühling, den Regen im Sommer und tierbst, 
und die dürren Jahre mehrten sich. 

So folgte zwischen 1870 und 1890 auf eine Reihe fetter Jahre 
mit gewaltigem Aufschwung der Komerzeugung eine Zeit des 
Rückganges der Ernten und zugleich auch des Rückganges der Ge- 
treidepreise. Kaum waren die tiungerjahre 1891 und 1892 vorüber 
und hatten die dtei folgenden Jahre reiche Ernten gebracht, da 
sanken von 1894 ab die Preise auf den Kornbörsen der Welt 
Die fetten Jahre hatten von dem Erlös aus Getreide wenig 
Kapital bei dem Gutsbesitzer zurückgelassen. Mit leichter Hand 
hatte er das Geld verthan, hatte sein Land in den Agrarbanken 
verschuldet; Kapital hatte er sehr selten erspart Eine Ausnahme 
bildeten die Rübenbauer im Südwesten und Süden, die, dank dem 
Schutz der Regierung, im Inlande willkürlich hohe Gewinne aus 
dem Zucker zogen und zugleich auf ihren grofsen Gütern eine 
intensive Bebauung wenigstens eines Teiles ihrer Acker einführten. 
Hier erstanden Herrschaften, auf denen 200000 bis 300000 Scheffel 
Weizen jahrlich geerntet wurden. Aber die Wälder lichteten sich, 
um die Fabriken mit Brennholz zu versorgen. 

Die Not, die Unsicherheit in der Beschaffung von Arbeits- 
kräften, der Mangel an Inventar, trieb die Gutsherren dazu, in 
dienstliche Stellungen des Staates, der Landschaft oder der 
Banken einzutreten; die Abwesenheit von ihren Gütern zwang 
sie dazu, von* ihrem Lande immer gröfsere Flächen an Bauern 
zu verpachten, meist auf ein oder ein paar Jahre. Natürlich 
wurden diese Ländereien noch gründlicher verwüstet, als die 
Äcker im Dorfe; sie wurden niemals geschont, niemals gedüngt 
und trugen dementsprechend bald ebensowenig als der Dorfacker, 
nämlich drei bis vier Korn. Trug aber der Acker nicht mehr 
als die Aussaat, so blieb er brach liegen. Nimmt man dazu, 
da(s die Gutswirtschaften, mit Ausnahme sehr weniger und 
kleiner, die intensiv wirtschaften, und der sehr grofsen mit 
Rübenbau, nur mit sehr geringem überschufs, oft aber mit Verlust 
arbeiten, so wird man verstehen, warum der adlige Grundbesitz 
sehr schnell schwindet, warum die Listen der zur Versteigerung 

▼. D. BttDoesN, Bnßland. 7 



98 SECHSTES KAPITEL 

gestellten Güter stets Tausende von Nummern enthalten; man wird 
aber auch verstehen, dafs im ganzen durch den Übergang des 
Bodens in andere, kaufmännische oder bäuerliche tiände der Port- 
gang der Verliümmerung nicht gehemmt wird. Der Kaufmann wird 
nur in seltenen Fällen selbst Landwirt durch den Erwerb eines Gutes; 
er will sein Geld wieder herausziehen, das ist alles, und das Gut 
wird geplündert, nicht bewirtschaftet Bessere Aussicht bietet der 
Bauer, wenn er auf gekauftem eigenen Lande sich anzusiedeln die 
Mittel hat Aber das ist selten der Fall ; er klebt zu sehr am Dorf- 
leben mit seinem Gemeindebesitz, den er auch als Kolonist mit sich 
nimmt Doch läfst sich in neuester Zeit in der jüngeren Generation 
die Fähigkeit und die Lust zu stetiger und rationeller landwirtschaft- 
licher Arbeit häufiger beobachten. Die Zahl junger Männer aus allen 
Ständen mehrt sich, die nicht mehr im Staatsdienst allein einen 
würdigen Beruf sehen, sondern sich auf die Scholle setzen zu 
harter Arbeit, doch sind es leider immer noch seltene Ausnahmen. 
Die Gruppe der privaten Grundherren ist nicht grofs; sie sind, 
wie LoCfiTiN meint, „fast ganz mit Staatsdienst oder Kommunal- 
dienst beschäftigt, der auch die materielle Versorgung bietet Für 
die meisten Grundherren bildet der Landbau nicht das hauptsäch- 
liche oder alleinige Mittel der Existenz." Das war schon seit 
lange so, seit Peter I den Adel dienstpflichtig machte. Aber jetzt 
ist die Landflucht allgemein geworden, weü man auf seinem Gut 
hungert, weil die Schulden drücken, weil es so leicht geworden 
ist, nach Petersburg zu gelangen, weil es auf dem Lande ohne 
den Trofs von Dienerschaft und das flotte nachbarliche Landleben 
so langweilig ist, und weil das Wirtschaften so schwer ist Und 
es ist in der That schwer, eine rationelle Landwirtschaft zu treiben 
ohne sefshafte Arbeiter, ohne feste Jahresknechte. Wie kann eine 
Gutswirtschaft gehen, in der 50 oder 200 Arbeiter zur Feld- 
bestellung im Frühling, zur Ernte im Herbst nötig sind, die aber 
in der übrigen Zeit des Jahres keine Arbeit gewährt, so dafs nur 
für die Saat und die Ernte die Arbeiter angenommen und bezahlt 
werden? Der Verwalter macht im Herbst vorher weite Reisen 
umher, um die 200 Arbeiter fürs nächste Jahr, d. h. für Saat und 
Ernte, zu mieten. Er kehrt mit 200 Mietsverträgen, in bester Form 
ausgestellt, heim und wartet Kurz vor der Saat kommen 100 
statt 200 Arbeiter, und Ersatz ist nicht zu haben. Die 100 feh- 

* LOCHTIN, a. a. 0. S. 309. 



DER ADEL 99 

enden sind einem höheren Angebot irgendwo andershin gefolgt, 
und an den Rechtsweg darf der Gutsherr nicht denlien, der führt 
zu nichts. Wie kann unter solchen Umständen eine Landwirt- 
schaft gut geführt werden, wo der Herr nie seiner Arbeitsiiräfte 
sicher ist? Und durch Jahresknechte kann nur der sich sichern, 
der aufser in den wenigen Wochen der Saat und Ernte stets in 
Hof, Feld, Wiese oder Wald Arbeiten auszuführen hat, also ein 
Herr, der intensiv wirtschaftet, der Vieh im Stalle füttert, der 
Dung zu schaffen sucht, der Klee baut, Wege und Gräben in 
Stand hält, im Walde richtigen Umtrieb hat Und weiter: wo sollen 
für die Tausende von Gütern auch bei intensiver Wirtschaft die 
Jahresknechte herkommen, wenn die Masse der Bauern Höfe und 
Anteile im Dorf hat, also selbst Land und Haus besitzt, zu dem sie 
nach den Wanderungen auf Erwerb doch immer wieder zurückkehrt? 
Der elende Zustand der Bauern, der eine wachsende Menge derselben 
von ihrem Landanteil nicht mehr leben läfst, und sie zwingt, ander- 
weit Arbeit zu suchen gerade in der Zeit des Jahres, wo im Dorf wie 
auf dem Gutsacker Arbeit zu thun ist, macht es unmöglich. Land- 
arbeit findet der Bauer nur dann, wenn er daheim auch welche hat 
Die Bedingungen für den Übergang zu intensiver Landwirt- 
schaft sind zwar ungünstig, aber es mufs zu ihr übergegangen 
werden, weil bei der alten Methode der Bebauung der Acker nicht 
mehr soviel trägt, als die Bearbeitung kostet. Ein anderer Grund- 
adel als der russische freilich wäre vielleicht der Sache schon 
früher Herr geworden. Aber wir haben es hier mit Charakter und 
Sitte einer Klasse zu thun, die weder den Willen, noch die Fähig- 
keiten zu haben scheint, um aus eigener Kraft, um selbst mit 
grolser staatlicher Hilfe es zu einer rationellen Ordnung der Land- 
wirtschaft zu bringen. Wenn man das so vortrefflich geschriebene 
Buch von Engelhardt liest, das vor etwa 25 Jahren verfafst 
wurde, ^ so staunt man über den Rückstand in der damaligen 
Landwirtschaft in Gebieten, die, wie das Gubernium Smolensk, 
der Kulturwelt näher liegen. Aber welche naive Unkenntnis der 
elementaren landwirtschaftlichen Lehren und Erfahrungen auch 
heute noch aus allen Winkeln des russischen Landes spricht, kann 
man täglich in Zeitungen und Berichten lesen, und nicht am 
seltensten in den Publikationen und Beschlüssen hochobrigkeit- 
licher Kommissionen, die von den Ministem in Petersburg in end- 

* „Vom Lande", St. Petersburg 1885. 



100 SECHSTES KAPITEL 

loser Folge eingesetzt werden, um die grofse Frage endgültig zu 
lösen. Zwar ist auch der Bauer in Deutschland oder Frankreich nicht 
im Besitz grolser landwirtschaftlicher Bücherweisheit, doch hindert 
ihn das nicht, eine rationelle Wirtschaft auf Grund gesunden prak- 
tischen Sinnes und ererbter Erfahrung zu führen, tlier aber fehlt 
es an beiden Dingen. Wie viele Güter sind aus russischer in 
deutsche tiand übergegangen, um in kurzer Zeit zu guter Ordnung 
und zu Ertrag sich zu entwickeln. „Karl Karlowitsch'', wie der 
deutsche eingewanderte Landwirt gern genannt wird, der lange 
in den Stralsen der Kreisstadt mit der Pfeife im Munde und 
schweigend umher gegangen war, der dann eines Tages Eigen- 
tümer eines adligen, in dem Kreise belegenen Gutes wurde, der das 
Gut in drei Jahren in Ordnung brachte und nun ein wohlhabender 
Mann wird, Karl Karlowitsch wird oft belacht, oft beneidet, manch- 
mal gehafst — aber es ihm nachzumachen unternimmt man nicht 
oder in unvernünftiger Weise. Statt dessen werden einige junge 
Edelleute nach Frankreich oder gar England geschickt, auf Staats- 
kosten, um dort Landwirtschaft oder Viehzucht zu lernen; von dort 
kehren sie wissender, aber praktisch unbrauchbarer als vorher zu- 
rück. Das Nächstliegende wird in Rulsland selten gethan, das Fernste, 
Gröfste wird mit Vorliebe unternommen. Natürlich scheitert man. 
Die Verschuldung des Grundadels wird auf 20 Prozent des 
Bodenwertes berechnet^ und wäre also nicht hoch im Vergleich 
mit dem Grundbesitz in anderen Ländern. Allein erstens ist der 
Wert des Bodens nach den sehr gesteigerten Kaufpreisen be- 
rechnet worden, die infolge der schwindelhaften Vermehrung des 
Kombaues und der hohen Kornpreise der siebziger Jahre erzielt 
wurden, und zweitens ist der wirkliche Wert der Güter seitdem 
durch das Aussaugen des Bodens gesunken. So ist diese Ver- 
schuldung thatsächlich drückender, als sie den Zahlen nach scheint 
Dazu kommt, dafs neben dem Getreidebau nur sehr geringes land- 
wirtschaftliches Gewerbe besteht, wenn man von den Zucker- 
fabriken absieht Nachdem der Fiskus die kleineren, der Land- 
wirtschaft nützlichen Brennereien vernichtet, nachdem er über 400 
Fabriken für Reinigung des Branntweins selbst gebaut hat, ist 
dieses Gewerbe kaum mehr ein landwirtschaftliches zu nennen. 
Seit in den Gebieten der Schwarzerde die Wiesen und Weiden 
verschwunden sind, ist noch weniger als früher für verbesserte 

^ GOLOWIN, a. a. 0. S. 101. 



DER ADEL 101 

und vermehrte Viehzucht geschehen. Während die Viehzucht und 
die damit verbundenen Betriebe in Pinland, in den baltischen 
Provinzen, in Polen, ja in Sibirien sich entwickeln, sind sie im 
zentralen Rufsland, mit wenigen Ausnahmen, in einer elenden Ver- 
fassung. Seit die Steppe verschwand, sind die zahlreichen privaten 
Gestüte in den zentralen Gubernien meist auch verschwunden und 
ist die Pferdezucht jenseits der Wolga, im Orenburger Gebiet, ver- 
nichtet Es bleibt nur der Getreidebau öbrig für den Gutsbesitzer, 
der zum Herbst durchaus Geld haben mufs, der nicht jahrelang mit 
Geld und Arbeit einen guten Viehstand schaffen, der nicht Schweine- 
zucht treiben will oder kann. Und während für solche Neben- 
gewerbe von selten der Regierung wenig geschieht, treiben die 
Differentialtarife das Getreide zum Hafen und den Gutsbesitzer 
zum Kombau, und damit zur weiteren Erschöpfung des Ackers. 
Und dieser Gutsacker umfafste im Jahre 1892: 29,6 Millionen 
Dessätinen, etwa 30 Millionen Hektar,^ und soll sich bis um 1899 um 
etwa 3 Mill. Dessätinen vergröfsert haben. Mit jeder Dessätine 
Neulandes schwindet die Steppe, die beim Bauern gar nicht mehr, 
nur noch auf einigen grofsen Gütern im Südosten anzutreffen 
ist Mit Kummer gedenken schon manche Russen der ehemaligen 
poesiereichen Steppe, die selbst in Taurien nur noch in geringen 
Resten zu finden ist Und, fügte jüngst ein Taurier (Nerütschew 
in der Pet. Wedom.) hinzu, der Ertrag der Ernte ist durch die 
Ausdehnung des Areals nicht gewachsen, sondern zurückgegangen. 
"SiO wird es verständlich, dals der Landbesitz des Adels seit der 
Befreiung der Bauern stark eingeschrumpft ist Vor 1861 besafs 
der Adel 105 Millionen Dessätinen, nach der Ablösung der Bauern 
78 Millionen Dessätinen. Davon waren 1892 nur noch 57 Millionen 
Dessätinen und am Schlufs vom Jahre 1893 wieder um 1 Million 
weniger, also 56 Millionen Dessätinen in adligen Händen.' Da- 
nach mülste man annehmen, dafs heute der adlige Besitz sich 
gegen 1861 um mehr als die Hälfte gemindert hat Das Land 
ging in die Hände von Bauern, Kaufleuten, Stadtbürgern über. 

* LOCHTIH, a. a. 0. S. 145. 

' MilOkow, a. a. 0. T. I, S. 189. Die Zahlen gründen sich auf Angaben 
der Adels-Agrarbanlc, Icönnen sich also nur auf den Bereich der Wirksamkeit 
dieser Bank beziehen; Finland, Ostseeprovinzen, Polen gehören auch dazu. 



SIEBENTES KAPITEL 

DER BAUER 

In bäuerlichem Besitz befanden sich (nach LoCtiTlN) im Jahre 1892 
an Gesamtareal nur 111 Millionen Dessätinen oder 119 Mil- 
lionen Hektar, an Ackerland 74,3 Millionen Dessätinen.^ Und 
wenn man die endlosen Landstrecken hinzunimmt, die sowohl im 
europäischen wie im asiatischen Rufsland noch ganz unangetastet 
oder halb verwüstet vorhanden sind, so wird man überzeugt sein, 
dafs es an Nährboden für 126 Millionen Menschen nicht fehlt In 
demselben Jahr- soll^ der Landbesitz, Gemeinacker und Pachtland, 
des russischen Bauern auf den Kopf 2 Dessätinen betragen 
haben, wovon 0,74 Dessätinen unter Frucht standen. Der Anteil 
des früheren Domänenbauers ist gröfser, bis zu 4 Hektar. Dieser 
Satz von 2 Hektar und weniger auf den Kopf im zentralen Rufsland, 
der heute von verschiedenen Seiten als die Regel angegeben wird, 
ist das Resultat der ümteilungen, wie die bekannte russische 
Gemeindeverfassung sie mit sich bringt Der Anteil war jedoch 
gerade in dem Gebiet der reichen Schwarzerde des Zentrums von 
Hause aus auch nur 3 bis 4 Dessätinen grofs, er hätte aber bei 
guter Bewirtschaftung und bei einem entwickelten Städtewesen noch 
immer die Nahrung einer Pamilie hergeben können. Denn bei einer 
Familie von 7 Köpfen, wie sie in Rufsland als Durchschnitt an- 
genommen wird, hat der Bauernhof 14 Hektar Land, und zwar 
sehr fruchtbares Land. Aber da liegt dieser Anteil von 14 Hektar 
in mindestens drei, oft viel mehr Stücke geteilt, in weit voneinander 
abliegenden Gewannen zerstreut Die Gewanne sind bis zu 20 Kilo- 

^ Alle diese russischen statistischen Ziffern darf man nicht genau nehmen, 
sondern nur im grofsen und ganzen und auch dann nur mit Vorsicht 
• LOCHTIH, S. 225 ff. 



DER BA UER 103 

meter vom Dorf entfernt, sie bestehen in schmalen, langen Streifen, 
auf denen der Bauer mitunter einen halben Tag braucht, um mit 
seinem Pfluge hin, und einen halben, um wieder her zu ackern. 
Er kann mit seinem elenden Gaul unmöglich einen 10 oder 20 Kilo- 
meter weit abliegenden Acker gut bearbeiten, noch weniger be- 
düngen. Er kann 5 oder 10 Fetzen Landes, ein jedes 10 oder 
20 Fufs breit, weithin verstreut, nicht anders bearbeiten als die 
Nachbarn es thun; er mufs weiden, wo und wann die anderen 
weiden und säen, wo und was sie säen, denn sonst wird ihm die 
Saat zertrampelt und abgeweidet von den Nachbarn, die später 
säen als er, und von der Dorfherde, die auf das Brachfeld zieht 
Im Kreise Uglitsch, Gubernium Jaroslaw, also nicht einmal im Ge- 
biet der teueren Schwarzerde, sondern des ärmeren Bodens der 
Mittelregion, besteht der Landanteil des einzelnen Bauers heute 
durchschnittlich aus 36 getrennten Stücken, und es giebt in 12 Pro- 
zent der Dorfgemeinden solche Schnurländer oder Gewanne, die 
Va Faden, d. i. 3 Vi Fufs breit sind.^ Das ist natürlich nicht immer 
so gewesen, sondern allmählich geworden mit dem Anwachsen 
der Bevölkerung und den wiederholten Teilungen des Gemein- 
ackers. Vor 30 bis 40 Jahren mögen die Gewanne weniger zer- 
streut und breiter gewesen sein ; aber mit der Zahl der Köpfe, die 
auf sie Anspruch erhoben, wuchs die Zahl der Gewanne, der 
Acker aber, aus dem diese Streifen geschnitten wurden, blieb stets 
derselbe. Zwischen 1875 und 1895 hat sich der auf den Kopf ent- 
fallende Landbesitz der Bauern, trotz einiger Landerwerbungen aufser 
der ursprünglichen Dorfflur, stark vermindert. Auf 1000 Bauern 
beiden Geschlechts kam im Jahre 1895 gegen 1875 ein Verlust 
an Landbesitz durch Zunahme der Bevölkerung von 20 Prozent 
im Zentrum, 23 Prozent im Osten, 24 Prozent im Südgebiet* 
Bleibt es nun bei der bisherigen Kommunalwirtschaft, so mufs 
der Landanteil auf den Kopf der Dörfler immer weiter sich 
mindern. Dabei hat der Bauer wenig Wiesen und Weiden im 
Verhältnis zu dem so elenden Acker. Auf ein bäuerliches Gesamt- 
areal in 50 Gubernien von rund 111 Millionen Dessätinen rechnet 
LOCHTIN 17 Millionen Dessätinen Wiesen und 14 Millionen Dessä- 
tinen Weiden. Eine Ausdehnung des Ackers innerhalb der Dorf- 

* S. St. Petersburger Zeitung 1901, Nr. 51. 

' PoLENOW, Untersuchung der wirtschaftlichen Lage der zentralen Schwarz- 
erde-Gubernien. Moskau 1901. S. 13. 



104 SIEBENTES KAPITEL 

flur ist schwierig und soll auch nur in geringem Mafse (0,8 Mil- 
lionen Dessatinen zwischen 1892 und 1899) vorgekommen sein. 
Der Kleebau ist schon wegen der Feldgemeinschaft nicht möglich. 
Das Ackergerät ist das elendeste, das Pferd, die Kuh sind die 
elendesten. Man wird bei solchen Verhältnissen nicht überrascht 
sein zu hören (LocflTiN), dafs auf jenen 0,74 Dessatinen Acker 
durchschnittlich von der Ernte dem Bauer rein nachbleiben 20,4 
Pud oder 6,8 Zentner^ Korn. Ein anderer Forscher, SlMKHOwrrsCH,* 
giebt als den Minimalsatz für die Lebensnotdurft des russischen 
Bauern 19 Pud an, und findet folgende Zustände (in runden Zahlen): 
45 Vs Millionen Seelen oder 70,7 Prozent der gesamten Bauern- 
schaft erhalten von ihren Landanteilen weniger als 19 Pud Ge- 
treide; 13 Millionen Seelen oder 20,4 Prozent der Bauernschaft 
hat weniger als 26,5 Pud pro Kopf; 5,7 Millionen Seelen oder 
8,9 Prozent der Bauernschaft hat mehr als 26,5 Pud. Indem 
SlMKflOWiTSCH 25,5 Pud als das Quantum annimmt, welches zur 
Ernährung eines Bauern nebst seinem Arbeitsvieh genügt, kommt 
er zu dem Schlufs, dafs nur 8,9 Prozent der russischen Bauern 
aus dem Ertrage ihres Landes so viel erübrigen, um überhaupt 
Vieh halten zu können. 

Wie viel oder wie wenig Vertrauen man nun diesen Ziffern 
auch schenken mag, so darf man als richtig annehmen, dafs der 
LandanteU der meisten Bauern in den fruchtbarsten Teilen des 
Reiches heute nicht 2 Hektar auf den Kopf oder 14 Hektar 
auf den Bauerhof übersteigt, und dafs der Anteil der ehemaligen 
Domänenbauern 3 bis 4 Hektar pro Kopf beträgt Nach einer 
neuerdings von SERING in Schlesien angestellten Untersuchung^ 
beginnt bei den dortigen Bauern der Komverkauf bei einem Mindest- 
areal an Acker von 3 bis 5 Hektar. Diese 3 bis 5 Hektar gut 
gepflegten Ackers geben dem Bauer die Notdurft für sich, seine 
Familie und sein Vieh, und erst der sechste Hektar, bei gutem 
Lande der vierte, giebt Verkaufsware. In Rufsland selbst liegen 
ausreichende Erfahrungen vor in den deutschen Kolonistendörfern. 
Dort, in den blühenden Kolonien Kleinrufslands, hält der Kolonist 
einen Bauernhof erst für rentabel, wenn er ein Areal von 45 bis 
50 Dessatinen umfafst Der kleinrussische Bauernhof umfafste 



M Pud - 16,38 Kilo. 

* Die Feldgemeinschaft in Rufsland. Jena 1898. S. 292. 

' S. Deutsche Monatsschrift 1901, Heft 2. 



DER BAUER 105 

ursprünglich 65 Dessätinen und ist lieute auf 8 Dessätinen herab- 
gesunken. Daher der Rückgang des russischen und die Aus- 
breitung des deutschen Ackerbauers in Kleinrufsland. Der Hof- 
bauer hat auf 14 Hektar Land etwa 5,18 Hektar Acker, was in 
Schlesien sehr ausreichend wäre. Aber dieser Acker ist so aus- 
gesogen, dafs er nur drei oder vier Korn trägt In den letzten 
40 Jahren ist, nach POLENOW, die Ertragsfähigkeit des Ackers im 
Gebiet der Schwarzerde um ein Drittel gesunken.^ Wenn man 
nun hört, dafs der Bauer trotzdem bedeutende Mengen von Ge- 
treide verkauft, so wird man versucht sein, den nationalökono* 
mischen Berichten jede Glaubwürdigkeit abzusprechen. Und den- 
noch sind die Angaben, wenigstens im ganzen, richtig. Wie ist 
das nun möglich? 

Nachdem man über die russische Gemeindeverfassung seit 
Jahrzehnten und nicht blos in Rufsland, sondern auch in Deutsch- 
land ganze Bibliotheken zusammengeschrieben hat, wäre es höchst 
überflüssig, hier noch die Schäden des Kommunalbesitzes, der 
(Jmteiiungen der Acker, der Haftpflicht der Gemeinde für die 
Steuern auseinander zu setzen. An diesen nationalen Götzen, der 
zahllose Menschenopfer gefordert hat und noch fordert, zu glauben, 
ist heute nur noch der verbohrteste russische Fanatiker im stände. 
Aber freilich: es giebt ihrer noch viele, und man hört noch immer 
das alte Lied von dieser urrussischen und zukunftsreichen Insti- 
tution. Das Wahre an der Sache ist, dafs das ursprünglich all- 
gemein bestehende bäuerliche Privateigentum am Boden seit 300 
Jahren durch die Regierung allmählich aufgehoben wurde, und dafs 
die Haftpflicht der Gemeinde eine reine technische Verordnung 
der Regierung war, um das bequeme und sichere Einfliefsen der 
Steuern zu erzielen. Die Haftpflicht soll nach SiMKtiOW TSCti schon 
vor der Feldgemeinschaft bestanden haben. Die kommunale Be- 
sitzform des Bodens ist in Nordrufsland noch in den dreifsiger 
Jahren des 19. Jahrhunderts mit Anwendung von Gewalt durch- 
gesetzt worden, wobei die Bauern, die ihr Eigentum verteidigten, 
als Rebellen behandelt wurden. Die Feldgemeinschaft wird bis in 
die neueste Zeit von der Staatsregierung geschützt, denn ein Gesetz 
vom 14. Dezember 1893 verordnet, dafs Ausscheidungen der An- 
teile aus dem kommunalen Besitz und ihr Übergang in Privat- 



* POLENOW, a. a. 0. S. 12. 



106 SIEBENTES KAPITEL 

eigentum, wie sie unter gewissen Bedingungen (Auszahlung der 
Ablösungsschuld) nach dem ursprünglichen Gesetz von 1861 ge- 
stattet waren, von der Zustimmung der Gemeinde und Bestätigung 
durch die Minister des Innern und der Finanzen abhängig sein 
sollen. Da nur der Wohlhabende und der Fleifsige sich von der 
Gemeinde in dieser Weise lösen kann und will, so würden die 
besten Steuerzahler der für die Steuern und Abgaben haftenden 
Gemeinde entschlüpfen, weshalb diese also niemals in die Aus- 
scheidung willigt Der strebsame Bauer kann daher nicht daran 
denken, sein Landstück zu eigen zu erwerben und in dieser Aus- 
sicht es besser zu bearbeiten als die Nachbarn. Er mufs weiter für 
den faulen Nachbar, der seine Zahlungen nicht aufbringen kann, 
haften, er mufs weiter sein Landstück aussaugen wie der Nachbar 
das seine, denn nach einigen Jahren sitzt dieser faule Nachbar 
vielleicht auf seiner, des Fleifsigen, Scholle, und der Fleifsige be- 
kommt das Stück des Faulen. 

Trotz der bis in die neueste Zeit festgehaltenen Tendenz 
der Staatsregierung, die verrückteste aller agraren Ordnungen auf- 
recht zu erhalten, treten Anzeichen auf einer Zersetzung dieser 
Ordnung von innen heraus. Da die Reichen nicht die Fesseln 
abwerfen dürfen, so thun es die Armen. 

Der Kommunalbesitz mit seiner Feldgemeinschaft, hervor- 
gegangen aus höchst praktischen, aber auch ebenso gewalt- 
thätigen Motiven, hat sich im Geiste der nationalistischen Ver- 
blendung die ideale Glorie der demokratischen sozialen Gleichheit 
zugelegt Alle Bauern der Gemeinde sollen gleich bleiben auf 
Grund ihres gleichen Landbesitzes. Wie fiberall, so hat sich auch 
hier die menschliche Natur von dem Gleichheitsideal nicht lange 
narren lassen, sondern sehr bald sich daran gemacht, die Un- 
gleichheit herzustellen. Es dauerte nicht lange, bis sich in jedem 
Dorf Reichere und Ärmere befanden; die Reicheren sorgten unaus- 
gesetzt dafür, ganz reich zu werden, indem sie die Ärmeren ganz arm 
machten. Dieses höchst menschliche Streben, verbunden mit der 
fortschreitenden Verkleinerung der Landanteile durch die üm- 
teUungen, raubte einer immer gröfseren Zahl von Bauern ihr Pferd, 
die Kuh, das Ackergerät und trieb sie dazu, ihr Leben durch 
Nebenverdienst neben ihrem Acker und dann ohne Acker als 
Tagelöhner im Dorf oder in der Stadt zu fristen. Es stellte sich 
ein, was die heutige Fachlitteratur die Differenzierung des Bauern- 



DER BA ÜER 107 

Standes nennt Der Kulak, die Faust, wurde der Bauer genannt, 
der, die Not seiner Dorfgenossen ausnutzend, einen nach dem 
andern zu seinem Schuldner, dann zu su seinem Knecht machte, 
deren Landanteile an sich zog und von den herabgekommenen 
Genossen für seine Rechnung bearbeiten liefs. Die ähnliche Er- 
scheinung wie beim Adel der kleine, wuchernde Beamte oder 
Krämer, der allmählich Land, Haus, Park und alles wegfrifst und 
den Landedelmann in weit hilfloserer Lage hinaustreibt, als die ist, 
in welcher der Bauer sich befindet, der, von der Faust vertrieben, 
doch wenigstens seine Arme hat, die ihm Brot schaffen können. Oder 
eine ähnliche Erscheinung, wie der Adel des Mittelalters, der den 
Bauer, den armen Edelmann oder den Gewerbetreibenden erst in 
Schutz nahm, wie der Wucherer beim Leihgeschäft dem Bauer gegen- 
über auch als Wohlthäter aufzutreten pflegt, aus welchem Schutzver- 
hältnis sich dann auf die einfachste Weise Leibeigenschaft, Hörig- 
keit, Vasallenschaft herausbildeten. Welches Geschrei erhob sich 
vor 20 und 30 Jahren, als dieser Typus des Kulak, der Dorf- 
wucherer, entstand, dem man später, als man seine erfolgreiche 
Arbeit näher kennen lernte, den Namen Dorffresser beilegte. 
In ihm erblickte man den Feind des nationalen Heiligtums der 
Dorfgemeinde und suchte ihn durch Recht und Gewalt zu be- 
kämpfen. Aber er liefs sich nicht niederzwingen, weil er auf dem 
festen Boden der natüriichen, menschlichen Anlagen stand, die 
wohl in rechtliche Formen gebracht, aber nicht weggeschafft werden 
konnten. Und je mehr der Landanteil sich durch Umteilungen 
verkleinert, je mehr der Bauer auf Erwerb aufserhalb des Dorfes 
angewiesen wird, je geringer die Erträge des Ackers und je häufiger 
die Hungersnöte werden, um so leichter, natürlicher fällt der Land- 
anteil des Armen dem Reicheren in die Hand, um so billiger wird 
der Boden, um so schwerer wird es der Gemeindeversammlung, die 
zwei Drittel der Stimmen zusammen zu bekommen, die nötig sind, 
um die Reichen durch eine neue Umteilung aus ihren zusammen- 
gewucherten oder billig erworbenen Ländereien hinauszudrängen. 
So zählte man denn schon am Schlufs der achtziger Jahre in 
22 russischen Gubernien^ 13 Prozent aller Bauerhöfe als ohne 
alles Vieh, und die Pferdezählung von 1882 ergab 1100 000 Höfe 
ohne Gespann.' In den letzten 10 Jahren verschwanden in 

^ Ich meine national russisch im unterschiede von gesamtrussisch. 
* Vgl. SlWKHOWlTSCH, S. 316. 



108 SIEBENTES KAPITEL 

13 Gubernien des Zentrums und Ostens (Schwarzerdegebiet) 
185100 Spannhöfe und verminderte sich der Pferdebestand um 
1393400 Haupt, d. i. um 21 Va Prozent im Osten und um rund 
29 Prozent im zentralen Schwarzerdegebiet^ Dementsprechend 
mehrten sich die spannlosen Höfe, denn der Bauer ackert dort 
nicht mit Ochs oder Kuh, sondern nur mit dem Pferd. Offenbar 
konnten ohne Gespann die Besitzer die Acker nicht bestellen; 
aber eben so wahrscheinlich blieben sie deshalb nicht unbestellt; 
die Erklärung liegt nahe, dafs diese Acker von den kräftigeren 
Bauern gepachtet oder sonst wie an sich gebracht und mit ihrem 
Gespann bestellt wurden. Die Million Hofbauern war eben zu 
einer Million Land- oder Stadtarbeiter geworden. Und dieser 
Prozefs der langsamen Depossedierung der schwächeren Bauern 
durch die Dorffresser geht stetig weiter und wird nur aufgehalten 
durch das Bestreben der gespannlosen Bauern, ihr Land durch 
gemietete Kräfte bestellen zu lassen und das Geld dazu durch 
auswärtige Arbeit zu verdienen. So wurden ' um 1891 in 5 schwarz- 
erdigen Gubernien, nämlich Tschemigow, Woronesch, Poltawa, 
Saratow, Kursk, 915140 Bauernhöfe untersucht, und man fand, 
dafs von ihnen 25,1 Prozent ohne Arbeitsvieh waren, 25,3 Prozent 
hatten 1 Stück Arbeitsvieh, und 49,6 Prozent hatten 2 und mehr 
Stück. In 16 Gubereien des Ostens und Südens stieg die Zahl 
der Bauernhöfe ohne Gespann von 1882—1891 um 3,6 Prozent, 
und wenn man heute die Zählung in diesen Gubernien, die in 
diesen 10 Jahren von Hungersnöten getroffen wurden, wieder- 
holen wollte, so würde sich ohne Zweifel ein noch weit stärkerer 
Rückgang herausstellen. „In Neurufsland,'' sagt GOLOWIN, „wo das 
Gemeindeeigentum meistenteils nur noch auf dem Papier existiert 
und die Haftpflicht nicht angewandt wird, stellte das Leben dem 
natürlichen Wachstum der starken Höfe keine Hindemisse in den 
Weg. Sie entwickelten sich bis zu normalen Dimensionen durch 
den Bodenankauf bei den Privatbesitzern und die Pachtung von 
Anteilen bei jenen benachbarten Bauern, deren Wirtschaft keine 
nutzbringende war."' 

Von manchen Seiten wird als auf ein entscheidendes Hindernis 



* POLENOW, a. a. 0. S. 17. 

* Nach ilURWiTZ, Die ökonomische Lage des russischen Dorfes. New- 
york 1892. Englisch. Vgl. Siäkhowitsch, S. 317 ff. 

' GoLOWiN, a. a. 0. S. 93. 



DER BAUER 109 

der Aufhebung des Kommunalbesitzes darauf hingewiesen, dafs 
die Dörfer zerschlagen und die Dorfflur in Einzelhöfen vergeben 
werden müfste, was unerschwingliche Ausgaben erfordern würde. 
Davon kann naturlich keine Rede sein, es ist auch durchaus nicht 
nötig. In ganz Europa herrscht die Dorfsiedelung vor, der Einzel- 
hof ist selten. Schon der Mangel des Wassers würde die Aus- 
siedelung der Bauern in Einzelhöfen unmöglich machen. Aber 
der Kulak giebt die Richtige Methode an: man gebe die Freiheit 
des Erdbodens, und der Individualbesitz wird sich auf Grund des 
persönlichen Interesses schon Raum schaffen. Es werden Tausende 
schwacher Höfe eingehen, aber es wird sich der Bauernstand kräf- 
tigen; es werden die übervölkerten Dörfer an tlofzahl abnehmen, 
aber die nachbleibenden Höfe werden besser wirtschaften und 
stärker werden. Der Kommunalbesitz fördert nur die üblen Eigen- 
schaften: Faulheit, Sorglosigkeit, Mifswirtschaft; er unterdrückt die 
guten Triebe: Fleifs, Sparsinn, Liebe zum Landbau, Arbeitstrieb. 
Diese Fessel mufs schwinden; dann träte der naturgemäfse Gang 
der agraren Entwicklung, der seit 300 Jahren künstlich und gewalt- 
sam verrenkt wurde, wieder ein und würde zur Gesundung führen. 
Es würde, wenn die gesetzliche Fesselung durch den Kommunal- 
besitz nicht wäre, sich gar bald eine Klasse von Hofbauem mit 
eigenem Lande herausarbeiten, die vielleicht den allgemeinen Ver- 
fall der Bauernschaft aufhalten könnte. Indessen wird diese Ent- 
wickelung einer bäuerlichen Aristokratie auch durch die Haftpflicht 
zurückgehalten, die von dem aufstrebenden Bauer das nimmt, was 
der verarmte nicht mehr an Steuern zahlen kann und so der An- 
sammlung von Vermögen entgegenwirkt. Denn die Besteuerung 
des Bauern ist hoch im Verhältnis zu seinen Einnahmen. Ein 
russischer Agrarstatistiker^ hat herausgerechnet, dafs „die gesamte 
Belastung des bäuerlichen Grundbesitzes mit Staatsabgaben den 
Bmttoertrag" ums Jahr 1885 um 20—27 Prozent, um 1890 um 
62—69 Prozent überstiegen habe. Er erklärt, dafs die ehemaligen 
Leibeigenen in 37 Gubernien von dem Reinertrage ihres Bodens 
nicht nur nichts für sich behalten, sondern 198,25 Prozent, also 
fast das Doppelte des Reinertrages als Steuern dem Staat zahlen 
müssen, und dafs die besser gestellten Staats- und Apanagebauern 
von ihrer Reineinnahme 92,75 Prozent abgeben, also 7,25 Prozent 



* NiKOLAl-ON, Die Volkswirtschaft in Rufsland. München 1899. S. 2 u. 171. 



110 SIEBENTES KAPITEL 

für sich behalten. Es mufs wohl hinzugefügt werden, dals zu 
den Steuern auch die Kapitaltilgung für das abgelöste Land, die 
sogenannte Loskaufszahlung, gerechnet worden ist Obwohl dieser 
Gelehrte sich auf offizielle Quellen beruft, wird man zweifeln dürfen, 
ob dieses Verhältnis als durchschnittliches anzunehmen sei, da 
es den Bauer, der mehr als 14 Dessätinen Land hat, um so sicherer 
zu Grunde richten müfste, je mehr er besitzt Indessen weisen 
alle Angaben auf eine Überbürdung des Bauern mit Steuern hin. 
Ein weniger gelehrter, aber in bäuerlichen Verhältnissen erfahrener 
Zeuge, der Landhauptmann NowiKOW, sagt^ man müsse im Ge- 
biet der Schwarzerde auf die Seele, d. h. auf den Kopf der vor- 
handenen männlichen Bevölkerung an Steuern, nämlich Staats- 
Grundsteuer, Loskaufszahlung, Landschafts- und Gemeindeabgaben 
7—8 Rubel jährlich rechnen, d. i. 3 — 4 Rubel auf die Dessätine 
Landes, was ungefähr die Hälfte der Pachtsumme für das Land 
ausmache. In den ärmeren Böden der industriellen und der Seen- 
gebiete bezahle der Boden oft die Abgaben nicht, die sich so in 
eine Personalsteuer verwandeln. Der Bauer würde oft gern auf 
sein Land verzichten. Man vergegenwärtige sich nun die elende 
Bebauung des Ackers, das bei der oft seit Jahrhunderten mangeln- 
den Düngung entkräftete Land: so wird man allerdings gestehen 
müssen, dafs die Aufhebung der früheren Kopfsteuer den Bauer nicht 
davor gerettet hat, in anderer Form einer erhöhten Kopfsteuer unter- 
worfen zu sein. In dem städtearmen Lande giebt es, nachdem 
die Hausindustrie von der Grofsindustrie zerstört worden ist, nur 
selten und meist in weiter Entfernung einen Nebenverdienst Doch 
der Bauer wandert hinaus und sucht ihn, wandert leicht 100 Kilo- 
meter weit, fährt mit der Bahn viele hundert Kilometer, um während 
des Sommers 20—30, oft nur 10 oder 12 Rubel zu ersparen, dann 
kehrt er im Herbst heim und die Steuern werden beigetrieben. Das 
ist die Obliegenheit einer langen Reihe von Beamten: Kreispolizei- 
chef und dessen Bezirksgehilfen, Landhauptleute, Steuerinspektoren, 
Kreisversammlung der Beamten — das alles müht sich um den 
Steuerbeutel, und hat mehr oder weniger seine Hände auf der Tasche 
oder auch in der Tasche des Bauern. Die Hauptsache aber macht 
der Polizeichef mit den von ihm abhängigen Gemeindealtesten, 
und man wird Herrn NowiKOW gern glauben, dafs die Zeit der 



^ Aufzeichnungen eines Landhauptmanns. Petersburg 1879. S. 119 ff. 



DER BA ÜER 111 

Abgabenzahlung die wichtigste Zeit des Jahres für den Bauer ist. 
Gleich hier auf der ersten Stufe der administrativen Thätigkeit 
machen sich die ewigen Schäden des rein büreaukratischen Regi- 
ments geltend: Willkfir und Bestechung, in sanfteren Formen als 
vor hundert Jahren, aber doch überall umher schleichend, bald in 
dem Glase Branntwein sitzend, mit dem der Bauer den Gemeinde- 
ältesten vertröstet, bald in dem Tribut, den der Gemeindeälteste 
dem Landpolizisten leistet; daneben der Druck, den die geistlose 
Uniformität des büreaukratischen Mechanismus ausübt. Die Kom- 
preise sind im September schlecht — aber der Bauer mufs ver- 
kaufen, was er gestern erdroschen, oft die ganze Ernte, um Steuern 
und Rückstände zu zahlen; oder das Dorf hier baut Tabak, der 
im November zum Markt kommt Aber bis zum November ist 
der Gemeindeälteste schon dreimal oder viermal vom Polizeimeister 
wegen versäumter Einzahlung der Steuern bestraft worden; denn 
was kümmert sich die Polizei darum, ob dieses Dorf Tabak baut 
oder Fische fängt: vom Weifsen Meer bis zum Schwarzen müssen 
die Steuern an einem bestimmten Tage gezahlt werden, einerlei, 
wann der Bauer dazu in die Lage kommt: so erfordert es die 
staatliche Ordnung. 

Trotz aller Urädniks (Landpolizisten), Polizeimeister u. s. w. 
gelingt es nicht, die Steuern überall beizutreiben, und es entstehen 
Rückstände. Die Versteigerung der letzten Habe wird angedroht, 
der Bauer nimmt Geld auf unter jeder Bedingung, oder verkauft 
das Notwendigste. Wer dem Bauer Geld zu 30 Prozent leihen 
wollte, wäre um diese Zeit, meint NowiKOW, ein Wohlthäten Und 
doch mehren sich die Rückstände jährlich, gerade im sogenannten 
Zentrum, dem grofsrussischen Rufsland. SCtiWANEBACfl führt an, 
dafs um Mitte 1893 die bäuerlichen Rückstände in 46 Gubereien 
119Vs Millionen Rubel betrugen, wovon auf das Zentrum 110 Mil- 
lionen entfallen. „Fast in allen zentralen und östlichen Gubernien 
überstiegen die Rückstände die Jahresquote, und in einigen — 
Ufa, Kasan, Orenburg, Samara — sogar zweifach und dreifach." 
Für das Jahr 1896 giebt ISSAJEW^ schon 142 Vj Millionen an, ob- 
gleich ein Jahr vorher 8 Millionen erlassen worden waren. Im 
einzelnen gab es Rückstände im Gouvernement Woronesch 164 Prozent 
der Jahresquote, Nowgorod 306 Prozent, Kasan 355 Prozent, Sa- 



^ Zur Politik des russischen Finanzministeriums. Stuttgart 1898. 5. 7. 



112 SIEBENTES KAPITEL 

mara 342 Prozent, Orenburg 492 Prozent Aufserdem liegt auf 
diesen Bauern aus früheren iWifsjahren eine bedeutende Schuld 
dem Staat gegenüber an Summen der Volksverpflegung. Und 
jene Ziffern beziehen sich auf das Jahr vor der Hungersnot von 
1897 — 1898, die jene Gubemien schwer traf. Die Folge ist ge- 
wesen, dafs die Rückstände der Loskaufszahlungen sich am 
2. Januar 1901 auf 250 Millionen Rubel belaufen haben. Wie es 
nach diesem flungerjahr dort aussah und aussieht, haben uns 
anschaulich und, wie ich glaube, richtig die Herren LEfiMANN und 
ParvüS geschildert^ 

Zu all diesen Nöten kommt nun noch die grofse Finanzpolitik, 
die von Wyschnegradski begonnen ward und bis heute fortgesetzt 
wird, bestehend in dem Druck der Regierung auf die steuerpflichtigen 
Ackerbauer mit dem Zweck, die Komausfuhr zu steigern. Kaum 
ist die Ernte beendet, so wird die Beitreibung der Steuer in Gang 
gebracht, die den Bauer nötigt, sofort sein Korn zu verkaufen. 
Er erntet, wie wir sahen, weniger als die Notdurft, mufs nun aber 
auch diese um jeden Preis losschlagen, und so beginnt schon im 
Herbst das Hungern, und je billiger das Korn auf dem Weltmarkt 
ist, um so mehr mufs der Bauer, um die Steuersumme voll zu 
machen, auch von dem losschlagen, was er auf gepachtetem Lande 
oder gekauftem etwa erntete. So standen die Preise in den Mifs- 
jahren von 1891 und 1892 hoch, aber der hungernde Bauer hatte 
keine Ware; dann fielen sie, z. B. im Gubemium Samara' im 
Jahre 1894 auf 3—5 Mark der Zentner Weizen, auf etwa 1,17 bis 
2,27 Mark der Zentner Roggen; 1895 stand das Korn noch niedriger, 
z. B. im Gubernium Poltawa die Gerste 9 Kopeken das Pud 
(18 Pfennige für 16,38 Kilo); an der Wolga wurde das Pud Getreide 
mit 11 — 19 Kopeken bezahlt Die Preise begannen 1896 wieder 
zu steigen. Aber je billiger, um so mehr mufste ausgeführt werden 
und wurde ausgeführt, weil die Handelsbilanz gehalten und der 
Goldvorrat des Staates gemehrt werden sollte. Im Jahre 1864 
exportierte Rufsland an Getreide 9V2 Millionen Tschetwert oder 
etwa 121 Va Millionen Pud (zu 16,38 Kilo) im Wert von 54,7 Millionen 
Rubel, d. h. 33 Prozent des gesamten Exports. Zwischen 1882 und 
1887 wurden durchschnittlich ausgeführt 312 Millionen Pud; dann 



' In „Das hungernde Rufsland*'. 

* Nach Brscheski, zitiert in ,,Das hungernde Rufsland'". S. 459. 



DER BAUER 113 

kam unter WyscüNEGRADSKI die künstlich verstärkte Ausfuhr mit 
durchschnittlich 441,8 Millionen Pud bis 1891, und unter WITTE 
bis 1897 mit durchschnittlich 522,8 Millionen Pud. Man exportierte 
bis zu einem Viertel des gesamten Ertrages des Reiches.^ Und 
davon lieferte der Bauer 350 Millionen Pud (Golowin), also mehr 
als die Hälfte, obwohl er eigentlich überhaupt nichts zu verkaufen 
hatte. Denn der Ackerbauer erntet durchschnittlich im ganzen 
Reich (mit Ausnahme von Polen und Finland) nur 29,3 Pud Ge- 
treide und Kartoffeln (in Mehl umgerechnet) auf den Kopf der 
ackerbauenden Bevölkerung.' Da steckt eben der Steuerbeamte 
daliinter, der das „Herauspeitschen des Kornes" im Herbst besorgt, 
zum Wohl der ministeriellen und zum Unheil seiner, des Bauern 
Rechnung. Denn nachher mufs der Bauer sein Brotkom zu 
höheren Preisen wiederkaufen, und im Frühling erst recht teuer 
das Saatgut bezahlen. So kommt LoctlTlN zu dem Ergebnis, dafs 
in 50 Gubernien des europäischen Rufsland auf den Kopf der ge- 
samten Bevölkerung durchschnittlich jähriich an Korn (Kartoffeln 
eingerechnet) geerntet wird 22,4 Pud, wovon exportiert wird 3,6 Pud, 
und also für den Bedarf nur zurückbleibt 18,8 Pud, was weniger 
ist, als in irgend einem Kulturlande zum Lebensbedarf der Be- 
völkerung gehört Und wir sahen schon, dafs der Bauer, ohne 
den Grofsbesitz, noch weniger als jene 29,3 Pud, nämlich von 
seinem 0,74 Dessätinen grofsen unter Frucht stehenden Acker nur 
20,4 Pud erntet. Natürlich kann der Bauer unter solchen Um- 
standen keine Vorrate für schlechte Jahre ansammeln; aber auch der 
Gutsbesitzer kann das aus anderen Gründen nicht, denn in Jahren 
mit niedrigen Preisen kann nichts gespeichert, sondern mufs um so 
mehr verkauft werden. In den Jahren 1894 und 1895, als die Preise 
Heien, stieg die russische Komausfuhr sofort von 404 Millionen 
Pud im Jahre 1893 auf 639,5 Millionen im Jahre 1894 und 574,7 
Millionen Pud im Jahre 1895.' Und wie unfähig das Land aus 



* Schwanebach, S. 95. 

* So LOCHTIN, der selbst unter den NaUonalölconomen als Zahlenmagier 
hervorragt. Sollte er dieses Erntemafs des Bauern zu niedrig geschätzt haben, 
so hat er anderseits es für den russischen Bauern des Zentrums doch noch 
zu hoch gegriffen, weil er z. B. die Bauern der baltischen Provinzen mit in 
den Topf geworfen hat, die in völlig anderen Verhältnissen leben, d. h. genug 
Brot haben und gelegentliche Mifsernten leicht aberwinden. 

* Schwanebach, S. 95. 

V. D. BxOeon, BalUand. 8 



114 SIEBENTES KAPITEL 

Mangel an Betriebskapital ist, das Getreide zunickzuhalten, zeigt der 
Umstand, dafs die Ausfuhr aucli in flungerjaliren nicht oder wenig 
sinkt, bis die aus Vorjahren noch vorhandenen Lager geleert sind. 
So sank die Ausfuhr in dem flungerjahre 1891 nur um 27,2 Mil- 
lionen Pud. 

Dieselbe Erscheinung zeigte sich bei der Milsemte von 1897. 
In den letzten 6 Monaten von 1897 wurden 233,3 Millionen Pud 
Korn ausgeführt, mehr als in den vorhergehenden guten Jahren, 
und in den folgenden 6 ersten Monaten von 1898 wurden 
241,3 Millionen Pud ausgeführt, wieder mehr als im Vorjahre. Im 
Jahre 1901 war die Mifsemte in einem grofsen Teil Rufslands 
seit dem Juli bereits gewifs und sogar offiziell anerkannt Der 
ministerielle Budgetbericht giebt die Gesamtemte an Getreide ffir 
1901 mit 3050 Millionen Pud und den Ausfall gegen den Durch- 
schnitt der letzten 5 Jahre mit 236 Millionen Pud an. Dieser 
Ausfall beträgt fast die Hälfte des im Durchschnitt ausgeführten 
Getreides. Dennoch drückt sich die Komausfuhr in folgenden, die 
ersten 11 Monate des Jahres umfassenden Ziffern aus: 1899 
323866000 Pud, 1900 395691000 Pud, 1901 428300000 Pud. Trotz 
der Mifsemte wird also mehr als vorher ausgeführt „Wenn," 
sagt Schwanebach (S. 103) von dem Mifsjahr 1897, „die Bewegung 
unseres Komes sich unserem eigenen Bedarf unterordnete, so 
hätten die Überschüsse des Südwestens (wo die Emte gut gewesen 
war) die Richtung zur Aushilfe in den (notleitenden) zentralen 
Gubernien genommen. Aber die zentrifugale Strömung blieb fest 
und die Ausfuhr kiewschen und podolischen Korns nach Öster- 
reich nahm solchen Umfang an, dafs die österreichischen Eisen- 
bahnen nicht im stände waren, die Anforderungen an das rollende 
Material zu befriedigen.'' Eine dortige Zeitung zog den Schlufs, 
dafs „wie gering auch die Emte in Rufsland sein möge, der Welt- 
handel von dort stets soviel Kom nehmen werde, als er braucht, 
wenn die Ausfuhr nur nicht durch künstliche Mafsregeln ein- 
geschränkt wird. Das sei auch ganz verständlich: das reiche Europa 
überbietet ohne Mühe die Ware bei dem unvermögenden inneren 
Nachfrager.'' Dazu kommt, dafs zur Zeit der notgedrungenen 
fieberhaften Ausfuhr im tierbst die lokalen Kompreise zu fallen 
und erst im Frühling, wenn der Bauer kaufen mufs, wieder zu 
steigen pflegen. 

Es wird demnach mehr Korn ins Ausland verkauft, als das 



DER BA ÜER 115 

Volk bei genügender Ernährung entbehren kann ; der gröfsere Teil 
des Volkes, und gerade der gröfste Teil des speziell russischen 
Volkes, hungert stets zum Wohl der Finanzen des Staates, und 
zwar deshalb, weil er zu arm ist, um sein Brot für sich zu be- 
halten oder um in Mifsjahren welches zu kaufen. Wenn die oben 
angeführte Ziffer von etwa 18 — 19 Pud Korn auf den Kopf, die 
dem Bauer zur Ernährung für sich und sein Vieh noch bleiben, 
richtig ist — und diese Ziffer scheint allerseits als richtig an- 
erkannt zu werden — ^ so liegt allerdings ein überraschendes 
Zeugnis von der Disharmonie zwischen Staatswirtschaft und Volks- 
wirtschaft in der Thatsache, dafs der russische Soldat aulser der 
äbrigen Kost an Kohl und etwas Fleisch seit dem Jahre 1872 an 
Brotfrucht 29 Pud erhält Der Bauer sieht fast nie Fleisch, und 
wenig von dem so zuträglichen Kohl auf seinem Tisch, und nährt 
sich hauptsächlich von Brot und Grütze; und doch hat er davon 
nur zwei Drittel der Ration zur Verfügung, die der Staat zur 
Erhaltung des Soldaten als notwendig ansieht Man kann unter 
diesen Umständen sagen, dafs für den russischen Bauer die Zeit 
des Militärdienstes eine Festzeit sein müfste, und dafs in keinem 
Liuide die allgemeine Wehrpflicht so grofsen Zauber für sich haben 
dürfte, als in Rufsland, — sofern jene 29 Pud Grütze und Mehl 
nicht nur in den Rechnungen der Intendantur verzeichnet stehen, 
sondern auch in den Magen des Soldaten ohne Abzug gelangen. 
Eine andere Rechnung mit überraschendem Ergebnis ist diese: 
Die Regierung nimmt bei ihrem Kampf gegen die tlungersnöte als 
Notdurft auf den Kopf und aufs Jahr an Brotkom 330 Kilogramm 
oder 19Vs Pud an. Die Statistik hat herausgerechnet, dafs von 
dem geemteten Brotkorn nach Abzug der Ausfuhr auf den Kopf 
im Lande zurückbleibt 240 Kilogramm. Demnach mufs das Volk 
aussterben an Hunger. Zum Glück darf man aber diese Rech- 
nungen als Beweise dafür ansehen, dafs die statistischen Angaben 
fafsch sind, denn es bleibt ohne Zweifel mehr als jene 240 oder 
auch 330 Kilogramm im Lande zurück, nur bekommt die Statistik 
das Mehr nicht zu fassen, weil es verheimlicht wird und aus 
andern Gründen. 

Ahnlich wie mit dem Getreide verhält es sich mit der Fleisch- 
produktion: die Fleischernährung des russischen Volkes sinkt 
Während in allen anderen Ländern mit der wachsenden Bevölkerung 
auch das Rindvieh sich mehrt, vermindert es sich in Rufsland. 

8* 



116 SIEBENTES KAPITEL 

Nach LOCHTIN zeigt Rufsland in dem Jahrzehnt von 1888—1898 
einen jährlichen Verlust an Rindvieh von 0,08 Prozent und besitzt 
nicht mehr Rindvieh auf den Kopf der Bevölkerung als Belgien 
und fast um ein Drittel weniger als Deutschland. Rufsland, das 
Land der Grasebenen und der Nomaden, das Land der reichen 
Schwarzerde und der blumenbedeckten Steppe! Ebenso vermindert 
sich die Schafzucht, die Schweinezucht, die Pferdezucht von Jahr 
zu Jahr, während das Land auch in Rücksicht dieser Nutztiere 
weit weniger auf den Kopf der Bevölkerung besitzt als andere 
Länder. Die neuesten offiziellen Untersuchungen^ haben ergeben, 
dafs in den letzten zehn Jahren der Pferdebestand im Zentrum 
(neun Gubernien) um 117000, im Osten (vier Gubemien) um 
68000 Kopf zurückgegangen ist, dafs die 2^hl der pferdelosen 
Bauernhöfe dort zunimmt, und dafs in allen russischen Gubemien 
die einpferdigen Höfe auf Kosten der mehrpferdigen zunehmen. 
Und doch wird (}ie Ausfuhr aller Arten von Vieh, Pferd, Rind, 
Schwein, lebend und in Gestalt von Fleisch, Häuten, Fett, eifrig 
gefördert. Noch eben, Oktober 1901, beschlofs die Regierung die 
Ausfuhr von Fleisch und Butter nach England zu fördern, ein 
Unternehmen, das wieder die unheilbare Selbsttäuschung zeigt, 
mit der man in Rufsland stets und am liebsten nach solchen Auf- 
gaben greift, die durchaus nicht mit den vorhandenen Bedingungen 
zusammenstimmen, aber den Schein hoher Kultur erwecken. Wie 
immer, wird dann auch eine Kommission ernannt, und die soll 
eine Untersuchung darüber anstellen, ob das russische Landvieh 
sich zur Mästung für den englischen Markt eigne. Das russische 
L^ndvieh! Es hat nicht genug zum Leben, hat nie seit Genera- 
tionen von Fettansätzen und erst recht nicht von feiner Fleisch- 
bildung sich auch nur träumen lassen, aber jetzt mufs es per 
Kommission daraufhin untersucht werden, ob es sich wohl eigne, 
auf dem schwierigsten Fleischmarkt der Welt zu glänzen. Man 
hat dazu und zur Entsendung von 30 landwirtschaftlichen Reisen- 
den nach Englan.d ganze 50 000 Rubel ausgeworfen und die Herren 
haben in London und Windsor mit Essen, Trinken und Reden 
sehr viel zur Vorbereitung einer russisch-englischen Staatsallianz 
beigetragen, — und viel mehr wird dabei auch nicht herauskom- 
men. Aber diese unpraktisch-überschwängliche Weise der Behand- 



' POLENOW, a. a. 0. S. 17. 



DER BAUER * 117 

lung praktischer Fragen ist für Rursland typisch. Wir werden 
noch manchen Fällen solcher Unvernunft begegnen, die an sich 
unwesentlich, aber kennzeichnend sind für die überall sich kund- 
gebenden Mängel eines richtigen Mafsstabes für die eigenen 
Kräfte. 

Da der Bauer von seinem Dorf lande nicht leben kann, sucht 
er nach Nebenverdienst und überläfst die Bestellung des Ackers 
gern der Frau und den Kindern. Indessen ist es schwer, Neben- 
verdienst in einem Lande zu finden, wo aufser dem Ackerbau die 
Handarbeit nur wenig Verwendung hat Im Zentrum ist die ganze 
Industrie in Moskau und den anliegenden drei oder vier Gubemien 
konzentriert Aufserhalb dieses industriellen Zentrums giebt es 
kaum erhebliche Fabrikanlagen auf viele Hunderte, ja Tausende 
von Kilometern, wenn man nicht die Metallwerke von Tula, von 
Bränsk, oder die Kohlengruben und Hochöfen des Donez dazu 
zahlen will. Die Industrie beschäftigt heute in ganz Rufsland 
2—3 Millionen Menschen beiderlei Geschlechts; was will das 
sagen gegenüber einer bäuerlichen Masse von mehr als 100 Millionen? 
Das Land der Schwarzerde ist ganz auf Ackerbau angewiesen, 
und soweit der Bauer in ihr keinen Nebenverdienst findet, thut 
er eben nichts. Denn die Hausindustrie ist meist erstickt und 
Landarbeit giebt es nur im Laufe von ein paar Sommermonaten. 
Sieben Monate des Jahres sind fast ganze sieben Monate ver- 
lorener Zeit, und die Annahme erscheint daher nicht unbegründet, 
dafs der tägliche Verdienst des russischen Bauers sich durch- 
schnittlich auf 18—19 Kopeken (34—36 Pfennige) beschränkt* „Die 
Unmöglichkeit,'' heilst es in einer 1892 erschienenen Schrift', „während 
der ganzen von der Landarbeit freien Zeit Beschäftigung zu finden, 
bildet in unserem Dammerdestrich eine der Hauptursachen des 
niedrigen ökonomischen Niveaus der Landbevölkerung. In dieser 
Beziehung hat sich die Lage der Dinge gegen früher verschlechtert.'* 
Seit der Bauer über die dringendste Notdurft hinaus weder Lein 
baut noch Schafe hält, weder Flachs spinnt noch- Wolle webt, seit 
alles auf den Kornbau gestellt ist, ist auch alles auf Geld gesetzt, 
und dieses fehlt Der Bauer lebt, bis auf jene etwa 2 Prozent, 
die Industriearbeiter sind, bisher noch immer in Naturalwirtschaft 



^ GoLOWiNs Angabe nach Mulüalls Untersuchungen S. 95 a. a. 0. 
• S. NiKOLAI-ON, S. 305. 



118 SIEBENTES KAPITEL 

und steht hilflos einer Regierung gegenüber, die die Technik und 
die Lehren reinster Geldwirtschaft auf ihn anwendet 

Der Widerspruch zwischen der Gemeinde, die ihre Glieder 
wirtschaftlich an fland und Puls fesselt, und dem Staat, der von 
ihr Steuern fordert, lähmt die materielle Entwickelung und die 
Thatkraft des Volkes. Wo sich Bauern von der Gemeinde los- 
gerissen und auf gekauftem Lande einen freien Hof gegründet haben, 
da findet man oft blühenden Wohlstand. Und dasselbe fand ein 
so eifriger Verteidiger altrussischen Wesens wie der Fürst MEST- 
SCfiERSKi^ in den freien russischen Kolonistenansiedelungen an 
der unteren Wolga. Er liefs sich von einem Liindsmann, der von 
dort kam, folgendes erzählen: „Welch augenfälliger Kontrast! In 
den zentralen Gouvernements, wo das russische Volk gewisser- 
mafsen in seiner Quintessenz vertreten ist, wo man nur hinsieht 
— überall Armut, überall andauernder träger Schlaf, der ganze 
Fortschritt des Volkslebens scheint in der Aufgabe zu gipfeln, 

ein Hungerdasein zu fristen Von da verschlug es mich in 

das Astrachansche Gouvernement, wo auf gewaltsam okkupierten 

Kirgisenländereien sich russische Bauemdörfer gebildet haben 

Ich traute meinen Augen nicht, als ich diese prächtigen Dörfer 
sah, mit reinen, geräumigen Häusern, mit Gärtchen vor den 
Häusern, Gärten hinter den Häusern, in denen zufriedene reiche 
Besitzer von Pferden und aller Art Vieh wohnen und wo aufser 
Behäbigkeit und Reichtum Reinlichkeit und Ordnung herrschen . . . 
Als ich diese Dörfer sah, die durch ihren Wohlstand an jene (deut- 
schen) Kolonistendörfer erinnerten, die stets dem russischen Bauern 
zum Muster hingestellt und zum Vorwurf gemacht werden, da 
mochte ich nicht glauben, dals hier dasselbe russische Volk lebt und 
arbeitet, welches, je näher man Moskau kommt, um so fügsamer 
sein unglückliches Haupt unter dem Druck der unerbittlichen 
Armut neigt und scheinbar jeden Glauben an seine Volkskraft, 
an sein geistiges Vermögen, an seine Muskeln, seine Seele ver- 
liert ... Ich glaubte schon, es seien Sektierer, Raskolniki, diese 
glücklichen, reichen Russen im Astrachanschen Gouvernement, 
doch nein, es waren Orthodoxe . . . unter dem Eindruck dieser 
Erzählung wollte meine Seele sich Träumereien ergeben . . . Was 



^ Nach einer Obersetzung aus dem Graschdanin in der St. Petersburger 
Zeitung 1901 Nr. 184. 



DER BAUER 119 

bedeutet diese Parallele ganzer kernrussischer Gouvernements, die 
vernichtet, verarmt, hungrig sind, mit jenen grofsen Dörfern des- 
selben russischen Volkes, in denen Wohlleben und Reichtum 
herrscht, und wo in stetigem Strom der Quell der persönlichen 
und Gemeindearbeit und der individuellen Initiative sprudelt . . . 
Was das bedeutet, ist schwer zu entscheiden, doch erfassen 
Wehmut und Trübsinn meine Seele bei dem Gedanken, dafs, 
wenn ich die Frage stelle: welches ist bei der Kraft und Be- 
gabtheit des russischen Volkes das naturgemäfse Bild des Lebens, 
diese Oasen des Wohlstandes im Astrachanschen Gouvernement 
oder jene ruinierten Gouvernements des zentralen Rufsland? — 
Dafs es auf diese Frage keine andere Antwort als das Geständnis 
giebt: naturgemäfs ist das Bild der reichen Dörfer des Astra- 
chanschen Gouvernements, unnatürlich und naturwidrig das Bild 
ganzer Gouvernements im Kern Rufslands mit ruinierter, elender 
Bevölkerung! *" . . . 

Und wiederum umgekehrt: Welcher Kontrast zwischen den 
deutschen Kolonieen des Südens und Südwestens und denen Im 
Wolgagebiet, wo sie die russische Gemeindeverfassung angenommen 
haben, flier sind diese deutschen Dörfer womöglich noch elender 
als die russischen: dort im Süden und Südwesten, wo sie an 
ihren schwäbischen Sitten festgehalten haben, sind es reiche, ge- 
deihende, schöne Dörfer, deren Zukunft freilich trübe geworden 
ist, seit die Regierung Ihnen ihr Deutschtum zu nehmen be- 
schlossen hat, die aber bisher mit ihrer Selbstverwaltung ganz 
andere, glänzende Erfolge errungen haben, als der gleichfalls 
mit Selbstverwaltung ausgestattete „Mir'', die russische Bauern- 
gemeinde. Dieses Privileg der Selbstverwaltung ist heute bei 
Russen wie Deutschen in Gefahr, dem Gleichheitsmoloch geopfert 
zu werden. 

Indessen scheint die Staatsregierung seit einigen Jahren doch 
der Ansicht sich zuzuwenden, dafs Kommunalbesitz und flaft- 
pflicht nicht länger aufrecht zu halten sind. In dem Budget- 
bericht für 1899 stellte der Finanzminister die Abschaffung der 
flaftpflicht der Bauerngemeinde für die Steuern In Aussicht Ich 
habe damals (In den Grenzboten) die Erwartung an jenen Bericht 
geknüpft, dafs Herr Witte vom finanziellen Anstofs aus die 
Reform der ganzen Dorfverfassung in Angriff nehmen werde. Es 
hat nicht lange gedauert, bis man von weiteren Schritten auf 



120 SIEBENTES KAPITEL 

diesem schwierigen Wege vernommen hat Durch ein Gesetz 
vom Jahre 1899 wurde die Haftbarlieit beschränkt und die Auf- 
hebung der Haftpflicht in Aussicht gestellt; ferner wurde die 
Frist für die Feldumteilungen auf ein iWindestmafs von 12 Jahren 
normiert; zugleich wurde bestimmt, dafs bei Umteilungen dem 
Bauer, der auf seinem Anteil Verbesserungen vorgenommen 
habe, für dieselben, falls ihm sein Acker genommen wurde, 
von der Gemeinde Entschädigung zu leisten sei. Hiermit ist, 
wenn nicht mehr, die Tendenz vorgezeichnet, mit der die Staats- 
regierung hier vorgehen will. Und da ein plötzlicher Bruch 
mit der Feldgemeinschaft den Bauer ebenso fassungslos und 
hilflos machen würde, wie der Adel durch die Befreiung des 
Bauern wurde, so scheint es weise, nach dem Ziel langsamen 
Schrittes hinzustreben. Auch ist das wohl der Sinn einer 
Kommission, die erst unter dem iWinistergehilfen KOWALEWSKI 
arbeitete und neuerdings unter Leitung des Ministergehilfen 
KOKOWZEW vornehmlich die wirtschaftliche Lage des Zentrums 
— wie das verarmende Gebiet jetzt bereits bezeichnend genannt 
wird — zu beraten hatte. Nachdem diese Vorarbeiten zu 
einem. Abschlufs gebracht worden sind\ ist zu Anfang 1902 
eine neue grofse Kommission niedergesetzt worden, bestehend 
aus Ministern und hohen Würdenträgern, unter Vorsitz des 
Finanzministers, der das Recht hat, Experten zur Beratung 
heranzuziehen. Die Bedürfnisse der Landwirtschaft sollen klar 
gestellt und die zu ihrem Besten nötigen Mafsnahmen erwogen 
werden. Vom Konferenzsaal des Finanzministeriums aus die Be- 
dürfnisse der Landwirtschaft richtig zu erkennen, ist an sich 
eine sehr schwere Aufgabe. Sie ist unlösbar in einem Reich mit 
so mannigfaltigen Bedingungen und Formen der Landwirtschaft, 
und mit so verschieden für die Landwirtschaft veranlagter und 
vorgebildeter Bevölkerung. Sie ist hoffnungslos in der Hand 
einer so zentralisierten und der Landwirtschaft so fem stehenden 
Versammlung, wie diese Kommission sie umfafst Alle diese 
20 Generäle und Exzellenzen haben schweriich jemals über Frucht- 
folge oder Viehfütterung auch nur einen Gedanken gedacht Der 
Landwirtschaft im strengen Sinne könnte nur der Landwirt 
selbst und die Selbstverwaltung der Provinzen aufhelfen. Aber 



^ Das Ergebnis liegt in der mehrfach zitierten Schrift von POLENOW vor. 



DER BAUER 121 

diese Kommission wird sich grofse Verdienste erwerben, wenn 
sie in den russischen Landesteilen die solidarische Haft d^' 
Dorfgemeinde und die Feldgemeinschaft endlich abschafft Die 
Person des Vorsitzenden giebt eine Gewähr dafür, dafs in dieser 
Richtung etwas erreicht werden wird. Nirgends wird die grofse 
Energie Herrn WiTTEs mehr am Platze und heilsamer gewesen 
sein, als hier, wenn er diese Reform durchführt 




ACHTES KAPITEL 

DER BAUER 

(Fortsetzung.) 

^TjTY^enn wir die statistischen Sammelwerke der Landschaften 
^^'^ durchsehen, so ergiebt sich für viele Gubemien, dafs ein 
Viertel bis ein Drittel der Dorfbevölkerung in Hätten wohnt, die eine 
Länge und Breite von je 6 Arschin (47j Meter), eine Höhe aber von 
nicht mehr als 3 Arschin (27« Meter) haben; und in einer solchen 
Stube befinden sich oft nicht nur die ganze Bauemfamilie, sondern 
auch die Haustiere .... Die alljährlichen, vom Ministerium der 
Landwirtschaft herausgegebenen Übersichten zeigen, dafs der durch- 
schnittliche Tagelohn der ländlichen Arbeiter im Sommer in der 
besten Zeit im Rayon der Schwarzerde 27—36 Kopeken ausmacht, 
im Südwesten Rufslands 40—60 Kopeken (80—120 Pfennige).^ 
Wo noch Hausindustrie besteht, ist der Lohn höher, aber er über- 
steigt nicht 50 Rubel im Jahr und sinkt bis auf 17 Rubel im 
Jahr (bei den Töpfern in Perm) herab. Wenn man nun bei dem 
Landarbeiter die kurze Zeit des sommerlichen Verdienstes und 
den verdienstlosen Winter in Anschlag bringt, so scheint selbst 
die Annahme MüLfiALLs, von der im letzten Kapitel die Rede war, 
eher zu hoch als zu gering gegriffen: auf der Schwarzerde verdient 
der Arbeiter im Durchschnitt des Jahres nicht einmal 18—19 Kopeken 
täglich. Dies mag der Durchschnitt sein, was nicht ausschliefst, 
dafs sich der Tagelohn je nach Zeit und Ort weit höher stellt, 
wenn reiche Ernte oder die Industrie viele Hände verlangen. 
Das Ausgabebudget des Bauern in jenen Gubemien wird von 



* ISSAJEW, S. 7. 



DER BAUER 123 

den Forschem mit 50—65 Rubel jährlich für den Haushalt an- 
gegeben. Wenn wir nach einer neuen Untersuchung als durch- 
schnittliche Ausgabe der bäuerlichen Familie 63 Rubel 20 Ko- 
peken annehmen, wovon 20 Rubel 44 Kopeken auf die Nahrung 
entfällt, so ist das, wenigstens für den hier in Frage stehenden 
beschränkten Landesteil, eine Dürftigkeit, die offenbar Hunger be- 
deutet. Denn in dieser Summe von 63—65 Rubel sind alle Dinge 
in Geld verrechnet, deren der bäuerliche Haushalt im Laufe eines 
Jahres bedarf und von 20 Rubel 44 Kopeken oder 43 iWark kann 
man auch an der Wolga eine Familie nicht voll ernähren. Die 
Kopfsteuer und die Salzsteuer wurden freilich schon in der neuen 
Finanzära unter dem Minister BüNGE aufgehoben, um dem Bauer 
den Ankauf von Land zu erleichtern, wurde die Bauer-Agrarbank 
gegründet Allein so wenig dem Adel mit Gelddarlehen genützt 
wurde, ebenso selten haben die Versuche Erfolg, dem Bauer zu 
kapitalistischer Wirtschaft zu verhelfen durch Darlehen oder Steuer- 
erleichterung. Wer im Dorfe zu Gelde kommt, wer etwa seine 
Einlage in der Sparkasse hat, der verdankt das selten der ver- 
ringerten oder erlassenen Steuer, oder dem Darlehn der Regierung, 
sondern meist sich selbst, der harten Arbeit und der Ausbeutung 
des Nachbarn. Aber in den grofsrussischen Ackerbaugebieten 
fliefst wenig bäuerliches Geld in die Sparkassen; um so mehr in die 
fiskalische Saugpumpe der Branntweinsteuer. Solange der russische 
Bauer noch einen Scheffel Weizen zu verkaufen hat, weist er den 
Branntwein nicht ab. Das verarmteste Dorf findet immer noch 
Mittel, nötigenfalls in der Gemeindekasse, um Feste zu feiern, 
d. h. ein paar Eimer Branntwein zu trinken. Es kennt eben andere 
Freuden in aller Welt nicht, und das Sparen ist dem Bauer 
nicht anerzogen; im Gegenteil, er ist dazu erzogen, nicht nach 
individuellem Besitz zu streben. Denn der Privatbesitz war für ihn 
und ist noch wertlos: vor 1861 konnte der Grundherr ihn jeder- 
zeit an sich ziehen, nach 1861 ist die Haftpflicht der Steuergemeinde 
da, die dem Sparer seine Rubel abnimmt, sei es um Steuern zu 
bezahlen, die der Nachbar nicht zahlen konnte, sei es, indem die 
Gemeinde durch Drohungen ihn zwingt, mit seinem Rubel zum all- 
gemeinen Besten herauszurücken. Wenn der ministerielle Budget- 
bericht für 1902 den seit 10 Jahren konstanten Spiritusverbrauch 
auf den Kopf der Bevölkerung mit 2V2 Liter hundertgrädigem 
Spiritus angiebt, so ist das an sich, und verglichen mit dem Ver- 



124 A CHT ES KA PIXEL 

brauch an Alkohol in anderen Ländern, nicht allzu viel, denn der 
russische Bauer nimmt Alkohol nur in Form von Branntwein, der 
westeuropäische aufserdem in Wein und Bier zu sich. Jenes vom 
Minister angegebene Quantum bedeutet aber eine Ausgabe von 
3 Rubel 65 Kopeken oder 7 Mark 76 Pfennige, wovon auf die 
Staatssteuer 27« Rubel kommen. Das ist verderblich viel für einen 
Bauer, der, wie man uns sagt, im runden Jahr von nur 63 oder 
65 Rubel auf die Familie lebt, und für einen Steuerzahler, der für 
den Staat ohnehin hungert Bei einer Kopfzahl von nur 4 Familien- 
gliedern gäbe der Bauer 14 Rubel 60 Kopeken, also fast den fünften 
Teil seines gesamten Einkommens, für Branntwein aus. Das ist 
mehr — als ich zu glauben vermag. Mag dieses Verhältnis aber 
auch zu hoch gegriffen sein, richtig scheint doch zu sein, dafs 
das Verhältnis von Einkommen und Brantweinverbrauch ein höchst 
ungesundes ist. Was die Regierung an Kopfsteuer nachliefs, 
nimmt sie der Menge des Volkes als Branntweinsteuer wieder ab, 
und so ändert sich wohl die Methode, nicht aber das Ergebnis: 
was der Bauer irgend erübrigt, ja mehr als was er entbehren kann, 
geht durch die Steuerpumpe doch zuletzt in die Kasse des Fiskus. 
Und die Ursache davon liegt in dem sittlichen Charakter des 
Bauern, der wahrscheinlich durch äufsere Verhältnisse sich heraus- 
gebildet hat. In dem öden Leben der Dorfgemeinde, die nicht 
nur allen geistigen, sondern auch des materiellen Interesses an 
der eigenen Scholle entbehrt, herrscht natürlicherweise die roheste 
Gewalt, Polizeistock und Branntwein. 

Jene Hütten in den Dörfern, wie IssA^EW sie beschreibt, wurden 
meist noch gebaut, als der Leibherr das Holz dazu umsonst her- 
gab, und seitdem immer wieder geflickt, wenn sie nicht abbrannten. 
Aber inzwischen schwanden die Wälder auch dort, wo vor Zeiten 
ihrer viel waren, und in dem Steppenlande gab es ja überhaupt 
keine. Das Holz wurde teurer von Jahr zu Jahr, und dementsprechend 
wurde das Flicken der alten Hütten teurer. Die Verarmung des 
Bauern kam hinzu, und so wurden dann die Hütten immer weniger 
ausgebessert, immer elender, und wurde eine neue gebaut, so war 
sie aus schlechtem Holz, ärmlicher als ehedem der Bauer sie zu 
bauen pflegte. „Die Thatsache der Verarmung," sagt NowiKOW, 
„springt in die Augen; das ist schon nicht mehr eine Frage... . 
Unterdessen hören wir beständig, dafs die wirtschaftliche Lage der 
Bauern von der landschaftlichen und der staatlichen Statistik unter* 



DER BA ÜER 125 

sucht wird, dafs Kommissionen ernannt werden, um sie kennen zu 
lernen/' Leider lernen die Kommissionen die Lage selten kennen, 
und thun sie es, so bleibt es doch beim Alten, denn die Regierung 
hatte andere Dinge zu thun als die flutten der Bauern auszubessern. 
So stehen die Hütten an der langen Dorf straf se hin, niedrig, mit 
Stroh notdürftig gedeckt, dahinter ein Gemfisegärtchen, drüben, 
jenseits der Strafse, jenseits dieser nie gereinigten Kehricht- und 
Unratstatte, steht dem weniger verarmten Bauern noch ein elendes 
Wirtschaftsgebäude; kein Baum, kein Strauch weit und breit zu 
sehen, nur die Kuppeln der hölzernen oder auch backsteinemen, 
weifs getünchten Kirche heben sich aus dem einförmigen Grau 
hervor. Tausend bis zu 3000 und mehr Einwohner hat das 
Dorf; ein paar Läden bieten die einfachen Waren feil, die der 
Bauer nicht selbst anfertigt; ein Schmied, ein Schuster — und die 
Monopolbude, wo die Krone ihre Steuer herausdestilliert durch 
reichlichen Branntweinverkauf. Kein Arzt, keine Apotheke, aber 
einige „Wissende", quacksalbernde, alte Weiber. Treten wir nun 
in eine der Bauernwohnungen ein. 

„Noch jetzt,'' erzahlt unser Landhauptmann \ „wird die Hälfte 
der Hütten auf schwarze Art geheizt — hat aber je der Landbewohner 
gesehen, was das heifst? Das heifst, dafs morgens, wenn geheizt 
wird, an der oberen Hälfte der Hütte ein undurchdringlicher Rauch 
steht, der durch Spalten oder eine besondere Öffnung abzieht, 
zumeist jedoch durch die dazu geöffnete Thür. Die Bewohner 
verbringen diese Zeit liegend oder sitzend auf dem Boden, um den 
Rauch nicht allzu viel zu schlucken. Zwanziggradige Kälte dringt 
durch die Thür herein. Ist die Heizung beendet, so wird alles 
geschlossen und in der Hütte wird es heifs wie in einer Bade- 
stube. Gegen morgen gefriert oft das Wasser wieder. Vom Rauch 
sind Wände und Lager mit schwarzem Anflug bedeckt Hier wohnt 
die Familie von etwa acht Seelen: der Alte mit der Alten, der 
vo-heiratete Sohn, die Tochter, die Kinder. Hier wird gegessen, 
auf dem Stroh geschlafen; hier gebären die Weiber, spinnen und 
weben sie; hier müssen die Knaben ihre Schularbeiten machen; 
hier sind ein Kalb, Lämmer, manchmal Ferkel, Hühner; hier herrscht 
unerträglicher Gestank, hier leuchtet die Lampe ohne Zylinder oder 
es giebt auch gar kein Licht, wenn kein Geld da ist, um Petroleum 



* NowiKOW, S. 225. 



126 A CHTES KA PITEL 

zu kaufen." Drauf scn friert es bei 20** R., aber die Hütte birgt nur zwei 
Schafpelze, man kriecht auf den grofsen Ofen, wärmt sich, räumt 
dann einem andern den Platz und friert drunten auf dem Stroh, 
oder man nimmt einen der Pelze, geht zur Arbeit irgendwo hin, 
kehrt nais und frierend abends heim, die Kleider kommen zum 
Trocknen auf den Ofen, die Hütte dampft davon. Und am nächsten 
Tage nimmt das Weib den Pelz und geht arbeiten wie heute der 
Mann. Schmutz überall, denn Seife ist ein Luxus und lange nicht 
alle können sie haben. Zur Wäsche genügt das Wasser im Bach, 
und dann zur Reinigung des Körpers sonnabends das Schwitzbad, 
das Labsal des Bauern. So arm das Dorf auch sei, nie fehlt die 
gemeinsame Badestube. Und die Nahrung? Leerer Kohl, nämlich 
heifses Wasser, darin Kohl schwimmt und ein Löffel Hanföl, ge- 
kochte Kartoffeln und Weizengrütze — das ist das Mittagsmahl. 
Wenn man Milch hat, so ist sie für die Kinder; Fleisch giebt es 
an Feiertagen, ein Huhn zu Weihnachten und Ostern. Oftmals 
fehlt die Kartoffel, die Grütze — dann ist nur das Schwarzbrot 
da. Mifsemte — und auch das Brot fehlt" 

Was ist seit Jahrzehnten nicht über die Gesundheitspflege in 
der Presse geschrieben, in ungezählten Kommissionen verhandelt 
worden! Vor 200 Jahren war der erste Arzt mit wissenschaftlicher 
Ausbildung nach Rufsland gekommen; erst 1861 aber war man 
soweit gelangt, Kreisärzte in den meisten Kreisen anzustellen; und 
solche Kreise sind oft von der Gröfse von Königreichen. Seit 1861 
ist es neben der Errichtung von Schulen das Hauptverdienst der 
Landschaften, dafs sie sich bemühten um Anstellung von mehr 
Ärzten, um Spitäler, um Hebammen. Aber so verdienstvoll ihr 
Wirken war, wie weit ist man heute gelangt? Nach einer Auf- 
stellung der „St Petersburger Wedomosti" vom Jahre 1899 (Februar) 
kam in neun landschaftlichen Gubernien ein angestellter Arzt auf 
26740 (Cherson) bis zu 48800 (Poltawa) Einwohner, durchschnitt- 
lich ein angestellter Arzt auf 35000 Einwohner. Kann der Bauer 
da an ärztliche Hilfe denken aufser in besonders günstigen Ver- 
hältnissen? Und wären Arzt und Apotheke nur wenig Meilen ent- 
fernt, er hätte nicht das Geld, die Arznei zu bezahlen oder nicht 
das Pferd, das ihn hinschleppte, oder die alten Sitten lehrten ihn, 
dafs es besser sei, nach der „Wissenden'^ zu rufen, oder noch 
besser zu stöhnen, sich auf den Ofen zu legen und zu sterben. 
Oder das Weib gebiert; wo? in der kalten Hütte unter der Hand 



DER BAUER 127 

eines unwissenden Weibes; dann mufs die Wöchnerin sogleich 
auf den Ofen, den heifsen, bekommt Branntwein zu trinken, und 
nach drei oder vier Tagen geht es wieder hinaus an die Feld- 
arbeit Und das Kind? Nun, wenn eine milchende Kuh da ist, 
bekommt es etwas Milch; ist keine da, so lutscht es an der 
Zulpe aus Schwarzbrot, die selten gewechselt wird, von Mund 
zu Mund geht und die Syphilis verbreitet, wie NowiKOW sagt 
Alles wird gegessen, der Durchfall stellt sich ein, bis es endlich 
stirbt Da hülfe auch kein Arzt, keine Arznei, kein guter Rat Man 
versuche einmal, erzählt unser Landhauptmann, gegen diese wilden 
Behandlungen der Wöchnerin oder des Kindes anzukämpfen; „ratet 
einmal, dem am Durchfall leidenden Kinde keine Gurken zu geben 

— ihr wendet euch ab, und wie das Kind weint, wird man ihm 
eine Gurke geben. Bemüht euch, ein an einer Frauenkrankheit 
leidendes Weib zu überreden, dafs es sich an die Hebamme wende 

— um nichts: eine Schande, man wird lachen, dafs sie krank 
sei . . i" „Ist es zum verwundem, dafs bei diesen schrecklichen 
Lebensbedingungen und bei dieser Unwissenheit es eine solche 
Masse von Kranken an allen möglichen Anämien, Katarrhen giebt, 
dafs fast alle Weiber an Frauenkrankheiten leiden, an Hysterie, 
dafs Kinder und auch Erwachsene wie die Fliegen sterben?*' „Man 
wird selten eine gesunde Familie finden, die Weiber sind alle 
krank, mit seltenen Ausnahmen/' Von anderer Seite ^ wird be- 
richtet, die grofse Sterblichkeit der Kinder komme daher, dafs sie 
mit Brot allein aufgezogen werden; alle Milch werde dort, in einem 
Dorf des Gubemium Twer, der Käserei des Herrn Wereschtschagin 
geliefert Also wieder wie mit dem Getreide: die so notwendig 
für die Nahrung erforderliche Milch geht in Form von Käse nach 
Petersburg oder ins Ausland, und der Bauer ist zu arm, sie für 

sich zurück zu halten. 

Die Folgen dieser Lebensweise haben sich längst bemerkbar 

gemacht Die Sterblichkeit nimmt zu und die Vermehrung des 

Volkes stockt in entsprechendem Mafse. Den jährlichen Zuwachs 

giebt SCHWANEBACfl für die elf Jahre von 1885 bis 1897 und für 

das eigentlich russische Gebiet — Zentrum, Süden, Südwesten und 

Osten — mit 0,26 Prozent an, während er für das gesamte Reich 

1,38 Prozent, d. h. mehr als das Fünffache, für die westlichen 



Sanitflts-Kommission aus dem Gubernium Twer, vgl. Nikolai-on 5.73, Anm. 



128 A CHT ES KA PITEL 

Grenzprovinzen 2^ Prozent, d. i. das 87« fache, beträgt In Deutsch- 
land hat für das Jahrfünft von 1895 bis 1900 der Zuwachs 7,82 
Prozent, also jährlich 1,56 Prozent betragen, d. h. um 0,16 Prozent 
mehr als der Zuwachs im russischen Reich und sechsmal so viel, 
als der Zuwachs im national-russischen Kernlande beträgt Die 
ehemals gerühmte schnelle Volksvermehrung der Russen ist hier- 
nach vollständig geschwunden und fast wie die Volksvermehrung 
von Frankreich zum Stillstand gekommen. Die fremdländische 
Einwanderung in die westlichen Grenzgebiete fällt kaum ins Ge- 
wicht, denn ihr steht die Abwanderung aus diesen Gebieten nach 
Rufsland, nach dem Innern, gegenüber, die erheblich ist, ohne 
dafs umgekehrt Russen in die Grenzprovinzen einwandern. Anderer- 
seits besteht ein grofser Teil der nach Sibirien abziehenden Scharen 
aus Bauern der zentralen Gubernien, denen ihre Landanteile zu 
klein und zu kraftlos geworden sind, denen es daheim zu eng 
geworden ist Zu Zehntausenden verlassen sie jährlich ihre Dörfer, 
um sich in Westsibirien auf frischem Lande anzusiedeln. Und 
doch sitzen auf dem von Natur reichsten Boden in diesen Gubernien 
auf dem Quadratkilometer nur 51 (Kursk), 44 (Orel), 41 (Tambow), 
46 (Tula), 39 (Woronesch) Köpfe.^ — Ein weiteres Symptom ist 
die fortschreitende Degeneration des Bauern im Zentrum. Die 
Rekrutenaushebung giebt alljährlich davon Zeugnis, dafs die Körper- 
mafse sich dort verschlechtem; die Klagen wiederholen sich über 
die Menge der zum Dienst Untauglichen und die Abnahme der 
Brustu^eite und auch der Körperlänge. Die ehemals gerühmte 
Stattlichkeit des grofsrussischen Bauern ist verschwunden, der russi- 
sche Rekrut sticht schlimm ab neben dem Rekruten aus den un- 
russischen Provinzen. 

Wenn man sich ein Dorf mit 2000 oder 3000 Einwohnern 
vergegenwärtigt, die ihre kleinen Landfetzen weit draufsen, oft 
einige Kilometer von ihrer Behausung entfernt, bestellen müssen, 
die kein Holz zum Heizen, zum Bauen, keinen Stein zu einem 
Fundament haben, die nie etwas anderes als Stroh auf dem Dach, 
in vielen Gegenden auch nur mit Dünger verarbeitetes Stroh zum 
Heizen haben, so wird man finden, dafs nur die unselige Feld- 
gemeinschaft an dem übermäfsigen Anwachsen der Dörfer schuld 
gewesen ist. Ohne sie hätten die als Eigentümer wirtschaftenden 



^ In Deutschland auf den Quadratkilometer 104. 



DER BAUER 129 

Bauern die Zersplitterung des Bodens nicht so unvernünftige 
Mafse annehmen lassen, und statt 500 tlofbauern säfsen auf dem- 
selben Raum heute 50 oder weniger; sie hätten ihre Ackerknechte 
und wären zufrieden und wohlhabend. Die Wohnhäuser wären 
besser, die Öfen weniger gefährlich, die Brandschäden seltener. 
Denn jetzt brennt solch ein Dorf, sobald einmal irgend an einer 
Ecke Feuer ausbricht, rein ab, es bleibt nichts übrig; und wie 
leicht bricht Feuer aus in dieser Ansammlung von Zunder und 
unter einer Einwohnerschaft, die ihren höchsten Genufs im Rausch 
sucht Man rechnet, dafs für 200 Millionen Rubel an Bauerngut 
jährlich vom Feuer zerstört wird. Und wiederum, wie darf man 
sich wundem, wenn in solchem Dorf, das 2990 Bettler und zehn 
wohlhabende Dorftyrannen birgt, in dem sich tiütte an Hütte reiht 
in endloser Einförmigkeit, der Branntwein die erste Rolle spielt? 
In einem grofsen Dorf giebt es noch hier und da Läden, ein Ge- 
meindehaus, eine Gemeindeschule; je kleiner das Dorf ist, um so sel- 
tener trifft man auf solche Dinge, aber der Krug früher, die Mono- 
polbude jetzt, die fehlen nicht Jedes Geschäft, das auf serhalb der 
gewohnten Arbeit liegt, jedes Famfllenereignis, jeder Handel, jede 
Stundung einiger Rubel an Steuer, die der Gemeindeälteste ge- 
währt, jede Versammlung der Gemeinde zu einer Wahl, zur Be- 
schlufsfassung über Äcker, Kirche u. s. w., alles und jedes 
fordert Branntwein und wird mit Branntwein eriedigt Und da 
kommen nun noch 150, ja bis zu 170 Feiertage im Jahr hinzu, 
an denen der Bauer nicht arbeitet, einmal weil er im Winter keine 
Arbeit findet, dann weil es ihm von der Kirche oder von der 
Polizei verboten wird, und endlich auch weil es ihm so wohlbehagt 
Am Sonntag, da sieht man den Fleifsigen noch eher auf dem 
Felde, wenn die Arbeit drängt; aber die Heiligentage und die „Krons- 
feiertage" sind schwer zu versäumen. Und wären das nur Winter- 
tage — da schläft der russische Bauer ohnehin, weil keine Arbeit 
zu haben ist; aber im Sommer, wo die Arbeit brennt, wo ein 
solcher Feiertag durch einen unzeitigen Regen die Ernte ver- 
derben, durch brennende Sonne die Saat verdorren kann, die ge- 
rettet worden wäre, wenn sie 24 Stunden früher in den Boden 
gekommen wäre — aber zu allen Zelten giebt es Feiertage, und wo- 
mit soll der Bauer sie denn hinbringen, wenn er nicht schlafen 
kann und noch einen Groschen im Beutel hat? Auf das baum- 
lose Feld, auf die Steppe hinauspilgem, sich vor dem Dorf mit 

V. D. BrOgobn, Bnßland. 9 



t- 



130 ACHTES KAPITEL 

Weib und Kind ergehen, wie es wohl in deutschen Gauen geschieht? 
In der brennenden Sonne, ohne Schatten, mit der gering geachteten, 
kranlilichen Frau, den halbnaciiten Kindern? Ehedem war der 
Krug der Sammelplatz der Männer; die Jugend suchte den Platz 
davor zum Tanz auf. Jetzt giebt es nur noch die Monopolbude, 
in der man nicht zum geselligen Schwatzen sich setzen liann, aus 
der man die Flasche Branntwein kauft, um sie vor der ThQr auf 
offener Straf se zu leeren. Der alte Krug war gefährlich: safs man 
erst, so war es nicht leicht aufzustehen, man trank mehr als gut 
war im Kreise der Genossen, man liefs sich vom Krüger verleiten, 
mehr zu trinken, als man bezahlen konnte, und bald war man 
tief in der Kreide, und wo, wie im südwestlichen Gebiet es ge- 
wöhnlich war, der Jude hinter der Lette stand, da ging es dann 
bald bergab mit Hab und Gut Die Gefahr ist jetzt geringer, 
aber dafür ist es auch mit dieser letzten Art von Geselligkeit zu 
Ende, und es bleibt vom Branntwein nur der Genufs des Rausches 
übrig. Oder man trinkt daheim in der Hütte, wird dann leicht 
zum Säufer, und das Weib trinkt mit und die Kinder be- 
kommen auch ihr Teil. Das ist eine Schattenseite der Monopol- 
bude. Wenn in Rufsland auf den Kopf der Bevölkerung weniger 
Alkohol verbraucht wird, als in den Kulturländern, in Deutsch- 
land, Frankreich, England, so ist der Grund wieder die Armut des 
Volkes; es reicht bei dem Bauern nicht aus, täglich einen Schnaps 
zu bezahlen, andere Getränke kann er überhaupt nicht bezahlen. Er 
trinkt nur bei besonderen Gelegenheiten, oder wenn er gerade zu etwas 
Geld gekommen ist, oder wenn er seinen „Sapoi"' hat, diese sonder- 
bare russische Krankheit: ein Mann der Wochen, Monate lang das 
nüchternste, geregeltste Leben geführt hat, greift plötzlich, von un- 
widerstehlichem körperlichem Drang getrieben, zum Branntwein 
und verbringt einige Tage lang in ununterbrochenem Rausch. Der 
Säuferanfall ist vorüber und der Mann ist wieder der fleifsige und 
ordentliche Mensch, der er vorher war. Wäre der Bauer minder 
arm, könnte er täglich einen Schnaps, einen Krug Bier oder Met 
geniefsen, so wäre ihm der Branntwein minder gefähriich, so- 
weit er nicht etwa den anderen Weg ginge, umsomehr zu trinken, 
je mehr er Geld verdient So wie er jetzt ist und lebt, in Elend 
und Schmutz, ohne alle Anregung von Geist und Gemüt, ohne 
Gelegenheit zu harmlosem Vergnügen, ohne Aussicht auf Erreichung 
von Besitz und Wohlstand, und doch an die Scholle gefesselt — 



DER BAUER 131 

hat nur der Dorftyrann, die Faust, Glauben an sich und eine 
Zukunft vor sich: die anderen, die grofse Masse, lebt ein fast 
viehisches Leben vom Tag in den Tag, und der Afriliareisende 
Junker hatte Recht, wenn er in den Negerdörfem des östlichen 
Sudan mit ihren sauberen Häusern und Strafsen, ihren gut ge- 
nährten und fröhlichen Bewohnern schweren Herzens der russischen 
Dörfer gedachte. Man versuche nur, jene Neger von russischen 
Beamten mit Wehrpflicht, Finanzwesen, Polizei und all der anderen 
Kultur regieren zu lassen — man würde bald diese Wilden nicht 
mehr zu beneiden brauchen. Steuern und Branntwein würden 
ihnen bald die Fröhlichlieit vergehen lassen. Und trotz allem ist 
der russische Bauer von solcher Zähigkeit und Sorglosigkeit, dafs 
auch heute noch, wenn nicht gerade der Hunger oder die Seuche 
fiber dem Dorf liegen, man Sommers an Sonntagen Burschen und 
.Mädchen in bunter Tracht froh durch die Flur ziehen oder beim 
Ton der Ziehharmonika sich im Tanze schwingen sehen kann. 
Giebt es morgen noch Brot, so ist der Bauer längst gewöhnt, alles 
in bester Ordnung zu finden. 

So fruchtbar das Land der Schwarzerde ist, so weist es doch 
auch Mängel auf, die einer höheren Kultur grofse Hindernisse be- 
reiten. Der fette tiefgründige Boden hat weder Grant noch Steine 
und bedarf mehr als ein mageres Erdreich künstlicher Wege. Da 
kein Material dazu vorhanden ist, giebt es aufser den wenigen 
Heerstrafsen keine richtig gepflegten Wege; was eine Brücke in 
diesen Gegenden ist, lehrt die bekannte Erzählung, in der der 
Bauer den vorüberfahrenden und auf der Brücke durchbrechenden 
Herrn einen Narren nennt, weil er doch sehen mufste, dafs eine 
Brücke käme und trotzdem nicht vom Wege ablenkte. Man 
fährt sicherer neben der Brücke durch den Flufs und weiter in 
der Richtung der Geleise, die, in Abständen nebeneinander her- 
laufend, bei Trockenheit dichten schwarzen Staub aufwirbeln, 
bei Regen zu tiefem zähem Brei werden. — Ein anderes Hemmnis 
der Kultur bildet der Wassermangel. Meilenweit fährt man 
dahin, ohne ein Haus, einen Baum, eine Bodenerhebung zu 
sehen: Alles ist Acker oder Weide, in schmale, lange Bänder zer- 
schnitten oder in endloser gleichförmiger Fläche als Ödland da- 
liegend. Und meilenweit ist keine Ansiedelung, weil es kein 
Wasser giebt Da hält man plötzlich vor einem schroffem Hang: 
in die Ebene geschnitten wie mit dem Messer, scharf und tief, 

9* 



132 A CHT ES KA PI TEL 

sodafs man von ferne keinen Rand, keine Unterbrechung in der 
Ebene wahrnimmt, dehnt sich vor dem Auge des überraschten 
Reisenden die enge Schlucht aus, in der ein in der Zeit des 
Sommers freilich nur dürftiges Bächlein sich fortwindet, das aber 
mit der Schneeschmelze anschwillt und dann von beiden Seiten 
die Wassermassen fortwälzt, die, von keinem Hügel, keinem Sumpf, 
keinem Walde aufgehalten, sich von weit her hier sammelnd, dem 
Acker eine Menge der fruchtbarsten Bestandteile entführen. Aber 
hier ist Wasser, und daher liegt zu beiden Seiten des Rinnsals die 
Zeile der Dorfhütten weithin, manchen Kilometer weit gestreckt, 
ein Dorf von Hunderten von Hütten, vor den Stürmen durch 
die steilen Lehm wände der Ufer geschützt Je mehr die Felder 
und Wiesen schwanden, um so leichter gewaltsamer und leichter 
furchten die Wassermassen solche Risse in den Boden, die, sich 
von Jahr zu Jahr erweiternd, zu Schrunden und Thälern wurden. 
Diese stets zunehmende Durchfurchung des Landes ist heute zu 
einem bedrohlichen Vorgang geworden: das Ackerland wird zer- 
rissen, gemindert, die Flüsse werden verschwemmt, und man 
ruft nach Abhilfe durch den Staat Schwerlich jedoch wird anders 
geholfen werden können, als durch Wiederherstellung von Wald 
und Wiese. Wo der Boden dem Wasser gröfseren Widerstand 
leistet, wie in den nördlichen Teilen des Zentrums, da findet 
sich leichter Wasser auch in der Ebene, und die Dörfer brauchen 
nicht immer dem Flufslauf zu folgen. In dem Gebiet der 
Schwarzerde mit dem das Wasser durchlassenden Untergrunde 
ist der Wassermangel ein Hauptgrund für die Bildung der grofsen 
Dörfer mit den entlegenen Ackern, und ein Haupthindernis für 
weniger zentralisierte Besiedelung. Indessen findet die Verbin- 
dung von Dorf und Flufs sich aus anderen Ursachen auch dort, 
wo es an Wasser nicht gebricht, in der nördlichen Waldzone, 
die man das Seengebiet nennt In den Gubernien von Nowgorod, 
Wologda, Olonetz, Archangel, Perm mit ihren Seen und ihrem 
Waldozean bilden die Flüsse fast die einzigen Verkehrsstrafsen. 
Hier siedelte sich der Bauer am Flufsufer an, um zu Boot seinen 
Verkehr mit der nächsten, aber vielleicht immer noch 100 bis 
300 Kilometer weiten Stadt zu haben, um die Flufswiesen. zu 
nutzen, um oberhalb derselben etwas Acker zu roden. Weiterhin, 
jenseits des Ackers, beginnt der Urwald, hunderte von Kilometern 
weit nur von Sümpfen oder Seen unterbrochen, ohne Weg noch 



DER BAUER 133 

Wohnung, nur in winterlicher Erstarrung für den Menschen gang- 
bar. Dort giebt es noch heute grofse Landstreclien, die so gut 
wie ohne Eigentumer sind; dort mag jeder sich im Walde ein 
Stück Land aussuchen, roden, bauen, auch säen und ernten, ohne 
dafs er jemandes Erlaubnis dazu bedürfte. Und entsteht allmählich 
ein Dorf daraus, das hauptsächlich von Jagd und Fischfang lebt, weil 
den Landbau das Klima verbietet, dann erscheint, wenn ein Zufall, 
eine aufserordentliche Begebenheit die Kunde von der Existenz des 
Dorfes bis weit in die Kreisstadt, gar in die Gubemialstadt gelangen 
liels, vielleicht ein Beamter, der die Niederlassung in die Steuer- 
listen aufnimmt, womit sie dann staatlich anerkannt ist Hier 
lebt der Bauer so wild wie der Samojede oder Lappe, aber er 
hungert weniger als sein Genosse im Süden auf dem ehemals 
reichen, leider heute nicht mehr reichen Kornboden. 

Das ist das materielle Elend des grofsrussischen Volkes. 
Nicht viel anders verhält sich's mit dem geistigen Leben. Man 
kann sich ja leicht vorstellen, dafs bei solcher Armut der Bauer 
weder Zeit noch Lust noch Fähigkeit hat, an Schule und Lernen 
viel zu denken. Vor dem Jahre 1861 gab es fast gar keine Volks- 
schulen. In den dreifsiger Jahren des vorigen Jahrhunderts fing 
der Staat an, auf Domänen und Apanagegütem einige Elementar- 
schulen zu gründen. Aber im Jahre 1853 gab es auf den Domänen 
erst 2795 russische Volksschulen mit 153117 Schülern, und auf 
den Apanagegütem 204 Schulen mit 7477 Schülern.^ Sie waren 
sehr schlecht und leisteten nichts. Seit 1861 wurde das Inter- 
esse für die Volksschule besonders nach Einführung der Land- 
schaftsverfassung rege; die Landschaften gründeten aus ihren 
Mitteln Schulen und veranlalsten die reicheren Dörfer, ihrerseits 
sich anzustrengen. Im Jahre 1893 wurden die Ausgaben für die 
Volksschule in folgenden Verhältnissen aufgebracht: 

von den Landschaften 69 Prozent 

„ „ Bauemgemeinden ... 29 „ 
vom Staat und aus anderen Quellen 2 „ ' 

In den Gubernien mit Landschaftsverfassung sind die Aus- 
gaben für die Volksschule in den letzten 5 Jahren um 66 Prozent 



^ MilOkow, Umrisse zur russischen Kulturgeschichte, T. 2. Petersburg 
1899. S. 350. 

* MilOkow, a. a. 0. S. 357 ff. 



134 A GUTES KA PITEL 

gestiegen. Aber durch Gesetz vom 12. Juni 1900 beschränkte die 
Staatsregierung die Erhöhung des Einnahmebudgets der Land- 
schaften so, dafs damit eine weitere Vermehrung der Ausgaben 
für das Vollisschulwesen abgeschnitten ist Im Jahre 1891 über- 
trug der Staat die Sorge für die Volksschule, soweit sie bis 
dahin staatlich gewesen war, fast ganz der Kirche, die den 
Dorfgeistlichen auftrug, der Sache sich anzunehmen. Es ist schwer, 
die Zahl der Kirchenschulen festzustellen. MilOkow giebt für 1893 
58490 Volksschulen an, von denen orthodox russisch 51540 waren. 
NowiKOW nimmt heute für das Reich insgesamt 70000 Volks- 
schulen an. Nach Angabe des „Regierungsboten" bestanden im 
Januar 1899 etwa 21500 von der Kirche geleitete Elementarschulen 
mit rund IV2 Millionen Kindern, und aulserdem 18341 dem geist- 
lichen Stande gewidmete Kirchenschulen mit ein und zwei Klassen; 
darunter 16 Lehrerschulen. Die Lehrer bestehen aus Geistlichen, 
Diakonen, Psalmensängem, in der Mehrheit aber — 37000 — aus 
Laien. Von ihnen erhielten über 19000 einen Gehalt von 100 Rubel 
und weniger; in Woronesch z. B. begnügen sich, wie berichtet 
wird, die Lehrer an den dortigen Kirchenschulen mit 40 Rubel 
jährlich. Doch wird der Gehalt oft durch Unterstützung Privater 
oder der Landschaft ergänzt Der höchste Gehalt von etwa 500 Rubel 
kam nur 122 Personen zu, den Lehrern in den Seminaren und an- 
deren höheren Anstalten. Schon diese Ziffern zeigen, auf welcher 
Stufe diese Kirchenschulen stehen. So ungebildet der niedere Klerus 
ist, so wenig Bildung vermag er zu verbreiten, und wer von 100 bis 
200 Mark im Jahre lebt, kann auch in Rufsland sein Wissen und 
seine Lehrkraft nicht gar hoch einschätzen. Auch kommt ein er- 
heblicher Teil der Lehrkräfte und Ausgaben der Kirche nicht dem 
russischen Bauer, sondern allerlei unrussischen Kindern in Polen, 
Littauen, in den Ostseeprovinzen u. s. w. zu gute, für die, wie wir 
noch sehen werden, weit besser als für die Russen gesorgt wird. 
Im ganzen gab die Kirche für Schulen im Jahre 1899 rund 11 Mil- 
lionen Rubel aus, wovon 5 Millionen Rubel aus dem Staatsschatz 
flössen. NowiKOW berechnet, dafs von diesen Summen auf die 
21500 eigentlichen elementaren Volksschulen in Wirklichkeit nicht 
2 Millionen fallen, was mit dem angegebenen Gehalt von unter 
100 Rubel für den Lehrer stimmen würde. Es nimmt nicht eben 
Wunder, wenn solche Schulen wenig leisten, besonders bei der 
heute vom Synod ausgehenden religiös-propagandistischen und 



DER BAUER 135 

offenbar obskurantistischen Leitung. Ein sprechendes Zeugnis 
dieses Geistes braclite im November 1901 die „Petersb. Wedomosti". 

In einigen Kirchenlehrerschulen wurden Missionsabteilungen 
eingerichtet, in denen die Lehrer mit dem Selitenwesen, nament- 
lich dem Stundismus beliannt gemacht und mit den Mitteln aus- 
gerüstet werden, ihnen entgegenzutreten. In den Elementarschulen 
wird nach diesem Missionsprogramm der Religionsunterricht wesent- 
lich im Sinne der Polemik gegen den Stundismus erteilt In den 
Eparchien von Poltawa, Charkow, Woronesch, Astrachan, Tambow 
hat der Religionsunterricht diesen Charakter angenommen, der bei 
Kindern, die kaum erst Lesen und Schreiben lernten, offenbar zu der 
allerflachsten Auffassung von Religion führen mufs. Statt Religion 
lernen die Kinder kirchlichen Streit, und statt Schulung und Er- 
ziehung bekommen die Kinder der Kirchenschulen Unterricht in 
Missionsdebatten und im kirchlichen Chorgesang. Diese beiden 
Fächer werden von oben her besonders begünstigt, was diese Art 
Volksschule genügend charakterisiert. Fast ebenso charakteristisch 
ist, dafs auch unser alter Landhauptmann NowiKOW, der die Ver- 
breitung von Schulbildung im Volke für die wichtigste Aufgabe 
der Gegenwart erklärt, den Gesang als ünterrichtsgegenstand ganz 
voranstellt Wenn ein so einsichtiger Mann die Volksbildung auf 
die Musik gründen will, welche Begriffe können da selbst bei den 
gebildeteren Ständen verbreitet sein? 

In 36 Gubemien mit Landschaftsverfassung wurden im 
Jahre 1900 von den Landschaften für das Volksschulwesen 15 Mil- 
lionen Rubel aufgewandt, so dafs dem elementaren Volksunterricht 
der orthodoxen Russen etwa 20 Millionen Rubel, und wenn man 
die Ausgaben für unrussische, aber orthodoxe Schulen abzieht, 
noch weniger zufliefsen. Wenig genug bei einem Staatsbudget von 
1800 Millionen und ganz besonders wenig angesichts dessen, dafs 
aus der Staatskasse selbst von jener Summe nur 5 Millionen 
flössen, d. h. etwa 10 Pfennige auf den Kopf der russisch-ortho- 
doxen Bevölkerung. TrübnikOW berechnet für 1898 den Anteil 
der Elementarschulen an den Staatsausgaben mit 0,7 Prozent^ 
und jetzt lesen wir (Petersb. Wedomosti), dafs der Synod für die 
Volksschulen im Jahre 1902 nur 37^ Millionen Rubel übrig habe, 
seine Ausgaben hierfür also um etwa 2Vs Millionen herabsetzen 



* a. a, 0. S. 167. 



136 A CHT ES KA PITEL 

werde. Dafür sind im Staatsbudget für 1902 für die niederen 
Schulen rund 9 Millionen, d. i. um 2 Millionen mehr als im 
Jahre 1901 eingestellt. Zu diesen niederen Schulen aber gehören: 
Kreisschulen, Stadtschulen, Kirchspielschulen, Elementar- und 
Volksschulen. Wieviel mag davon für die Elementar- und Volks- 
schulen noch bleiben? Wohl kaum mehr als jene 5 Kopeken oder 
10 Pfennige auf den Kopf der Bevölkerung und wenig mehr als 
Va Prozent des staatlichen Ausgabebudgets, wenn man die Summen 
zusammenzählt, die das Ministerium der Volksaufklärung und der 
Synod dafür ausgeben. Wo der Adel und die Bauern selbst Hand 
anlegen oder anlegen würden, sofern der Staat ihnen freie Hand 
liefse, wie in den Ostseeprovinzen, in Polen, in einigen Gubemien 
mit Landschaftsverfassung, da brauchte der Staat wenig zu thun. 
In den russischen Landesteilen aber ist die Initiative der Bevölke- 
rung an sich gering und wird von Staat und Kirche hier so gut 
wie in den unrussischen Provinzen gehemmt 

Der russische Bauer von heute fühlt instinktiv das Bedürfnis, 
wenigstens das Lesen zu erlernen. Die elenden Kirchenschuleti 
haben geringen Wert; die landschaftlichen Schulen leisten schon 
weit mehr. Nebenher wandert im Dorf oft ein verabschiedeter 
Unteroffizier als Lehrmeister umher, oder der Sohn lernt das Lesen 
von dem Vater, und so ist trotz der schlechten Schulen die Schrift- 
kunde, d. h. das Lesenkönnen, bei den Männern keine Seltenheit 
mehr; es ist so weit verbreitet, dafs in den meisten gröfseren 
Dörfern jemand zu finden ist, der eine Zeitung hält Nützlich er- 
weist sich auch der Unterricht, der den meisten Rekruten im 
Regiment zu teil wird. 

Wie es im allgemeinen bestellt ist, zeigen Mitteilungen, die 
in der Presse über die Ergebnisse der Volkszählung von 1897 
zu erscheinen anfangen. Darnach (Russk. Wedom.) wurden in 
Petersburg 1242815 russische Unterthanen gezählt, von denen 
469720 schriftlos waren. Also in der Residenz, in der am meisten 
für die Elementarschule geschieht, sind 37,4 Prozent der Be- 
völkerung gänzlich ungeschult ^ Wenn das der Stand des Ele- 
mentarunterrichts in der Residenz ist, so mag man den Wert der 
Elementarschulen des orthodoxen Rufsland danach ermessen. Und 



^ Hier kommt noch in Betracht, dafs zu der unteren Volksmen^ Peters- 
burgs viele Finnen, Esten und Letten gehören, die nicht zu den Schriftlosen 
gehören. 



DER BAUER 137 

da giebt die Rekrutierung gute Auskünfte. Von den etwa 290000 
jährlich ausgehobenen Rekruten sind nur 43 Prozent schriftkundig. 
Wollte man die Mannschaften Polens, der Ostseeprovinzen, die einen 
guten Elementarunterricht haben, abziehen, so würde sich die Zahl 
der schriftlosen russischen Rekruten auf weit über 60 Prozent 
steigern.^ Das weibliche Geschlecht ist natürlich noch schlimmer 
daran. Die Zeitung Nedelä (Die Woche) erzahlt, im Durchschnitt 
erhalte von 7 Bauemmädchen nur eines überhaupt etwas Unter- 
richt; in vielen Dörfern gebe es kein einziges weibliches Wesen, 
das zu lesen oder gar zu schreiben verstehe. 

In den meisten gröfseren Dörfern ist eine Kirche und ein 
Geistlicher; dieser ist verpflichtet, eine Kirchenschule zu halten. 
Da kommt freilich eine grofse Zahl solcher Schulen heraus und 
man könnte, will man durchaus Zahlen haben, annehmen, dafs 
etwa auf 4000 Russen eine orthodoxe Kirchenelementarschule 
kommt' Wenn man aber die Qualität dieser Schulung ins Auge 
fafst, wenn man die elende Lage, die Unbildung der Geistlichen 
und erst recht ihrer Kirchendiener und der rohen Psalmensänger, 
Unteroffiziere u. dergl., die als Dorfschullehrer angestellt werden, be- 
denkt, so kann man keine erheblichen Erfolge von diesen Schulen 
erwarten. Auch die nichtkirchlichen Schulen, sowohl die sogenannten 
ministeriellen, die hier und da von den Gemeinden errichtet wurden 
und unter Aufsicht des Ministeriums der Volksaufklärung stehen, 
als die landschaftlichen, entbehren ausreichender Lehrkräfte, Schul- 
häuser, Geldmittel, trotz der Anstrengungen, die von den Land- 
schaften gemacht werden, hier auf diesem so wichtigen Boden 
endlich Leben zu erwecken. Die Armut, die Not, die äufseren und 
die innermenschlischen Zustände, die Abneigung der Kirchenobrig- 
keit gegen Bildung überhaupt — Alles hindert, nichts fördert die 
Volksbildung. Ein sehr dem Obskurantismus ergebenes Blatt, wie 
die „Moskauer Nachrichten'' rief unlängst verzweifelt aus: „Wir 
haben keine Wege, das Volk lebt in Steppen, Wäldern und Sümpfen. 
Die Ansiedelungen sind nicht selten durch unwegsame und un- 
kultivierte Strecken von 500 — 800 Werst voneinander getrennt, und 
die Bevölkerung, die gleichfalls unkultiviert und hier und da, so- 

^ In Deutschland betrugen die Analphabeten der Rekrutierung von 1895: 
0,15 Prozent. 

* Bei der Volkszählung von 1897 waren in Rufsland 87 385 000 Angehörige 
der russischen Kirche gezählt worden. 



]38 



A CHTES KAPITEL 



zusagen, sogar wild ist, führt ihre traurige Existenz fern von allen 
industriellen und kommerziellen Verkehrswegen. Liegt es im Be- 
reiche menschlicher Kraft, alle diese Gebiete mit regelrecht organi- 
sierten Schulen und mit Lehrern zu versehen?' Während für 
die elementare russische Volksbildung vom Staat und der Kirche 
sehr wenig geschieht, während dafür nur etwa V2 I^rozent des 
gewaltigen Ausgabebudgets zu haben sind, werden nicht geringe 
Summen jährlich verwandt auf allerlei Schulen in fremden Ländern, 
auf Erziehung von Serben und Bulgaren, von Polen, Littauem, 
Letten, Esten, die meist weit bessere eigene Schulen in genügen- 
der Menge haben. So kommt in der Eparchie Riga eine russisch- 
orthodoxe Kirchenschule auf 554 orthodoxe Einwohner, also sechs- 
mal mehr als im ganzen Reiche auf den Kopf der orthodoxen 
Bevölkerung fällt Dieser politisch -kirchlichen Propaganda ist es 
zu verdanken, dafs keines der russischen Gubemien so wohl 
mit Schulen versorgt ist, als die drei baltischen Provinzen 
und insbesondere das von der kirchlichen Propaganda am 
meisten kultivierte Livland, wie aus den folgenden Beispielen zu 
ersehen ist:^ 



Gubernium 



1 Schule 



1 Schaler und 
Schfllerin 

auf Einwohner 



Moskau 
Wladimir 
Tambow 

Livland 



1772 

1620 

2330 

766 



23 
27 
37 
15 



Hiemach ist Livland mit Schulen reicher gesegnet, als selbst 
Deutschland, wo eine Schule erst auf 874 Einwohner kommt; und 
zwar deshalb, weil die orthodoxe Kirchenschule sich neben die 
protestantische Schule gesetzt hat 

Es ist wahrscheinlich, dafs die orthodox-russischen Elementar- 
schulen der baltischen Provinzen nicht nur die bestdotierten, sondern 
auch die am besten geleiteten russisch-orthodoxen Elementarschulen 
im Reich sind, und zwar einmal weil sie die Konkurrenz mit den 



^ Vgl. „Schulstatistik der Freien ökon. Gesellschaft Über die Elementar- 
schulen Rufslands zum 1. Januar 1894.'* 



DER BAUER 139 

von den Ritterschaften und Städten gegründeten und mit Hilfe 
der protestantischen Geistlichkeit, soweit der Staat nicht hindernd 
eingriff, vortrefflich verwalteten lutherischen Volksschulen von 
flause aus zu bestehen hatten; mehr noch deshalb, weil von jeher 
das Interesse der Russen weit mehr der äufseren Propaganda als 
den inneren russischen Zustanden zugewandt ist Und an der Spitze 
dieser nach aufsen, auf politisch-kirchliche Propaganda gerichteten 
Thätigkeit steht der Synod, steht der Oberprokureur POBEDONOSZEW, 
wie man alljährlich aus seinen dem Kaiser unterlegten Berichten 
über die Lage der Orthodoxie in den Grenzprovinzen ersehen 
kann, in denen mit höchst unlauteren Mitteln gegen Katholizismus 
und Protestantismus gekämpft wird. Und hier sind diese Schulen 
weit besser materiell gestellt als im eigentlichen Rufsland. Es ist 
wieder die sonderbare Erscheinung, dafs der Russe aus Politik 
hungert, nicht nur materiell, sondern auch geistig. 

Wie kann man einen Erfolg im Elementarunterricht erwarten 
von einer Schulung durch Geistliche, die ihrer Bildung und Stellung 
im Volk nach so schlecht dazu vorbereitet sind, wie im Durch- 
schnitt die russischen Popen? 




NEUNTES KAPITEL 

KIRCHE UND MORAL 

hrxie vorhergehenden wie auch die nachfolgenden Schilderungen 
^^ werden manchem meiner Leser tendenziös gefärbt erscheinen. 
Und in der That würde man sich auf falscher Fährte befinden, 
wenn man, in der Spur dieser Schilderungen schreitend, glaubte, 
im ganzen russischen Reiche sich zurechtfinden zu können. Ich 
habe wiederholt bemerkt, dafs es neben dem Elend auch Wohl- 
stand, neben der Verkommenheit in Adel und Bauernschaft auch 
tüchtige Männer in gesunden und gedeihlichen Umständen giebt, 
und das Gleiche wird auch von dem Stande gelten können, welchem 
ich jetzt einige Worte widmen will. Es giebt gebildete Geistliche 
und aus privaten Mitteln wohl ausgestattete und wohl gepflegte 
Pfarren. Der russische Geistliche und der russische Bauer haben 
Grundzüge des Charakters, die unter günstigen Umständen grofse 
sittliche Eigenschaften zur Reife bringen. Allein der Zeugnisse, 
auf die meine Schilderungen sich gründen, sind so viele, und sie 
sind so ähnlich lautend, dafs man annehmen darf, sie seien nicht 
blos den trüben persönlichen Erfahrungen einzelner weniger Un- 
glücksraben entnommen. Kein Staat Europas ist vielleicht so 
wenig kulturlich ausgeglichen wie Rufsland. Die Gegensätze von 
reich und arm, von höchstem Luxus und tiefstem Elend sind hier so 
grofs als in den vorgeschrittensten Industrieländern. Aber die vom 
Besitz Einzelner unabhängige Stufe der allgemeinen Kultur ist in 
den einzelnen Landesteilen sehr verschieden. Und unsere Zeug- 
nisse stammen fast alle aus Landesteilen, deren kulturlicher Rück- 
schritt während der letzten Jahrzehnte von niemandem bestritten 
wird. Ich bitte daher meinen Leser, stets im Auge zu behalten, 



KIRCHE UND MORAL 141 

dafs es sehr wohl möglich ist, mit einiger Vorsicht Rufsland von 
Petersburg bis' Odessa zu durchreisen, ohne viel von dem Elend 
und der Uniiultur zu bemerken, über die links und rechts 
vom Wege von russischen Beobachtern geklagt wird. Ich will 
in den folgenden Zeilen nur von der Weltgeistlichkeit reden, 
nicht von der MOnchsgeistlichkeit, die in ihren reichen Klöstern 
als „unbeerdigte Leichname'* lebt, wie ein alter russischer 
Schriftsteller gesagt hat, und die zugleich das Kirchenregiment 
verwaltet 

Mit einer sehr dürftigen Bildung verläfst der künftige Geist- 
liche das Seminar, sucht sich vorschriftsmäfsig eine Gefährtin, fast 
immer aus seinem Stande, die Tochter eines Geistlichen, und wird 
nach vollzogener Ehe in ein Dorf geschickt Was er dort erlebt, 
lesen wir in den „Erinnerungen eines Dorfgeistlichen''.^ Er kommt 
an — kein Gasthaus, keine Einfahrt! — „Wo wohnt der Küster?** 
Man zeigte mir eine elende Hütte. „Und der Kirchendiener?** Es 
ward auf eine noch erbärmlichere Hütte hingewiesen. „Fahren 
wir zum Kirchendiener.** Wir fahren hin und erblicken eine kleine 
steinerne, schief gewordene Kirche, umgeben von einem zerfallenen 
Zaun, und eine verwitterte, aus den Fugen gegangene, halb offene 
Wächterhütte. Wir treten ein: der Fufsboden ist aus Lehm, die 
beiden Fenster, einen halben Arschin (15 Zoll) hoch, sind blind 
geworden, die Wände feucht, die Winkel mit Schimmel bedeckt** 
Das arme Paar wird bei einem Bauer, untergebracht, der zwei 
Stuben hat und sich nebst Familie in die eine zusammenpreist 
Dann geht es ans Handeln mit der Gemeinde, die eine eigene 
Wohnung für den Popen schaffen soll. „Nach vielen Bitten, Ver- 
beugungen und schmerzlichen Erniedrigungen von der einen, Be- 
lehrungen und hochmütigem Wesen von der anderen Seite, üefsen 
sie mich nach Verlauf von zwei Wochen rufen: ich solle in die 
Gemeindeversammlung kommen und um Überlassung einer Woh- 
nung bitten. Lange, lange mufste ich hier reden, fast jeden einzelnen 
persönlich bitten, dafs man mir doch irgend einen besonderen 
Raum anweisen möchte. Endlich entschlofs man sich dazu .... 
und ich erhielt die Weisung, zu einem Bauern zu ziehen** .... 
Das Zimmer war nur wenig besser als das Wächterhäuschen und 
in diesem Schmutzloch wohnte das geistliche Paar fortan mit dem 



^ Aus dem Russischen abersetzt von M. VON Ottingen. 1894. Cotta. 



142 NEUNTES KAPITEL 

alten Bauempaar zusammen. Zum Thee erscheint der Küster, aber 
betrunken. Der Pope fragt, warum er so betrunken sei. „Du, 
Väterchen, hast dich hier noch nicht eingelebt Wenn du erst ein 
Jahr hier zugebracht haben wirst, wirst du noch mehr trinken als 
ich.'' Und wahrlich, das wäre kein Wunder bei dem Leben, das 
dieser Seelsorger nun hier führen mufs. Geld hat er sehr wenig, 
er mufs sich seinen Unterhalt verdienen durch Taufen, Beerdigen 
u. s. w., er mufs umherfahren in kleinere Dörfer der Umgegend, 
um hier 2 Pfennige, dort ein Huhn, ein wenig Mehl zu verdienen, 
aber er fährt auch einen ganzen Tag, um mit zwei Groschen heim- 
zukehren, und das ist das Gewöhnliche; und immer heifst es: 
trinke I Die Gemeinde giebt ihm diese sogenannte Wohnung — 
er aber mufs zum Einzug einen Eimer Branntwein anschaffen, 
und mufs mit ihnen trinken, will er nicht ihre Wohlthaten mit- 
samt ihrer Neigung einbüfsen. „Du hast es nur mit uns zu thun, 
heifst es da, du mufst uns Achtung erweisen; dann werden wir 
dir alles gewähren, und auch dich achten. Willst du das nicht, 
dann schnüre lieber gleich wieder dein Bündel. Schone deinen 
Rücken nicht; es wird dein Nachteil nicht sein, wenn du dich vor 
der Gemeinde beugst" Und in jenem Schmutzloch, dessen ver- 
faulte Diele einmal jährlich, vor Ostern, gewaschen wird, wo weder 
Licht noch Luft in der Schulzeit des langen Winters eindringt, da 
sollen auch Kinder unterrichtet werden .... Mancher Geistliche, 
klagt der Verfasser, wohne in einer Höhle oder in der Dorfschenke. 
Es ist daher wohl erklärlich, dafs die Trunksucht in diesem Stande 
ein nicht seltenes Laster ist und auf Verfügung des Oberproku- 
rators POBEDONOSZEW in den „Dienstlisten" der Popen stets be- 
merkt werden mufs, „in welchem Mafse der einzelne berauschenden 
Getränken zuzusprechen pflege". Eine solche Rubrik, seufzt unser 
Pope, kommt „bei den übrigen Staatsbeamten nicht vor"; wir 
sehen, wie naiv sich der Geistliche zu den Staatsbeamten zählt, 
was er thatsächlich ja auch ist 

Dies sind Schilderungen aus der Zeit vor 30, 40 Jahren. 
Aber wenn auch inzwischen etwas — wenigstens auf dem Papier 
— geschehen ist, die Lage des Weltgeistlichen ist doch noch heute 
eine äufserst elende bei allem Reichtum, der in Kirchen und 
Klöstern angesammelt ist Schon das Budget der Kirchenobrig- 
keit, des Synods, zeigt das. Da sind für das Jahr 1901 für 
„städtische und ländliche Geistlichkeit, Missionen und Missionare'^ 



KIRCHE UND MORAL 143 

rund lOVs Millionen Rubel veranschlagt Käme diese Summe ganz 
der niederen Geistlichkeit des eigentlichen Rufsland zu gut, so 
fielen auf den einzelnen vielleicht 100 Rubel im Jahr. Indessen 
geht viel davon ab für Missionen und Missionare, für Geistliche 
im Auslande, wo oft russische Kirchen ohne Bedürfnis dazu er- 
richtet werden. Mehr noch geht ab für die vielen russischen 
Kirchen und geistlichen Anstalten im unrussischen Rufsland. 
Oberall, von Kamtschatka bis an die Weichsel, werden russische 
Kirchen und Popen erhalten, auch an Orten, wo durchaus kein 
religiöses, sondern ein blos politisches Bedürfnis den Synod dazu 
treibt, Propaganda zu machen. Der Vergleich des russischen Dorf- 
geistlichen im Gubemium Saratow oder Tambow mit seinem Amts- 
bruder in Polen, Littauen, Livland ist oft überraschend. Gute, 
grolse Wohnhäuser, oft Wagen und Pferde, Acker und Wiesen 
dabei, Gärten, freundliche, hübsche Kirchen. Der Pope lebt behag- 
lich mit 1000 — ^1500 Rubel an Gehalt oder Ertrag aus seinem 
Pfarrlande, hat seine guten Schulräume, braucht den Rücken nicht 
zu krümmen, noch Branntwein zu trinken, noch zu hungern. 
Brüderschaften werden gegründet, im ganzen orthodoxen Rufsland 
werden Sammlungen veranstaltet', um Littauem und Letten zur 
Orthodoxie und zum Russentum zu verhelfen, um Politik zu treiben. 
Kaum hat man sich in der Mandschurei festgesetzt, so beschliefst 
— wie in der Presse mitgeteilt wird — der Synod ein mand- 
schurisches Bistum mit dem Sitz in Peking und ein grofses ortho- 
doxes Kloster in der Mandschurei zu gründen, um die russisch- 
orthodoxe Mission dort kräftig zu fördern. Für allerlei fernliegende 
Dinge hat man stets eine offene Hand, „nur für uns, die Popen, 
giebt es keine verfügbaren Gelder,^' so klagt unser Dorfgeistlicher 
immer wieder. Und seine Beispiele sind allerdings überzeugend. 
In einer stark bevölkerten Pfarrgemeinde, sagt er, erhält der Geist- 
liche 144 Rubel, in einer mittleren 108 Rubel und in einer kleinen 
72 Rubel an Gehalt (S. 191). Dabei werden diese armen Popen 
noch von den Konsistorien arg gebrandschatzt; alle ihre Angelegen- 
heiten dort werden mit Hilfe von Geld betrieben. Ahnliches be- 
richtete aus den siebziger Jahren der Engländer Wallace in seinem 
Buche. ^ Seitdem hat sich manches und an manchen Orten sogar 
viel gebessert; der Russe kargt nicht mit seinen Gaben für Kirche 



^ Rnfsland, Leipzig 1876. 



144 NEUNTES KAPITEL 

und Popen. Die Klagen aber der niederen Geistlichkeit über ihre 
dürftige Lage, über die Mifsachtung des Volkes, über den Druck der 
Kirchenobrigkeit verstummen nicht, und solche Erfahrungen, vie 
jener Geistliche sie machte, mögen auch heute noch oft gemacht 
werden. Nehmen wir eine Schilderung aus unseren Tagen zur Hand, 
die Chronik Leskows,^ so begegnen wir zwar nicht jenem materiellen 
moralischen Elend, aber einer Stellung des Geistlichen, die einen 
religiös-sittlichen Einfiufs auf seine Gemeinde doch fast unmög- 
lich macht Der lauterste Charakter, der beste Wille werden ge- 
hemmt durch eine Kirchenzucht, die nur die hergebrachten und 
vorgeschriebenen äufseren Formen des Ritus gelten läfst, jede 
selbständige Regung und Anwendung des Gotteswortes verbietet 
Die Jagd nach Sektierern ist Mode, und der Geistliche mufs suchen, 
Sektierer herauszufinden, um als tüchtig zu gelten. Man spürt 
eben überall, auch in der Kirche, die Hand der staatlichen Gewalt 
und die Politik. An welchen Heiligen man sich in diesem und 
jenem Falle zu wenden habe, das weifs jeder Diakon auswendig; 
aber Predigt des Evangeliums und Seelsorge, das Wesentliche für 
den Bauer und erst recht für den russischen Bauer — dieser 
Weg ist für den Popen von der Kirchenbehörde mit Domen besät 
Die natürliche Folge hiervon ist, dals die Stellung des Bauern 
zur Kirche, dafs sein ganzes religiöses Leben ein blos äufserliches, 
in Gebräuchen, Formeln, Gebärden, Opfern aufgehendes ist Und 
die weitere Folge ist, dafs, sobald er von dem Geist des evan- 
gelischen Wortes berührt wird, er sich von der Staatskirche ab- 
wendet, Sektierer wird. Dann greift die Kirche ein. Sowie die 
politische Propaganda hinzukommt, ist das Geld für Popen, Missio- 
nen, Kirchen, Schulen da. Aus Politik hungert der Russe auch 
im religiös-kirchlichen Sinne. 

Wer einen Einblick in das moralische Leben des russischen 
Volkes gewinnen wollte, würde nach einer Moralstatistik modemer 
Art vergeblich suchen, und fände er eine, so wäre sie ihm nicht 
viel nütze, weil sie nicht verläfslich wäre. Es liefsen sich nur 
zerstreute Angaben zusammenstellen über Verbrechen, über Trunken- 
heit u. s. w., die hier und da gesammelt wurden, aber unzuverlässig 
werden sie, sobald sie auf das ganze Volk der Russen oder gar das 
russische Reich ausgedehnt werden. Wenn man jedoch die 



^ Leskow, Gesammelte Werke, Petersburg 1892, 3. Auflage, T. 1 und 2. 



KIRCHE UND MORAL 145 

materiellen und die geistigen Vefhältnisse im Auge hat, auf die 
im vorhergehenden hingewiesen wurde, so wird man zu der An- 
nahme gedrangt werden, dafs der sittliche Stand dieses Volkes kein 
hoher sein kann. Und die neuere russische Litteratur, dieser wunder- 
bar scharfe Spiegel des Volkslebens, bestätigt nur all zu sehr jene 
Annahme. Wer Terpigorew, GoRKi, TSCHECHOW, wer Tolstois 
kleinere Schriften, z. B. das bei uns so viel bewunderte Buch 
„Macht der Finsternis'', kennt, der mufs die tiefe Verkommenheit 
fühlen, zu der der Bauer Grofsrufslands herabgesunken ist 

Das Familienleben ist nicht nur in den oberen Volksklassen 
zerrüttet Auch bei anderen Völkern, z. B. dem deutschen des 17.» 
dem französischen des 18. Jahrhunderts, erreichte die sittliche Er- 
schlaffung einen hohen Grad, ohne jedoch das Leben des niederen 
Volkes allzusehr zu vergiften, und eine Gesundung folgte durch 
herbe Prüfungen, denen die oberen Stände unterworfen wurden. 
Weit verhängnisvoller ist es, wenn die sittliche Erschlaffung die 
untere Volksmasse erfafst In Rufsland nahm die Frau nie eine 
solche Stellung ein wie etwa bei den Germanen, sie war im 
16. Jahrhundert auch am Zarenhofe selbst ähnlich geachtet wie 
heute in den Ländern des Orients, sie war in ihre Frauengemächer 
eingeschlossen, erschien bei festlichen Gelegenheiten nur um dem 
Gaste den Trunk zu kredenzen, sie war halb noch Sklavin des 
Mannes. Bis auf die neueste Zeit konnte man Spuren dieser 
Stellung nicht nur beim Bauern, sondern beim reichen moskowi- 
tischen Kaufmann finden. Dem Bauer ist das Weib noch heute 
die Sklavin, die Arbeiterin, und sie, das Weib und die Tochter, 
fühlen sich als solche, erdulden Schläge und Sklavenarbeit ohne 
sittlich sich verletzt zu fühlen. Das Weib ist gering geachtet und 
die eheliche Pflicht besteht weit mehr im Dienei) als in geschlecht- 
licher Treue. Die Sitte ist in Bezug auf den geschlechtlichen Ver- 
kehr äufserst locker. Die Männer wandern im Sommer auf Arbeit 
aus, die Weiber daheim nehmen sich unterdessen einen Sol- 
daten ins Haus, wenn es deren giebt; der wilden Soldatenkinder 
gab es daher Legionen, solange die Truppen noch in den 
Dörfern lagen, weil es keine Kasernen gab. Oder die Weiber und 
Töchter lassen sich zur Erntezeit für einen Gutsbesitzer, oft in 
entfernten Gubernien anwerben. Da erscheinen dann hundert 
Weiber für einige Wochen in der schönen, fröhlichen Sommerzeit, 
kampieren in Scheunen und Heuböden, und natürlich fliegt alles, 



146 NEUNTES KAPITEL 

was Männlein ist, alsbald von weit und breit herbei zu Tanz und 
Liebe. „Was kümmert mich,'^ sagte mir ein solcher Gutsbesitzer vor 
etwa 12 Jahren, „die Moral dabei? Natürlich geht es arg her; aber 
im September zieht die Bande wieder ab mit der Eisenbahn, und 
damit ist es aus und meine Ernte ist gemacht'' Wie wenig Jahre 
ist es denn her, dafs im Dorf der Hausvater mit Schwiegersohn 
und Schnur, mit Enkeln und Urenkeln gemeinsam in einem Hause 
oder auf einem Hofe lebte, drei, vier, fünf Familien zusammen, 
und dafs das Haupt der Familie dann in höchst patriarchalischer 
Ordnung das geschlechtliche Anrecht nicht nur an seinem Weib, 
sondern auch an den Weibern von Söhnen und Enkeln übte. Liest 
man heute von dem zwanglosen Verkehr der Weiber und Madchen 
mit Männern, so wird man an japanische Zustände erinnert 

Schlimm ist diese Zwanglosigkeit besonders durch die Ver- 
breitung geschlechtlicher Krankheiten, die die neue Zeit gebracht 
hat Weithin ist diese Pest gedrungen und hat im Verein mit dem 
Branntwein die Kraft und die Gesundheit des Bauers untergraben. 
Noch schlimmer aber dünkt mich die Erscheinung, dafs auch die 
sittlichen Banden zwischen Eltern und Kindern sich gelöst haben. 
Das neugeborene Kind wird zumeist vom ersten Tage an nicht mit 
Liebe, sondern als eine Last behandelt Es hängt in einem Kasten 
am Haken von der Lage herab und wird darin so lange mit demFufs 
von der strickenden Mutter oder dem Bruder umhergeworfen, bis 
es schläft, oder es wird mit Mohnsaft eingeschläfert, der stets zur 
Hand ist; es wird in verpesteter Luft mit schlechtester Nahrung 
aufgezogen; es ist kraftlos und geht leicht zu Grunde, wenn die 
Natur ihm nicht eine eiserne Gesundheit mitgab. Daher stirbt die 
Hälfte und mehr der Kinder in frühem Alter, daher steht die Be- 
völkerung still, wie bereits erwähnt wurde. Was aber das sittlich 
Ungewöhnliche dabei ist, das ist dieser Mangel an Liebe der Mutter 
für das Kind. Die Mutter kann zärtlich sein, mit süfsen Worten 
das Kind überschütten, im nächsten Augenblick aber mifshandeit 
sie dasselbe, verflucht es, und wenn die Armut grofs ist, mag es 
hungern und verkommen — möchte Gott es doch fortnehmen! 
wir brauchen es nicht, es kann ja nicht arbeiten, ist ja zu nichts 
gut! und Gott nimmt es dann, und es wird verscharrt und der 
Pope macht sein Kreuz darüber und die Mutter — versucht ein paar 
Schicklichkeitsthränen zu weinen. Die Erschlaffung der Mutter- 
liebe, das ist — wenn sie volkstümlich auftritt — eine furchtbare 



KIRCHE UND MORAL 147 

Entsittlichung, weit scillimmer als die sogenannten loclieren Sitten 
im Verkehr der Geschlechter. Und auch diese Erscheinung wird 
man hauptsächlich auf Rechnung der allgemeinen Verarmung 
setzen dürfen. 

Wo die sittlichen Giftbeulen an dem Volkskörper stecken, ist 
nicht schwer zu entdecken. Ich habe in einem früheren Kapitel 
die Schilderung eines Korrespondenten des ,,Grashdanin" angeführt, 
der ob dem Wohlstand und der Ordnung in den russischen 
Dörfern an der unteren Wolga staunt, die dort auf dem Steppen- 
lande der Kirgisen sich angesiedelt haben. Der Korrespondent 
glaubte beim ersten Anblick Ansiedelungen von Sektierern vor sich 
zu haben, so vorteilhaft stachen sie von den Dörfern im alten 
Russenlande ab. So fest also sitzt bei ihm und bei allen die Er- 
fahrung, dafs es bei den Sektierern anders aussehe, als beim 
orthodoxen Russen! Und allerdings, man weifs es längst in ganz 
Rufsland, dafs der Sektierer ein Mensch ist, der nicht säuft, nicht 
raucht, der sparsam und ordentlich und auch fleifsiger ist als der 
Rechtgläubige. Wie kommt das? Nicht das Dogma ist hier das 
Bedeutsame, denn die grofse Masse der aufserhalb der Staatskirche 
stehenden Russen besteht aus Altgläubigen, aus Anhängern der 
alten orthodoxen Kirche, wie sie vor der Reform des 17. Jahr- 
hunderts war, einer Kirche, die nicht durch das Dogma sich von 
der heutigen Staatskirche scheidet, sondern nur durch, geistig ge- 
nommen, unwesentliche Aufserlichkeiten. Diese Altgläubigen hängen 
starrer noch als die Staatskirchlichen an leeren Formen, sie werden 
noch weniger als diese von lebendigem religiösen Geist in ihrer 
Kirche getragen: und dennoch wirkt eine geringe formale Ab- 
weichung grofse sittliche Verschiedenheit Unter den Sektierern 
werden die Altgläubigen meist nicht mit einbegriffen, sondern 
nur die von der Staatskirche später Abgefallenen. Aber diese Alt- 
gläubigen zeichnen sich in gewissem Grade durch dieselben 
moralischen Eigentümlichkeiten vor den Staatskirchlem aus wie 
die Sektierer. Es ist klar, dafs hier das Bedeutsame nicht darin 
liegt, was geglaubt wird, sondern wie es geglaubt wird. Die- 
selben Dogmen werden dort unter strengem Zwang beobachtet und 
bringen keinen moralischen Segen; hier werden sie in freier Selbst- 
bestimmung als ein Eigenes, ein Privileg des Geistes geschätzt, 
und gewinnen im Kampf und durch die für sie gebrachten Opfer 
an gemütlichem Wert und Lebendigkeit Die blofse Thatsache, 

10* 



148 NEUNTES KAPITEL 

dafs die Altgläubigen verfolgt wurden und werden, dafs sie sich 
bewufst sind, durch eigene Kraft, ihre religiösen Schätze zu hüten, 
das GeffihI, dafs sie leiden müssen um dieser Schätze willen, heiligt, 
durchgeistigt sie. Sie werden sozial einander genähert, sie helfen 
einander, sie schützen einander, und damit tritt das moralische 
Element in Wirksamkeit, welches das Gemütsleben in der Gemeinde 
und dann auch in der Familie veredelt Der Altgläubige steht 
durchgängig sittlich höher als der Orthodoxe und ist dadurch auch 
durchgängig zu gröfserem Wohlstande gelangt 

Kommt nun bei den eigentlichen Sekten wirklich lebendiger 
religiöser Inhalt des Glaubens hinzu, so wird die Umwandlung des 
sittlichen Charakters noch deutlicher, entschiedener. Unter Alexanderl 
drang, von dem Minister GOLIZIN gerufen und gefördert, die eng- 
lische Bibelgesellschaft ins Land, die Bibel wurde in russischer 
Volkssprache statt in der dem Volk unverständlichen slawonischen 
Kirchensprache und in vielen anderen Sprachen den verschiedenen 
Völkern des russischen Reiches zugängig gemacht Lange hat sie 
geringe Wirkung geübt, weil die Masse des Volkes sie nicht lesen 
konnte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte der Schrift- 
kunde im russischen Dorf die Bibel unmittelbar auf dem Fufse. Sie 
wirkte und wirkt mächtiger als alle Nihilisten, und will der heilige 
Synod die geistige Knechtung konsequent durchführen, so muTs er 
damit beginnen, der Verbreitung der Bibel Einhalt zu thun. Das 
Entstehen der „Stunde" aus den Betstunden der deutschen Meno- 
niten und anderen evangelisch-deutschen Kolonistenversammlungen 
ist bekannt Der religiöse Sinn des Russen, seit Jahrhunderten 
unter leeren Formen brütend, vereint mit dem ebenso nieder- 
gehaltenen Bedürfnis nach geistiger Regung — sie haben schnell 
die befreiende Kraft einer einfachen und praktisch lebendigen 
Religionslehre erfafst, und die stundistische Bewegung durchflog 
den ganzen Süden des Reiches. Wo eine Bibel in russischer 
Volkssprache im Dorf ist, da findet sich bald ein Kreis um den 
schriftkundigen Besitzer, der ihm zuhört, und das Wort übt seine 
Wirkung. 

Neben der Stunde hat es seit lange andere auf evangelischem 
Boden erwachsene Sekten gegeben, wie Molokanen und Duchoborzen, 
und neuerdings die Paschkower. Von dem zu Anfang 1902 in 
Paris verstorbenen Gardeobersten Paschkow ging in den achtziger 
Jahren des 19. Jahrhunderts in Petersburg eine Bewegung aus, 



KIRCHE UND MORAL 149 

die evangelisch mit methodistischer Färbung war, und bald alle 
Schichten der Residenz ergriff. Im Wesen war es dieselbe reli- 
giöse Neubelebung gegenüber der verdorrten griechisch-katholischen 
Kirche, die sich im 16. Jahrhundert gegen die römische Kirche in 
Deutschland und der Schweiz wandte. Das Evangelium war 
Paschkow selbst eine neue frohe Botschaft, und als solche trug 
er sie hinaus in die vornehmen Kreise, die er in seinem Palast 
an der Newa versammelte, und ebenso in die dichtgedrängte Menge 
der Kutscher, Arbeiter, Wäscherinnen u. s. w., die er von den 
Strafsen herbeirief, das Neue zu hören. Paschkows Namen kannte 
der letzte Strafsenkehrer, und viele Tausende segneten ihn, die 
einen, weil sie von dem Geist lebendiger Religion waren erfafst 
worden, die in PascükOW glühte, die anderen, weil sie die vielen 
Stätten der Wohlthätigkeit kannten, die PASCflKOW aus seinen 
reichen Mitteln und mit Hilfe reicher Genossen und Genossinnen 
geschaffen hatte. Mir selbst werden die wenigen Stunden unver- 
gefslich bleiben, die ich mit diesem an Geist schlichten, an Bildung 
ebenso einfachen, aber an religiösem Empfinden und wahrem 
Menschentum reichen Manne im Gespräch verbrachte. Mir konnte 
er nichts Neues bieten, denn was Ihm neu war, kannte ich von 
frühester Jugend als Sohn lutherischer Eltern längst Neu war 
mir aber die Erscheinung eines Mannes, der in christlicher Kirche 
seit fünfzig Jahren lebend, erst jetzt als etwas Neues gefunden 
hatte, was jedem Gliede einer evangelischen Kirche als die Summe 
christlicher Lehre vertraut war und ist Ihm war eben das Evan- 
gelium selbst etwas Neues, eine Offenbarung. 

So ist es auch den vielen Tausenden in dem russischen 
Lande ergangen, als sie zum erstenmal in die Bibel blickten. Von 
Dorf zu Dorf flog der Funke und zündete, weil das Volk nach 
der religiös-geistigen Bethätigung lechzte, weil es in ihr Trost fand 
für materielles Elend und für das Verkommen des Gemütes. In 
wenigen Jahren staunte man über die sittliche und materielle Ver- 
wandlung, die sich unter der Einwirkung der Stunde vollzog. 
Nüchtern, arbeitsam, ehrlich, sparsam, auch äufseriich auf Ordnung 
und Anstand haltend — so zeichnet sich der evangelische Sektierer 
vor dem Staatskirchler aus, sei er nun Stundist oder Molokane 
oder Tolstoier oder Paschkower. Lebendiges Christentum hat der 
heilige Wladimir mit seinen byzantinischen Priestern nicht ins 
Land gebracht und hat der gemeine Russe in diesen 900 Jahren 



150 NEUNTES KAPITEL 

daher nicht kennen gelernt Wo es heute mit der Bibel eindringt, 
da ist die Wirkung handgreiflich. Sie ist eine solche, wie die 
beste Regierung sie mit blos weltlichen iWitteln nicht erzielen 
könnte. Aber sie läuft stracks der Staatskirche entgegen, sie fuhrt 
zum Abfall von der Orthodoxie. Und der Staat hat den Kampf 
aufgenommen. 

Mit welcher Härte seit Jahren gegen Molokanen und Ducho- 
borzen vorgegangen wird, wie sie aufgepackt, in wüste Land- 
striche jenseits des Kaspi versetzt werden, wo sie mittellos und 
arbeitslos interniert, durch englische Spenden, durch Sammlungen, 
die vom Grafen TOLSTOI und anderen Menschenfreunden veranstaltet 
werden, notdürftig am Leben erhalten werden — das ist zur Ge- 
nüge bekannt Nach ihnen kamen die Stundisten an die Reihe, 
die jetzt überall verfolgt werden, deren Betstunden polizeilich ver- 
boten werden, gegen die die Kirche ihre Geistlichen und nun auch 
die ganze Jugend der Kirchenvolksschulen aufbietet Man nennt es 
Mission, aber es ist Unterdrückung des evangelischen Christen- 
tums. Auch Paschkows Arbeit wurde zerstört, seine Anstalten 
der Wohlthätigkeit gingen ein, er selbst wurde verbannt 

Es kann nichts für die Gesundung des Volkes Verderblicheres 
ersonnen werden, als diese gewaltsame Knebelung der Volksseele, 
die nach Luft schreit Der Roheit dies Volkes wäre auch durch 
eine gute Volksschule, wenn man sie schaffen könnte, nicht so 
unmittelbar beizukommen, als dies durch die Entfesselung des 
Gewissens, die Befreiung des religiösen Triebes möglich wäre. Im 
äufseren Leben gefesselt durch den Mir mit seiner Feldgemeinschaft, 
im inneren Leben durch Entziehung aller gemütlichen und geistigen 
Nahrung — wie sollte dies Volk nicht zu Grunde gehen müssen? 
Vor Zeiten, in der Leibeigenschaft, lebte es wild dahin, ohne auf- 
zuschauen, ein einfaches und geistloses, aber in sich doch harmo- 
nisches Leben. Heute zeigt ihm jeder Blick die ungeheure Tiefe, 
aus der es hinaufblickt zu den Schöpfungen europäischen Kultur- 
lebens, und der grelle Widerspruch reizt auch den einfachen Mann 
zum Nachdenken über sich und seine Umgebung. Die alte Har- 
monie ist dahin und die Last des Daseins wird schwer empfunden, 
weil sie erkannt wurde. Man schaffe die Gewalt der Kirche und 
den Zwang der Agrarverfassung ab, und die guten Folgen werden 
sich gar bald zeigen. Alle Staatsalmosen, alle landwirtschaftlichen 
Schulen, alle die zahllosen Quacksalbereien, die man in den Kanz- 



KIRCHE UND MORAL 151 

leien ersinnt, um der Erfüllung des Notwendigen zu entgehen, 
werden dem steigenden Elend nicht Einhalt thun, wenn man sich 
zu jenen beiden Mafsregeln nicht vor allem anderen entschliefst. 
Aus faulem Sumpf steigen erstickende Dünste auf, so dafs wir 
schaudern. Eine moUuskenhafte Haltlosigkeit ist in diesen Ge- 
stalten, die sie zur Trunksucht, zum Verbrechen taumeln läfst 
wider ihren Willen, fast ohne Leidenschaft, ohne Furcht vor 
Strafe, die Opfer eines Verhängnisses, nicht die Träger eines bösen, 
starken Willens; nicht schlecht von Natur, aber ihr haltlos unter- 
worfen; nicht verderbt durch das Leben, aber ohne jede sittliche 
Erziehung, Gestaltung durch die Erfahrung; nicht zerrissen oder 
getrieben von Bedürfnissen und Begierden wirrer sozialer Umgeb- 
ungen, aber willenlos dem einfachen Empfinden, Begehren folgend ; 
Kinder scheinen es, die verwahriost, in dumpfer Höhle sich selbst 
überlassen wurden. Und trotz alledem gute, begabte Kinder, die 
von gutem Gefühl zu edler That können gehoben werden, die sich 
bis zur Erde beugen vor dem Vornehmen, dem Mächtigen, und 
doch mit ruhigem Selbstvertrauen sich wieder aufrichten und wie 
Gleichstehende in Haltung und Worten nichts kleinlich Knechtisches 
zeigen. Ein merkwürdiges Gemisch steckt im russischen Bauer: 
er läfst sich mifshandeln bis zum Tode, er duldet alles; körperlich, 
geistig, sittlich zeigt er eine bewundernswerte Kraft des Ertragens, 
und doch ist man oft erstaunt über die selbstbewufste Würde 
dieser einfachen Wilden, doch findet man oft bei ihnen eine 
aufserordentliche sittliche Gröfse. Aber es ist, als wären ihm die 
Sehnen aktiver Kraft durchschnitten: der individuelle Charakter 
fehlt, die gefestete Persönlichkeit, die Willenskraft Der Spruch der 
Gemeinde, der Befehl der Obrigkeit, der Wille des Zaren: aufser 
diesen drei Gewalten lebt in seiner Brust kein klares Bewufstsein 
eigener Selbständigkeit Sieht man ihn vor sich, so meint man 
oft, das sei der Abkömmling eines grofsen, freien Volkes; sieht 
man sein Thun, sein Leben, sein Wollen, so meint man das Opfer 
einer langen Knechtschaft vor sich zu haben — oder den Sohn eines 
Volkes ohne Zukunft 




ZEHNTES KAPITEL 

VERARMUNG UND HUNGERSNOT 

In einem Lande von der Ausdehnung des Teiles des russischen 
Reiches, von dem die Rede ist, und von der Mannigfaltigkeit 
der natürlichen Bedingungen, wie sie dort trotz äufserer Gleich- 
förmigkeit vorkommen, können die wirtschaftlichen Zustände der ört- 
lichen Verschiedenheit nicht ermangeln, die aus der Ungleichartig- 
keit von Boden, Menschen, Lage u. s. w. entspringen. Kleinrufs- 
land und Neurufsland unterscheiden sich zum gröfseren Teil vor- 
teilhaft von dem Zentrum. Sie leiden weniger von dem Gemeinde^ 
besitz, der dort, wenn nicht gesetzlich, so vielfach thatsächlich 
mehr als im Zentrum seine erstickenden Formen abgeworfen hat; 
in Kleinrufsland besteht die Haftpflicht der Gemeinde für die 
Steuern nicht Starke deutsche Einwanderung hat zur Belebung 
des Landbaues beigetragen. So ist der Wohlstand dort weit gröfser 
als im Zentrum, und gelegentliche Mifsemten wirken weniger ver- 
derblich. Es sind Grenzländer, auf die der Verkehr mit dem 
Westen einigen Einflufs übt Auch im Zentrum und im Osten 
findet sich hier und da ein wohlhabendes Dorf, ein reicher Bauer 
auf eigenem Grunde. Es finden sich grofse Herrschaften mit 
prächtigen Herrensitzen. Aber das sind Ausnahmen. Alle Angaben, 
auch die amtlichen, bezeugen einen allgemeinen Niedergang in dem 
Wohlstande dieses Gebietes, und wiederkehrende Hungersnöte be- 
stätigen die Zeugnisse. Und hätten wir auch diese Zeugnisse nicht, 
so müfsten wir aus dem, was wir über Boden und Arbeit, die 
beiden Hauptfaktoren aller Volkswirtschaft, wissen, den Schlufs 



VERARMUNG UND HUNGERSNOT 153 

ziehen, dafs es mit der russischen Volkswirtschaft in jenen Ge- 
bieten schlecht stehe. 

„Der russische Acker," sagt Lochtin, „weist unzweifelhafte 
Anzeichen auf einer starken Erschöpfung an wertvollen Nährstoffen 
des Bodens, und die Mifsemten stellen sich als die Folgen der 
Erschöpfung dar."^ Das ist die fast allgemeine Meinung von der 
Sache, der nur die gewichtige Ansicht des Finanzministers gegen- 
übersteht, wonach böses Wetter, Dürre oder Regen oder Frost die 
zufälligen und unvermeidlichen Ursachen der Mifsemten sind.' 
Der einfachste Landwirt wird sich sagen, dafs bei dem schonungs- 
losen Raubbau, der auf dem Baueracker seit Jahrhunderten ge- 
trieben wurde und der seit Erbauung der Elsenbahnen auch auf 
den In Acker verwandelten ungeheuren privaten Ländermassen der 
Schwarzerde getrieben wird, eine Erschöpfung eintreten mufste. 
Es ist überraschend, von dem Minister zu hören,' dafs es ein 
Zeichen des wachsenden Wohlstandes der Steuerzahler sei, wenn 
in den Jahren vor 1897 so gewaltige Kommassen erzeugt und 
bei niedrigen Preisen ausgeführt werden konnten, während alles 
dafür spricht, dafs diese Massen erzeugt und ausgeführt wurden 
aus den zwei Ursachen: stark erweiterter Raubbau und zunehmende 
Verarmung. In dem Mifsjahr 1897, das der Minister für eine 
vorübergehende Erscheinung hielt, lagen offizielle Daten bereits 
vor, die eine andere Anschauung begründen konnten. Die „Mosk. 
Wedom." brachte im Jahre 1898 über das grofse Wolgagebiet mit 
seinem verhältnismäfsig noch frischen Boden folgende Mitteilungen 
aus jenen offiziellen Quellen:^ „Vor nicht langer Zeit sei das Wolga- 
gebiet die Kornkammer Rufslands gewesen, in den letzten 2 bis 
3 Dezennien aber habe sich die Situation wesentlich verändert, 
beinahe alljährlich brauche die Bevölkerung Verpflegungsdarlehen. 
In diesem gewaltigen Rayon mache sich ein Sinken der Ertrags- 
fähigkeit bemerkbar. Vergleiche man den mittleren Ertrag der 
Ernte des Gouvernements Samara im Dezennium 1883 — ^1892 mit 
dem, welcher früher für die Norm gegolten habe, so stelle sich 
für die einzelnen Getreidearten folgendes heraus: 



* a. a. 0. S. 212. 

* Vgl. die Budgetberichte des Ministers für 1898 und 1899. 

* Bndgetbericht fflr 1898. 

^ Relat der „St Petersburger Zeitung". 



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154 ZEHNTES KAPITEL 

Mittlere Ernte 
Normalemte in den Jahren 

1883—1892 

Roggen .... 41,7 Pud v. d. Dess. 30,4 Pud v. d. Dess. 

Winterweizen . . 30,8 „ „ „ „ 27,6 „ 

Sommerweizen . 34,7 „ „ „ „ 25,5 „ 

flafer 33,8 „ „ „ „ 26,5 „ „ „ „ 

oerste .... oö,o ,, ,, „ ,, j.o, # „ „ „ „ 

Dinkel .... 35,6 „ „ „ „ 23,5 „ 

Buchweizen . . 26,6 „ „ „ „ 21,5 „ 

Hirse 32,9 „ „ „ „ 19,0 „ 

crosen .... 01,9 ,, „ „ „ äo,4 „ „ ,, „ 

Kartoffeln . . . 301,9 „ „ „ „ 213,6 „ „ „ „ 

Diese offiziellen Daten zeigen, dafs im Gouvernement Samara 
ein starkes Sinlien der Ertragsfähigkeit sämtlicher Getreidearten 
beobachtet wird. Die gleiche Erscheinung wiederholt sich in den 
angrenzenden Gouvernements. Unter diesen Umständen ist es 
augenscheinlich, dafs man sich nicht auf die Verpflegung der 
Notleidenden beschränken kann, da die Schwierigkeiten hierdurch 
nur vorübergehend erleichtert werden, die Wurzel des Übels aber 
nicht beseitigt wird. Ernstlich mufs man sich mit der Besserung 
der Vorbedingungen für die landwirtschaftliche Produktion be- 
schäftigen, um eine Festigung des erschütterten wirtschaftlichen 
Wohlstandes der Wolgagouvemements zu erzielen.'^ 

Von eben diesem Gebiet hat uns „Das hungernde Rufsland^ 
im vorigen Jahre erschütternde Schilderungen gebracht Grofse 
Dörfer, in denen die ganze Bevölkerung halb verhungert in den 
Hätten liegt, in denen es keine Mäuse mehr giebt aus Mangel an 
Nahrung, keine Katzen aus Mangel an Mäusen, keine Hunde, weil 
sie verhungerten — das sind Zustände, die vielleicht in den in- 
dischen Hungerländem ihre Parallelen finden, und die vielleicht 
aus ähnlichen Ursachen wie dort entstanden sind. In anderen 
Schriften haben wir gelesen, wie in den Dörfern die Bewohner 
sich das Essen abgewöhnen, indem sie sich einer Art von Winter- 
schlaf hingeben, sich so wenig als irgend möglich bewegen, wo- 
durch sie den Stoffwechsel im Körper herabsetzen und damit an 
Nahrungsmitteln und Heizung sparen. Solche Zustände sind 
natüriich weder allgemein verbreitet noch beständig. Aber eine 
Bevölkerung, die sich solchen Zuständen auch nur nähert, mufs 
notwendig an ihrer Arbeitsfähigkeit stark einbüfsen. Und in den 



VERARMUNG UND HUNGERSNOT 155 

letzten zehn Jahren sind die rein ackerbauenden Gubemien des 
Zentrums und Ostens solchen Zustanden sehr nahe gekommen. 

Wie sollte eine Bauernschaft gedeihen bei so schlechter 
Qualität und so geringer Quantität der Arbeit? Der russische 
Bauer ist nicht zur Arbeit erzogen; er arbeitet ohne rechte Lust, er 
ermangelt der Stetigkeit, der Zähigkeit; er mag nicht andauernd 
lange arbeiten und nicht mehr, als für die nächsten Tage nötig ist 
Dort im Gebiet der Schwarzerde aber giebt es für ihn nur im 
Sommer Beschäftigung, und auch dann eine durch Feiertage sehr 
verkürzte Arbeit Im Winter kann er nur selten einige Kopeken 
verdienen. Und seine Arbeit ist oberflächlich, wie sein ganzer 
Ackerbau. Der Erdboden aber giebt nur dem seinen besten Segen, 
die sittliche Kraft, der in ihn Mühe und Schweifs in langen Jahren 
gelegt, der mit ihm verwuchs, dem die Scholle ein Teil seines 
Wesens geworden ist Bauer wie Edelmann sind dort keine rechten 
Landwirte in unserem Sinne. Sie versenken sich nicht in ihre 
Wirtschaft, sie ringen nicht mit dem Boden um die Frucht, sie 
beobachten nicht scharf, sie haben nicht die Geduld, um Jahre lang 
auf ein Ziel hin zu arbeiten, auch wenn sie es erkannt haben. 
Der Bauer hat nie mit dem Erdboden verwachsen können, weil dieser 
nicht ihm, sondern der Gemeinde gehört Der Bauer hängt am 
Dorf, nicht an der Scholle, die ihm nicht gehört, wie dem Edel- 
mann nur an seinen Einkünften, nicht an seinem Grundbesitz ge- 
legen ist Der Bauer aber, der eine Scholle sein Eigen nennt, liebt 
auch den Erdboden wie jeder Ackerbauer. Der Dorfbauer, der keine 
eigene Scholle hat, ist halber Nomade, und nomadenhaft ist auch 
die Behandlung des Erdbodens. Das reichste Komland Europas ist 
in die Hand des nur wenig für den Ackerbau begabten Volkes ge- 
legt So kommt es, dafs die Produktivität der Landwirtschaft in 
Rufsland geringer ist als in anderen Ländern sowohl aus äufseren 
wie aus innermenschlichen Gründen. Und das wirkt auf die 
Moral zurück, das erschlafft, entnervt das Volk. Der Russe 
ist nicht dazu geschaffen, durch sich und für sich selbst vor- 
wärts zu kommen, sondern durch andere oder die Regierung; 
der Individualismus ist nur in Wenigen stark, die Masse bewegt 
sich am besten im Artel, in der Genossenschaft, oder auf Be- 
fehl einer Obrigkeit „Die allgemeinen Klagen, sagt NowiKOW, 
über die Unordnung des Dorfes, die Armut des Bauern, seine 
Wildheit, über die schlechte Obrigkeit des Dorfes und der 



156 ZEHNTES KAPITEL 

Wolost,^ über die Fäuste — alles das hat dieselbe Wurzel: 
es ist die hundertjährige Gewohnheit des äufseren Zwanges ohne 
die geringste Selbstthätigkeit von Seiten der Bauern.'' Passiver, 
willenloser Gehorsam gegenüber dem Leibherm früher, jetzt gegen- 
über dem Polizisten, dem Landhauptmann u. s. w., zuletzt gegen- 
über der Gemeinde und ihrem Altesten, aber nirgend persön- 
lich eigener Wille, selbständiges Handeln auTser dem Wollen und 
Handeln der Gemeinde, das erschlafft den Charakter der Masse 
und reizt einzelne Gewaltnaturen dazu, die Schwäche der Masse 
zu milsbrauchen, zur Faust zu werden. Das hat auch den russi- 
schen Bauer zu einem so tüchtigen Soldaten erzogen, als welcher 
er bekannt ist: blind ist sein Gehorsam, er erfriert auf dem Schipka- 
pafs, weil man ihn dort hingestellt und vergessen hat; er mufs in 
der Schlacht männiglich totgeschossen werden, well er, geschlagen, 
nicht leicht sich zum Rückzuge wendet, solange der Befehl dazu 
nicht gegeben ist Was eine Tugend bei dem Soldaten ist, ist 
ein Mangel bei dem freien Arbeiter, wenn diese Eigenschaft des 
Beharrens im Charakter, im passiven Wesen des Menschen be- 
gründet ist Die Unselbständigkeit ist Volkscharakter, sie ist es, 
wenn nicht von Natur, so durch die Geschichte geworden. 
Und diese Geschichte, diese Erziehung zur Trägheit durch Knecht- 
schaft und schlechte Regierung geht noch heute ihren Gang. Noch 
heute sind Kirche und Staat der Meinung, dafs es besser sei, 
durch Vermehrung der Feiertage den Bauer an die Heiligkeit der 
Kirche und die Autorität des Staates zu mahnen, als ihn durch 
Beseitigung von Feiertagen zur Arbeit anzuhalten und von der 
Schnapsbude fem zu halten. Ja weit nachdrücklicher als ehedem 
der Edelmann, drückt heute der Beamte alle Selbständigkeit dar- 
nieder. 

Ein erschöpfter Ackerboden, ein erschöpfter Körper, eine 
staatlich und kirchlich gelähmte Arbeitskraft, eine geistige und 
materielle Kultur, die seit 500 Jahren stillgestanden hat, das sind 
Voraussetzungen, die eine Konkurrenz mit anderen Ländern auf 
dem Gebiete des Landbaues äufserst ungünstig gestalten. Von 
Seiten des Staates aber geschieht nichts, um diese Arbeit, 



^ Die Wolost ist die erweiterte bäuerliche Gemeinde, in der mehrere 
Dorfgemeinden unter besonderer bauerlicher Selbstverwaltung zusammengefafst 
erscheinen. 



VERARMUNG UND HUNGERSNOT 157 

diese Produktionskraft zu stärken. Eher mufs man das Gegenteil 
erkennen. Die Feiertage kosten dem Lande ungeheure Summen. 
Wenn man auf die 126 Millionen Einwohner nur 60 Millionen 
arbeitsfähiger Menschen annimmt, die täglich eine Arbeit im Wert 
von 20 Kopeken leisten, so entginge dem Volksvermögen mit 
jedem Feiertage ein Gewinn von 12 Millionen Rubel. Der Russe 
des Ackerbaugebietes hat, wie überall zu lesen ist, bis zu 150 und 
mehr Feiertage, also etwa 90 mehr als der Westeuropäer, von 
denen freilich die auf den Winter fallenden für viele unwillkfir- 
liche bleiben würden, auch wenn man sie von ihnen befreien 
wollte. Indessen sucht man den Arbeiter keineswegs davon zu 
befreien, sondern man vermehrt vielmehr obrigkeitlich die Feier- 
tage, und man vermehrt das Nichtsthun auch in den Landesteilen 
mit nicht blos ackerbauender und nicht orthodoxer Bevölkerung, 
die gezwungen wird, neben ihren katholischen, protestantischen 
u. s. w. Feiertagen auch orthodoxe Namenstage und andere nicht 
kirchliche Tage zu feiern, die sie früher nicht feierte. In Geld 
berechnet müfste der auf diese Weise obrigkeitlich erzwungene 
Verlust an Arbelt sehr grofse Summen ergeben, und rechnet man 
hinzu, wieviel der Arbeiter an solchen Tagen auf Branntwein ver- 
wendet, so wäre der Verlust, der dem Volke aus den Feiertagen 
erwachst, mit 100 Millionen jährlich sicher nicht zu hoch be- 
wertet Es gewinnt der Staatssäckel durch den Branntweinver- 
brauch und die Kirche durch — „Gaben'^ Wie vorteilhaft diese 
Gaben nicht nur für die Kirche, sondern auch für den Fiskus sind, 
sieht man aus folgender von einem in Perm erscheinenden Blatte 
g^ebenen Schilderung. Der Pope oder der Diakon bestimmt einen 
Tag für Darbringung der Gaben. 

y,ünd siehe da: wenn Tag und Stunde gekommen sind, dann 
sieht man die Leute herbeischleppen, was ihnen gerade an Vor- 
räten zur Verfügung steht, wie Brot, Holz, Thee, Zucker u. s. w., 
u. s. w. Das «Väterchen» aber empfängt sie alle höchst liebens- 
würdig und giebt ihnen auch etwas Gutes zu trinken. Dabei 
stehen Bewirtung und Gaben in einem gewissen Verhältnis; je 
besser die erstere ausfällt, desto reichlicher auch die Geschenke 
der Bauern. — In diesem Sommer wurde ins Dorf Woskressenskoje 
ein neuer Diakon übergeführt, der, da die Veränderung in finan- 
zieller Hinsicht für ihn eine unvorteilhafte war, sich natürlich auf 
die Gaben angewiesen sah. Er redete daher mit seinen Gemeinde- 



158 ZEHNTES KAPITEL 

gliedern, überzeugte sie und setzte den Termin fest, wo die «köst- 
liche Gabe»^ ins Haus strömen sollte. In der That wurde es für 
ihn ein recht gewinnbringender Tag, obgleich er für Branntwein 
allein 25 Rubel verausgabt hatte. Die Gäste jedoch kratzten sich 
nachher den Kopf, denn von der Freigebigkeit des Diakons hin- 
gerissen, hatte mancher fast sein Letztes fortgegeben und am fol- 
genden Tage mufste man aulserdem auf eigene Kosten den Brumm- 
schädel kurieren. — Wo Branntwein gespendet wird, da fehlt es 
selbstverständlich nicht an Zank und Streit, daher sind die Gaben 
eine keineswegs erfreuliche Erscheinung, deren Beseitigung recht 
wünschenswert wäre."^ 

So wird immer und immer wieder auf Ursachen hingewiesen, 
die sowohl materiell als moralisch den Verfall der Volkskräfte in 
den grofsrussischen Gubernien und besonders in den reinen Acker- 
baugebieten zur Folge haben. Und die Esfahrungen geben diesen 
ilinweisen recht Die Thatsache, dafs in jenen östlichen und 
zentralen Gebieten die Mifsjahre in beschleunigtem Tempo aufein- 
ander folgen, ist unleugbar. LoctiTlN zählt von 1885 — ^1899 sieben 
Mifsjahre; SCflWANEBACfl zählt zwischen 1888 und 1898 (inkl.) 
vier Jahre, in denen die Regierung mit Staatsmitteln die Bevöl- 
kerung der kornreichsten Landstriche ernähren mufste.' und das 
Jahr 1901 hat wiederum eine tlungersnot zu verzeichnen, die haupt- 
sächlich eben jene zentralen und östlichen Gubernien umfafste, die 
schon vorher von den Mifsemten getroffen wurden. In diesem letz- 
ten Jahre war die Mifsemte nicht blos über die Schwarzerde ver- 
breitet; aber getroffen wurden wieder 22 Gubernien der Schwarzerde. 
17 Gubernien und einige Bezirke Westsibiriens wurden vom Staate 
unterstützt Einen Teil derselben Gebiete mit einer hungernden 
Bevölkerung von 12—16 Millionen * bereisten die tierren Lehmann 
und Parvus, um die Hungersnot von 1897 und 1898 zu beob- 
achten, und wenn man die Schilderungen dieser Herren, sowie 
die Angaben vieler russischen Gelehrten und Laien über denselben 
Gegenstand zusammennimmt, so kann man nicht zweifeln, dafs 
die Hungersnöte wiederkehren und verderblicher wiederkehren wer- 
den als bisher. Auch in anderen TeUen des Reiches, auch in den 
Grenzprovinzen treten Mifsemten von ähnlicher Schärfe ein wie 

* Relat der „St. Petersburger Zeitung". 

' SciiWANEBACfl, a. a. 0. S. 101. 

' Nach Angaben in der Sciirift „Das hungernde Rufsland". 



VERARMUNG UND HUNGERSNOT 159 

im Zentrum und im Osten; aber dort ist die Bevölkerung im 
Stande, ohne staatliche Unterstützung sie zu fiberwinden, nicht 
etwa dank dem besseren Boden, dem häufigeren Regen, sondern 
dank der besseren Arbeit und der gröfseren Sparsamkeit Im 
Zentrum ist der wirtschaftliche Körper dazu zu geschwächt, wes- 
halb die Mifsemten konstant werden. 

Ich habe schon mehrmals darauf hingewiesen, wie mifs* 
trauisch man gegenüber der russischen Statistik zu sein berech- 
tigt ist Indessen kann man doch einigen Wert auf solche An- 
gaben legen, die von dem Bestreben ausgehen, die Dinge eher zu 
hell als zu dunkel darzustellen. Zu solchen Angaben zähle ich 
die mehr oder minder amtlichen. Durch die schon angeführte, von 
hohen Finanzbeamten geleitete Untersuchung über das Gebiet der 
zentralen Schwarzerde^ wurde die Verarmung dieser Gebiete voll- 
kommen bestätigt; sie führt sie auf drei Hauptursachen zurück: 
das Fehlen allen Verdienstes aufserhalb des reinen Ackerbaues 
die dadurch gegebene Arbeitslosigkeit während der Hälfte des 
Jahres, und endlich die zu hohe Besteuerung, durch welche dem 
Lande sehr viel mehr zu allgemeinen Staatszwecken entzogen, als 
ihm vom Staat zurückgegeben wird. So wird angeführt, dafs von 
1894—1898 die zentralen Schwarzerdegebiete an die Staatskasse 
106,4 Millionen Rubel im jährlichen Durchschnitt abgegeben, und 
nur 42,8 Millionen von ihr bekommen haben; der Osten gab 
80 Millionen und bekam 59,2 Millionen Rubel. Die Schrift sieht 
hierin eine ungerechte Belastung, obgleich z. B. auch der Süden 122,6 
Millionen gab und 64,8 Millionen bekam und andere Gebiete ähn- 
liche Verhältnisse aufweisen. Aus der Schrift tritt die Tendenz 
hervor, jene verarmten Gebiete auf Kosten der reicheren zu unter- 
stfitzen, also wieder die alten Wege mechanisch -büreaukratischer 
Hälfeleistung zu gehen, ohne den Grundübeln: der schlechten 
Landwirtschaft, der Feldgemeinschaft, der fehlenden Selbsthilfe, 
entgegenzutreten. Gegen die Ergebnisse dieser Konferenz von 
Fachleuten wendet sich ein angesehenes Fachblatt mit folgenden 
Ausführungen:' 

„Es sei durchaus falsch, die Thatsache des Niederganges der 
bäuerlichen Wirtschaft auf die neun zentralen Schwarzerdegouverne- 



* POLENOW, a. a. 0. 



9» 



Rufskoje Bogatstwo." 



160 ZEHNTES KAPITEL 

ments zu beschränken. Auch wenn man nur die Symptome be- 
rücksichtigen wolle, auf welche die Konferenz ihre Diagnose stutze, 
so mfisse man die nämliche Diagnose auch den Bauerverhältnissen 
einer ganzen Reihe anderer Gebiete stellen. Das gewaltige An- 
wachsen der Steuerrückstände ist keineswegs eine spezfische 
Eigentümlichkeit des Zentrums, ja in den östlichen Gouvernements 
hat dieser Prozefs noch gröfsere Fortschritte gemacht Ein Rück- 
gang der Pferdezucht und eine dadurch bedingte Zunahme der 
spannlosen Bauernhöfe läfst sich auch in den östlichen und in 
einigen südlichen Gouvernements nachweisen. Eine Abnahme des 
Konsums der bäuerlichen Bevölkerung konstatieren die Spezialisten 
nicht nur im Zentrum, sondern auch in den westlichen Grenz- 
marken, die sich nach Ansicht der Konferenz in günstigen wirt- 
schaftlichen Verhältnissen befinden. Selbst der gesegnete Süden 
Rufslands hat Bekanntschaft machen müssen mit dem allgemeinen 
Prozefs der Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung: Neurufsland 
und Bessarabien mit ihrem prachtvollen Boden, ihrem schönen Klima 
und ihrer dünnen Bevölkerung haben in den letzten Jahren Mifs- 
ernten erlebt, die den bäuerlichen Wohlstand total erschüttert haben.'' 
Schwanebach giebt für 1893 an Steuerrückständen llQVa Mö- 
lionen an, von denen 110 Millionen auf das zentrale und das 
östliche Gebiet fallen.^ ISSAJEW giebt für 1896 an 146 V2 AUllionen, 
nachdem im Jahre 1895 8 Millionen Rückstände waren erlassen 
worden. Also in drei Jahren ein Zuwachs von 22^6 Millionen, 
von denen man 20 Millionen auf Zentrum und Osten schreiben 
kann. Laut Reichsbudget für 1900 betrugen, nach neuen Erlassen 
und Umrechnungen, die Rückstände zum 1. Januar 1899 im ganzen 
Reiche 116 Millionen. Wie ich schon früher anführte, beliefen 
sich die gesamten Rückstände an Loskaufszahlungen zum 2. Januar 
1901 auf 250 Millionen Rubel, wovon ein grofser Teil wieder auf 
Zentrum und Osten fällt Der Staat hat jene Gebiete unterstützt 

im Jahre 1891/1892 mit 162 Millionen 

1898 „ 35 
1901 „ 10 „ ^ 



zusammen mit 207 Millionen. 



^ SCHWANEBACif, S. 36. 

* Vgl. die Budgetberichte dieses Jahres; darin sind zur Unterstützung der 
Notleidenden des ganzen Reiches 20 Millionen angesetzt. Davon darf man 
wenigstens 10 Millionen auf Rechnung des Zentrums und Ostens setzen. 



VERARMUNG UND HUNGERSNOT 161 

Nimmt man die Rückstände und Erlasse von Rückständen 
bis zum 1. Januar 1899 für Zentrum und Osten mit nur 120 Mil- 
lionen an, so hätte der Staat jenen Gubemien, da auf das Ein- 
fliefsen der nicht erlassenen Rückstände nicht zu rechnen ist, 
327 Millionen gezahlt, und davon 207 Millionen im Laufe der 
letzten zehn Jahre. Hierzu kämen die Rückstände vom 1. Januar 
1899 bis 1. Januar 1902, die sicherlich grofs, für die notleiden- 
den 22 Gubemien der Schwarzerde wahrscheinlich um ziemlich 
den vollen Steuerbetrag beider Jahre angewachsen sind, wodurch 
zu jenen 327 Millionen noch einige Zehnmillioner hinzukämen. 
Denn wenn nach neueren Mitteilungen die Rückstände seit 1896 um 
153Va Millionen Rubel wuchsen, und zwar angeblich allein an Los- 
kauf sgeldem, so kann man für jene 327 getrost 350 Millionen Rubel 
schreiben. Wenn man nun auch mit jener offiziellen Kommission 
annehmen wollte, dafs der Staat von den Steuerbeträgen jener 
Gubemien zu viel für seine allgemeinen Bedürfnisse, für sich 
zurückbehält, so hat er dieses Zuviel der letzten zehn Jahre doch 
wohl reichlich mit 327—350 Millionen ihnen wieder er- 
stattet Eine noch stärkere Ernährung des Zentrums und Ostens 
durch die übrigen Landesteile wäre demnach zwar büreaukratisch 
bequem, aber weder gerecht noch vernünftig, sofern im übrigen 
alles beim alten gelassen wird. 

Wie wenig mit staatlichen Geldunterstützungen allein so ver- 
elendeten Zuständen, wie jene Gebiete sie aufweisen, aufzuhelfen ist, 
wird man aus dem „hungernden Rufsland" entnehmen können. 
Ich füge indessen . noch zwei Zeugnisse russischer, nicht durch 
russischen Parteieifer oder gelehrten Beweiseifer verdächtiger 
Schriftsteller hinzu, aus denen der gleiche Schlufs wird gezogen 
werden müssen, der sich dem Leser aus jenem ergreifenden, aber 
glaubwürdigen Buche aufdrängt Der Nationalökonom GOLOWIN, 
der an den oben berührten, unter KOWALEWSKI vorgenommenen 
Untersuchungen über das Zentrum beteiligt war, schreibt:^ 

„Die glänzende Fassade unserer wirtschaftlichen Lage hat 
somit einen sehr unansehnlichen Hinterhot Einerseits die un- 
zweifelhaften Zeichen der Entwickelung: das rasche Wachstum der 
Staatseinkünfte, die Belebung der bearbeitenden Industrie, die Er- 
weiterung des Eisenbahnnetzes, die zunehmenden Einkünfte vom 



^ GOLOWiN, a. a. 0. S. 119. 

T. D. BBOeonr, BoOland. 11 



162 ZEHNTES KAPITEL 

Eisenbahnverkehr trotz der Herabsetzung des Personentarifes, sowie 
die Erweiterung der Umsätze im AufsenhandeL Andererseits der 
Rückgang der Ernte im Zentrum des Landes und gerade in den 
fruchtbarsten Gebieten, und zu gleicher Zeit die offenbaren Zeichen 
der wachsenden Verarmung der beiden Ackerbauklassen: die zu- 
nehmende Rückstandigkeit der Bauern^ und die Verschuldung des 
privaten Bodenbesitzes, die fortschreitende Vermehrung des länd- 
lichen Proletariats, der Stillstand des inneren Handels und end- 
lich — als das Resultat alles dessen — der Stillstand im 
Wachstum der Bevölkerung des russischen Zentrums. Wie 
sollen diese scheinbar sich widersprechenden Erscheinungen 
in Obereinstimmung gebracht werden? Wie soll man sich er- 
klären, dafs der Staat sich bereichert und seine Wirtschaft er- 
weitert, während die Wirtschaft seiner Unterthanen in einem 
grofsen Teil des Reiches immer mehr dem Verfall entgegen 
treibt? Dafs die verarmende Bevölkerung im stände ist, immer 
gröfsere Budgets zu bezahlen, dafs die bearbeitende Industrie 
wächst und zugleich auch der Barvorrat der Sparkassen, während 
das Hauptgewerbe des Volkes und seine Fähigkeit sich zu ver- 
mehren, zurückgehen?' 

Aus ganz anderen politischen Lagern ertönt eine Stimme, die 
der uns schon bekannte Landhauptmann NowiKOW zum Aus- 
druck bringt' 

Er beruft sich auf eine Reihe von Artikeln der als konservativ- 
nationalistisch bekannten Zeitung „Grashdanin^^ über die ländlichen 
Zustände im Reichsinnem, und führt unter anderen folgende Stellen 
an: „Das ganze zeitgenössische Landleben — das bäuerliche wie 
das gutsherrliche — ist ein vollkommener Widersinn und undurch- 
dringlich finsterer Unsinn. Diese ungeheuren Entfernungen ohne 
fahrbare Wege, durchschnitten von eleganten Bahndämmen; diese 
ringsum benagten Landpaläste neben strohenen, in riesigen Lagern 
aneinander geklebten Hütten; dieser fette Boden, der die Saat nicht 
wiedergiebt; dieses vorsintflutliche Gerät, das die Pferde schlachtet; 
diese ausgehungerten Pferde und Kühe auf unermefslichen Wiesen; 
dieses fromme, körperlich starke Volk, das 150 Tage im Jahr 
feiert und säuft; diese Kirchen, die die Sitten nicht bessern; diese 



^ d. h. an Steuern und AblOsungszahlungen. 
' Aufzeichnungen u. s. w. S. 141. 



VERARMUNG UND HUNGERSNOT 163 

Schulen^ in denen die Sctiriftliunde niclit erlernt wird ; diese Land- 
schaften, aus zufälligen Parteien zusammengeschmiedet, die. ein- 
ander hassen; diese Vereinsamung auf der verzagten Fläche der 
Äcker; dieser geistige Hunger, der allmählich durch physischen 
Hunger vermehrt wird; dieses allgemeine, alle ergreifende Gefühl 
der Feindschaft, der Ichsucht, des Schreckens, und das über allem 
hinziehende, von den Stöfsen des Windes aus Nord, Süd, aus 
West und aus Ost hergetragene Stöhnen des russischen Pflügers: 
rette sich wer kann! — ist das etwa nicht ein Widersinn, ein 
Unsinn, wenn man sich erinnert, dafs Rufsland — ein selbstherr- 
liches und ackerbauendes Land und der russische Mensch fromm, 
befähigt und zähe im Ertragen ist? Wenn die Wurzel fault, ge- 
deihen auch keine üppigen Aste.** Der Landhauptmann fügt 
hinzu: „Liest man dieses, so erfafst einen unwillkürlich ein Schau- 
der, und der Zweifel taucht auf, ob das wahr sei. Ach, jeder 
der im Dorf lebt, der das Land aufrichtig liebt, fühlt, dafs der 
Verfasser, wenn er auch die Farben dick auftrug, doch unbedingt 
recht hat" 

Dem Finanzminister können diese steten Klagelieder nicht 
unbekannt sein. Er selbst berechnet (Budgetbericht für 1902) den 
Minderertrag, den die Mifsemten der letzten fünf Jahre der Be- 
völkerung gebracht haben, auf eine Milliarde Rubel, zieht jedoch 
aus dem befriedigenden Eingang der Staatseinnahmen und dem 
schnellen Anwachsen der Ausgaben den Schiurs, „dafs in dem 
allgemeinen Wohlstande des Landes im ganzen keine Verschlechte- 
rung eingetreten sei." Wollte man in ähnlicher Weise, wie diese 
Milliarde herausgerechnet wurde, die Verluste zählen, die in diesen 
fünf Jahren in der Industrie erfolgt sind, so käme man viel- 
leicht auf eine zweite verlorene Milliarde. Ist es nun erlaubt an- 
zunehmen, dafs Rufsland in fünf Jahren solche Summen verlieren 
kann, ohne an seinem Wohlstande Schaden zu leiden? Sollte 
nicht eher einiges Mifstrauen in die Ziffern des Statistischen 
Zentralkomitees gerechtfertigt sein, die der Berechnung des Ministers 
zu Grunde liegen? Und sollte man nicht noch bedenklicher werden 
angesichts des Optimismus des Ministers, mit dem er an den 
Verlust jener Milliarde nur die Betrachtung knüpft, es „erhelle 
daraus, einen wie mächtig belebenden Einflufs auf die wirtschaft- 
liche Lage des Landes und auf den inneren Markt die nächste 
reiche Ernte ausüben könnte"? So pflegt wohl manch ein ver- 



164 ZEHNTES KAPITEL 

schuldeter Gutsbesitzer sich über sclilechte Ernten hinwegzu- 
trösten; für einen Staatsmann ist solche floffnungsfreudigkeit ge- 
fährlich — wenn sie ernst ist 

Können solche Zustande, wie sie oben geschildert wurden, 
mit Steuemachlässen und Geldunterstützungen geheilt werden? 
Ist es hier mit „Volksverpflegung'' gethan, die der Staat neuer- 
dings den Landschaften wieder abgenommen hat, um sie durch 
seine Beamten zu verwalten? Das ist sehr unwahrscheinlich. Und 
doch ist dieses Verkommen Grofsrufslands eine Angelegenheit von 
grofser Bedeutung für das gesamte Reich. Gehen die Dinge wie 
bisher weiter, so muls allmählich der Schwerpunkt des Staates 
sich verschieben. Die staatliche Kraft steckte bisher wesentlich in 
den 80 Millionen Russen, und diese wieder hatten ihr nationales 
Zentrum eben in jenen grofsrussischen Gebieten. Verschiebt sich 
der wirtschaftliche und kulturliche Schwerpunkt nach den Grenz- 
ländem hin immer weiter, so wird eine nationale Politik, die alle 
nichtrussischen Bestandteile des Reiches zu Feinden des Staates 
macht, immer bedenklicher. Die Interessen von Staat und Nation 
geraten in Zwiespalt 




ELFTES KAPITEL 

MITTELKLASSEN 

STADTWESEN, SCHULEN, REVOLUTIONÄRE, KUNST, LITTERATÜR 

£^s hat im moskowitischen Rufsland niemals ein Bürgertum im 
^^ europäischen Sinne gegeben, lieine Städte mit staatlicher 
oder auch Iiommunaier Selbständiglieit und mit Gewerbe und Handel 
treibender, aber auch iiriegstüchtiger Einwohnerschaft Daran sind 
nicht etwa die Mongolen, denen man in Rufsland alles histo- 
rische Übel gern in die Schuhe schiebt, schuld gewesen, sondern 
wieder, wie an so vielen anderen Dingen, ihre Erben und Nachfolger 
in der Macht, die Grofsffirsten von Mosliau. Vor ihrer Zeit, als 
72 Fürsten und ein paar Stadtrepublilien, die einzigen Bürger- 
schaften in unserem Sinne, die es in Rufsland gegeben hat, sich 
in den Besitz Rufslands teilten, wuchsen Städte empor, gerade wie 
in Deutschland oder Italien auch, gefördert von diesen Fürsten, 
oft in regem Verliehr mit dem Westen. Das Grofsfürstentum 
Moskau brach das alles nieder, die Fürsten mit ihren Städten, die 
Republilien mit ihrem freien, nach europäischer Art geordneten 
Bürgertum. Gleichheit und — Knechtschaft für alle liam an die 
Stelle.^ Wo heute alte Mauerruinen sich um eine russische Stadt 
herziehen, da lebten vor 500 oder mehr Jahren die jungen Schöfs- 
linge eines Städtewesens; wo es lieine solchen mittelalterlichen Ring- 
mauern giebt oder gab, da lionnte sich der Handwerker oder der 
Händler nicht gegen Adel und Fürsten halten. Bürgertum des 
Mittelalters ist unzertrennlich von Turm und Mauer, und als nach 



^ Ich habe das des Näheren ausgeführt in dem Buche „Wie Rufsland 
europäisch wurde." Leipzig, Veit & Comp. 



166 ELFTES KAPITEL 

den Fürsten auch die Mauern und mit ihnen die Freiheiten, die 
Privilegien von Naugard und Plesliau fielen, da waren die Kultur- 
keime des Landes zerstört, aber die Fundamente zu dem Prunlibau 
gelegt, den wir heute sehen. 

flinderlich der Bildung eines Bürgerstandes ist in Rufsland nächst 
der moskowitischen Despotie mit ihren Handelsmonopolen die Natur 
des Landes gewesen. Landmangel treibt den Bauer heute in die Stadt 
und trieb ihn schon vor Jahrhunderten dahin. In Rufsland war und 
ist L^ndmangel nicht vorhanden; wird es dem Bauer heute zu 
enge, und stirbt er nicht lieber an Hunger, so macht er sich nach 
Sibirien oder in die Kirgisensteppe auf; vor 600 Jahren brauchte 
er so weit nicht zu wandern, um sich auf neuem Boden anzusiedeln; 
als dann Moskau die SchoUenpfllchtigkeit und endlich die Leib- 
eigenschaft durchführte, konnte der Bauer die Scholle nicht mehr 
gegen die Stadt vertauschen. Nur die Flüchtlinge, die der zu- 
nehmende Druck und endlich das barbarische Wüten Peters des 
Grofsen zu Zehntausenden über die Grenze trieben, hätten vielleicht 
im Süden städtegründend die äufseren Bedingungen für bürger- 
liche Organisation gehabt, wenn sie nicht, mit tatarischen und 
türkischen, polnischen und russischen Nachbarn in fortwährender 
Fehde lebend, sich dem Kriegshandwerk ganz hätten hingeben 
müssen. Die Ansiedelungen der Kosaken zeigen aber von Hause 
aus Züge, die nur äufserlich andere sind, als wir sie beim russi- 
schen Bauer sonst finden. Der demokratische Geist ist beiden 
gemeinsam, und was die Kosaken auszeichnet, der Freiheitssinn, 
ist die Frucht der Freiheit selbst Die Ssetsche der Dneprkosaken, 
dieses befestigte Lager unbeweibter Krieger, dessen Glocke gleich 
der von Naugard durch lange Zeit hin die Kosaken zur Beratung 
rief, deren Obrigkeit vom Volk gekürt wurde, hätte bei einem an- 
dern Volke vielleicht zu städtischen Lebensformen geführt Glocke 
und Ssetsche sind noch heute die Wahrzeichen der Privilegien 
der Freiheit, deren sich die Kosaken am Dnepr, Don und Ural er- 
innern. Sie sind stolz auf die Vorrechte, die ihnen geblieben sind. 
Oft genug in der Geschichte haben die Aufstände der Kosaken 
von ihrem Selbstbewufstsein und ihrer Fretheitsliebe Zeugnis ab- 
gelegt Aber es ist die Freiheitsliebe mehr des Nomaden als des 
Stadtbürgers. Und dieser leichtlebig nomadenhafte Charakter, der 
dem Russen überhaupt eigen ist, tritt beim Kosaken noch stärker 
hervor als beim russischen Bauer. Im Kosaken ist der Volks- 



MITTELKLASSEN 167 

Charakter sehr rein ausgeprägt, und so hat er bei aller Freiheitsliebe 
es nie zu Städtegründungen und zu bürgerlichem Leben gebracht 
Alle Ansätze zu einem Bürgertum haben sich im alten Rufs- 
land unter dem Einfluls fremder Elemente gebildet, sei es ger- 
manischer im Norden und Westen, sei es türkisch-tatarischer im 
Osten. Aber sie haben unter dem Drucke Moskaus sich nicht 
auswachsen können, und erst unsere Zeit scheint mit dem Auf- 
blühen der Grofsindustrie auch der Entwickelung des Städtewesens 
eine Zukunft zu Offnen. Seit zehn Jahren haben die industriellen 
Zentren viel Volks an sich gezogen. Die städtische Arbeiterschaft 
soll über 2 Millionen zählen, die Menge der technisch geschulten 
Arbeiter steigt, der flandel beschäftigt eine immer gröfsere Zahl 
von Menschen, die gelehrten Berufe gewinnen an Bedeutung. Un- 
zweifelhaft hat gegen früher eine heilsame Belebung der mittleren 
Volksschichten stattgefunden, was schon aus dem starken Andrang 
zu den Lehranstalten hervorgeht Das alles hat natürlich eine 
Verstärkung der städtischen Bevölkerung zur Folge. Aber diese 
findet nicht gleichmäfsig im ganzen Reiche statt, sondern nur in 
den Zentren von Industrie und Handel. An der Spitze steht der 
industrielle Bezirk von Moskau und Wladimir; aufser diesem Be- 
zirk aber wächst das Stadtleben nur an wenigen Punkten, und 
diese sind fast alle an der Peripherie des Reiches gelegen. Die 
Ursache hiervon ist vor allem darin zu finden, dafs der Binnen- 
handel seit Vollendung des Eisenbahnnetzes gesunken ist zu 
Gunsten des Aufsenhandels. Die grofsen Handelsumsätze voll- 
ziehen sich im Aufsenhandel mit seiner Massenausfuhr von Roh- 
stoffen und diese konzentriert sich in den Exportplätzen an den 
Küsten und der Landgrenze, während im Inlande der Ankauf durch 
Agenten besorgt wird. An denselben Plätzen konzentriert sich 
natürlich auch der ElnfuhrhandeL Eben dorthin nun drängt sich, mit 
Ausnahme des Moskauer Bezirks, die junge Industrie, einmal weil 
sie dort mehr freies Kapital findet, als in den Provinzen des In- 
landes, dann aber auch weil sie dort dem Auslande als der Bezugs- 
quelle geschulter Werkführer, guter Halbfabrikate, vieler Rohstoffe 
und Maschinen, auch billiger und stets eriangbarer Kohlen näher 
ist Hier liegt wieder ein Beispiel dafür vor, dafs grofse Natur- 
schätze noch nicht genügen, um ein Land reich zu machen, son- 
dern erst die Menschen und deren Arbeit dies bewirken. Die 
reichen Kohlenlager des Donezbeckens könnten ganz Rufsland ver- 



168 ELFTES KAPITEL 

sorgen. Die Regierung wäre wohl bereit, die Verfrachtung in die 
Ostseehäfen und nach Polen auf ihren Bahnen selbst mit Verlust 
zu fibemehmen; dennoch wurde damit die englische und preufsische 
Kohle nicht aus dem Felde geschlagen werden, weil die Fabrikanten 
sich nicht darauf verlassen können, von den Bahnen punktlich be- 
dient zu werden und daher die fremde Kohle vorziehen, auch 
wenn sie teurer ist als die einheimische. 

So haben sich Handel und Industrie rund um das Reich ge- 
lagert, in Petersburg, Reval, Riga, Libau, Warschau, Lodz, Odessa, 
Kiew, Rostow, Baku u. s. w., und in Moskau-Wladimir. Die beiden 
Residenzen mit 1200000 Einwohnern, Warschau mit Qber 700 000, 
im ganzen 74 Städte von aber 30000, 16 Städte von über 100000 Ein- 
wohnern. Das ist an sich sehr wenig für ein Land, das ungefähr 
zehn mal so grols ist als Deutschland. Von diesen 16 gröfseren 
Städten liegen 10 in den westlichen Grenzlanden und an den Küsten 
der Ostsee und des Schwarzmeeres; im eigentlichen Innern, in 
Grofsrufsland, nur 2. Trübnikow ^ zählte im Jahre 1895 in Rufs- 
land, ohne Polen, Kaukasus und Turkestan, 709 Städte, deren 
Einnahmebudgets zusammen rund 67 Millionen Rubel aufwiesen. 
Das würde durchschnittlich für die Stadt eine Jahreseinnahme von 
94500 Rubel geben, und wenn man die MUlionenbudgets der 
grofsen Städte in Anrechnung brächte, bliebe für die grofse 
Masse der Städte an Jahreseinkünften sehr wenig übrig. Berlin 
hatte im Jahre 1897/1898 ein Budget von 88 Millionen Mark, und 
wenn man die städtischen Betriebe, wie Gas- und Wasserwerke, 
Schlachthaus, Markthallen u. s. w., hinzunimmt, so beliefen sich 
seine Ausgaben auf 157,7 Millionen Mark, also weit mehr als 
jene 709 Städte zusammen auszugeben hatten. Für 1902 beläuft 
sich das Berliner Ausgabenbudget mit Einschlufs der Betriebe gar 
auf rund 200 Millionen Mark. — Man berechnet die heutige 
städtische Bevölkerung Rufslands im ganzen auf 16 289 000 Köpfe, 
was 13 Prozent der gesamten Bevölkerung darstellt' Wenn man 
Berlin mit rund zwei Millionen Einwohnern annimmt, so wäre das 
der achte Teil von der Einwohnerschaft aller russischen Städte, 
und nach Beriiner finanziellen Bedürfnissen müfsten diese russi- 
schen Städte also etwa 800 Millionen Rubel statt 67 Millionen 
jährlich verbrauchen. Aber von diesen 709 Städten haben nur 

* a. a. 0. S. 61. 

' MilDkow, a. a. 0. T. I, S. 82. 



MITTELKLASSEN 169 

sehr wenige wirklich stadtisch -bürgerlichen Charakter. Das will 
sagen, dafs die Städte des Binnenlandes und also auch das bürger- 
liche Element derselben von sehr geringer Bedeutung sind, wäh- 
rend die grofsen Zentren seit 1895 stark gewachsen sind; Peters- 
burg hat heute ein Budget von 17 Millionen Rubel. Aber das 
geschieht auf Kosten der Masse der andern Städte. Viele der 
provinziellen Städte gehen zurück, nicht vorwärts. Andererseits 
spriefsen längs der Eisenbahnen eine Menge neuer Ansätze zu 
Stadtbildungen auf. In Presse und Litteratur wird dieser Neu- 
bildung vielleicht bei Abschätzung der Bevölkerung mit städtischem 
Gewerbe zu wenig Rechnung getragen. Im Februar 1901 schrieb 
die „Now. Wrema*' folgendes: 

„Es ist eine Thatsache, dafs augenblicklich nicht nur unsere 
Dörfer, sondern auch unsere Kreisstädte in Verfall geraten. Zu- 
nächst bleibt in den meisten unter ihnen die Bevölkerungszahl 
schon seit Jahrzehnten unverändert. Nach den Date« der Volks- 
zählung vom Jahre 1897 ist besonders in Zentral- und Nord- 
rufsland die Bevölkerungszahl vieler Kreisstädte beinahe ganz die- 
selbe geblieben und in einigen ist sie sogar erheblich gesunken. 
Eine so alte Stadt wie Uglitsch ist z. B. von 13000 Einwohnern 
auf 9000 gekommen. In Bezug auf die Bildung steht es in den 
Kreisstädten vielleicht noch schlechter als auf dem Lande. Eine 
Kreisschule und im besten Falle noch eine Stadtschule dienen als 
einzige Bildungsquelle, und zwar nach einem Programm, welches den 
Anforderungen des Lebens wohl wenig entspricht Die Postverbin- 
dungen sind über die ersten Anfänge nicht hinausgekommen." 

Zwei- bis dreimal wöchentlich kommt die Post, und niemand 
denkt daran, hierin Wandel zu schaffen, obwohl die Einrichtung 
einer taglichen Verbindung ganz geringe Mittel beanspruchen würde. 
„Keine Bibliotheken, keine Lesehallen, kein Theaterl Und wenn 
auf Initiative eines Lehrers in dem geräumigsten Gebäude der 
Kreisstadt, dem Gefängnis, Voriesungen mit Nebelbildern ver- 
anstaltet werden, so kommt das schon in die Zeitungen. Gesell- 
schaftliches Leben ist nicht vorhanden. In sehr vielen Städten 
giebt es nicht einmal Klubs, und dort, wo sie existieren, dienen 
sie der örtlichen Intelligenz, die manchmal durchweg aus ver- 
zweifelten Trinkern besteht, als noble Schenken. Die Städte- 
ordnung vom Jahre 1879, welche diesen Städten zur Hebung 
ihrer Selbstthätigkeit veriiehen ward, ging ihnen über die Kräfte 



170 ELFTES KAPITEL 

und mufste der vereinfachten Stadteordnung von 1894 Platz 
machen. Der Verfall macht sich auf Schritt und Tritt bemerkbar: 
die Strafsen sind mit Gras bewachsen, die Zäune schief, halb in 
Trümmern stehen die Häuschen der Kleinbürger da, hier und da 
sind ihre Fensterscheiben zerbrochen, überall sieht man unbebaute 
Plätze ... der tlandel und die städtischen Einnahmen sinken 
merklich und hoffnungslos. Alles, was für die städtische Wohl- 
fahrt geschehen ist — irgend welche Brücken und städtische In- 
stitutionen — , gehört längst entschwundenen Tagen an, vergrast 
oder bedarf ernstlicher Remonte. Was den Handel betrifft, so 
sind ,städtische Kaufhallen^ die einst voller Leben waren und nun 
ganz verlassen daliegen, durchaus keine Seltenheit" 

Als eine der Ursachen dieser traurigen Erscheinungen be- 
zeichnet die „Now. Wr." die Eisenbahnen, welche die Kreisstädte 
umgangen und neue Handelszentren geschaffen haben. Haupt- 
sächlich abor klagt der Autor des Artikels über die unmäfsige 
Entwickelung der Residenzstädte und der übrigen Grofsstädte. 

Die Städte sind mit Gewerbesteuern, Immobiliensteuem, Militär- 
quartierlast und anderen Abgaben an den Staat schwer belastet 
Eine Einnahmequelle nach der anderen wird ihnen entzogen zu 
Gunsten des Fiskus; die Ausgaben aber für Polizei, iVVilitär, 
Kasemenbauten werden vermehrt, so dafs auch die Residenzen und 
grofsen Provinzialstädte trotz ihres Anwachsens in bedrängter Lage 
sind und ihre dringendsten Bedürfnisse nicht oder nur durch starke 
Verschuldung befriedigen können. Die kleineren, kreditlosen Städte 
können nichts für innere Wohlfahrt thun, weil sie kaum so viel 
übrig haben, um einige Laternen und Schutzleute zu bezahlen. 
Mehr als durch das Anwachsen der Residenzen wird die Ent- 
wickelung des Städtewesens in den Provinzen gehemmt durch den 
Niedergang der Landwirtschaft, die Verarmung der Landbevölke- 
rung. Wo diese an Wohlstand zunimmt, wie in den baltischen 
Provinzen, in Finland, in Polen, da gedeihen und wachsen auch 
die Provinzial- und Kreisstädte. Wie soll in Gubeinien, wo Adel 
und Bauer bankerott sind, wo alle paar Jahre Hunger herrscht, 
städtisches Gewerbe blühen? Wer soll vom Städter kaufen? Und 
eine mitwirkende Ursache dürfte der allgemeine russische Mangel 
an Selbstthätigkeit, an fester Ordnung in der Arbeit wie in den 
Bedürfnissen sein. Der Russe ist kein guter Handwerker, von 
ländlichen Gewerben abgesehen, wohl aber ein guter Kaufmann. 



MITTELKLASSEN 171 

Aber er findet als Kaufmann in der l^rovinzialstadt mit schleclitem 
Handwerli und armer Einwohnerschaft wenig Gelegenheit zum Ver- 
dienst, da der Aufsenhandel in den tländen von Agenten der ilafen- 
plätze liegt Diese Städte produzieren nichts und handeln nicht; 
es sind passive Körper, Niederlagen von Beamten, Versammlungs- 
plätze des Adels, in denen die elementarsten Bedürfnisse der Land- 
bevölkerung im Kleinhandel befriedigt werden. 

Die grofse Wasserstraf se der Wolga wird von 600 Dampfern 
und Tausenden von Barken befahren, die den Verkehr vermitteln. 
Aber wie armselig sind die wenigen Städte an dem Ufer! Kasan, 
Simbirsk, Saratow — Städte ohne Leben, Öde Strafsen, Gasthäuser 
ohne Gäste, Museen ohne Kunst, Klubs ohne Geselligkeit — über- 
all Einrichungen, Versuche ohne Vernunft, Schein ohne Inhalt 

Anders in den grofsen Städten. Hier konzentriert sich das 
materielle und geistige Leben jin Industrie und Handel, in Uni- 
versitäten, Mittelschulen, Litteratur, Presse. Eine geschlossene 
Bürgerschaft, korporelle Gliederung giebt es auch hier nicht; die 
Regierung widerstrebt solchen selbständigen sozialen Gebilden, 
was sich auch in der Städteordnung von 1879 ausdrückt Aber 
die städtische Luft hat doch auch hier einen belebenden Einflufs, 
die Schulen bringen Gedanken, Kritik, die sich mehrende Menge 
der für Unterricht, Technik, für den Staatsdienst wissenschaftlich 
Vorgebildeten schafft eine geistige, eine öffentliche Atmosphäre. 
Es wäre schwer, den Begriff der „Intelligenz^' zu definieren, wie 
er heute in Rufsland umläuft Die Anhänger des alten Wesens 
verstehen darunter alle die Leute, die ihnen unangenehm sind als 
ein unruhiges, neuerungssüchtiges, doktrinäres, auf Bildung und 
besseres Wissen pochendes Element, bei dem man mehr oder weniger 
gefährliche Gesinnung oder politische Umtriebe vermuten kann. 
Jeder Student und jeder, der studiert hat, gehört zur „Intelligenz'^ 
und wird von dem Anhänger alter Sitten und Gegner des auf- 
dringlichen Europa mifstrauisch angesehen. Die thörichten Unter- 
nehmungen der Nihilisten haben den Studenten etwas in Verruf 
gebracht und eine Mifsachtung gegen die Intelligenz sich verbreiten 
lassen, die erst ganz in letzter Zeit durch die steigende Willkür 
der Beamtenschaft verwischt wird. Man beginnt zu fühlen, dals in 
den intelligenten Elementen doch allein die Kraft und Selbständigkeit 
zu finden sind, die der Willkür zum Gegengewicht dienen könnten. 
Die Reform des Schulwesens ist heute die wichtigste Tagesfrage. 



172 ELFTES KAPITEL 

Nach dem Voranschlag des Budgets sollen für 1902 im ganzen 
an staatlichen Mitteln für das ünterrichtswesen aller Ressorts 
74,8 Millionen Rubel verwandt werden. Davon wird etwa die 
Hälfte von militärischen und anderen Fachschulen beansprucht; 
den bürgerlichen Mittelschulen kommen nur 10 Vi Millionen, den 
niederen Schulen rund 9 Millionen zu gute. Das sind geringe 
Summen für 126 Millionen Menschen. Man berechnete bisher die 
Staatsausgaben für Volksbildung auf etwa 40 Kopeken pro Kopf .^ 
Für 1902 würden sie nach der Angabe des Ministers auf 59 Ko- 
peken steigen. Aber diese Ausgaben kommen nur zu geringem 
Teil den mittleren und niederen Volksschichten zu gute. Trubnikow 
giebt die Zahl aller Schulen im Reich auf 78699 an, die JVVoskauer 
Nachrichten'' auf 79934. Die Staatsmittel kommen jedenfalls einer 
sehr geringen Zahl der oberen Lehranstalten aller Art zu gute und 
werden immer späriicher, je tiefer sie hinuntersteigen. Aber der 
grOfsere Mangel besteht in der Qualität dieser Schulen. Der russische 
Lehrer erfüllt weitaus nicht die Ansprüche, die man etwa bei uns in 
Deutschland an Professoren, Gymnasiallehrer, Kreisschullehrer, Ele- 
mentarlehrer stellt. Er ist wissenschaftlich oberflächlich vorbereitet, 
er ist pädagogisch gar nicht vorbereitet. Mit Ausnahme eines Teiles 
der Lehrer an den Hochschulen fehlt es den Lehrern an allgemeiner 
Bildung und an dem sittlichen Ernst, der noch wichtiger für dieses 
Amt ist, als die allgemeine wissenschaftliche Reife. Auch der 
Lehrer fühlt sich vor allem als Staatsbeamter und sein Blick ist 
auf den Vorgesetzten, auf die Regierung, auf politische Strömungen 
mehr gerichtet als auf die geistige und sittliche Erziehung seiner 
Schüler. Die Zahl russischer, fachlich vorgebildeter Lehrer ist sehr 
gering, und von der geringen Menge wird ein erheblicher Teil 
nicht für die russische Bevölkerung, sondern als Sprachlehrer für 
fremdsprachliche Polen, Balten, Kaukasier u. s. w. verwandt Dort 
ist jeder russische Lehrer vor allem Sprachlehrer und nationaler 
Propagandist, und sein Fach, ob Geschichte, Mathematik oder ein 
anderes, kommt erst nachher zur Würdigung. Die besten Schulen 
sind heute noch ein paar deutsche Schulen in Petersburg und die 
finnischen Schulen, ehemals waren es die baltischen Schulen; 
sie bedeuten aber sehr wenig für die Schulbildung der russischen 
mittleren und höheren Volksklassen. Von den 79934 Schulen 



^ SKARSCfiiNSKi, im „Europ. Boten", Januar 1902. 



MITTELKLASSEN 173 

des Reiches, die der Staatsleitung und der Kirche unterstellt sind, 
kommen 12132 auf das Ressort des Krieges,^ welches bestrebt 
ist, bei den Rekruten der elenden Volksschule etwas nachzuhelfen. 
Am schlechtesten bestellt ist es mit der für das heutige Rufsland 
wichtigsten Klasse der Schulen, mit den Mittelschulen. KowALEWsKi' 
zählt deren für 1899 folgende: 191 Gymnasien, 53 Progymnasien, 
115 Realschulen. Es fragt sich nur, was sie leisten. Wir haben 
in einem früheren Kapitel gesehen, dafs die sogenannten niederen 
Schulen, von der Kreisschule abwärts sich mit 7 Kopeken auf den 
Kopf begnügen müssen. Die Mittelschulen, Gymnasien, Progym- 
nasien, Real- und Gewerbeschulen (ohne die Fachschulen der be- 
sonderen Ressorts) werden mit rund 10 Va Millionen Rubel bedacht, 
das macht 8,3 Kopeken auf den Kopf. Für den gesamten Volks- 
unterricht mit Ausnahme der Hochschulen und Fachschulen giebt 
der Staat demnach etwa 15 Kopeken auf den Kopf oder ein 
Hundertstel seines Einkommens aus. Ein sehr geringer Be- 
trag in einem Budget, dessen Ausgaben auf den Kopf der 
Bevölkerung 157» Rubel betragen. 

Die Bildung ist in Rufsland auch in den oberen Schichten 
weder tief noch weit verbreitet Das Streben nach Bildung ist in 
der heranwachsenden Jugend um so stärker und allgemeiner. Das 
junge Rufsland, hauptsächlich der Mittelklassen, hat Enthusiasmus, 
Ausdauer, Hochachtung vor dem Wissen. Die russischen Studenten 
und Studentinnen in Deutschland und der Schweiz zeigen grofsen 
Fleifs, rasche Fassungsgabe und eiserne Geduld im Ertragen 
des äufseren Mangels. Sie neigen zu Überschätzung der eigenen 
Person und der erlangten Kenntnisse; sie gehen, wie alle Russen, 
leicht ins Allgemeine und lassen sich, selbst von regem Geist, 
gern durch Geist blenden. Sie sind von glühendem Patriotismus 
erfüllt und, wie der Nihilismus gezeigt hat, fähig, für ihre patrio- 
tisch-politischen Ideen Energie, Mut, Entsagung aufzuwenden. 
Ihr stürmischer Eifer hat, besonders seit der Ermordung Alexan- 
ders n, ungeheures Übel, auch in ihrem eigensten Interesse, über 
Rufsiand gebracht Die nihilistischen Attentate und die wiederholten 
revolutionären Nadelstiche haben der regierenden Beamtenschaft die 
besten Werkzeuge geliefert, um auf der einen Seite die Regierungs- 



^ Moskow. Wedomosti. 
• a. a. 0. S. 885. 



174 \EL FT ES KA PITEL 

gewalt durch Erregung der Furcht an sich zu reifsen und auf der 
anderen ihre Gewalt zu vermehren. Allein es wäre ungerecht zu leug- 
nen, dafs der Zustand des Landes notwendig zu einer Auflehnung 
patriotischer, schwärmerischer und opferbereiter KOpf e gegen die be- 
stehende Ordnung herausfordert Solche Köpfe finden sich am 
ehesten in der von einiger Schulbildung gehobenen Jugend, und 
es gesellt sich dazu die Rücksichtslosigkeit, die weder von Amt, 
noch Familie, noch Besitz gehemmt wird. Die drakonischen Mafs- 
regeln Alexanders III haben den kopflosen, die realen Verhältnisse 
nicht berücksichtigenden Ausbrüchen der revolutionären Jugend 
Fesseln angelegt Es ist indessen nicht wahrscheinlich, dafs die 
revolutionäre Gärung dadurch dauernd geschwächt wäre. Viel 
eher ist anzunehmen, dafs die früheren NlhUisten einige ihrer 
Fehler erkannt haben und Geduld lernten. Ein Hauptfehler in 
ihrer Rechnung war, dafs sie wähnten, das niedere Volk, den 
Bauer mit sich fortreifsen zu können, weil sie sich bewufst waren, 
für dieses Volk ihr Leben zu wagen. Sie kannten das Volk nicht 
und mufsten erfahren, dafs es seine Wohlthäter kurzer iland nieder- 
schlug. Unterdessen hat sich in den industriellen Städten eine 
starke Arbeitermasse angesammelt, unterdessen ist flungersnot auf 
Hungersnot über das Land gezogen, und jene Arbeitermassen 
scheinen den Unruhestiftern nicht mehr so feindlich gegenüber 
zu stehen, als die Arbeiter der achtziger Jahre. Zudem bemerkten 
die jungen Umstürzler ohne Zweifel, dafs das heutige System 
bureaukratischer Willkür für ihre Ideen besser wirkt, als sie selbst 
es jemals vermochten. Sie bemerkten, dafs, wo im Reiche noch 
irgend ein Rest von Zufriedenheit aufzutreiben war, alsbald eine 
amtliche Hand dreinfuhr und dreinfährt, die diesen Rest zerstreut 
Sie bemerkten, dafs Hunger, Willkür, Unterdrückung aller Selbst- 
thätigkeit, ununterbrochene Beunruhigung durch Verordnungen, 
durch Aufbauen und Niederreif sen, dafs mafsloser Formallsmus 
und schreiendste Unvernunft in der Verwaltung im Innern des 
Landes selbst die eingewurzelte duldende Trägheit des Bauern er- 
regt hat, und dafs zugleich von Tiflis bis Helsingfors die letzten 
Winkel nach zufriedenen Leuten durchsucht wurden, um sie un- 
zufrieden zu machen durch Bedrückung in Nationalität, Glaube, 
Sitte, Recht, Ordnung. Sie mochten endlich die Zerfahrenheit be- 
merken, die in den regierenden Klassen selbst sich mehrte, neben 
der wachsenden Bedeutung der industriellen Arbeitermasse. Und 



MITTELKLASSEN 175 

SO begannen sie denn wieder zu den verzweifelten Mitteln zu greifen, 
die wenig mit der Intelligenz zu thun haben, aber eine weit ver- 
breitete Stimmung Iiennzeichnen. 

Trotz aller Armut des Adels, der Geistliclien, der Beamten 
drangt sich die Jugend dieser Stände in anschwellender Menge 
zu den Schulen und Universitäten. Tausende mufsten wegen Über- 
fällung der Anstalten jährlich abgewiesen werden. Die höheren 
Schulen sind voll von Schülern und Studenten, die auch bei dem 
leben von Bettlern nicht im stände sind, ihre Kollegiengelder zu 
bezahlen und nur durch reiche Spenden privater Wohlthäter vor 
der Ausschliefsung gerettet werden. Ein starkes Kontingent solcher 
mittelloser Schüler liefert die Weltgeistlichkeit in den sogenannten 
Popensöhnen. Seit die Geistlichkeit als geschlossener Stand auf- 
gehoben wurde, seit die Söhne der Popen und Diakone nicht wieder 
Kleriker zu werden brauchen, wenden sie sich weltlichen Be- 
rufen zu und dringen in die Staatsämter. Sie füllen die Mit- 
telschulen und die geistlichen Seminare, sie drängen in Scharen 
m die Hochschulen. Sie kommen aus den geistlichen Seminaren 
mit sehr dürftiger Vorbildung, sittlich verwahrlost und bettelarm, 
aber sehr strebsam und von zäher Ausdauer, hungern sich an den 
vier ihnen offen stehenden Universitäten durch und ringen sich 
von da weiter in bürgerliche und staatliche Stellungen hinein. 
Sie bilden eine feste Masse bürgerlichen Elementes, die bisher 
die meiste Arbeitskraft gezeigt hat. Sie begannen schon unter 
Alexander II in dem Beamtentum sich sehr bemerklich zu machen 
und. wurden unter Alexander III, wahrscheinlich durch den Ein- 
flufs POBEDONOSZEWs, geradezu bevorzugt Aus ihnen gehen heute 
Minister und hohe Würdenträger hervor. An der Spitze dieser 
Popensöhne mit den phantastischen Namen^ steht der Oberprokureur 
des heiligen Synods, POBEDONOSZEW, zu ihnen gehörten, wie man 
sagt, der ermordete Minister der Volksaufklärung BOGOLEPOW, der 
Finanzminister WYSCHNEGRADSKl. In den oberen Ämtern der Zivil- 
und der Militärverwaltung wimmelt es von Popensöhnen. Diese Leute 
haben keine Traditionen, keine ständischen Schranken, sie stehen der 
Kamarilla der grofsen Geschlechter fem; sie sind ein belebendes, 
können aber auch ein gefähriiches Element für den alten Beamten- 
staat werden. Auch der grofse und von zelotischem Geist ge- 

' Wie sie zu diesen Namen kommen, erzählt sehr ergötzlich der Dorf- 
geistliche In seinen schon oben zitierten „Erinnerungen" S. 3. 



176 ELFTES KAPITEL 

tragene Einflufs, den POBEDONOSZEW seit Jahrzehnten ausübt, lälst 
die zersetzende Wirlisamlieit dieses merliwürdigen Jesuiten der 
Orthodoxie schon heute deutlich ^rliennen. 

Wenn dieses Element oft ein ebenso unsympathisches Aufsere 
darbietet, wie etwa die Faust im Dorf, so mufs man doch zugeben, 
dafs in ihm Kraft steclit, und dafs es voraussichtlich eine grofse 
Bedeutung für die Zukunft des Landes haben wird. CüSTlNE hat 
es vor 63 Jahren in seiner revolutionären Bedeutung erliannt, er 
sagt von ihnen: „Ce sont ces hommes incommodes ä T^tat .... 
qui commenceront la prochaine r^volution de la Russie.*"^ Wir 
müssen heute den Scharfsinn dieses geistvollen Franzosen be- 
wundem, indem wir diese Söhne der orthodoxen Kirche an der 
Arbeit beobachten. Aus ihnen und den Söhnen kleiner Beamten, 
kleiner Gutsbesitzer, Kaufleute, Handwerker geht die Menge der 
Revolutionäre, der Nihilisten, aus ihnen aber auch ein grofser Teil 
der fleifsigen, vorwärts ringenden, nüchternen, selbständigen Ar- 
beiter hervor, wie man sie heute besonders in der Justiz finden 
kann. Sie werden vielleicht einmal die Rolle spielen, die den 
schwachen Händen des alten grundgesessenen Adels jetzt ent- 
gleitet Denn diesem alten Grundadel haben alle die Geldspenden, 
die er erhielt und noch erhält, nicht geholfen, und ihm ist im 
ganzen nicht zu helfen, weil er nicht zu arbeiten versteht, und weil 
er zu schwach ist in dem Wettstreit mit Popensöhnen, Kaufmanns- 
söhnen und ganz besonders mit dem staatlichen Beamtentum. 

Diese von unten emporsteigenden Elemente sind der Gärstoff, 
der vorwärts treibt und bisher, immer wieder besiegt, die Reaktion 
hervorrief. In ihnen tritt besonders deutlich der Widerspruch 
zwischen innerer Unkultur und äufseren kulturlichen Ansprüchen 
hervor, der stärker oder schwächer sich in allen Volksschichten 
bemerkbar macht Da lebt in der Kreisstadt ein Schüler des geist- 
lichen Seminars, der vielleicht ein Jahr lang es in einer höheren 
Realschule oder gar auf einer Hochschule mit naturwissenschaft- 
lichen Studien versucht hat, dann bei Unruhen sich beteiligt» 
Tische zerschlagen, Fenster eingeworfen hat, und verwiesen wurde. 
Er kehrt in die Kreisstadt zurück, wo man lebt, denkt, fühlt wie 
zur Zeit des heiligen Wladimir, wie vor tausend Jahren, und wird 
da Kreislehrer. Seine Verwandten, Bekannten, der Kaufmann, der 



^ CusTiNE, La Russie en 1839. 



MITTELKLA SSEN 177 

Pope, die noch fest davon überzeugt sind, dafs der Hausgeist über- 
all umgeht und dafs der heilige Nikolaus neulich den Regen sandte, 
staunen den jungen Gelehrten an, der über den Hausgeist lacht 
und von der Elektrtzität der Wolken zu reden weifs. Dann aber 
merken sie, dafs er auf bösen Wegen wandelt; er hat sich einen 
Leichnam verschafft, ihn gekocht, die Knochen gesammelt, zu- 
sammengestellt, und da hängt nun das Gerippe in seiner Kammer, 
ein gotteslästerlicher Greuel.^ Alles verschwört sich gegen den 
Jüngling und sein Skelett: es wird gestohlen, geraubt, immer wieder 
begraben, dann entdeckt, gereinigt, zusammengesetzt, in die Kammer 
gehängt — des jungen Mannes Mutter ist der Verzweiflung nahe 
— und alles wegen einer renommistischen Spielerei, die man für 
sundigen Frevel hält Es stellt sich heraus, dafs er weder an Gott 
noch an den Teufel glaubt, sogar vor den Heiligen sich nicht 
bekreuzt, noch dem Popen die Hand küfst; ja, Weihwasser hat 
er seinem Hunde zu trinken gegeben. Aber der Kreisarzt tritt auf 
seine Seite, ein Schuster, selbst ein Diakon bewundern ihn, und 
die Propaganda geht los, nicht nur gegen Aberglaube, Heilige, 
Dummheit, sondern bald auch gegen Kirche und Staat Das 
ist die „Intelligenz'', die da in das friedlich wilde Dorf, in die 
stille Kreisstadt, weifs Gott woher, mit diesem Jüngling herbei- 
geflogen ist, die den Weibern und den Alten das Treiben des Antl- 
christes verrät, manchem der Jungen aber wie eine göttliche Offen- 
barung erscheint Der Jüngling kleidet sich wie seine Eltern und 
Geschwister in Leinwand und schläft auf Stroh; aber er liest 
BÜCHNERS „Kraft und Stoff", schwärmt für Stuart Mill und be- 
müht sich, hinter die Erhaltung der Kraft zu kommen. Weder die 
Eltern noch die Bekannten verstehen auch nur die Richtung, in 
der sein Geist sich bewegt, aber man bewundert und ehrt ihn 
trotz seines brutalen Hochmuts, seiner offenen Verachtung der 
Eltern, von Sitten, der Kirche und von allem, was den anderen 
heilig ist Gerade der Realismus im ünterrichtswesen , dem man 
heute sich wieder, und zwar radikaler als je, zuwendet, bringt 
ungeheure Gegensätze in das Volksleben. Zu dem aus Glauben 
und Fühlen bestehenden Leben des Bauern und des Städters 
passen die harten, kalten Lehren, die Denkweise der physikalischen 
und ctiemischen Wissenschaften so wenig, dafs sie notwendig wie 

' Eine gute Schilderung solcher Verhältnisse giebt Leskow in seiner 
„Chronik der Kirchendiener". 

T. Du BRÜeonr, Boßlutd. 12 



178 ELFTES KAPITEL 

schwarze Kunst wirken und auch so aufgefafst werden. Nach dem 
Stande des Volksgeistes miifste man annehmen, dafs Zauberwesen 
und tlexenprozesse sich ausbreiten, wie bei uns im Mittelalter. 
Aber die äufseren Umstände wandeln diese sozial -intellektuellen 
Widersprüche in politische Gegensätze um. Auf Schritt und Tritt 
begegnet man dieser Erscheinung: hier istvolleWildniswiezuRüRiKs 
Zeit; ohne jede Brücke fliegen da von Europa her über einen un- 
geheuren Abgrund die Funken des höchst entwickelten geistigen 
Schaffens hinein, unverstanden, aber ahnend erfafst von verlangen- 
den, schnell fertigen Köpfen, phantastisch verklärt durch ihre Neu- 
heit, zündend bald hier, bald da, und in der unvorbereiteten 
Masse UnheÜ anrichtend. Und dennoch ... da ist geistige Be- 
wegung, mag sie auch verkehrt und thöricht auftreten. . . . 

Alle Jahre wiederholen sich die Unruhen an den Hochschulen, 
die mit Relegation, Haft, mit administrativem Verschwinden be- 
straft werden. Die büreaukratische Verwaltung nach dem Statut 
von 1884 hat die Qualität der Lehrkräfte, die niemals ausreichend 
war, noch herabgesetzt Das Reich leidet an einem sehr grolsen 
Mangel an tüchtigen wissenschaftlichen Kräften, und die Unfrei- 
heit der Hochschulen stölst eine Menge der vorhandenen von dem 
Lehramt zurück. In einem Lande, das an zu wenig und zu 
schlechter Arbeit zu Grunde geht, werden nicht blos die Tage- 
löhner, sondern auch die Schuljugend durch Vermehrung der 
Feiertage an der Arbeit gehindert In dieser Richtung wirkt an 
erster Stelle wieder der Synod, die Kirche. Im Oktober 1901 er- 
schien in dem Organ des Synods^ ein Artikel, in dem die Kirchen- 
obrigkeit sich darüber heftig beschwerte, dafs Kirchenfeste, wie 
z. B. im Jahre 1896 dasjenige zur Feier der Enthüllung der 
Reliquien des heiligen Feodossi, Erzbischofs von Tschemigow, 
trotz zeitiger Ankündigung in den Kirchen der meisten weltlichen 
Lehranstalten nicht gefeiert worden seien und die Schüler bei ihren 
Aufgaben säfsen. Dazu kommen die vielen staatlich-dynastischen 
Feste, dazu endlich die Unterbrechungen, die durch die studen- 
tischen Unruhen veranlafst werden, um einen Zustand zu schaffen, 
der allerdings für westeuropäische Verhältnisse unbegreiflich ist 
Der Rechenschaftsbericht der Reformierten Kirchenschule in Peters- 
burg verzeichnet für das Schuljahr September bis Juli 1900 auf 



^ Zerkownija Wedomosti. 



MITTELKLASSEN 179 

1901: 174 Schultage; es wurde also vorschriftsmäfsig, nicht etwa 
freiwillig, in allen mittleren und höheren Lehranstalten an 181 Tagen 
gefeiert Nimmt man den für unsere Begriffe völligen Mangel an 
pädagogischer Leitung, nämlich an mehr als äufserem Formalismus, 
hinzu, so brauchen wir im Westen nicht zu fürchten, dafs die 
Konkurrenz der Russen in allgemeiner wie in fachmännischer 
Wissenschaft uns in naher Zeit gefährlich werden könnte. 

Sturm und Drang, wo man in diesem Reiche heute hinblickt, 
naturlich aber am heftigsten in der unreifen Jugend. In jedem 
Jahre werden die meisten tlochschulen wegen der Unruhen der 
Schuler für längere Zeit geschlossen. Methode sowohl als Inhalt 
des Unterrichtes in den Mittelschulen werden immer wieder ge- 
ändert Polizeiliche Bändigung der Jugend, nicht Ausbreitung 
noch weniger Vertiefung des Wissens, ist die Hauptsorge der 
Lehrobrigkeit Die Ansprüche an die Leistungen der Studenten 
und Schüler werden herabgesetzt in Rücksicht auf die Gründlich- 
keit der Kenntnisse, und der Lernende wird doch zugleich über- 
häuft durch die Menge des Stoffes; die Oberflächlichkeit wird 
aufs äufserste getrieben. In der Schule treten an die Stelle von 
Latein und Griechisch Gesetzeskunde, Rechtslehre, Staatslehre — 
und man nennt das Realismus, praktische Methodel Es ist in 
Wirklichkeit nur Verflachung des Unterrichts. Was man anstrebt, 
ist nicht Mehrung der Volksbildung, sondern Dressur: polizeiliche 
Dressur und geistige Dressur, aus der der diplomierte Stellenjäger 
hervorgehen soll. Denn je weiter die staatliche Thätigkeit alles 
an sich reifst, umsomehr Beamte sind nötig. Nun wird die ohne- 
hin schwache Ausbildung von Kandidaten zu den Stellen durch 
die steten Unruhen an den Hochschulen sehr erschwert Zu einer 
Zeit, wo Staat, Industrie, Unterrichtswesen, Gerichte, Handel — 
kurz alle Teile des Volkslebens entwickelt werden sollen, wo man 
das Reich zu kulturlicher Unabhängigkeit emporheben will — da 
stockt das Herz, da versagt das Organ, welches die dazu nötigen 
Menschen heranbilden soll. Sollen nicht alle Anstrengungen, eine 
blühende Industrie, gute Arzte, Lehrer, Beamte zu bekommen, ver- 
geblich sein, so mufs das Schulwesen vor allem anderen blühen, 
ruhig und sicher arbeiten. Würde die Regierung im Sinne Niko- 
lais I oder Alexanders III den Stürmen der Jugend mit noch gründ- 
licherer Repression begegnen wollen, als sie jetzt anwendet — sie 
könnte es nicht, weil sie sich damit zu einem Feldherrn ohne 

12* 



180 ELFTES EAPITEL 

Offiziere machen würde, weil man für die Entwickelung des Landes 
heute nicht nur mehr, sondern auch anders vorgebildete Kräfte 
braucht als früher. Die Lage der Regierung ist durch diesen ver- 
zauberten Kreis eine höchst schwierige. 

Wenn fast alle öffentlichen Verhältnisse im heutigen Rufsland 
ins Schwanken geraten sind, so ist die Krisis, in der das Schul- 
wesen sich befindet, die drohendste. Nicht weil aus dem Fenster- 
einwerfen eine Revolution notwendig entstehen müfste, sondern 
weil diese Krisis den ganzen von der Regierung so stark geheizten 
Staats-Dampfwagen hemmt Und das jetzt, in einer Zeit, wo von 
unten her die nach Bildung, nach geschulter Arbeit, nach öffent- 
licher Bethätigung verlangenden Massen wie mit vulkanischer Kraft 
empordrängen. In dem Malse, wie der Staat immer neue Stellen 
schafft, fordert diese Masse, sie zu besetzen. Die alte Gesellschaft 
und die alte Beamtenschaft wird durchsetzt von neuen Elementen. 
Alles hängt davon ab, wie gut geschult und wie gut erzogen diese 
Elemente ins Leben treten. Und da kommen sie aus Hochschulen, 
wo sie wenig Wissen geschöpft, aber viel Unfug gesehen haben. 
Nicht blos in den Westprovinzen, besonders den Ostseeprovinzen, 
ist bereits die Bildung in allen Klassen herabgedrUckt worden: im 
ganzen Reich macht die Bildung der oberen Klassen Rückschritte 
und weicht einer flachen Halbbildung. Auch wenn man von der 
freien Bildung der obersten Aristokratie der älteren Zeit absieht, 
die heute ziemlich verschwunden ist — wo findet der strebsame 
Russe seit der Reform der Hochschulen unter Alexander III noch 
die ernste Wissenschaft, die besonders für den Beruf des Lehrers 
nötig ist? Er mufs sie mehr noch als ehedem im Auslande 
suchen. Was etwa noch an Lehrkräften im Lande ist, verzettelt 
sich in Beamtenstellen, in technischen Anstellungen u. s. w.; die 
Hochschulen, die Mittelschulen mit ihrer polizeilich leblosen Orga- 
nisation sind gar nicht im stände, das Menschenmaterial zu er- 
ziehen, dessen auch nur Herr WITTE für seine Kulturzwecke be- 
darf. Man geht in der Geistesbildung und im Wissen systema- 
tisch, wenn auch streng national, rückwärts, und man will doch 
zugleich die Leiter der Kultur zu drei und drei Stufen hinan- 
springen. Unlösbare Widersprüche! 

Die Wissenschaft hat in Rufsland noch kein Heim, wenigstens 
auf national russischem Boden, und es kann unter ernsten Leuten 
wohl kaum von einer russischen Wissenschaft, wie sie die natio- 



MITTELKLASSEN 181 

nalen Schwärmer manchmal sich vorzaubem, die Rede sein. 
Wissenschaft und Kunst sind vom Westen und Südwesten nach 
Rufsland eingewandert, wie sie auch nach Deutschland aus West 
und Süd einwanderten, nur um so viel später. Noch heute lebt 
alle Wissenschaft in Rufsland von deutscher, französischer, eng- 
lischer Arbeit, und die russische wissenschaftliche Litteratur besteht 
aus Obersetzungen oder Kompilationen aus fremden Werken. 
Selbständige wissenschaftliche Werlie von allgemeinem Wert giebt 
es Itaum, und wenn aus nationaler Eitellieit in den Lehranstalten 
Lehrbücher russischer Autoren eingeführt werden, so wird damit 
nur wieder die Jugend in der wissenschaftlichen Bildung nieder- 
gehalten. Geschichtslehrbücher wie die von ILOWAISKI und ähn- 
liches können nur zu inferioren Kenntnissen gegenüber den West- 
ländern führen. Der Nationalismus ist eben überall, in Staat, Kirche, 
Schule, Gewerbe, eines der stärksten Hemmnisse des kulturlichen 
Fortsclirittes. 

Die Russen sind bis heute Schüler, wollen aber vorzeitig die 
Lehrer spielen. Sie haben auf dem Gebiet der Wissenschaft nur 
wenig geleistet, was von allgemeiner Bedeutung wäre. Es giebt 
nur sehr wenig Gelehrte russischer Herkunft, die in spekula- 
tiver oder angewandter Wissenschaft eine in der europäischen 
Welt bekannte und anerkannte Stellung sich erworben hätten. 
Der Chemiker Mendelejew hat durch seine Ergänzung der fehlen- 
den Elemente in dem System der pRAüENflOFERschen Spektral- 
linien der Wissenschaft der ganzen Welt einen Dienst geleistet; 
ob er russischer Herkunft ist, weifs ich nicht ^ Wenn man noch 

TSCtlEBYTSCHEW, LOBATSCHEFSKY, PiROGOW, BOTKIN, SOLOWJEW, 

BiLBASSOW nennt, so ist die Reihe der in Europa einigermafsen be- 
kannten wissenschaftlichen Gröfsen russischer Herkunft zu Ende; 
und auch von diesen Namen wird vielen hochgebildeten Europäern 
kaum einer bekannt sein. Seit einiger Zeit ist indessen grofse 
Regsamkeit auf verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten zu be- 
merken: die Zahl der jungen Fachgelehrten ist ziemlich ansehnlich 
und ihre Schriften sind zahlreich genug, um die Zeit absehbarer 
erscheinen zu lassen, wo Rufsland nicht mehr völlig von fremdem 
Wissen wird abhängig sein. 



* Der frühere Professor Mendelejew ist jetzt Direktor der staatlichen 
Aichkammer! 



182 ELFTES KAPITEL 

Auch in der bildenden Kunst sind die Russen nur schwacli 
vertreten. Durchwandert man eine russische Kunstausstellung, so 
entdeckt man unter den Namen der Künstler leicht die starke 
fremde Beimischung. Die Hälfte der Namen, die man noch vor 
wenig Jahren in den russischen Abteilungen unserer Ausstellungen 
fand, gehört Künstlern unrussischer Abstammung. Wie in der 
Wissenschaft von dem Tataren Karamsin an eine Menge Fremder 
sich unter russischen Namen verbergen, so noch mehr in der 
bildenden Kunst Der Armenier AiWASOWSKl, der Preufse BrOlow, 
der Jude Antokolsk sind Namen von gutem Klang und gelten 
in Europa meist für Russen, sind es aber nicht Einem russischen 
WERESCiiTSCflAGlN könnte man Dutzende von Künstlern unrussischer 
Herkunft gegenüberstellen. 

Ganz anders steht es mit der russischen Dichtung und er- 
zählenden Litteratur. Es giebt wenig gute russische Dramen; 
Gogols „Revisor", Gribojedows „Verstand bringt Leiden", die 
Dramen OSTROWSKIS, die Trilogle Tolstois sind gute, aber doch 
nur Stücke mittleren Ranges. Es giebt aber vortreffliche lyrische 
und epische Poesie. Mit Lermontow und PUSCHKIN steht diese 
Dichtung in Rufsland auf gleicher Höhe mit derjenigen westlicher 
Völker. Aus Charakter und Geist des Russen ergiebt sich das 
Volkslied wie von .selbst Die künstlerische Höhe erreicht der 
Russe als Erzähler, in Roman, Novelle, Kulturbild, Charakterzeich- 
nung. Er ist von feinem Formensinn, ein scharfer Beobachter und 
Kritiker; dazu gesellt sich der wunderbare Reichtum der Sprache, 
die als Volkssprache biegsamer, anpafslicher an den Gedanken ist, 
als irgend eine mir bekannte lebende Sprache. Man könnte ein 
wissenschaftliches Werk, man könnte die Pandekten JüSTiNlANS 
oder Kant oder Helmholtz nicht ohne Schaden am Inhalt ins 
Russische übersetzen: aber bei der Übertragung eines GOGOL, 
Turgenjew, Terpigorew ins Deutsche bekommt man nur einen 
Teil, oft nicht die Hälfte von dem in die Hand, was in diesen 
Werken steckt Das Russische ist nicht die Sprache des höheren 
Geisteslebens in der Wissenschaft, es ist Volkssprache und als 
solche unvergleichlich. Die Schriftsteller wissen die Eigentümlich- 
keiten, die Beweglichkeit, den Reichtum der Sprache an Formen, 
Worten, Wandlungen, feiner Tönung meisterhaft zu verwenden. 
Wer von Natur ein scharfes Gefühl für Sprache und Sprachform 
hat, wird die überraschende Gestaltungskraft sowohl der Sprache 



MITTELKLASSEN 183 

als der Dichter mit Entzüclien geniefsen. Freilich mufs er Sprache 
und Menschen besser liennen, als es durch das Studium einiger 
Monate oder eine flächtige Forschungsreise erreicht werden kann. 
Die geniale Gröfse scheint bisher den Russen versagt zu sein, 
aber sie sind reich an Talent Der russische Schauspieler ist auf 
der Buhne so natürlich einfach, so zu tiause, wie der deutsche 
gezwungen, angelernt, fremd ist Der Russe erzählt einen Roman 
so einfach, so frei von unserer deutschen Effekthascherei, dabei 
so wahr und scharf, dafs die Wahrscheinlichkeit des Erzählten 
unwiderstehlich ist Er erzählt umgekehrt die einfachsten Begeben- 
heiten mit einer solchen psychologischen Feinheit, dafs man wie 
von einem Roman gepackt wird. Ich kenne auf dem Gebiet des 
psychologischen Romans nichts, was Dostojewskis „Verbrechen 
und Strafe^ bei uns sonderbarer Weise in „Raskolnikow'' um- 
getauft, an die Seite zu stellen wäre. Dieser Raskolnikow, der Über- 
mensch, wie Zeit und Sitten ihn geschaffen und wie dann das 
kranke Gehirn eines Nietzsche ihn theoretisch verzerrte, ist ein 
Meisterwerk psychologischer Beobachtung und Schilderung. Giebt 
es wohl etwas Ergreifenderes, als die Unterhaltung zwischen dem 
Verbrecher und dem ihn aushorchenden Beamten? Das sind 
Zeichnungen, die an Feinheit nur selten, etwa im Hamlet, erreicht 
oder übertroffen worden sind, und diesen Roman rechne ich zu 
dem Vollendetsten, was in diesem Fache in aller Welt geleistet 
worden ist Oder nehmen wir die AKSAKOWsche Familienchronik, 
die Erzählungen Turgenjews: welche wohlthuende Einfach- 
heit, Wahrheit, und dabei welche Wärme in der Schilderung 
von Natur und Menschen! Nehmen wir Terpigorews „Ver- 
kümmerung": ich kenne keine Schilderungen aus dem zeit- 
genössischen Leben, die so reines Material, so zweifelloses Gold 
dem Kulturhistoriker darbieten können. Und diese einfachsten 
Vorgänge, diese einfachste Natur russischer Steppe, wie fesselnd 
werden jene erzählt, wird diese gemalt! Dieser Erzähler aus dem 
Volksleben finden sich fast mit jedem Jahre mehr ein: so TsCüECHOW, 
Leskow, Gorki. Es ist nicht die Sprache des Salons, für die das 
Russische sich ebensowenig eignet als das Deutsche. Die franzö- 
sische Causerie kann weder der deutsche noch der russische 
Plauderer wiedergeben. Aber es ist eine Volkssprache von wunder- 
barer Kraft, die den Volkscharakter mit grofser Klarheit wleder- 
zuspiegeln im stände ist Und so hervorragend die Fähigkeit des 



184 ELFTES KAPITEL 

Gestaltens ist, so grofs ist die der Satire, des Verspottens, der 
Ironie. SOLTIKOW-SCHTSCHEDRIN, GOGOL sind Meister ersten Ranges 
in diesem Fach. Besonders der erste verspottet die staatlichen 
Zustände mit einer Schärfe, einem Humor, die man bewundem 
mufs und immer wieder belachen kann. Das Beamtenwesen ist nie 
ärger gegeifselt worden, als von dieser Excellenz und Wirklichem 
Staatsrat, der immer wieder darunter leiden mufste, dafs er seine 
Vorgesetzten zum Gegenstande des Gelächters in Stadt und Land 
machte. Leider ist der russische Tschinownik mit seiner Thätig- 
keit und Umgebung so eigentümlich russisch, dafs die Werke 
SCHTSCflEDRiNs Überhaupt nicht übersetzt werden können, weil man 
sie aufserhalb Rufslands nicht verstehen würde. 

Der Russe der Mittelklassen ist im allgemeinen nicht der 
Typus, an dem man dieses Volk messen möchte. Der Bauer im 
Dorf, der Diener, der Kutscher, der Kaufmann alter Art — sie 
werden jedermanns Herz leicht gewinnen. In den Kreisen der 
hohen Aristokratie, besonders wo noch der frühere internationale 
Geist der Bildung und Vornehmheit nachweht, wird der Fremde 
sich schneller wohl fühlen, als vielleicht in irgend welchen gleich- 
stehenden Kreisen anderer Länder. Offenheit, Einfachheit, Würde 
finden sich unter verschiedener Form im Dorf wie im Palast. 
Der Unterschied der Macht bildet nicht die steifen, einschnürenden 
Umgangsformen heraus, wie in Deutschland und anderwärts. 
Kleinlichkeit, die man uns Deutschen so im privaten Leben wie 
im politischen mit einigem Recht vorwirft, behindert weniger die 
Bewegungen des Russen. Der Russe bedarf weniger als wir 
Deutsche der Disziplinierung, der Schulung, um freie und auch 
gute Manieren zu eriangen; er ist sicher im Auftreten und nicht 
von der Sorge gelähmt, sich etwas zu vergeben, die man bei uns 
immer dichter gelagert im Salon findet, je höher man in dem Bau 
der Gesellschaft emporsteigt Der Bauer redet jeden, bis zum 
Zaren hinauf, mit du an, der Diener sagt zum Herrn oft statt 
Graf blos Iwan Iwanowitsch, die Stubenmagd redet die Herrin 
mit Mütterchen Awdotja Pawlowna an. Die obere Gesellschaft 
Petersburgs und Moskaus ist oder war wenigstens vor 30 oder 
50 Jahren eine wirklich vornehme Gesellschaft grofsen Stils. Im 
Salon war Fürst Trübezkoi nur Peter Wassiljewitsch und reichte 
dem einfachsten Popow die Hand mit der Anrede „Wassili Petro- 
witsch". Das gab und giebt noch heute einen äufseren Ausgleich 



MITTELKLASSEN 185 

der Klassen, der in die Geselligkeit eine uns nicht geläufige Un- 
gezwungenheit bringt Aber freilich sind diese einfachen und vor- 
nehmen Formen auf die oberste Schicht des Adels beschränkt, 
bei dem kleinen Landedelmann ist es anders damit bestellt, er ist 
bequem, leichtlebig, aber nicht kleinlich gegen andere, oft auch 
gegen das eigene Gewissen. Was die grofse Masse des Adels, 
den papierenen Dienst- oder Diplomadel, betrifft, so hat er eben 
nur eine Dekoration, das Dienstzeugnis eriangt, er ist kein rechter 
Adel und trägt durch seine Masse nur zur Demokratisierung der 
Stände bei.^ 

Sobald man in die Schicht tritt, die zwischen Bauer und 
lioher Aristokratie liegt, sobald man in das Treiben der geschäft- 
lichen und besonders der Beamtenwelt sich mischt, gewinnt man 
einen anderen Eindruck. Die Offenheit wird von List, die Einfach- 
heit von Augendienerei zurückgedrängt Sowie der Russe die 
Uniform anzieht — und wie wenige sind ohne irgend eine Uni- 
form! — scheint sich seine Natur zu ändern. Er wird innerlich 
und äufserlich unreinlich; er vertiert seine Selbständigkeit nacli 
oben, seine Unbefangenheit nach unten; sein Gewissen erweitert 
sich, seine Schlauheit schärft sich, aber an Weisheit gewinnt er 
nicht Der auffallende Mangel an praktischer Vernunft, dessen ich 
beim Adel erwähnte, geht im Beamtentum bis in die höchsten 
Sprossen der Leiter hinauf. Die Redlichkeit ist sehr wenig wider- 
standsfähig. Sehr brauchbar, solange er geführt, beherrscht wird, 
taugt der Russe wenig zum Leiten, zum Regieren. Ihm fehlt 
aufser der praktischen Vernunft die Fähigkeit Mafs zu halten. 
Ihm fehlt vor allem der ererbte Sinn für das Recht Er kennt 
kein in den Personen oder Dingen fest gewurzeltes, eigenes Recht, 
sondern nur Gesetze, und da diese vom Zaren ausgehen, geht ihm 
alles Recht vom 2^ren aus, wie es ja auch der Despotie eigen ist 
Der Russe versteht, fühlt gar nicht die fleiligkeit des Rechtes an 
sich, sondern nur die Heiligkeit des zarischen Willens. Er sieht 
keinen Rechtsbruch darin, dafs der Herrscher heute ein Wort 
bricht, welches er oder ein Vorgänger gegeben, er versteht es 
nicht, wenn ein Recht an sich, auch ohne Rücksicht auf den 
materiellen Nutzen verteidigt wird. Und ebenso unverständlich 

^ Edelmann wird er erst, wenn er nach Deutschland kommt und da von 
Gastwirten und Journalisten ehrfurchtbeflissen mit einem „von" geschmückt 
wird, worüber er, von der Reise heimgekehrt, mit Recht sich lustig macht. 



186 ELFTES KAPITEL 

ist ihm die fleiliglieit des geschichtlichen Werdens: ihm fehlt jeder 
historische Sinn. Was gestern wurde, wird heute zerbrochen, für 
die Vergangenheit fehlt ihm das Verständnis und also auch das 
Interesse. Die Pietät, mit der wir an alten Einrichtungen oder 
Werlien hängen, mit der wir lieber eine unbequeme Burg des 
14. Jahrhunderts bewohnen, als ein neues Haus an ihre Stelle 
setzen; mit der wir uns lieber von einem zopfigen Magistrat 
regieren lassen, als von einer neuen und vorurteilslosen Behörde, 
begreift er nicht. Und diese Geschichtslosigkeit läfst ihn bis 
heute auch schwer begreifen, ganz innerlich empfinden, wie ein 
Mensch, ein Stand, eine Provinz anders als durch den Willen der 
Regierung und nach dem geschriebenen Gesetz leben und ge- 
leitet werden liann. Ungeschriebenes Recht, Gewohnheitsrecht 
liegen aufserhalb des russischen Rechtsbewufstseins. Es giebt in 
dem russischen Rufsland keine Geschichte aufser der der Staats- 
regierung und des Staates, es giebt keine Ortsgeschichte der Stadt 
Orel oder des Guberniums Charkow, Naugard der Grofsen, Kiew, 
Wladimir, Pleskau, selbst Moskau — was weifs denn der Russe, 
auch der Gebildete, wenn er nicht gerade Gelehrter ist, von der 
Geschichte dieser für Rufsland doch so bedeutsamen Orte? Russische 
Ortsgeschichte findet man allenfalls in Kleinrufsland, das seinen 
Separatismus sich bis heute bewahrt und seine eigenen Dichter 
und Historiker hervorgebracht hat Grofsrufslands Geschichte 
spielt im Kreml zu Moskau und in den Schlössern Petersburgs, 
und was die russischen Historiker aufserdem erzählen, ist wenig 
und interessiert wenige. Die Staatsregierung hat sich stets be- 
müht, etwaige Spuren der Lokal- oder Provinzialgeschichte zu 
verwischen. So interessiert sich der Russe nicht für seine Stadt 
oder Provinz, daher hat er keinen Lokalpatriotismus und kein 
rechtes Gefühl für provinzielle Selbständigkeit Die wird er auch 
nicht anders eriangen als im Kampf mit der Zentralregierung, im 
Gegensatz zum Staat Ohne den Lokalpatriotismus aber, ohne 
provinzielles Selbstbewufstsein, also ohne Separatismus, wird er 
nie Freiheit erringen, sondern in Despotismus oder Anarchie 
stecken bleiben. 

Das sind Eigenschaften und Mängel, ob nun urspünglich 
nationale oder ob anerzogene, die der kulturlichen und besonders 
der politischen Entwickelung hinderiich sind. Fast alles erscheint 
in diesem Volke so hilfsbedürftig, so passiv, so ohne eigenes 



MITTELKLASSEN 187 

inneres Gewicht, und dabei so phantastisch und unvernünftig, dafs 
man den Zweifel nicht unterdrücken kann, ob es aus eigener 
Kraft sich von den Fesseln der eigenen Natur und der historischen 
Erschlaffung werde befreien können. Der Gang, den die Dinge 
heute nehmen, führt keinesfalls zur Stärkung der Volkskraft Der 
einzige Lichtschein, den das Bild gewährt, geht von der Litteratur 
aus, deren Umrisse ich angab. Und von einem Volk, das auf 
dem einen Gebiet so schöpferisch und so selbständig sich er- 
wiesen hat, darf man annehmen, dafs dieses nicht die einzige 
Blüte sei, die zu treiben es berufen ist 



-x^öp^ 



ZWÖLFTES KAPITEL 

DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 

^l^ie westlichen Grenzländer kamen zu verschiedenen Zeiten an 
^^ Rufsland, die einen auf Grund des Rechts der Eroberung, 
die anderen auf Grund internationaler Verträge. Alle traten sie 
in den Verband des Reiches ein, ohne in der inneren Organisation 
völlig aufzugehen. Kleinrufsland hatte vertragsmäfsig seine Privi- 
legien so gut als Polen und die Ostseeprovinzen, und Finland 
bekam seine Sonderverfassung. Diese Sonderstellung sollte ihnen 
die auf ihrer Geschichte ruhende Entwickelung weiter verbürgen, 
und die abgesonderte Entwickelung sollte sie in den Stand setzen, 
im engeren Zusammenhange mit der europäischen Kultur zu bleiben 
und so dem tiereinströmen dieser Kultur in das russische Volk 
einen ungestörten Kanal zu erhalten. Die Absicht ist zu einem 
Teil erreicht worden. Aber bald wurde diese Absicht aufgegeben. 
Kleinrufsland verlor seine Privilegien, die Polen ihre Verfassung, 
ihr Heer, endlich jegliche eigene Rechtsstellung. Die Polen hatten 
mehrmals revoltiert, und man vergewaltigte sie deshalb. Man 
sagte, die Sicherheit Rufslands fordere die Knebelung der Polen, 
die Russifizierung Littauens. Man hatte auch gesagt, die Sicher- 
heit Rufslands fordere die Ausrottung des Deutschtums in den 
Ostseeprovinzen. So wenig man diese Forderung begründen konnte, 
so brachte man doch den Schein davon herbei, indem man auf 
das neue Deutschland mit seinen Eroberungswünschen hinwies. 
Es ist freilich für jeden, der sehen will, klar, dafs um des bal- 
tischen Deutschtums willen, auch wenn es von der gesamten 
dortigen Bevölkerung vertreten wäre, Deutschland niemals diese 
Länder annektieren würde, auch wenn sie ihm angeboten würden, 



DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 189 

weil ihre geographische Lage das verbietet, wenigstens solange 
Deutschland und Rufsland die Staaten bleiben, die sie sind. Aber, 
dafs diese Sorge auch gar nicht die wirliliche, sondern nur die 
vorgeschützte Triebfeder war, die zum Bruch von Verträgen und 
Privilegien hier führte, beweist die Fortsetzung des Systems der 
nationalen Vergewaltigung in Finland. Wenn in den Ostsee- 
provinzen schon die revolutionäre Herausforderung als Motiv fehlte, 
so fehlte in Finland auch das letzte aller Motive, die Gefahr der 
fremden Eroberung. Man konnte nicht ernstlich fürchten, dafs 
Finland für den Abfall zu Gunsten von Schweden reif sei, auch 
wenn Rufsland aufser stände wäre, einen schwedischen Eroberungs- 
zug aufzuhalten. Die Fmländer waren mit ihrer Lage ebenso zu- 
frieden, wie die baltischen Deutschen, ehe man ihre privilegierte 
Stellung zerbrach. Die Privilegien hatten diese von der Natur 
dürftig ausgestatteten Länder in den Stand gesetzt, dem russischen 
Staat und Volk sehr viele und gute Dienste zu leisten, und zu- 
gleich bei sich selbst Zustände der Ordnung, des Rechts, des 
Wohlergehens, des kulturlichen Fortschreitens zu schaffen, die eben 
nur durch die von Privilegien geschützte Selbstverwaltung zu er- 
reichen waren, Zustände, die sie gar nicht wünschten durch eine 
Änderung irgend welcher, auch staatlicher Art in Frage zu stellen. 
An der staatlichen Loyalität der Finnen oder Balten hat niemand 
gezweifelt Was zum nationalen Feldzuge der Russiffizierung trieb, 
war, wie ich schon im ersten Kapitel hervorhob, das Bedürfnis 
einmal des russischen Beamten, seinen Machtbereich und seine 
Weideplätze auszudehnen, ferner das büreaukratische Bedürfnis 
nach Uniformität, und endlich der nationale Arger darüber, dafs 
eroberte russische Länder es anders und besser haben sollten, als 
der Eroberer im inneren Rufsland. Statt danach zu dtreben, die 
eigenen Zustände zu bessern, suchte man die Zustände in den höher 
kultivierten Provinzen zu verschlechtern; statt auch für sich, für Orel 
oder Moskau oder Saratow besondere, den besonderen Verhält- 
nissen sich anpassende Rechte zu fordern, forderte man die Ab- 
schaffung der Sonderrechte, durch welche die eroberten Provinzen 
in den Stand gesetzt waren, ihre Kräfte freier als die inneren Guber- 
nien zu entwickeln. Dazu kam der erwachte Dünkel, der sich freute, 
europäischer Kultur und europäischem Wesen ungestraft einen 
Fufstritt versetzen zu können. Dazu kam die Nachäfferei, mit der 
man auf Österreich, auf Deutschland wies, ohne die Verschieden- 



190 ZWÖLFTES KAPITEL 

heit der kulturlichen Lage und Kräfte zu berücksichtigen. Dazu 
kam endlich der durch den despotischen Druck in den russischen 
Provinzen gesteigerte Drang, sich im Kampf mit fremden Nationali- 
täten zu bethätigen, politisch zu wirken nach aufsen, weil man 
es daheim nicht durfte. Welche Vernunft läge wohl darin, die 
Finländer tief zu kränken, nur um ihre 5000 Mann Truppen nicht 
aufserhalb des russischen Heeres zu lassen? Ein Millionenheer, 
und da mufste das finische Korps von 5000 Mann durchaus auf- 
gelöst werden? Welchen Nutzen wird es bringen, dals gegenwärtig 
nach dem in den baltischen Provinzen erprobten Rezept die Sonder- 
stellung der Sprache, Schule, Presse vergewaltigt werden, dafs an 
die Stelle freiwilliger Arbeit, vorzüglicher Verwaltung, musterhafter 
Ordnung nun Rechtlosigkeit, Unruhe, Zwang, Milshandlung der 
öffentlichen Meinung und des allgemeinen Empfindens, und als 
Folge dieser Neuerungen polizeiliche Willkür, Mifstrauen, Erbitte- 
rung in dieses friedliche Land getragen werden? Liegt nicht 
knabenhafte Bösartigkeit darin, die Polen zu zergen — wie man 
in baltischer Sprache sagt — , indem man in Wilna ein Denkmal 
MüRAWJEWs errichtete, der der Henker genannt wird? Ist es nicht 
der Hut Gesslers, die höhnende Provokation, die aus diesem 
Denkmal und aus vielen in ähnlichem Sinne geschaffenen Dingen 
spricht, mit denen man an Polen, Balten, Finländern die rohe Ge- 
walt ausläfst? In Wahrheit konnte der russische „Quafspatriot^ 
wie er in Petersburg vormals genannt wurde, es nicht ertragen, 
dafs die Finländer besondere Rechte haben, dafs sie ihr geson- 
dertes und glückliches Dasein haben. Neid und Ironie fand einst 
CüSTiNE als hervorstechende Talente in Rufsland. Derselbe Russe, 
der daheim in Kaluga oder Orel alles schlecht findet, alles, vom 
Gouverneur bis zum Bauer verspottet, erträgt es nicht, in Finland 
oder Liviand Ordnung und Sauberkeit, Redlichkeit und Zufrieden- 
heit zu sehen. Derselbe Russe, der das Elend des russischen 
Bauern bejammert, den Verfall des russischen Adels beklagt, ruft 
nach der Polizei und dem Staat, um dem baltischen Tagelöhner zu 
helfen, der jähriich seine 50 und mehr Rubel in die Sparkasse 
legt, um von dem Druck des Edelmanns den Bauerwirt zu retten, 
dessen Viehställe stattliche Bauten sind gegenüber den Wohnhütten 
des russischen Bauern, um die Stellung dieses tyrannischen Adels 
zu brechen, dem die baltischen Provinzen die beste Agrarverfassung 
verdanken,» die vielleicht irgend ein Land der Welt aufzuweisen hat 



DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 191 

lind deren weitere Entwickelung nur durch die gewaltsame Zer- 
störung des historischen Baues und den Bruch der beschworenen 
Privilegien gehemmt worden ist Derselbe Russe, der ganz Asien 
beherrschen will und sich an der Macht seines Riesenreiches be- 
rauscht, beneidet und fürchtet zugleich die Macht einiger hundert- 
tausend Schweden und Deutschen. Derselbe Russe, der unter dem 
Joche des Tschinowniiis seufzt, reifst mit brutaler Hand die Selbst- 
verwaltung in Provinzen nieder, die ihre Vorrechte nie mifsbrauchten, 
und deren Vorrechte nur darin bestanden, dafs sie für ihre Inter- 
essen, ihre Entwickelung und Wohlfahrt selbst nach eigenem 
Wissen und Handeln sorgen durften. 

Jeder Widerstand, den die zerstörende Hand in den Grenz- 
landen findet, wird zum Verbrechen des Separatismus gestempelt. 
Aber ist denn der Separatismus ein Verbrechen? Ist es unrecht, 
anders leben zu wollen, als die grofse Masse der Bevölkerung 
eines Reiches von 126 Millionen, weil man anders ist nach Stamm, 
Glaube, Geschichte? Ist es verwerflich, anders sein zu wollen als 
die Bewohner dieses Zentrums, dessen Elend zum Himmel schreit? 
Kann ein vernünftiger Mensch in den Grenzlanden wünschen, sich 
und seine Provinz mit Zuständen zu assimilieren, wie sie in dem 
russischen Innern bestehen? Kann ein vernünftiger Mensch in 
den Grenzlanden des Westens etwas anderes sein, als Separatist 
oder, wenn dieses Wort mifsfällt, als Autonomist? Kann er wün- 
schen, ein Spielball des staatlichen Beamtentums zu werden, alle 
Selbstthätigkeit aufzugeben, alle Schläge mit zu empfangen, die 
em Minister etwa gegen eine widersetzliche Landschaft in Charkow, 
eine schlechte Stadtverwaltung in Petersburg zu führen für nötig 
halt? Man kennt doch die Art des Büreaukratismus zur Genüge, 
und nicht nur in Rufsland, sondern auch in Preufsen und ander- 
wärts weifs man von dem seelenlosen Formalismus zu erzählen, 
der nun einmal leicht in die blanken Knöpfe fährt, ob sie nun 
am Rock sitzen oder oben auf dem Scheitel glänzen. Man er- 
zählte vor einigen Jahren, in Petersburg habe sich ein Mann an 
Hoffmanns Tropfen vergiftet, die er statt Branntweins trank; was 
auch den Anstofs gegeben haben mag, jedenfalls wurde ein Befehl 
an sämtliche Apotheker des Reiches erlassen, diese Tropfen nur 
auf ärztliche Verordnung zu verabfolgen. Das arme Volk, das 
diese Arznei in Menge braucht, mufste statt einige Kopeken zu be- 
zahlen, jedesmal zum Arzt, um ein Rezept sich zu verschaffen, 



ig2 Z WÖLfTES KAPITEL 

bis man dann nach vielen Monaten den Befehl wieder zurücknahm. 
Wie es diesen Tropfen erging, so ergeht es leicht auch wichtigeren 
Dingen. Das Gubemium Wätka hat gute Schulen mit Sorgfalt 
sich aus landschaftlichen Mitteln geschaffen. Ein anderes Guber- 
nium hat für das Schulwesen nichts gethan; deshalb nötigt die 
Zentralregierung nicht etwa dieses Gubemium zur Anlage von 
Schulen, sondern greift in die Kompetenz aller Landschaften legis- 
lativ ein. Wätka wird gestraft für Vergehen von Wologda, und die 
Folge ist, dafs die Schulen auch in Wätka in Verfall geraten. In 
Twer zeigen sich konstitutionelle Bestrebungen: die Folge ist, dafs 
alle Landschaften des Reiches in den Verdacht solcher Tendenzen 
kommen und gemafsregelt werden. Wie Flurzwang und Haftpflicht 
auf den russischen Bauern, so wirkt der Gleichheits- und Assimi- 
lierungszwang auf die Provinzen und Gubernien. Natur, Rasse, 
Kultur scheidet hier mehr, dort weniger die Provinzen voneinander; 
aber das kümmert den Staat nicht: wie der Bauer im Dorf nicht 
fleifsiger sein, den Acker nicht besser bearbeiten kann und darf 
als der Nachbar, so kann und darf die Provinz PodoÜen oder 
Kurland nicht anders und besser sich entwickeln als Orel und 
Perm, und thun sie es gegen den Druck des Staates dennoch, 
so müssen sie dafür büfsen wie der Bauer, der die Steuer des 
faulen Nachbars bezahlt Diese Uniformität in Gesetz und Ver- 
waltung ist ein Zwang zu Faulheit und Stumpfheit Nirgends kann 
sich die individuelle, die provinzielle Kraft entwickeln, weil die 
Uniformität von der zentralisierten Gewalt gefordert wird. Nirgends 
aber ist das Bedürfnis nach Entwickelung der Selbstthätigkeit all- 
gemeiner und gröfser als in einem so grofsen, verschiedenartigen 
Reiche wie Rufsland. Und nirgends ist die Autonomie berechtigter. 
Was will denn der Finländer und Livländer, ebenso wie der Be- 
wohner von Kiew, von Tambow, von Moskau, von Wätka anderes, 
als dafs ihm die Möglichkeit gegeben werde, aus eigenem Wollen 
und Handeln in seinem Kreise, in seiner Provinz die Zustande 
besser zu gestalten? Wonach sehnt er sich, als nach Freiheit 
für Arbeit, für Denken und Glauben, für Sitten und Leben, für 
Sprechen und Wirken? Was lastet auf allen Teilen dieses Reiches 
so schwer, als das Bewufstsein der Unfähigkeit, die individuellen, 
die kommunalen, die provinziellen Bedürfnisse zu fördern unter dem 
Zwang, sich angeblichen allgemeinen Reichsinteressen, d. h. der 
Uniformität, unterzuordnen? Denn diese sogenannten Reichs- 



DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 193 

Interessen sind in Wirliüchlieit meist nur büreauliratische 
Interessen. Wie liann sicli die Meinung des Einzelnen, der Stadt, 
der Provinz, geltend machen, wenn nur eine Meinung, nämlich 
die des ministeriellen Ressorts gilt? Die drängendsten Reformen 
sind unausführbar, weil sie nicht im ganzen Reich anwendbar 
oder vorbereitet sind. In den Ostseeprovinzen nahmen die Stände, 
besonders der Adel bis vor 30 Jahren an der Gesetzgebung teil. 
Insoweit sie diese Provinzen allein oder mit dem übrigen Reich 
gemeinsam betraf. Die Landtage machten ihre Anträge und die 
Regierung prüfte, änderte, bestätigte. Seit 30 Jahren liegen 
Wünsche, Projekte, fertig ausgearbeitete Vorlagen für die wichtig- 
sten Reformen, wie z. B. ein Bauernerbrecht, ein Wasserrecht u. a. 
in den Archiven, weil — solche Fragen für das Gesamtreich nicht 
vorliegen, oder weil der Gegenstand für das ganze Reich auf 
einmal — vielleicht nach Jahrzehnten — gesetzlich geregelt wer- 
den soll. E i n Bauernerbrecht für den baltischen Bauer mit seinem 
stattlichen tiof, seiner intensiven Wirtschaft, seinem starken Rechts- 
und Eigentumsbewufstsein — und für den landlosen russischen 
Gemeindesklaven ohne Sinn für Recht und Erbrecht! Wie soll 
der Balte nicht Autonomist sein? All die Kulturarbeit von Jahr- 
hunderten am Rechtsleben, an dem Schulwesen, an dem wirtschaft- 
lichen Leben der Provinz, an Sitte und Sprache — alles wird nieder- 
gebrochen und einem staatlichen Beamtentum in die fland gegeben, 
welches die ihm völlig fremden und notwendig unverständlichen 
Verhältnisse nur hindern, hemmen, entstellen kann; wie soll der 
Balte, der FInländer nicht Autonomist sein? Sie sind es alle, 
und die Kleinrussen, die Armenier, von den Polen und Littauern 
nicht zu reden, sie sind es, denen man allen die nationale Seele 
auszutreiben sucht. Und Separatisten sind viele Russen selbst. 

Will denn der besonnene, ernst denkende Russe in Tambow 
oder in irgend einem anderen Teil Rufslands etwas anderes, als 
von dem Joch des staatlichen Zentralismus loskommen? Was 
wollen denn die Landschaften, als mit all den Fehlern, die 
sie begingen, das Recht erlangen, die Fehler zu verbesserp, 
die politische Schule durchzumachen, deren sie bedürfen, um die 
schwere Kunst der Selbstverwaltung mit der Zeit zu erlernen? In 
Tambow und Smolensk weifs man sehr gut, dafs man von der 
Uniformität, von der grofsen, brutalen Reichs -Allgemeinheit er- 
drückt wird und nur Rettung hoffen kann von der Möglichkeit, 

Y. D. BaDoem, Boflland. 18 



194 ZWÖLFTES KAPITEL 

selbst seine provinziellen Verhältnisse zu gestalten; Rettung ist nur 
von der Absonderung vom allgemeinen Reichsbrei zu erhoffen, kurz 
Rettung durch Autonomie. Autonomie, das ist dasZiel, dem alle 
Teile des Reiches zustreben müssen, das ist die Zukunft Rufs- 
lands. Privilegien, Sonderrechte sind der Ausdruck der Verschieden- 
artigkeit der einzelnen Teile, wie sie durch Natur, Nationalitat, 
Geschichte geworden sind; sie können im einzelnen Fall un- 
berechtigt sein, aber sie sind im Prinzip berechtigt als Schirm 
gegen demokratischen oder despotisch -büreaukratischen Gleich- 
heitsbrei. Will man in Rufsland ernstlich einen Fortschritt der 
Kultur, so mufs man vor allem Selbstverwaltung der Provinz, 
Autonomie, Lokalinteresse wünschen. 

Die Kosaken sind heute wahrscheinlich der einzige Volksteil, 
der — von sozialistischen künstlichen Erregungen abgesehen — 
mit seinem Geschick zufrieden ist Weshalb wohl? 

Die Kosaken stehen nicht unter der ordentlichen Verwaltung, 
sondern haben eine privilegierte Stellung. Das ganze Kosaken- 
gebiet ist von der allgemeinen Administration ausgeschieden; an 
der Spitze steht der Ttironfolger als oberster Hetmann (Hauptmann), 
der sich durch den vom Kaiser ernannten „Hetmann locum tenens^ 
vertreten läfst Diesem ist das Gebiet militärisch untergeordnet; 
jeder Kosak ist dienstpflichtig, die Offiziere werden gewählt, ebenso 
die Verwaltungbeamten. Ständische Unterschiede giebt es nicht, 
es ist eine demokratisch-bäuerliche Verfassung, eine freie Selbst- 
verwaltung, heute die freieste im russischen Reich. Und welches 
sind die Wirkungen? Ich nehme zum Zeugen Terpigorew, den 
mafsvollen und treuen Schilderer russischer Zustände, der von 
einer Reise, die er zu Schiff auf dem Don macht, über die Kosaken 
vom Don, die gröfste Gruppe des Kosakenheeres, einige Erlebnisse 
erzählt^ Er staunt über das reiche, lachende Steppenland mit 
seinen sauberen, weifsen, im Laube der Gärten versteckten Dörfern, 
mit seinen frohen, behäbigen Bewohnern. Und doch klagt ein mit- 
reisender Einwohner dieses Gebietes, wie das Land in den letzten 
paar Jahrzehnten sich nachteilig verändert habe — die stete Klage 
über die Eingriffe des Beamtentums, wie man sie überall hört 

Ihnen, sagt TERPIGOREW zu ihm, ist es Sünde, zu murren. 
Wenn schon jemand Grund dazu hat, Sie haben jedenfalls keinen. 



* Terpigorew, „Auf dem stillen Don". 



DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 195 

Ja, es geht uns leidlich. Wissen Sie, was uns noch rettet? 
Das, dafs es bei uns weder Juden noch Beamte^ giebt Haupt- 
sächlich — die Beamten. Mit den Juden — das thut nichts — 
mit denen werden wir schon fertig. Aber die Beamten . . . 0— o— oh 1 
Sie sind gut? Man liebt sie nicht bei Ihnen? 
Die habe ich mir angesehen . . . Dort in Ihren Gegenden . . . 
Und wissen Sie, es ist das doch nichts als nur blofses Mifsver- 
standnis. Da hört man, liest auch manchmal, Peter der Grofse 
werde ihretwegen beschuldigt, weil er alle diese Kanzleien eingeführt 
habe. Ja, wozu hat er sie denn eingeführt? Anschreiben, Rech- 
nungen führen, seine Befehle versenden — dazu wohl. Hat man 
ihnen in den Kanzleien damals erlaubt, Projekte zu schreiben 
„über Herstellen der Ordnung"? Das haben sie erst nachher ge- 
waltsam sich angemafst Bei ihm waren sie bescheiden, still — 
sie stahlen, nun, was weiter, ein Strunt, davon lohnt nicht zu 
reden, aber die Hauptsache — sie hinderten nicht die Entwicke- 
lung regen Lebens — da liegt das ganze Wesen darin. Das aber 
kennen sie gar nicht, das lebendige Leben, und wollen es immer 
„in Ordnung bringen". 

Ich antwortete ihm nicht, ich horchte. 
Nun, bei uns giebt es keine, nämlich Tschinowniks, oder fast 
keine. Diese Gerichtsleute da sind eben erst eingeführt, und 
andere giebt es nicht . . . und dann noch ein Umstand. Sehen 
Sie, wenn Sie unser Gebiet besser kennten, würden Sie bemerken, 
dafs bei uns das Verhältnis von Dorf zu Stadt ein ganz anderes 
ist als bei Ihnen. Bei Ihnen ist die Stadt was? Ein Räubernest, 
in dem die Kaufmännchen, allerlei Bitternis, sich festgesetzt haben 
und von da aus am Dorf saugen. Bei uns nicht so. unsere 
Stanitzen^ sind reich und stark. Da weifs ich nicht, wie es 
später sein wird, wenn man bei uns die „bessere Ordnung" 
schafft, jetzt aber können unsere Städte die Dörfer nicht unter- 
kriegen. Bei Euch dort, sagt man, wird in den Städten die Kultur 
gezüchtet oder gepflanzt — ich weifs nicht, wie ichs sagen soll — , 
bei uns aber ist das nicht, und diese eure Kultur, die alles den 
Beamten in die Hand gegeben hat, brauchen wir nicht. Geniefsen 



* Es ist stets der Staatsbeamte, der Tschinownik gemeint, nicht der Wahl- 
beamtc. Die Juden füllen nebst Griechen die wenigen Städte, auf deren Weich- 
bild sie gesetzlich beschränkt sind. 

' Dörfer der Kosaken. 

18^ 



196 ZWÖLFTBS KAPITEL 

Sie sie nur. Scherz beiseite — fugte er hinzu — , aber passen 
Sie auf| Sie werden noch uns, die .Kulturlosen", beneiden. 

Und wirklich, nicht nur Terpigorew, sondern wer überhaupt 
in Rufsland beneidet nicht diese einzigen zufriedenen, oder seit 
20 Jahren, seit man bei ihnen auch anfing, die wahre „Ordnung" 
zu verbreiten, halb zufriedenen Kosaken vom Don? Ihre Vor- 
fahren waren die Flüchtlinge vor moskowitischer und petrinischer 
Ordnung, und ihre Nachkommen fürchten nichts so sehr, als die 
heutige Petersburger Ordnung. Es sind die ärgsten Separatisten, 
so arg wie Balten und Finländer auch, und wäre ihre Sprache 
nicht zufällig die russische, so säfse der Staatsbeamte mit seiner 
russifizierenden Kultur ihnen schon längst auf dem Nacken. Frei- 
lich fürchtet man diese siebzehn feldtfichtigen Regimenter vom 
Don fest anzupacken, denn sie haben ihre Pugatschew, Stenka 
Rasin, Bogdan Chmelnizki noch nicht vergessen, und haben 
auch in neuerer Zeit schnell die Zähne gezeigt, wenn man ihre 
Privilegien antastete. Wie wunderiichl Seit Jahrzehnten schreit 
das ganze beamtliche und publizistische Rufsland auf, wenn es 
irgendwo im Reich ein Privilegium entdeckt: und die besten, reichsten 
und die einzig zufriedenen Russen im Reich sind die mit den 
gröfsten Privilegien ausgestatteten Kosaken; Separatismus, Auto- 
nomie wirken wie das rote Tuch auf den Stier, und doch sind 
sie die Quelle des Wohlergehens der Kosaken, und alle Welt weifs 
das und billigt das. Und wem die Zufriedenheit ein Dom im 
Auge ist, der wühlt heute auch bei den Kosaken. 

Eine der gröfsten Thorheiten, die begangen wurden, ist es 
gewesen, die Sonderstellung der Ostseeprovinzen niederzubrechen. 
Giebt es denn wirklich eine national - russische Kultur? Nein, 
sondern alle Kultur kommt vom Westen, wo Jahrtausende an Uir 
gearbeitet haben, und von wo Peter der Grofse sie herbeiholen wollte. 
Das beginnt man auch heute in Rufsland einzusehen, nachdem 
man eine schöne Zeit mit vergeblichen Phantastereien von slawischer 
Originalkultur verloren hat Will man in Rufsland vorwärts kommen, 
so müssen die Thore gegen Westen weit geöffnet werden, um den 
Kulturkräften Europas das Hereinströmen zu erielchtern. Fremde 
goldene Millionen bringen vielleicht vermehrte Zivilisation, aber 
noch nicht Kultur ins Land. Dazu bedarf es der Menschen, der 
Meinungen, der Kenntnisse, der Lehren, kurz der reichen geistigen 
Befruchtung der russischen Ebene. Die Ostseeprovinzen und Fin- 



DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 197 

land waren die besten Vermittler für diese geistige Befruchtung, 
wie Polen es im 15. und 16. Jahrhundert gewesen ist In Finland 
kann der Russe noch heute am besten lernen, worin die Selbst- 
verwaltung besteht, welche Wurzeln sittlicher und rechtlicher Art 
sie hat und wie sie gehandhabt werden mufs, um gute Früchte zu 
tragen. In den Ostseeprovinzen konnte der Russe bis vor 30 Jahren 
lernen, wie aristokratische Verwaltung unter monarchischem Schutz 
und Kontrolle in langsamem aber sicherem Vorschreiten Aufgaben 
zu erfüllen vermag, die kein staatliches Beamtentum der Welt 
besser zu lösen im stände ist Er konnte hier in einem vortreff- 
lichen Schulwesen die Vorteile regen deutschen Geisteslebens sich 
aneignen, deren er nun einmal durchaus von der Kultur Europas 
allein teilhaft werden mufste, um auf russischem Boden kulturlich 
zu wirken. Er fand Schulen und eine Universität, die gerade zu 
dem Zwecke grofsenteils von den russischen Herrschern gepflegt 
worden waren, um eine lebhafte Verbindung Rufslands mit dem west- 
lichen Geistesleben durch diesen Kanal herzustellen. Und welchen 
Vorteil haben Tausende von Russen direkt oder indirekt von diesen 
Schulen, dieser Universität gezogen! Die wohlthätige Wirkung bal- 
tischer Schulen und baltischer Universität hat sich durch Deutsche 
und Russen bis in die entferntesten Winkel des Reiches spüren lassen. 
Nun ist das vernichtet Universität und Schulen sind völlig 
russisch geworden. Der Bildungsstand in den Ostseeprovinzen 
sinkt von Jahr zu Jahr, die russische Universität Jurjew ist wissen- 
schaftlich bedeutungslos. Die Gymnasien sind pädagogisch und 
wissenschaftlich so herabgekommen, dafs vor dreifsig Jahren bal- 
tische Eltern es für gewissenlos gehalten hätten, ihre Kinder solchen 
Lehranstalten anzuvertrauen. Die Universität, das Polytechnikum 
werden überflutet von einer Masse russischer Jünglinge, die ander- 
wärts abgewiesen wurden, und die durch Ausschreitungen die zeit- 
weilige Schliefsung der Vorlesungen veranlaf sten. Alle diese Anstalten 
haben nicht mehr wissenschaftliche Ausbildung, sondern russischen 
Sprachunterricht zur Aufgabe. Und welchen Nutzen hat Rufsland 
von dieser Umwandlung? Keinen, wohl aber grofse Verluste. 
Denn ich will nicht als Gewinn gelten lassen das Vergnügen, 
fremde Arbeit und Kultur zerstört und an die Stelle Plakate in 
russischer Sprache gesetzt zu haben. 

Rufsland kann ohne die Wissenschaft der Westländer nicht 
auskommen. Seit Dorpat zerstört ist, müssen die jungen Kräfte, 



198 Z WÖLFTES KA PI TEL 

die an den westlichen Quellen schöpfen wollen, über die Grenze 
an fremde Schulen und Universitäten gehen. Man rechnet allein 
auf Deutschland aber 700 russische Studenten an den Uni- 
versitäten. In Zürich zählte man für 1901 an der Universität 98, 
am Polytechnikum 30 Russen, und ebensoviel mögen auf den 
Hochschulen zu Genf, Bern, Lausanne und Basel studieren. Ein 
Teil von ihnen hätte, wäre Dorpat geblieben, was es noch vor 
dreifsig Jahren war, hier," finden können, was man jetzt draufsen 
sucht In Berlin werden Spezialkurse für russische Arzte gehalten, 
die stark besucht sind. Ehedem versorgte Dorpat ganz Rufsland 
mit tüchtigen Ärzten, seine medizinische Fakultät stand auf der 
Höhe der Wissenschaft Man hat die deutsche Wissenschaft aus 
dem eigenen Lande vertrieben, um ihr jetzt nach Deutschland 
nachzulaufen. Wie viele tüchtige Kräfte auf allen Gebieten des 
Wissens sind vertrieben und zieren jetzt die deutschen Hochschulen! 
Ihrer sind Dutzende, während in Rufsland ein grofser Teil der Lehr- 
stühle aus Mangel an Lehrern unbesetzt bleibt Das ist die Folge 
davon, dafs man die deutsche Bildung in den Ostseeprovinzen 
totschlug. Ich kann darin keinen Gewinn für Rufsland sehen. 

Wären solche Provinzen wie die Ostseeprovinzen mit deutscher 
Bildung, deutscher Sprache, Recht, Sitte, Verwaltung, und Finland 
mit schwedischer Bildung und Verwaltung nicht vorhanden, sie 
müfsten heute Im wahren Interesse Rufsland auch mit grofsen 
Opfern geschaffen werden. Die Erfahrungen, deren der Russe am 
meisten bedarf, die fremden Einflüsse, die ihm am meisten not 
thun zur richtigen Beurteilung seiner heimischen Verhältnisse 
im Gubemium Orel oder Twer, gerade die fände er eher und 
besser hier, als an Schweizer Universitäten, in Handbüchern 
über englische Selbstverwaltung oder auf Studienreisen zu eng- 
lischen Viehzüchtern. Aber man jagt die westeuropäische Bil- 
dung aus dem eigenen Lande hinaus, um sie in der Fremde 
wieder zu suchen. Man will die russische Nationalität för- 
dern und zerstört nur Kulturkräfte, die aus einer engen Ver- 
bindung mit dem Westen in 700 Jahren herausgewachsen sind. 
Denn national ist Rufsland um keinen Schritt welter gekommen 
von Helsingfors bis nach Kiew und Tiflis. Der Staat hat sein 
nomadisierendes Beamtenheer als unheilvolle Wellen über die 
Grenzlande des Westens ergossen: das russische Volk hat dabei 
nur grofse Opfer an Geld und Menschen gebracht, ohne Gewinn. 



DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 199 

Trotz des verderblichen böreaukratischen und nationalen Druckes 
sind diese zwischen Ostsee und Schwarzmeer gelegenen westlichen 
Grenzländer heute die stärksten Träger des wirtschaftlichen Lebens 
im Reich. Die Verarmung des Zentrums hat, wie wir gesehen haben, 
zur Folge, dafs, was dort an Steuern aufgebracht wird, durch die 
wiederkehrenden Hungersnöte in Steuemachlässen und staatlichen 
Unterstützungen wieder aufgesogen wird. Die Grenzländer haben 
solche staatliche Hilfe nicht gefordert, ihre Landwirtschaft schreitet 
vorwärts, ungehindert von Flurzwang und Kommunalbesitz. Die 
Arbeitskraft steigt und wird produktiver mit der Vervollkommnung 
des Ackerbaues und dem Eindringen der Industrie. In Polen wird 
ein sehr bedeutender Gewinn aus der Anwesenheit der Truppen ge- 
zogen, seit der grölste Teil der Armee dorthin verlegt ist Durch die 
nahe Berührung mit dem Westen werden noch immer die alten Wurzeln 
der Kultur zu neuen Trieben angeregt Aber diese Provinzen haben 
es nicht leicht, mit den feindlichen Mächten um das Mafs freier Be- 
wegung zu ringen, dessen sie auch zu blos wirtschaftlicher Ent- 
wickelung bedürfen. Ihre besten Kräfte werden verbraucht in der 
Verteidigung gegen büreaukratische Unvernunft und Unkenntnis, 
gegen Neid und Dünkel — und ihre besten Werkzeuge der Kultur 
werden ihnen entwunden von blödem nationalisierenden Eifer. 

MilOkow meint in seinen Kulturstudien, ^ der Prozefs der 
Entwickelung des sozialen Gedankens müsse früher oder später 
zu einer Änderung des Inhaltes des nationalen Selbstbewufstseins 
führen. „Aus einem nationalen Selbstbewufstsein," sagt er, „mufs 
es sich in ein gesellschaftliches verwandeln, im Sinne einer 
gröfseren Aufmerksamkeit auf die innere Politik, eines besseren Ver- 
ständnisses der Forderungen unserer Zeit auf diesem Gebiet und eines 
thätigeren Verhaltens zu diesen Forderungen." Das sind sehr be- 
herzigenswerte Ratschläge eines wissenschaftlich denkenden Mannes. 
Wo die nationale Propaganda nicht zugleich kulturliche 
Propaganda ist, da ist sie überall vom Übel, ganz besonders 
in einem Staat, der vor so ungeheuren Aufgaben der inneren Politik 
steht, wie Rufsland. Denn die nationale Propaganda ist vom natio- 
nalen Gesichtspunkte aus äufsere, nicht innere Politik. 

Es ist eitel Selbsttäuschung, wenn mafsvoll denkende Russen 
sagen, es handle sich in Finland, Livland, Polen nur um Ein- 
führung der offiziellen Sprache in das offizielle Leben. Man 

^ umrisse zur russischen Kulturgeschiclite, III, S. 2. 



200 Z WÖLFTES KA PITEL 

will aus Finländern, Deutschen, Polen im Grunde Russen machen 
in Sprache, Glaube, Sitten, Einrichtungen, hurz man will das 
Fremde austilgen, ohne zu bedenken, dafs es etwas anderes ist, 
ob man Tschuwaschen oder Schweden sich gegenüber hat Wie 
duldsam ist der nichtamtliche und oft auch der amtliche Russe 
gegen Tataren und Mongolen, wie ruhig ertragt er es, dafs nodi 
heute 150000 Heiden im Gubemium Perm sitzen, und wie un- 
erträglich scheint ihm das Fremde in den Grenzländem. Was 
aber hat man erreicht, und was kann man erreichen? Man hat, 
oft mit überraschender Raffiniertheit, vom Kaukasus an bis Pin- 
land alle unrussischen Elemente so viel und schwer gereizt, dals 
heute die Menge des nichtamtlichen russischen und unrussischen 
Volkes, mehr als jemals früher, in der einen Sache wenigstens einig 
ist, diesem Beamtentum feindlich gesinnt zu sein. Man fragt sich 
oft: wo wird stärker für Umwälzungen vorgearbeitet: oben oder unten? 
Wer sind die gröfseren Revolutionäre? Das ist, was an Verschmel- 
zung, an Uniformierung durch die sogenannte Russifizierung der 
Grenzlande hauptsächlich erreicht worden ist: die Einigung mit den 
russischen Zentrallanden in der Abneigung gegen den BeamtenstaaL 
Dieser Eifer, Rufsland zu einem nationalen Einheitsstaat zu 
machen, fordert von dem Staat so grofse Opfer, dafs man erwarten 
könnte, es werde sich eines Tages die Erkenntnis Bahn brechen, 
dafs dieser Kampf aufgegeben werden müsse, weil er dem Staat, 
weil er insbesondere dem russischen Volke nicht gleichwertige 
Vorteile bringe. Einem Reich, das auf den Quadratkilometer 
seines europäischen Gebietes 19 Vs»^ <l^s gesamten Gebietes nur 
fünf Bewohner zählt, sollte es, müfste man annehmen, nicht leicht 
fallen, auch nur diesen Landbesitz nützlich zu verwerten und 
national zu sichern. Einem Reich, welches in seinen Grenzen die 
einheimischen Volkssprachen nach vielen Dutzenden zählt, sollte 
es, müfste man annehmen, nicht beifallen, zu allem anderen die 
Last des amtlichen Sprachlehrers für 40 Millionen Nichtrussen 
auf sich zu laden. Einem Reich, dessen Volk noch auf der Stufe 
der Halbkultur steht, sollte es mehr auf Hebung der materiellen und 
geistigen Kultur, woher sie auch herbeiströmen mag, als auf eine 
national einheitliche Form ankommen, die an sich unzureichend 
ist Aber man darf nicht aufser acht lassen, dafs Rufsland heute 
wie vor 200 Jahren ein halb asiatisches Reich ist, und, wie ich 

* MilOkow, a. a. 0. T. I, 5. 28. 



DIE EUROPÄISCHEN GRENZLÄNDER 201 

schon bemerkte, sich als solches fühlt Peter I wollte es gewalt- 
sam europäisieren, und es ist seitdem in vielen Dingen der euro- 
päischen Kultur zugänglich geworden. Aber es ist zugleich räum- 
lich immer weiter nach Asien hineingewachsen, und die 100000 
Quadratkilometer jährlichen Zuwachses sind asiatischer Boden. 
Diese Lage erklärt das fortgesetzte Schwanken zwischen dem Be- 
dürfnis nach kultivierendem Einflufs Europas und dem Bedürfnis, 
sich als asiatische Kulturmacht selbständig zu fühlen. Noch 
immer stofsen die Gegensätze aufeinander, die sich einst in Peter I 
und seinem Sohne Alexei verkörperten, und zwar hauptsächlich 
deshalb, weil Rufsland nie dazu gelangt, in Ruhe organisch mit 
Europa zu verwachsen, sondern die aufgenommene Kulturkraft 
immer wieder in äufseren Kriegen, in Eroberungen, in inneren 
nationalen Kälmpfen verbraucht, und weil es immer neue asiatische 
Elemente in sich aufnimmt, noch ehe die alten russischen Elemente 
zu selbständiger Kulturkraft gelangt sind. Es reibt sich innerlich 
auf in diesem Ringen zugleich nach äufserer Gröfse und innerer 
Kraft; es schwächt sich immer wieder selbst in dem Sträuben 
gegen einen fremden Einflufs, dessen es doch bedarf zu seiner 
nationalen wie kulturellen Entwickelung. Wie häufig vernimmt 
man in der russischen Presse wie einen verzweifelten Notschrei 
den Ruf nach Originalität, nach kultureller Selbständigkeit! Man 
kan es eben nicht verwinden, ein dominierendes Weltreich und 
ein unbedeutendes Kulturvolk zu sein. Daher schlägt man auf 
fremde Kultur, die als solche im Lande erscheint, nicht weil sie 
Kultur, sondern weil sie fremd ist, aber man gelangt auf diesem 
Wege oft dahin, die Kultur selbsf, da sie sich nun einmal von 
dem Fremden nicht losreifsen läfst, zu mifsachten. Dies ist 
gerade der Weg, auf dem China zur Absperrung und zur kultu- 
rellen Erstarrung gelangt ist Das heifst, lieber keine Kultur als 
eine unrussische wünschen, und das ist ein verzauberter Kreis, 
der Rufsland lähmt und ihm verhängnisvoll werden würde, wenn 
es in ihm verharren sollte. Die bildenden Hände von Geschichte und 
Geographie sind im russischen Staate deutlich genug zu erkennen. 
Das Mifsverhältnis zwischen den vorhandenen Kräften und 
der zu leistenden Arbeit ist so grofs geworden, dafs, wie ich 
schon im Hinweis auf die Finanzen hervorhob, dieses Riesenreich 
Gefahr läuft, an kultureller Anämie in Verfall zu geraten. Die äufsere 
Macht verdeckt dem flüchtigen Beobachter die inneren Schwächen. 



DREIZEHNTES KAPITEL 

KOLONIEN UND WELTMACHT 

In Rufsland hört man oft die Meinung aussprechen, Rufsland 
sei grofs genug, um der Kolonien entbehren zu können. Aber 
wenn es keine überseeischen Kolonien besitzt, so ist es doch das 
gröfste Kolonialreich der Welt durch seine asiatischen Besitzungen, 
die, an Einwohnerzahl gering, für das Mutterland mehr den kolo- 
nialen Charakter tragen, als etwa Indien für England. In Sibirien 
ist für die Kultur noch alles zu schaffen, in Zentralasien das 
meiste; unendliche Flächen harren der Bebauung, grofse minera- 
lische Schätze der Ausbeutung, und seit der Schienenstrang diese 
Länder dem Mutterlande genähert hat, verstärkt sich der Reiz, den 
sie auf den Unternehmungsgeist der Privaten sowohl, als der Staats^ 
regierung ausüben. Seit etwa 50 Jahren hat der Staat in den 
neu erworbenen zentralasiatischen Ländern mit viel Erfolg sich 
bemüht, Ordnung zu schaffen. Wo ehedem nomadisierende Räuber- 
horden oder gewaltthätige Khane herrschten, reist heute der Handels- 
mann mit russischer Pferdepost oder mit der Eisenbahn oder auf 
dem Dampfer in voller Sicherheit Ruhe und polizeiliche Ordnung 
sind dort in einem Grade eingekehrt, wie sie schwerlich zur Zeit 
des grofsen Tamerlan geherrscht haben. Der Handel mehrt sich, 
die russische Einwanderung mehrt sich und eine wirkliche Koloni- 
sation hat Wurzel geschlagen, wenn auch der Beamte und der 
Soldat noch überall vorherrschen. Wo der Russe eine eingeborene 
Bevölkerung niederer Kultur vorfindet, da versteht er mit ihr 
sich zu setzen, ohne sie zu vertreiben oder zu drücken; er wird 
von den Eingeborenen als der Bringer der Ordnung, als Kuitur- 
kraft empfunden und erweckt nicht die Erbitterung des Unter- 
legenen, solange er, solange die Regierung nicht nationalen oder 



KOLONIEN UND WELTMACHT 203 

religiösen Kampf lieraufbeschwört Hier vollzieht sich eine ge- 
sunde und nützliche Kolonisation. 

Mit der Ausbeutung des ErdOls in Transkaukasien waren im 
Jahre 1900 28 Gesellschaften beschäftigt, die Dividenden bis zu 
60 Prozent zahlten. In der reichen Provinz Fergana hat man 
neuerdings ungeheure Ölmengen unter dem fruchtbaren Erdreich 
entdeckt Die Baumwollenkultur hat solche Fortschritte gemacht, 
dals sie im Jahre 1900 schon 7638200 Pud Baumwolle lieferte; 
die schlechte Ernte von 1901 brachte rund 5V2 Millionen Pud. 
Schon jetzt kann Rufsland darauf rechnen, die Hälfte seines Be- 
darfs an Baumwolle aus Fergana und den anderen Kolonien 
Zentralasiens zu beziehen. Die Goldwäschereien Sibiriens liefern 
etwa 40 Millionen Rubel Gold. Wenn man jedoch von dem Golde 
absieht, so liegt die Ausbeutung der meisten Erwerbsquellen 
Russisch -Asiens in den Händen fremdländischer Unternehmer. 
Selbst die Butter, die heute in ganzen Wagenzügen von Sibirien 
wöchentlich zu den Ostseehäfen herabkommt, um über See zu 
gehen, wird von dänischen Landwirten produziert Immerhin 
bleibt ein Teil des Gewinnes im Lande, und sicheren Vorteil zieht 
der Fiskus aus der Produktion jener Länder, soweit er sich nicht 
mit Ausgaben für Bahnen und anderes so belastet, dafs der 
Gewinn durch die Verzinsung verschlungen wird. Die 40 Millionen 
Gold fliefsen gegen Entschädigung der Produzenten dem Staats- 
schatze zu; vom Erdöl wurde für 1901 im Budget eine Steuer von 
26 Millionen veranschlagt, für 1902 eine solche von 27 Millionen. 
Die Ausfuhr von Weizen und Butter aus Sibirien kommt der Handels- 
bilanz zu gute. Und die Staatsregierung ist eifrig bemüht, die Pro- 
duktion der kolonialen Länder zu heben. Es werden schon Stimmen 
laut, die ihr dieses Bemühen als ein Begünstigen der Grenzländer 
auf Kosten des alten Rufsland ^m Vorwurf machen. „Man kann,'' 
rief der uns schon bekannte GOLOWIN neulich aus, ^ „überzeugt sein, 
dafs für die künstliche Weckung des wirtschaftlichen Lebens eines 
Gebietes umsomehr geschieht, je entfernter es ist, je schwächer 
bevölkert, je mehr von der Natur vernachlässigt Es ist Zeit, end- 
lich auch an das Zentrum von Rufsland zu denken.'' Und freilich 
hat die wohlthätige Arbeit in Asien auch ihre Kehrseite. 

Noch vor dreifsig oder vierzig Jahren setzte man in Rufsland 
seinen Stolz darein, europäischer Kulturstaat zu sein. Heute ist man 

* In der Zeitung „Rossija". 



204 DREIZEHNTES KAPITEL 

oft geneigt, mit Befriedigung sich als asiatische oder halbasiatische 
Macht zu fühlen. Oder ist auch diese Welle schon wieder vorüber- 
gerauscht? Wenn man die kulturlichen Erfolge abwägt, die RuTsland 
nach der europäischen und nach der asiatischen Seite hin aufzuweisen 
hat, so mufs man jenem Empfinden Recht geben. So vergeblich die 
Anstrengungen gewesen sind, gegen Westen national und kulturlich 
vorzudringen, so zweifellos sind die auf diesem Gebiet im Osten 
und Süden errungenen Vorteile. Die Eroberung des Kaukasus hat 
eine neue Welt dem russischen Trieb nach Ausdehnung erschlossen. 
Hinter dem russischen Soldaten drang der russische Beamte, hinter 
ihm der Kaufmann in Vorder- und Mittelasien ein, und grolse 
Gebiete, die seit Jahrhunderten räuberischen Horden angehörten, 
wurden für Ordnung, Arbeit und Handel gewonnen. 

Die Kräfte, die zu einer extensiven Politik treiben, sind ver- 
schieden. Sie fliefsen aus der Herrschsucht, dem Ehrgeiz grofser 
Eroberer, und erlahmen meist bald, sobald dieser Ehrgeiz 
schwindet oder der Eroberer stirbt Oder sie fliefsen aus der im 
Volk angesammelten expansiven Kulturkraft, und sind dann dauernd 
wirksam. Die Politik eines Tamerlan steht in vollem Gegensatz 
zu der der grofsen und erfolgreichen Kolonialstaaten. Reiche, die 
blos durch die kriegerische Überlegenheit gegründet wurden, zer- 
fielen gar bald; Rom aber hat die Welt lange beherrscht, nicht 
nur durch seine Feldherren, sondern durch seine Kulturkraft 
Englands extensive Politik begann mit dem Schutz seiner nach 
aufsen drängenden Volkskräfte und folgt seitdem immer seinen 
Handelsschiffen und Auswanderern als den volkstümlichen Kultur- 
trägem. BiSMARCK hat diese Methode für die normale in der 
kolonialen Politik erklärt, deren Sinn ist, dafs alle offensive Politik 
eine überschüssige Volkskraft zur Voraussetzung haben mufs, 
ohne welche ein Staat wohl Eroberungen machen, nicht aber den 
Wirkungskreis seiner Thätigkeit zum Wohle des Volkes dauernd 
ausdehnen kann. Wie wenig England durch Waffenmacht erfolg- 
reich kolonisiert, sehen wir heute in Transvaal; es kolonisiert aber 
mit unvergleichlichem Erfolg dort, wo es, wie in Australien, ohne 
Anstrengung der Staatsfinanzen und ohne einen Schwertstreich, 
durch die freie Bethätigung der kulturlichen Kräfte seines Volkes 
vorgeht Die ungeheuren materiellen, intellektuellen und sittlichen 
Kräfte, die es in Grofsbritannien in einer Arbeit von Jahrhunderten 
angesammelt hat, diese sind es, die Australien, Amerika, Indien 



KOLONIEN UND WELTMACHT 205 

englisch gemacht haben. Und zwar zum Nutzen, nicht auf Kosten 
Englands. Denn ohne dieses ungeheure Kulturkapital wäre Eng- 
land an der Hälfte seines Kolonialbesitzes längst zu Grunde ge- 
gangen — wenn überhaupt dieser Besitz durch blofse staatliche 
Macht hätte erworben werden können. Die aufgewandten Mittel 
bestehen zu einem Teil aus Geld, zum anderen aus Menschen. 
Wenn wir bedenken, dafs Rufsland seine Bahnen mit fremdem 
Gelde gebaut, seine Eroberungen, seinen Einflufs in der Türkei, 
in Persien, in China mit Anleihen und Geldern, die dem inneren 
Gedeihen sehr viel besser gedient hätten, bezahlt hat und bezahlt, 
so tritt der Unterschied mit englischem Vorgehen grell zu Tage. 
England hat seine Kolonien immer aus den Zinsen seines Kultur- 
kapitals an Geld sowohl wie an Menschen erworben und ent- 
wickelt Das Gedeihen der administrativen, sozialen, gewerblichen 
Zustände im Vereinigten Königreich ging stets seinen sicheren Weg 
neben aller kolonialen Ausdehnung. Für jede neue Landerwerbung 
fanden sich stets die privaten Gelder und Menschen, ohne dafs 
der Staat an das Volk Ansprüche zu stellen brauchte, die es ent- 
kräften mufsten. In England nimmt jeder Kaufmann, jeder Bauer 
in die Kolonie die Selbständigkeit mit, deren er bedarf, um ohne 
staatliche Beihilfe oder doch unter blofsem staatlichen Schutz auf 
fremdem Boden zu organisieren und zu kultivieren. Das kann 
durch keine büreaukratische Gewalt ersetzt, noch durch beamtliche 
Schulung erlernt werden. Deshalb ist die uralte englische Selbst- 
verwaltung die beste Schule des englischen Kolonisten. Der Staat 
kann nur die äufseren Mauern eines neuen Baues aufführen, die 
innere Einrichtung, das lebendige Wachstum mufs aus dem Volk 
selbst hervorgehen, um dem Volk nützlich zu werden. Sonst treibt 
der Staat extensive Politik auf Kosten und zum Schaden des Volkes. 
Dies ist der Fall gewesen bei vielen Eroberungen, die Rufsland 
seit Peter I gemacht hat Rufsland hat am besten kolonisiert durch 
die Kosaken, d. h. durch ein Volk von entlaufenen, von staatlicher 
Macht befreiten Bauern. Der Süden Rufslands ist hauptsächlich durch 
solche ohne Staatshilfe, ja gegen die Staatsmacht arbeitende Flücht- 
linge russisch geworden, und seitdem ist keine russische Erwerbung 
gemacht worden, die von gleichem Nutzen für das russische Volk 
gewesen wäre. Hinter den Kosaken und der Freiheit kamen dann 
seit Peter I die staatlichen Beamten und die Knechtschaft Mit Ko- 
saken und Beamten hat Rufsland zumeist kolonisiert, da es an einem 



206 DREIZEHNTES KAPITEL 

gewerblichen Mittelstände dazu gebrach. Aber so kostenlos der Kosak 
den Süden besiedelte und ganz Sibirien fär Ruisland erwarb, so teuer 
sind neuerdings viele staatliche Kolonisationen gewesen. 

Indessen schreitet Rufsland auf diesem gefährlichen Wege der 
extensiven Weltpolitik weiter. Mit Aufwand von einer Milliarde 
ward die sibirische Bahn, mit einer weiteren halben Milliarde werden 
die Mandschurische Bahn, die Baikalbahn und die Häfen erbaut 
Solange Sibirien sich selbst überlassen blieb, kostete es dem russi- 
schen Volke nichts. Noch ist die Bahn nicht fertig, und schon 
sind am Stillen Ozean für Häfen, Befestigungen, Kasernen, An- 
siedelungen, Vorratshäuser u. s. w. neue Millionen verausgabt, schon 
ist die Mobilisierung eines Heeres von 200000 Mann dort nötig 
gewesen. Die Erschliefsung Ostsibiriens, der Bau der Häfen, der 
Bahnen zieht die Notwendigkeit nach sich, die Flotte zu vergröfsern. 
Die Politik am Stillen Ozean verschlingt alljährlich an Zinsen und 
Ausgaben so viele Millionen, dafs auch der blühendste Handel sie 
nicht wieder einbringen könnte. Mit 60 Millionen jährlich käme man 
noch nicht auf die Kosten. Und was bringen Wladiwostok, Port Arthur 
und die Bahnen ein? Voriäufig fordern sie nur Zuschüsse. Wer 
bezahlt das? Der russische Steuerzahler. Denn niemand wohl hofft 
für absehbare Zeit auf eine Verrentung dieser Ausgaben. Diese Aus- 
gaben bringen dem Staat einen Zuwachs an Macht, und sie öffnen 
grofse Landstrecken der menschlichen Einwanderung und Arbeit Aber 
hat etwa das russische Volk ein Bedürfnis nach Machtzuwachs des 
Staates oder nach Zuwachs an Ackerland, an Nährboden? Die Staats- 
macht ist gröfser, als dem Volk vielleicht heilsam ist, und zwischen 
Wolga und Dnjepr verödet der heimatliche Boden aus Mangel an 
sorgsamer Bearbeitung. Sicheren und schnellen Nutzen werden jene 
Ausgaben allerdings einer Klasse von Leuten bringen: den Beamten, 
die dort neuen Boden zu weiterer Vermehrung finden. 

Wenn man diese russische Kolonialwirtschaft — denn das 
ist sie, obgleich kein Ozean die Kolonien vom Mutteriande trennt 
— mit unserer deutschen Art, unsere Kolonien zu behandeln, ver- 
gleicht, so wollen unsere Budgetwächter im Reichstage uns manch- 
mal ein wenig spiefsbürgerlich vorkommen. Das geldarme Rufs- 
land giebt drei Milliarden Mark, die es zuvor borgte, für den Bau 
von Bahnen in seinen Kolonien aus. Unser Reichstag kann es 
nicht über sich gewinnen, drei Mülionen Mark für eine ostafrikanische 
Bahn zu bewilligen. Aber beide, Herr WITTE und unser Reichstag, 



KOLONIEN UND WELTMACHT 207 

könnten voneinander hierin etwas lernen, nämlich Mafs zu halten; 
der eine im Ausgeben, der andere im Kargen. 

Als Rufsland über den Kaukasus nach Mittelasien vordrang, 
hiefs es stets, es sei dazu genötigt durch die räuberischen Stämme, 
welche die Grenzen beunruhigten und unterworfen werden müfsten. 
Aber Asien ist nicht nur von Räuberstämmen bevölkert; und doch 
nahm man 1860 das Amurland und ist heute dabei, die Mand- 
schurei in irgend einer Form sich anzugliedern, ein Land von 
mehr als 900000 Quadratkilometern, gröfser als Deutschland und 
Österreich zusammen und bewohnt von 7 bis 8 Millionen Men- 
schen mongolischer Rasse. Wer wird dort von russischer Herr- 
schaft einen Vorteil haben? Schon hört man von den Kirchen, 
den Schulen, ja von Lehrerseminaren, die in Ostasien errichtet 
werden; man spricht von der Notwendigkeit einer ostasiatischen 
Universität, man errichtet ein mandschurisches orthodoxes Bistum 
und baut ein Kloster für — Mandschu und Chinesen. Eine Macht 
wie Rufsland hat Pflichten gegenüber ihren sibirischen Gebieten, 
Kulturpflichten, die sie erfüllen mufs. Gewlfs; nur dafs sie noch 
gröfsere Pflichten gegenüber dem Mutteriande hat, dafs das Geld 
der russischen Steuerzahler daheim bessere Verwendung fände 
als in Ostasien, und dafs diese ein geringes Interesse daran haben, 
in Ostasien oder Westrufsland Tausende von Beamten, Priestern, 
Lehrern, Professoren zu halten und zu bezahlen. Denn alle 
diese Leute dienen vielleicht dem Staat und der Vermehrung 
seiner Macht, nicht aber dem russischen, nach Brot und Bildung 
schreienden Volk. 

In Ostsibirien, vom Baikal an, arbeitet Rufsland schon jetzt 
für andere, nicht für sich. Der Chinese ist Arbeiter, Kaufmann, 
Bankier, alle Geschäfte werden durch ihn oder den ebenso ge- 
schmeidigen Koreaner gemacht, und das wird so bleiben, weil 
niemand es besser als diese Leute machen wird. Der Chinese mit 
seiner wirtschaftlichen Überiegenheit wird sehr bald der angreifende 
Teil sein, und Rufsland wird es schwer werden, sich seiner zu er- 
wehren. Nachdem man die Grenze auf chinesisches Gebiet veriegt hat, 
wird man bald sich eine russische grofse Mauer gegen China wünschen. 
Der Japaner rückt als Kolonist in Menge ein und hat den übersee- 
ischen Verkehr in die Hand genommen, der Amerikaner und der 
Deutsche haben zum grof sen Teil den Import übernommen, nicht nur 
von Industriewaren, sondern auch von Lebensmitteln. Die ostchine- 



208 DREIZEHNTES KAPITEL 

sische (russische) Handelsflotte arbeitet mit grofsem jährlichen Ver- 
lust An der Bahn arbeiten polnische Ingenieure. Was bleibt für den 
Russen übrig, soweit er nicht Soldat oder Beamter ist? Das Land zur 
Besiedelung freilich. Aber auch damit ist es bisher schlecht bestellt 
Deutsche, baltische, esthnische Landwirte gedeihen in Sibirien. Der 
Russe bringt nicht die Energie, noch den Fleifs mit, die zu solchen 
Kolonisationen gehören, und verpachtet die grofsen ihm verliehenen 
Ländereien. Rufsland hat diese Bahnen für Deutsche, Engländeft 
Franzosen hier, für Amerikaner, Chinesen, Japaner dort gebaut, 
die sie für ihre Ausfuhr und zum Transitverkehr benutzen werden. 
Rufsland selbst wird für den Durchgangshandel die Fracht zahlen, die 
Verwaltung des Landes bezahlen und die Schutztruppen und Schutz- 
flotte stellen. Im übrigen werden Rohprodukte von dort nach 
Westen strömen und dem russischen Korn die Preise weiter ver- 
derben. Dafs Rufsland aber in Japan, China, Korea sich nicht 
mit industrieller Ausfuhr festsetzt, dafür wird halb Europa und 
Amerika sorgen, denen der billigere Seeweg offen steht 

Und zu alledem ist nun der englisch-japanische Allianzvertrag 
vom 30. Januar 1902 hinzugekommen. Seit 1895 war es wahrschein- 
lich, dafs dies die Folge der Einmischung Rufslands in den japanisch- 
chinesischen Krieg sein werde. Es lag sogar nahe anzunehmen, dafs 
dieser Bund früher würde zum Abschlufs kommen, und dafs die bei- 
den Seemächte den Ansprüchen Rufslands in Ostasien entgegentreten 
würden, ehe noch die sibirische Bahn den russischen Streitkräften 
dort zu nutz kommen könnte. Indessen ist die Stellung Rufslands 
auch nach Vollendung der Bahn eine sehr schwierige gegenüber 
der ansehnlichen japanischen Kriegsmacht, die von England ge- 
stützt werden würde. Die Deklaration der russischen Regierung 
vom 3./16. März 1902 kann die Thatsache nicht verdecken, dafs 
ihre Stellung in Ostasien bedrohlich geworden ist, und es steht 
zu vermuten, dafs sie sich durch einen geheimen Vertrag die 
Hilfe Frankreichs für den Fall eines kriegerischen Angriffs von 
selten Japans gesichert hat Es fragt sich, welchen Preis sie da- 
für gezahlt hat Sollte eine gegenseitige Garantie des Besitz- 
standes in Ostasien der Preis sein, so kann Rufsland bei den 
unruhigen Verhältnissen in Südchina sich genötigt sehen, immer 
weiter seine Machtmittel in diesen wirren Angelegenheiten zu ver- 
zetteln, während doch die Einsätze der beiden verbundenen Staaten 
in Ostasien nicht gleichwertig sind. Geht aber der russische Ein- 



KOLONIEN UND WELTMACHT 20Ö 

flufs in China und Korea durch einen Konflikt mit den Seemächten 
verloren, so dürfte die Mandschurei unhaltbar werden. Welche Aus- 
sichten öffnen sich dann dem ostsibirischen Unternehmen, welche 
Sicherheit bleibt dann nicht blos für die Verrentung, sondern für 
das Kapital selbst, das dort festgelegt ist? Eine Milliarde Rubel 
schwebt dort in der Luft und ein Sturm kann sie verwehen. Das 
ist eine koloniale Politik, die sehr weit über die Kräfte des russischen 
Volkes hinausgeht, eine Politik, die verhängnisvoller für Rufsland 
werden kann, als es der südafrikanische Krieg für England war. 
Durch die Thore, die in die Welt der gelben Rasse führen, 
drängen sich heute die leitenden Kulturstaaten ungestüm hinein, 
hastend, mit den Ellenbogen arbeitend, einander scheel anblickend, 
stofsend, wie in eine eben erbrochene Schatzkammer. Die Gier 
nach Geld treibt sie alle, und niemand denkt daran, was ihm da 
drinnen sonst begegnen könnte. Kein Volk steht unserer euro- 
paischen Kultur so gegensätzlich gegenüber als das chinesische. 
Wo der Europäer mit dem Chinesen bisher sozial in engere Be- 
ziehung kam, trat der Gegensatz alsbald hervor: der harte Mate- 
rialismus des Chinesen stiefs stets den Europäer ab. Ohne Religion, 
ohne Moral, ohne Sinn für Wahrheit, für Redlichkeit, für Reinlich- 
keit — dieses Volk konnte der Engländer in Australien, konnte 
selbst der freisinnige Amerikaner in Kalifornien nicht ertragen, 
weil es verderblich auf die sozialen Zustände Kaliforniens ein- 
wirkte, und der Chinese wurde als einziger von allen dort verkeh- 
renden Fremdländern in Ausnahmegesetzen gefesselt Wenn der 
Engländer, der Armenier, der Jude das goldene Kalb verehren — 
der Chinese thut es noch inbrünstiger, es ist ihm daneben fast 
nichts heilig, und so ist er sittlich verkommener als irgend wer. 
Und dieses Volk, dieses Reich soll nun durchaus dem Europäer 
erschlossen werden, und zwar wieder zu Ehren des goldenen 
Kalbes, des gemeinsamen Götzen. Der Chinese ist an Arbeits- 
fähigkeit dem Europäer überlegen, als Händler, als Geschäftsmann 
auch. Wer wird auf die Dauer der wirtschaftliche Gewinner sein? 
Wenn wirklich eine Reform in China vor sich gehen, wenn euro- 
päische Industrie und Technik und Verkehr dort sich einbürgern 
sollten, wenn der Zopf und die ileimkehr der Toten und die Ver- 
achtung der Fremden und die Mifswirtschaft der Mandarinen auf- 
hören, wer wird davon den Nutzen haben? Werden wir uns von 
der Unmoral der Chinesen verpesten, von seinen billigen Fabrikaten 



210 DkElZEHNTES KAPITEL 

überrennen, von seinen vortrefflichen und zahllosen Arbeitern, 
die mit 20 Pfennigen täglich zufrieden sind, das Brot vorweg 
nehmen lassen? . . . 

Ich kann diese Aussichten hier nicht weiter entwickeln, son- 
dern will nur sagen, dafs Europa besser thäte, die Chinesen sich 
selbst zu überlassen und sich nicht von der Küste ins Innere zu 
begeben, um China auf zuschlief sen, um diese MUlionen zur Kon- 
kurrenz auf wirtschaftlichem Gebiet und zum tlineinströmen in die 
Länder europäischen Wesens herauszufordern. Geschähe das Letz- 
tere, so wäre eine grofse Gefahr für unsere Kultur herauf- 
beschworen. Das Unheil wird einmal kommen, aber wir sollten 
es nicht selbst herbeiwünschen und seinen Gang beschleunigen. 

Von allen in China konkurrierenden Staaten hat allein Rufs- 
land Landgrenze mit diesem Staat Die Nachbarschaft giebt ihm 
einen grof sen Vorsprung in dem staatlichen Einfluf s auf China. 
Wenn Rufsland die Mandschurei in irgend einer Form behält, und 
wenn sich die Beziehungen zu China beleben, so ist eine starke 
chinesische Einwanderung nach Rufsland nur mit Waffengewalt zu 
verhindern. Wirtschaftlich ist der Chinese dem Russen so sehr 
überlegen, dafs er von diesem Verkehr allein den Vorteil haben 
wird. Moralisch aber wird er auf den Russen den verderblichsten 
Einflufs üben. Die Moral der russischen Verwaltung in Ost- 
asien wird schon jetzt nicht hoch anzuschlagen sein. Ein starker 
chinesischer Einflufs, wie ein lebhafter Verkehr ihn notwendig 
herbeiführen mufs, wird Ostasien zur Hochschule aller Laster für 
Rufsland machen. Statt die Mandschurei zu nehmen, thäte Ruls- 
land besser, die mandschurische Bahn an China zu verkaufen. 
Sonst wird es dahin kommen, dafs man in Rufsland eine Mauer 
gegen China herbeiwünschen wird, stärker als die, welche einst 
die Chinesen gegen die Tataren errichteten. 

Das Interesse des russischen Volkes berührt die sogenannte 
öffentliche Meinung wenig. Ihr ist es noch an Ausdehnung 
der Grenzen des Reiches nicht genug. Sie verlangt nach der 
Mongolei, vorläufig wenigstens einem Teil derselben, dem west- 
lichen; sie begnügt sich nicht mehr mit einem Protektorat über 
Persien, sie fordert dringend einen Ausweg zum persischen Meer- 
busen und einen Hafen daran; sie erklärt endlich Kleinasicn und 
die Euphratländer für russische Interessensphäre und den Bau 
einer Bahn nach Bagdad und an den indischen Ozean durch 



KOLONIEN UND WELTMACHT 211 

Deutsche und Franzosen für eine Verletzung russischer Interessen. 
Asien ist nicht zu grofs für diesen Landhunger. Man gedenlit 
vielleicht nicht gerade Asien in russische Gubernien zu teilen, aber 
man will in Asien die Hegemonie haben, und man will den Handel 
Asiens in die Hand bekommen. Und welches sind denn diese 
nissischen Interessen? Wie grofs ist wohl die Zahl der Russen 
in ganz Asien, wie viel beträgt denn die Summe der russischen 
Waren, die nach Asien gehen? Rufsland führte im Jahre 1898 
an Fabrikaten im ganzen für 21,2 Millionen Rubel aus, und, wie 
ich schon früher angab, in der Frist von 1887 — 1899 durch- 
schnittlich jähriich für 25,6 Millionen Rubel. Nach Asien können 
davon also an Kattunen, Eisenwaren u. s. w. nur für wenige Mil- 
lionen jährlich gegangen sein. Und nun gar die russischen 
Handelsinteressen in Südpersien und am persischen Golfl Hat 
Rufsland gegenwärtig auch nur das geringste Interesse an dem 
türkischen Hafen von Koweit? Dort lebt nicht ein einziger Russe 
und mit jener Küste besteht kein Handel irgend welcher Art 
Aber es wurden im Herbst 1901 zwei Kriegsschiffe hingeschickt, 
um angebliche russische Interessen gegen Engländer und Deutsche 
dort zu wahren, und man will dort ein Konsulat errichten. Oder 
welche realen Interessen hat Rufsland in Abessinien? Und doch 
wurden diese Interessen unlängst zu einer nationalen Angelegen- 
heit ersten Ranges aufgebauscht Das ist wirkliche und wahre 
uferiose Weltpolitik. Sie wurde zwar schon von Peter I getrieben, 
hat seitdem aber nicht an Nützlichkeit gewonnen, sondern dient nur 
dazu, Beamte und Streber zu züchten und zu nähren, und wird von 
Beamten und der Presse deswegen ihrerseits genährt und getragen. 
Was ist denn die Macht eines Staates wert? Doch nur so 
viel, als sie dem Volke Nutzen, bringt Aufsere Macht giebt vor 
allem den Schutz gegen äufsere Feinde; darüber hinaus giebt sie 
Einflufs auf fremde Mächte, und dieser Einflufs wieder schafft 
Nutzen dem einzelnen Unterthan im Verfolgen seiner Interessen 
in der Fremde, und damit Nutzen dem ganzen Volke. Ist niemand 
da, dem die Macht in der Fremde nützen könnte, bringt die 
äufsere Macht, der aus ihr fliefsende Einflufs auf Menschen und 
Zustände an einem Orte in der Fremde keinem Angehörigen des 
Staates, der die Macht ausübt, einen Vorteil, so ist diese Macht 
eben nutzlos, und wenn ihre Erwerbung oder Erhaltung von dem 
betreffenden Staat Opfer an Geld und Menschenkraft fordert, so 



212 DREIZEHNTES KAPITEL 

ist solche Macht dem heimatlichen Volke schädlich, Verlust 
bringend. Wer einen Konsul unterhält an einem Platze im Aus- 
lande, wo kein Angehöriger des eigenen Staates lebt oder kein 
Handel mit dem heimatlichen Staat besteht, noch in Aussicht 
steht, der treibt Verschwendung mit Staatsmitteln. Der Konsul 
murs sich bezahlen durch den Vorteil, den er Angehörigen seines 
Staates an seinem Amtssitz sichert; sonst ist er eine Last für das 
Volk seiner Heimat Man ist heute nur zu leicht geneigt, das 
Vorhandensein staatlichen Ansehens und Einflusses an irgend 
einem fernen Ort oder Land an sich für etwas Wertvolles zu 
halten, und bedenkt dabei oft nicht, dafs solches Ansehen meist 
von erheblichen darauf verwendeten Kosten abhängt Man ist 
stolz, in irgend einem Koweit die Flagge zu zeigen, ein Konsulat 
in Buschiri den Engländern zum Trotz zu errichten, ohne ein 
anderes Bedürfnis dazu, als das, der nationalen Eitelkeit zu 
schmeicheln. Rufsland hat schon unter dem grofsen Peter eine 
Menge Vertretungen im Auslande bezahlt, die nichts einbrachten, 
sondern nur Aushängeschilder waren mit der Aufschrift: „Es giebt 
einen Staat, der Rufsland heifst'' Jetzt will Rufsland durchaus 
an den persischen Golf, und viele Politiker halten diesen Wunsch 
für durchaus begründet Aber welche Vorteile stellt denn ein 
russischer Hafen dort in Aussicht? Solange nicht eine Bahn von 
dem Kaspischen See oder von Merw zum Golf besteht, offenbar 
gar keine, denn dort verkehren weder russische Menschen noch 
Waren. Wird Rufsland diese Bahn bauen? Wird es wieder 
hunderte erborgter Millionen für eine blaue Zukunft ausgeben, 
während das Volk hungert? Und wäre die Bahn gebaut, meint 
man dann mit russischem Fabrikat die Engländer dort zu schlagen? 
Man hat wenig Ausfuhrwaren aufser Rohstoffen und thut, als habe 
man das gröfste Bedürfnis nach Absatzgebieten für Fabrikate; man 
phantasiert von Interessensphären, wo gar keine Interessen sind. 
Aber diese grofse Schwindelpolitik interessiert daheim viele Geme- 
grofse weit mehr, als die langweiligen Hungerer im Lande, die 
Provinzen ohne Wege, ohne Schule, ohne Arbeit, ohne Leben. 
Gegen England grofsthun ist weit befriedigender, als sich mit 
dem Jammer zu Hause zu beschäftigen, und da man in Persien, 
in Afghanistan die englische Handelskonkurrenz fürchtet, möchte 
man die Engländer hindern, sich am persischen Golf festzusetzen. 
Asien ist indessen nicht dazu da, zu warten, bis in der Zukunft 



J 



KOLONIEN UND WELTMACHT 213 

einmal Rufsland so weit sein wird, es kommerziell zu erschliefsen 
und zu versorgen, und der russische Steuerzahler ist nicht dazu da, 
zu hungern, damit künftige Generationen vielleicht in Vorderasien 
einmal keine englische oder deutsche Handelskonkurrenz vorfinden. 
Will man nüchtern die wirkliche Interessensphäre Rufslands 
in Asien umgrenzen, so umfafst sie die zentralasiatischen Länder, 
deren gröfster Teil bereits in russischen Händen ist, und aufser- 
dem das nördliche Afghanistan und das nördliche Persien mit 
Teheran und Ispahan. Aus diesen Gebieten zieht Rufsland einigen 
Nutzen und kann in Zukunft noch mehr Nutzen ziehen. Daher 
mag die eben begonnene Bahn Orenburg-Taschkent ein staats- 
wirtschaftlich richtiges Unternehmen sein. Rufsland holt sich von 
dort Rohstoffe, vor allem die ihm so wichtige Baumwolle, und es 
hat sich einen günstigen Markt für industrielle Waren, für Textil- 
waren, Zucker, Eisen, geschaffen. Dieses Gebiet ist sehr grofs und 
sehr entwickelungsfähig. Niemand tritt ihm dort in den Weg; 
auch wenn es seine Hand fester auf Teheran, Ispahan, Kandahar, 
flerat legen wollte, wird England schweriich zu einem Kriege 
schreiten, solange es Garantien dafür hat, dafs Rufsland sich auf 
diese Gebiete beschränken will, und solange Deutschland in dieser 
Frage auf russischer Seite steht Rufsland hat schon jetzt einen so 
starken finanziell-politischen Einflufs in Persien, dafs es die Eng- 
länder verdrängt hat Mit russischem Gelde ist die Heerstrafse von 
Rescht am Kaspi bis Teheran gebaut, eine persische Anleihe bei 
Rufsland hat russische Zollkontrolle, Kosaken und Beamte ins Land 
gebracht Das Land ist sehr schlecht verwaltet und bietet sich wie 
von selbst der russischen Schutemacht dar. Der Handelsumsatz 
Rufslands in Persien beträgt bereits jetzt etwa 6 Millionen Rubel 
jährlich. Wie Chiwa und Buchara, so wird auch Persien, wenigstens 
zum grofsen Teil, einmal russisch werden müssen. Dann hat Rufsland 
von der türkischen bis zur chinesischen Grenze ein Kolonialgebiet, 
wie es schöner und zugleich bequemer gelegen kein anderer Staat 
Europas hat, die Türkei etwa ausgenommen. Dieses Gebiet teils 
zu verwalten, teils wirtschaftlich zu bearbeiten, wird Rufslands 
Kräfte für eine lange Zeit ganz in Anspruch nehmen. Rufsland 
ist viel zu schwach, um ohne Schaden seine Kräfte so zersplittern 
zu können, wie es heute geschieht Die Fabel vom Hunde mit 
dem Knochen, den er aus Neid verior, sollte warnen. Ist der 
direkte Schienenweg von Taschkent über Orenburg nach Moskau 



214 DREIZEHNTES KAPITEL 

erst fertig, so wird man der wirtschaftlichen Unabhängigkeit Rufs- 
lands, nach der Herr Witte strebt, um ein Bedeutendes näher 
kommen. Aber jene reichen Länder erfordern zu ihrem vollen 
Blühen noch grofser Arbeit und grofser Summen, die hier besser 
angelegt wären als in Ostasien. Hier in Turkestan und in Persien 
liegt eine grofse Zukunft für Rufsland. Was aber darüber hinausgeht, 
das Drohen gegen den persischen Golf, die maritime Stellung im 
stillen und im indischen Ozean, die Ansprüche in Kleinasien und 
Mesopotamien — das ist leeres Gepolter, und wenn es mehr 
würde, ein gefährliches und teueres politisches Spiel. Das einzige 
Interesse, das Rufsland in Anatolien hat, ist ein rein militärisches, 
nämlich die Beherrschung der Strafse am Sfidufer des Pontus. 
Seit sich ihm an der Donau Rumänien in den Weg nach Kon- 
stantinopel gelegt hat, wünscht es ungehindert auf dem süd- 
lichen Landwege an den Bosporus kommen zu können. Auf 
diesem Wege aber tritt ihm Deutschland mit der Bagdadbahn 
nicht entgegen, hat auch, so viel wir wissen, in Konstantinopel 
dagegen keinen Einspruch erhoben, dafs sich Rufsland das Recht 
sicherte, jene Strafse einmal durch einen Schienenstrang zu ver- 
bessern und damit der Residenz des Sultans um ein Bedenkliches 
schneller zu Hilfe rücken zu können. Rufsland wird sich an den 
Gedanken gewöhnen müssen, dafs die Türkei nicht mehr aus- 
schliefsllch russische Interessensphäre Ist 

Die übermäfsige Weltpolitik birgt aufser der Schwächung 
der Volkskraft noch einen anderen Nachteil in sich. Sie tragt 
zur übermäfsigen Ausdehnung der büreaukratischen Gewalt bei 
Um dieser Weltpolitik willen mufs die Omnipotenz des Beamten- 
tums erhalten werden, ohne die sie nicht möglich wäre, eine 
Omnipotenz, die den im Volk geheiligten Titel zarischer Selbst- 
herrschaft führt, in Wahrheit aber die Herrschaft des welt- 
lichen und kirchlichen Tschinowniktums bedeutet Um dieser 
Politik des äufseren Glanzes und der Eroberungen willen raufs 
die staatliche Zentralisation immer schärfer durchgeführt werden, 
die alle Kräfte des Volkes aus den Provinzen herauszieht und in 
der Hand der ministeriellen Regierung sammelt Und umgekehrt 
wird die Zentralregierung zu einer Politik äufseren Glanzes und 
Scheines getrieben durch das Bedürfnis, die Volkskräfte in der 
Hand zu behalten, die ihr bei Mifserfolgen nach aufsen hin nicht 
mehr sicher wären. Denn dieser Beamtenstaat ist so grofs an 



KOLONIEN UND WELTMACHT 215 

Personenzahl geworden, dafs ihm die innere Einheitlichkeit fehlt 
und immer weiter schwindet, je gröfser er wird. Ein beträcht- 
licher Teil des Beamtentums selbst ist stets bereit, sich innerlich 
kritisch der Zentralgewalt gegenüber als zum Volk gehörig zu 
fühlen und zu stellen, und er wird das auch äufserlich bethätigen, 
sobald er durch äufsere Niederlagen verletzt oder in seinem Be- 
dürfnis nach neuen Ämtern und Erwerb eingeschränkt wird. Jeder 
neue Landzuwachs in Asien schafft dem Beamtentum neue Weide- 
plätze, wie andererseits jede Ausdehnung der Selbstverwaltung im 
Innern das Nährgebiet des staatlichen Beamtentums schmälert 
Aber hier sind eben auch die Grenzen. Reichen die Volkskräfte 
nicht mehr aus, die staatliche Weltpolitik zu tragen, bleibt der 
Erfolg aus, verbreitet sich die Erkenntnis, dafs die vom Volk ge- 
brachten Opfer zu grofs für den damit erkauften Gewinn sind, so 
kommt -die büreaukratische Omnipotenz ins Schwanken. Die 
russische Büreaukratie wird heute von Männern geleitet, die Kraft 
und den Willen haben, an dem zentralistlschen System festzuhalten 
trotz der bedenklichen Lage, in die alle Klassen des Volkes all- 
mählich geraten sind, und trotz der Mifsstimmung, die weite 
Kreise gegenüber der staatlichen Alleinherrschaft ergriffen hat. 
Man hält in diesen Kreisen die Opfer des russischen Volkes an 
Steuern und Männern, an Freiheit und Selbständigkeit für zu 
grofs im Verhältnis zu den dafür eingetauschten Leistungen der 
Büreaukratie. Man klagt, Rufsland, das eigentliche, das russische 
Rufsiand, verarme von Jahr zu Jahr mehr, während zugleich die 
Allmacht des staatlichen Beamtentums zunehme. Immer lauter 
und häufiger hört man Aufserungen in der Öffentlichkeit, die auf 
einen herannahenden Kampf lokaler Volkskräfte gegen die zentrale 
Macht des Beamtentums hindeuten. Auf diesen Kampf scheint 
die Zentralregierung selbst sich vorzubereiten, soweit er nicht 
schon in vollem Gange ist, indem sie die Machtquellen in Finanzen 
und Administration aufs äufserste zentralisiert 

So werden die spärlichen Kulturkräfte nach beiden Seiten hin 
fort und fort vergeudet: in Asien durch zu mafslose territoriale 
Ausdehnung und ebenso mafslose Ausdehnung phantastischer 
Interessen; im Westen durch Absperrung gegen den Eindrang 
fremder Kulturkraft und Kampf gegen die im eigenen Lande vor- 
handenen fremden Kulturkräfte. 

Es giebt Leute, die diesem russischen Volke alle Zukunft in 



216 DREIZEHNTES KAPITEL 

der kulturlichen Entwickelung zur Selbständigkeit absprechen. 
GOB[NEAU hat das vor Jahrzehnten von seinem ethnologischen 
Gesichtspunkte aus gethan, und gerade gegenwärtig verbreitet sich 
diese Ansicht wieder unter denen, die sich nicht auf die Bewunde- 
rung auf serer Gröfse und äufseren Glanzes beschränken, sondeni 
der Leistungsfähigkeit des Volkes nachspüren. Und man könnte 
in der That den Glauben an dieses Volk verlieren, wenn man 
sieht, wie es stets nach Selbständigkeit und Freiheit verlangt, 
und wie es unfähig ist, sich ihrer zu bedienen, sobald es sie 
irgendwo oder in irgendeinem Mafse erlangt Man kann es be- 
greifen, wenn ein Minister selbst an der Möglichkeit verzweifelt, 
dafs das Volk aus eigener Initiative je seine Lebensverhältnisse 
durch Fleifs, Ordnung, Pflichtbewufstsein fördern werde, und wenn 
er endlich wieder zu dem alten System, der amtlichen Peitsche, 
zurückgreift Aber wenn man sich dazu genötigt sieht, dann 
müfste man sich auch eingestehen, dafs man es nicht mit einem 
Kulturvolk, sondern mit einem rohen Naturvolk zu thun hat, und 
man sollte nationale Ansprüche und staatliche Formen vermeiden, 
die nur auf Kulturvölker anwendbar sind. Man sollte sich klar ein- 
gestehen, dafs der Russe, wie er heute ist, nicht das leitende, 
mafsgebende Element in einem Reiche sein kann, in dem er nicht 
nur westeuropäischen Elementen, sondern selbst Finnen und Ta- 
taren an Kulturkraft nachsteht Das aber ist der Zauberkreis, 
dals dieses Naturvolk von 86 Millionen es nicht vertragen kann, 
an zweiter Stelle zu stehen, sondern durch äufseren Schein die 
eigenen Mängel zu verdecken strebt. Mit diesem nationalen Em- 
pfinden mufs jeder Minister rechnen, und so wird der Russe nicht 
kulturlich gehoben durch die im Lande vorhandenen fremden 
Elemente, sondern diese werden hinabgedrückt auf den Stand der 
russischen Leblosigkeit Diese Lage ist allerdings fast hoffnungs- 
los. Oberall in Europa hat die nationale Idee sich zu einer Krank- 
heit der Volksseele gesteigert; in Rufsland bedeutet sie als leitendes 
Prinzip die Erstarrung, den Stillstand allen Volkslebens. Und ein 
Minister, der diesem Prinzip zu gunsten der Kultur und des Volks- ' 
rechtes entsagte, müfste, um Erfolg zu haben, ein Staatsmann 
allerersten Ranges sein. Mittelgröfsen werden stets Im Pollzei- 
staat stecken bleiben, so lange sie an der uniformierenden Zen- 
tralisation festhalten. 



VIERZEHNTES KAPITEL 

DIE LANDSCHAFTSVERFASSÜNG^ 

In Stuttgart ist von der Redaktion einer russisclien Zeitschrift, 
die sicli „Morgenröte" nennt, zu Anfang 1901 eine höchst 
merliwfirdige Schrift veröffentlicht worden. Sie ist in russischer 
Sprache verfafst, betitelt sich „Selbstherrschaft und Landschaft" und 
enthält eine Denkschrift des russischen Finanzministers W TTE über 
die russischen Landschaftsinstitutionen. Sie ist eine Streitschrift 
gegen eine Denkschrift des ehemaligen Ministers des Innern 
GOREMYKIN, die ihrerseits durch eine Denkschrift WITTES hervor- 
gerufen worden war, und in der GOREMYKIN seinen Plan verteidigte, 
die Landschaftsinstitutionen in den sogenannten Westgebieten ein- 
zufuhren. 

Wenn es sich blos darum handelte, nachzuweisen, dafs der 
Plan GOREMYKlNs gänzlich verfehlt sei, so wäre dazu nichts weiter 
zu sagen. WiTTE hätte vollkommen recht, und GOREMYKIN, weil 
er vollkommen unrecht hatte, mufste seiner Wege gehn. Aber 
hier ist sehr viel mehr als ein Streit um die Einführung der Land- 
schaft im Westen; hier wird ein Prinzipienstreit ersten Ranges ge- 
führt von einem Minister ersten Ranges nicht nur gegen einen 
Kollegen, sondern gegen das halbe Rufsland oder drei Viertel von 
Rufsland. Es handelt sich darum, ob Rufsland büreaukratisch- 
absolut bleiben oder in konstitutionelle Bahnen geleitet werden soll. 

Was die Meinung Goremykins sei, kann uns gleichgiltig sein, 
um so mehr, als man aus dieser Streitschrift diese Meinung nicht 
deutlich zu erkennen vermag. Die Meinung eines so gewaltigen 
Mannes wie WITTE aber interessiert uns sehr, und er sagt sie 



Bereits zum Teü veröffentlicht in den Grenzboten, III, 1901. 



218 VIERZEHNTES KAPITEL 

uns am Schlüsse der Schrift mit klaren Worten. Er hält die 
modernen Konstitutionen für die grofse Lüge unsrer Zeit und ihre 
Anwendung auf Rufsland für das sichere Mittel der Auflösung 
dieses Reiches. Darin mag er wohl nicht unrecht haben. Nun 
aber erklärt er selbst, dafs es so wie jetzt mit der Verwaltung 
des Reiches nicht weiter gehen könne, weil zwei feindliche Prin- 
zipien einander in der Verwaltung bekämpfen: die staatliche 
BQreaukratie und die Organe der landschaftlichen Selbstverwaltung, 
jene als Vertreterin monarchischer Selbstherrschaft, diese als Ver- 
treter einer Volksgewalt, die notwendig zur Konstitution, zur Teil- 
nahme des Volkes an der Gesetzgebung führen müsse. Auch 
hierin mag Witte recht haben. Aber was soll nun geschehen, 
den Zwiespalt aufzulösen? Es soll, sagt Witte, keinerlei Er- 
weiterung der Thätigkeit der Landschaften erlaubt werden, es soll 
ihr eine klare Grenze gezogen werden, die sie unter keinem Ver- 
wände überschreiten darf. Zugleich aber soll so schleunig als 
möglich eine richtige und zweckentsprechende Organisation der 
staatlichen Administration vorgenommen werden, in dem Bewufst- 
sein, dafs „wer der Wirt im Lande ist, auch der Wirt in der 
Administration sein sol^^ 

Soll hierin nun das Programm WriTEs enthalten sein, mit 
dem er die grofse Reform ins Werk setzen und die Entwicklung 
einer landschaftlichen Thätigkeit von vierzig Jahren abthun will? 
Eine Reform der Staatsverwaltung — nichts weiter? Das Ei des 
Kolumbus, so scheint es; nur dafs man, wenn man bedenkt, wie 
sich seit zweihundert Jahren alle russischen Zaren und Zarinnen, 
Minister und Kanzler bemüht haben, eine solche „regelrechte und 
passende Organisation^ zu erfinden, bisher aber keine „regelrecht 
und passend" war, etwas zweifelhaft werden kann an der Aus- 
führbarkeit der Aufgabe, die Witte sich oder andern Ministern 
stellt Wenn das so leicht wäre, wenn das auch überhaupt aus- 
führbar wäre, was Witte will: eine durchaus zentralistisch geleitete, 
allgewaltige Beamtenherrschaft, mit einer „richtig organisierten Be- 
teiligung der gesellschaftlichen Elemente an den staatlichen In- 
stitutionen", dann wäre seit den Reformen Katharinas II dieses 
Ideal wohl gefunden worden, dann hätte auch Witte nicht so viel 
Mühe darauf zu verwenden brauchen, nachzuweisen, dafs die Land- 
schaftsinstitutionen prinzipiell unvereinbar seien mit der absoluten 
frischen Macht. Was ist denn die „richtig organisierte Beteiligung 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSÜNG 219 

der gesellschaftlichen Elemente*^ an der Verwaltung der öffent- 
lichen Dinge, die die unrichtig organisierte Beteiligung der Land- 
schaften ersetzen soll? 

„Die Entwicklung der gesellschaftlichen Kräfte/' sagt Witte, 
„die volle und allseitige Entwickelung widerspricht nicht nur nicht 
den Prinzipien der absoluten Monarchie, sondern verleiht ihr viel- 
mehr Lebendigkeit und Kraft Indem die Regierung zur Entwick- 
lung der gesellschaftlichen Selbstthätlgkeit mitwirkt, indem sie so- 
zusagen auf den Schlag des gesellschaftlichen Pulses horcht, gerät 
sie doch nicht in Abhängigkeit von der Gesellschaft, bleibt sie eine 
vemQnftige Kraft und eine folgerichtige Macht, versteht immer ihre 
Ziele, kennt immer auch die Mittel zu ihrer Erreichung, weifs, wo- 
hin sie geht und führt/' Nun wahrlich, wir haben WnTE bisher 
oft als einen Mann der praktischen und energischen Thatkraft be- 
wundert und sind um so mehr erstaunt, ihm hier als einem Idea- 
listen von höchstem Fluge zu begegnen. Der aufgeklärte Absolutis- 
mus des Herrn Ministers stellt sich da, wie es uns scheint, eine 
Aufgabe, die kein Staat des achtzehnten Jahrhunderts vollständig 
gelöst hat, auch wenn er das beste Material an Beamten zur Ver- 
fügung hatte, und die das Rufsland des zwanzigsten Jahrhunderts 
nun nach der Meinung Wittes lösen soll. Was trieb denn die 
Regierung Alexanders II dazu, zur provinziellen Selbstverwaltung 
zu greifen, wenn nicht die Erfahrung, dafs das staatliche Beamten- 
tum unfähig sei, sowohl den Pulsschlag des Volkes zu vernehmen, 
als auch die übrigen Ideale des Herrn Ministers zu erfüllen? Was 
ist denn die ewige seit Jahrhunderten von Rufsland zu uns herüber- 
tönende Klage, dafs es an einem tüchtigen Beamtenmaterial fehle? 
Hat sich denn das plötzlich geändert? Hören wir denn nicht täg- 
lich von uralten Schäden dieser Büreaukratie, an der seit Peter I 
herum reformiert wird ohne durchgreifenden, genügenden Erfolg, 
und der als Ersatz und Kontrolle in bescheidenen Grenzen die 
landschaftliche Selbstverwaltung von 1864 gegenübergestellt ward? 
Woher hat denn der Minister plötzlich das Vertrauen in diese 
Büreaukratie gewonnen, um mit ihr, auch wenn sie „richtig und 
passend organisiert'' ist, die ideale Verwaltung eines Reiches wie 
Rufsland zu ermöglichen? 

Es ist aber nicht unsre Sache, als Verteidiger der russischen 
Selbstverwaltung aufzutreten. Uns interessiert vor allem die Frage, 
welchen Weg das russische Staatsleben einschlagen werde, Und 



220 VIERZEHNTES KAPITEL 

hier haben wir eine Schrift, in der sich der heute, oder doch vor 
drei Jahren, als er die Schrift verfafste, mächtigste Mann in Rufs- 
land klar fär die Rückkehr zu dem System rein büreaukratisch- 
zentralistischer Regierung ausspricht. Wenn wir jedoch aufmerk- 
sam zwischen den Zeilen lesen, so dünkt uns, dafs der Minister 
nur unter schwerem innerm Kampf zu seiner Erklärung gelangt 
ist, weil er der Ausführbarkeit seines büreaukratischen Ideals 
keineswegs so ganz sicher war, vielmehr zu seinem Entschlufs 
nur deshalb gelangte, weil er keinen andern Ausweg fand, der 
gefürchteten Konstitution zu entgehen. So ängstlich wie er steht 
aber wahrscheinlich nur eine Minderheit der politisch thätigen 
Männer' einer kommenden Volksvertretung gegenüber, und noch 
viel geringer dürfte die Zahl derer sein, die mit dem Minister die 
Selbstverwaltung definitiv zu lähmen und die Omnipotenz des 
Tschinowniktums zu rehabilitieren bereit sind. Es ist deshalb 
doch zweifelhaft, ob WmE das letzte Wort behalten wird; es ist 
von Interesse, seinen Ausführungen etwas genauer nachzugehen. 
In seiner ersten Denkschrift hatte er ausgeführt, dafs in einer 
autokratischen Staatsordnung mit der in ihr unvermeidlich büreau- 
kratischen Zentralisation die landschafüiche Selbstverwaltung ein 
unpassendes administratives Mittel sei, oder dafs sie unvermeidlich 
zur Volksvertretung und zur Teilnahme dieser an Gesetzgebung 
und oberster Verwaltung führe. Beides sucht er in dieser zweiten 
Denkschrift eingehend zu begründen, wobei freilich der Beweis für 
die Unverträglichkeit der Selbstverwaltung mit einer autokratischen 
Staatsordnung recht leicht genommen wird. Denn so grofs die 
Menge wissenschaftlicher Autoritäten ist, auf die sich der Minister 
in seiner Schrift beruft, so erscheint seine Behauptung, dafs die 
Selbstverwaltung schon heute von der Theorie fast verworfen sei, 
dennoch auch wissenschaftiich anfechtbar. Sehr viel besser be- 
gründet, aber freilich auch kaum von jemand bestritten ist die 
weitere These, dafs Selbstverwaltung und Staatsbüreaukratie ein- 
ander wesentlich gegensätzlich gegenüber stünden. Diesen prin- 
zipiellen Gegensatz hält Witte nun für einen ausgiebigen Beweis 
gegen die Erspriefslichkeit einer gleichzeitigen Thätigkeit beider 
Arten von Beamten, denn es kommt ihm gar nicht in den Sinn, 
auch nur zu untersuchen, ob das Vorhandensein eines solchen 
Gegensatzes und der aus ihm folgende Kampf nicht an sich auch 
nützlich sein können. Widerstand gegen die oberste Staatsleitung 



DIE L Ä NDSCHA FTS VERFA SS ÜNG 221 

ist ihm an sich ein Übel, das prinzipiell beseitigt werden mufs. 
Er führt gegen die Selbstverwaltung als eine Erfahrung ins Feld, 
dafs es leichter sei, einen Gouverneur ein- und abzusetzen, als 
ein gewähltes Stadthaupt, leichter, eine Anordnung irgend einer 
staatlichen Behörde abzuändern, als den Beschlufs einer Land- 
schaft u. s. w. Der starre Büreaukrat charakterisiert sich hiermit 
genügend scharf. Aber alle solche Bedenken treten doch zurück 
vor der drohenden Gefahr, aus der lokalen Selbstverwaltung eine 
allgemeine Volksvertretung, eine Reichsverfassung nach europäi- 
schem Muster hervorgehen zu sehen. Um diese Gefahr recht deut- 
lich zu machen, läfst der Minister einen langen Zug wissenschaft- 
licher Gröfsen als Zeugen auftreten. 

Es ist, sagt man, fast üblich, dafs russische Minister 
und Würdenträger in solchen Staatsschriften in der vollen 
Rüstung europäischer Wissenschaft auftreten. Jedenfalls hat 
WnTE in einer Anlage zu dieser Denkschrift eine Sammlung ge- 
lehrter Quellen gegeben, zum Beweise des innigen Zusammenhangs 
zwischen Selbstverwaltung und repräsentativer Staatsverfassung. 
Er bedauert zwar die Kürze dieser Quellensammlung; aber der 
kurze Abrifs dieser Sammlung, der einen grofsen Teil des Textes 
seiner Denkschrift umfafst, ist allein schon ausreichend, über die 
Gelehrsamkeit Staunen zu erregen, über die ein russischer Minister 
verfügt Die gesamte staatsrechtliche Litteratur Europas, die Ver- 
fassungen und Provinzialordnungen und Kreisordnungen Deutsch- 
lands, Frankreichs, Englands, ja Rumäniens und Japans, die 
Geschichte der französischen Revolution und der Stein-Harden- 
BERGschen Reformen bis auf die Vorgänge von 1848 und die 
Debatten im Reichstage von 1872 — alle die Waffen des Geistes 
sind da, um — die enge Verbindung von Selbstverwaltung und 
Konstitutionalismus zu beweisen. Allerdings scheint das dringend 
nötig gewesen zu sein gegenüber einem Minister, der seinerseits, 
ganz auf wissenschaftlichem Boden stehend, aus der russischen 
Geschichte nachgewiesen hatte, dafs die örtliche Selbstverwaltung 
durch den ganzen Gang der russischen Geschichte, durch die be- 
sondere gesellschaftliche Struktur und sogar durch die geogra- 
phische Lage im voraus angezeigt sei, und dafs mit Ausnahme 
einer kurzen Übergangszeit um die Mitte des dreizehnten Jahr- 
hunderts die büreaukratische Verwaltung niemals zur Grundlage 
des russischen Staatsbaues gedient habe. So überraschend diese 



111 VIERZEHNTES KAPITEL 

Anschauungen des Ministers des Innern sind, so überzeugend ist 
die Meinung des Ministers der Finanzen von der Tendenz der 
örtlichen Selbstverwaltung zu der allgemeinen Selbstverwaltung, 
wenn es eines Beweises noch heute bedurft hätte; nur dafs der 
grofse Vorzug, der nach Wittes Meinung der russischen Ent- 
wickelung vor der europäischen eigen ist: der Vorzug, den Kampf 
der Stände untereinander und mit dem Monarchen vermieden zu 
haben, schwerlich allgemeine Anerkennung finden dürfte. Denn 
diesem Kampfe wird auch Rufsland nicht entgehn, und Wtte 
selbst schürt ihn vielleicht zu unnötig hoher Flamme auf, eben 
durch die rücksichtslose Verwirklichung seines staatlichen Ideals 
der autokratischen Büreaukratie und der aus ihr folgenden Zen- 
tralisation der Staatsverwaltung. 

In der Verehrung dieser Zentralisation läfst WITTE sich wieder 
von der Wissenschaft, insbesondere von A. Leroy-Beaülieü, be- 
stärken, dem Fremden, obwohl der entgegengesetzte Standpunkt 
von so guten Kennern Rufslands wie Herzen, den beiden Aksakow, 
dem Historiker KOSTOMAROW eingenommen wird. Es ist in der 
That leicht, blendende Argumente für die Notwendigkeit einer ad- 
ministrativen Zentralisation in Rufsland aufzuführen, und Leroy- 
Beaulieü hat das ausgiebig gethan.^ Aber wir haben einmal erlebt, 
wie der Baron HaxthaüSEN vor fünfzig Jahren alle Welt mit seiner 
Entdeckung des sozialen Ideals in der russischen Gemeindever- 
fassung blendete und die vernünftige Entwickelung der russischen 
bäuerlichen Verhältnisse bis auf den heutigen Tag in unheilvollster 
Weise zurückgehalten und verwirrt hat Der Mir, die russische 
Bauerngemeinde, ist bis heute noch ein nationales Dogma, an das 
viele glauben, und wenn WITTE sein Ziel erreichen sollte, so könnte 
die büreaukratische Zentralisation ebenso zu einem nationalen Dogma 
werden. Denn an blendenden Argumenten dafür mangelt es nicht 
für den, der weniger das Wohl des russischen Volkes als den 
Glanz des russischen Staates im Auge hat und wenn dieses 
Dogma, einmal anerkannt auch nicht die Lebensdauer des anderen 
Dogmas HAXTHAüSENscher Erfindung haben wird, so wird es 
doch weit gröfseres Unheil als dieses über das gesamte, nicht 
blos das bäuerliche Volksleben Rufslands bringen. Wenn WITTE 
alle die wissenschaftlichen Quellen, die er in überreichem Strome 



' L'empire des Tsars, 



DIE LäNDSCHAFTSVERFASSUNG 223 

fliefsen läfst, wirklich gründlich, und besonders wenn er sie selbst 
erforscht hätte, so hätte er an seinem Dogma und an seiner 
Autorität Leroy zweifelhaft werden müssen. Aber so gut Witte 
unbedenklich annimmt, dafs die wissenschaftliche Rüstung seines 
Gegners GOREMYKIN von anderen iländen zusammengestellt wurde, 
so gut dürfen wir annehmen, dafs Witte niemals die grofse Biblio- 
thek gesehen oder doch durcharbeitet hat, auf die er sich beruft 
Auch er hat sich seine wissenschaftliche Ausrüstung von „Zu- 
sammenstellern'' machen lassen, auch er hat weder Gneist noch 
HoLTZENDORFF noch gar Friedenthal, weder Barante, noch Dicy, 
noch Brougham, noch Marx, noch AVill, noch den Japaner 
Jyenaga u. s. w. studiert, um diese seine Denkschrift zu ver- 
fassen, und seine , Zusammensteller'', wie der Ausdruck bei Witte 
wörtlich lautet, haben die grofse Litteratur Europas nur in usum 
ministri verarbeitet, ohne ihm mehr davon zu sagen, als er hören 
wollte. Und hören wollte er nur, dafs Rufsland nicht anders 
regiert werden könne, als von einem zentralisierten Staats -Tschi- 
nowniktum, und dafs deshalb die Selbstverwaltung in Rufsland 
ein Unding sei. 

Wenn das wissenschaftliche Turnier der beiden Minister uns 
allenfalls als Kennzeichen für die Art der Kriegführung zwischen 
russischen leitenden Staatsmännern interessiert, so wird doch 
unsere Aufmerksamkeit weit stärker in Anspruch genommen von 
den Abschnitten der Schrift, in denen uns eine kurze Geschichte 
der Kämpfe geboten wird, die von 1864—1900 zwischen den Land- 
schaften und der Staatsregierung ausgefochten wurden. Und man 
wird die Objektivität anerkennen müssen, mit der der Minister 
diese Kämpfe darlegt, indem er, die Fehler der Landschaften 
wenig beachtend, hauptsächlich auf das gewaltsame Vorgehen der 
Staatsregierung hinweist Wir folgen seinen Darlegungen in ge- 
drängter Kürze. 

Das allständische Prinzip, sagt der Minister, erschien in 
unseren Institutionen plötzlich, ohne einen ihm vorausgehenden 
langen historischen Prozefs, der die gesellschaftlichen und stän- 
dischen Unterschiede schrittweise ausgeglichen hätte. In dem 
Rufsland zu Anfang der sechziger Jahre vollzog sich ein tiefer 
Umschwung in den Anschauungen von Regierung und Gesellschaft. 
Die alten Ordnungen brachen zusammen; der politische Bau des 
Reiches, der so lange auf der ständischen Organisation und der 



224 VIERZEHNTES KAPITEL 

Hierarchie der örtlichen Gesellschaften geruht hatte, fand sich 
Auge In Auge dem allständischen Prinzip gegenübergestellt; man 
mufste das System der örtlichen Verwaltung radikal ändern. Die 
allgemeine Strömung war auf eine politische Änderung gerichtet 
und hatte ihren Brennpunkt in der „Glocke'' Herzens. Die 
liberalen Ideen und der Konstitutionalismus waren damals so 
stark, dafs sogar Katkow die Berufung einer allrussischen Land- 
schaftsversammlung zur Organisierung der öffentlichen Meinung 
befürwortete. Unter den Männern, die das Gesetz über die Orga- 
nisation der Landschaften vorbereiteten, waren viele, die mit dem 
Führer in dieser Sache, MiLUTiN, meinten, dafs die Einführung 
einer Konstitution verfrüht, aber prinzipiell zu wünschen sei. 
MlLüTlN wollte den 'Bau von unten beginnen, mit örtlichen Wahl- 
körpern, in denen das Land zur Selbstverwaltung erzogen werden 
würde; die Wahlkörper sollten die Keime für eine kräftige repräsen- 
tative Reichsregierung werden. Es ist bemerkenswert, wie objektiv 
und warm Witte an dieser Stelle die „hervorragenden Staats- 
männer der sechziger Jahre" gegen Angriffe GOREMYKINS ver- 
teidigt, die „ihrer Zeit so viel Grofses vollbrachten, wie es ihre 
Nachfolger nicht leisteten, die sich um die Erneuerung unseres 
staatlichen und gesellschaftlichen Baues nach ihren innigen Über- 
zeugungen mit freier Ergebenheit gegenüber ihrem Herrscher und 
nicht gegen sein Streben bemühten." Rechnet W TTE sich zu ihren 
Gesinnungsgenossen? 

In dem die Landschaftsinstitutionen ankündenden Manifest vom 
31. März 1863 bezeichnete Alexander II die vernünftige Ordnung 
der örtlichen Selbstverwaltung als die Grundlage des gesamten 
gesellschaftlichen Baues. Weiter hiefs es: „Indem wir diese Ein- 
richtungen bewahren, behalten wir uns vor, wenn sie durch die 
Praxis erprobt sein werden, an ihre weitere Entwickelung nach 
Mafsgabe des nach Zeit und Ort Nötigen zu gehen.'' Und in 
einer Depesche vom 14. April desselben Jahres an den russischen 
Botschafter in London sagte der Reichskanzler Fürst GORTSCüAKOW: 
„Das von unserem allerhöchsten Monarchen angenommene System 
enthält in sich den Keim, der durch Zeit und Erfahrung entwickelt 
werden soll. Es hat die Bestimmung, auf Grund provinzieller und 
munizipaler Einrichtungen, die in England der Ausgangspunkt und 
die Grundlage von Gröfse und Wohlfahrt gewesen sind, zur ad- 
ministrativen Autonomie zu führen.'' In demselben Sinne sprach 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSUNG 225 

sich der Zar im August gegen MlLüTiN aus: er habe keine Ab- 
neigung gegen eine repräsentative Staatsleitung, aber die Russen 
seien für eine Konstitution noch nicht reif. 

In der Kommission, die das -Landschaftsgesetz von 1864 aus- 
arbeitete, präsidierte ein so lionstitutionell denliender Mann wie 
MiLUTiN, und arbeitete man im Geist und in den Formen lionstitu- 
tionellen Lebens. Aber sehr bald erstarlite neben der liberalen 
Strömung das Mifstrauen, die Furcht vor dem Reformelfer, be- 
sonders in dem von der Aufhebung der Leibeigenschaft erschütterten 
Adel und bald auch in den Regierungskreisen. Der neue Minister 
des Innern, WALüJEW, übernahm an Stelle MlLüTiNs den Vorsitz in 
der Kommission, und man begann in ihr zu lavieren, zwischen den 
beiden Prinzipien Ausgleiche zu suchen. Die Selbständigkeit der 
Landschaften wurde nicht mehr das klare Ziel der Arbeiten, son- 
dern die ohne Gefährdung der staatlichen Autorität mögliche Be- 
friedigung der hochgespannten Erwartungen der liberalen Menge. 
Das Landschaftsgesetz bekam den unbestimmten Charakter, der 
das Ergebnis des Bestrebens war, sowohl die Anhänger als die 
Gegner der Reform zufrieden zu stellen: die ersten wurden mit 
der Zukunft vertröstet, die anderen damit beschwichtigt, dafs die 
Kompetenzen der Landschaften äufserst elastisch bestimmt wurden. 
Insbesondere unterliefs man, die Grundlage des Baues, die allstän- 
dische Gemeinde zu schaffen. Im ganzen blieb die gesetzgebende 
Gewalt des Staates unangetastet, seine verwaltende Macht aber 
wurde stark zu Gunsten der neuen landschaftlichen Institute ein- 
geschränkt als der repräsentativen Organe der örtlichen Bevölkerung. 
Die Regierungsgewalt spaltete sich und mufste zum Antagonismus 
führen. Von den ersten Jahren des Bestehens der Landschaften 
an machte sich dieser Antagonismus bemerkbar. Gegenseitiges 
Mifstrauen und Verdacht, je nach Umständen offene oder geheime 
Opposition, passiver Widerstand und sogar offener Kampf — das 
sind die Züge und die einzelnen Episoden der Geschichte dieser 
Beziehungen. Auf selten der Regierung war die Macht, und die 
Ausbrüche der Landschaften waren deshalb zur Erfolglosigkeit ver- 
urteilt Die äufsere Erscheinung dieser Beziehungen ist diese: von 
der einen Seite unterdrückt das gouvernementale Prinzip mehr und 
mehr das landschaftliche, andererseits strebt die Landschaft da- 
nach, aus dem engen Rahmen, den man ihr gegeben hatte, heraus- 
zukommen, zu einer realen Macht zu werden, sich ausführende 



226 VIER ZEHNTES KA PI TEL 

Organe zu schaffen und Teilnahme an der Zentralverwaltung zu 
erlangen. Dieser Kampf ist nicht zufällig, keine psychologische 
Verirrung, sondern ein Prinzipienkampf. 

Die Selbständigkeit der Landschaften war schon durch das 
Grundgesetz von 1864 beschränkt Manche ihrer Beschlüsse 
konnten vom Gouverneur oder vom' Minister des Innern inhibiert 
werden, wenn sie „den Gesetzen oder dem allgemeinen Nutzen 
des Staates" widersprachen. Der elastische Begriff des staatlichen 
Nutzens ermöglichte eine immer fortschreitende Unterwerfung der 
Landschaften unter die Macht und Aufsicht des Gouverneurs. 
Durch Senatserläuterung vom 16. Dezember 1866 wurde den Gou- 
verneuren das Recht eingeräumt, jeder von den Landschaften 
erwählten Person die Bestätigung wegen mangelnder Wohlgesinnt- 
heit zu verweigern. Im folgenden Jahre wurde die Disziplinar- 
gewalt des Vorsitzenden der Landschaftsversammlungen (Adels- 
marschälle) stark vermehrt Diese Versammlungen kamen damit 
ganz in die Hände des ständischen Vorsitzenden und des Gouver- 
neurs. Im Jahre 1879 erhielten die Gouverneure das Recht, land- 
schaftliche Beamte wegen mangelnder Wohlgesinntheit zu entfernen. 
Durch verschiedene Verordnungen wurden die landschaftlichen Arzte 
und Apotheker abhängig gemacht von den staatlichen Medizinal- 
behörden und Gouverneuren, die Schulräte von den Schulkura- 
toren, die Lehrer von den Inspektoren u. s. w., woraus hervorgeht, 
dafs die Regierung strebte, die landschaftliche Selbständigheit ein- 
zuschränken, zu blofsem Schein zu machen, die Landschaften selbst 
aus selbständigen, nur unter der Kontrolle der Regierung stehenden 
Organen allmählich auf die Stufe büreaukratischer, dem Willen des 
Gouverneurs gehorsamer Behörden herabzusetzen. 

Damit parallel ging stufenweise eine Beschränkung der land- 
schaftlichen Kompetenz. Durch Gesetz vom 21. November 1866 
wurde das Recht der Landschaften, die Handels- und Industrie- 
anstalten zu besteuern, eingeschränkt Aber der ernstesten Ein- 
schränkung unteriag die Landschaft auf dem Gebiet des Volks- 
unterrichtes. In den ersten Jahren war der Landschaft eine sehr 
weite Teilnahme an der Fürsorge für das Volkschulwesen auf 
Grund des Gesetzes von 1864 eingeräumt worden, so dafs that- 
sächlich die Landschaft fast volle Herrschaft in der Volksschule 
gewann. Nachdem Graf Dimitri Tolstoi Minister der Volksauf- 
klärung geworden war, erging alsbald eine Reihe von Mafsregeln, 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSUNG 227 

die den Zweck hatten, die Landschaft von der thatsächlichen 
Leitung des Volksunterrichtes zu beseitigen und sie auf die blos 
ökonomischen Interessen zu beschränken. Im Jahre 1869 wurden 
staatliche Inspektoren geschaffen, die 1871 das Recht erhielten, Volks- 
schullehrer wegen mangelnder Wohlgesinntheit zu entfernen und 
Beschlüsse der Schulräte zu inhibieren; 1873 wurde durch kaiser- 
liches Reskript offen die Sorge ausgesprochen, dafs die Volks- 
schule zu einem Werkzeuge sittlicher Fäulnis des Volkes werden 
könnte, weshalb den Adelsmarschällen aufgetragen wurde, in dieser 
Hinsicht besonders wachsam zu sein. Im Jahre 1874 wurden die 
Adelsmarschälle zu Vorsitzenden in den Schulräten gemacht, die 
Kompetenz der Schulräte wurde auf blofse Formen herabgesetzt, 
und die ganze Verwaltung der Schulen in Wirklichkeit in die 
Hände staatlicher Direktoren gelegt Die Landschaften protestierten 
heftig gegen die Bedrückungen. Die Landschaftskommission von 
Charkow klagte 1880, der Volksschullehrer sei in die Abhängigkeit 
von einer ganzen Reihe von Obrigkeiten geraten, angefangen bei 
den Schulräten, den Adelsmarschällen, den Inspektoren und Direk- 
toren bis hinab zum Bezirkspolizisten und Landpolizisten, ja 
mittelbar bis zum Dorfgeistlichen und Gemeindeschreiber, von 
denen jeder in der Schule seine Rechte und Forderungen geltend 
mache. Der Lehrer vertiere allen Boden, könne seine Pflicht nicht 
ernstlich erfüllen, und die Folge sei eine allgemeine Flucht der 
Volksschullehrer. Ahnliche Proteste kamen von anderen Land- 
schaften und Schulräten. So schrieb der Nowgoroder Schulrat: 
„Wenn sich noch so selbstlose Lehrer finden, die unter solchen 
Umstanden ihre Pflicht gewissenhaft erfüllen, so mufs man sich 
darüber verwundern, mufs sich noch der Resultate freuen, die 
Jetzt erzielt werden." 

Auf den anderen Gebieten der Selbstverwaltung, wie iWedizinal- 
wesen, Wegebau u. s. w., konkurrierten die Landschaften mit den in 
den Gubernien noch erhaltenen entsprechenden staatlichen Organen; 
„in dieser konkurrierenden Thätigkeit gewährte die Staatsregierung 
systematisch alle Vorzüge diesen letzteren, die sie als die ihrigen 
ansah, und überiiefs der Landschaft nur eine untergeordnete, rein 
dienende Rolle. Diese Bevorzugung äufserte sich sogar in den un- 
wesentlichsten, bedeutungslosesten Fragen, einschliefslich der be- 
scheidenen Angelegenheit der Wegereparaturen." 

„So wurde," sagt Witte weiter, „die Selbständigkeit, diese 

16» 



228 VIERZEHNTES KAPITEL 

Grundlage jeder Selbstverwaltung, und ebenso die Sphäre der 
landschaftlichen Kompetenz von der Regierung systematisch ein- 
geengt Offenbar traute sie der Landschaft nicht Das Mifstrauen 
ist besonders klar zu erliennen in ihrem Verhalten zu den land- 
schaftlichen Gesuchen. In Bezug auf diese Gesuche war die Re- 
gierung sogar nicht immer konsequent; sie äufserte sehr häufig 
ein übermäfsiges Mifstrauen, indem sie auch solche landschaft- 
liche Gesuche abwies, die eine ernste Begründung für sich hatten.'^ 
So wurden alle landschaftlichen Gesuche abgewiesen, die Aus- 
schliefsung der Steuerschuldner von der Wählbarlieit in die 
landschaftliche Vertretung und Geldstrafen für die stimmenden 
Glieder der Landschaftsversammlungen wegen unbegründeten Aus- 
bleibens von den Sitzungen beantragten. Ganz besonders scharf 
aber war das Mifstrauen der Regierung gegen die Bitten der Land- 
schaften um Schaffung eines untersten kleinen Verwaltungskörpers, 
um eine Vereinheitlichung ihrer Thätigkeit und um Erlafs dieser 
oder jener allgemein staatlichen Gesetze. 

„Nach dem Grundgedanken des Gesetzes von 1864 sollte die 
Landschaft ,eine dauernde Verbindung mit der Örtlichkeit und der 
Gesellschaft' aufrecht halten, aber zur Erhaltung dieser Verbindung 
gab ihr das Gesetz keinerlei Mittel. Es wurde nicht nur die land- 
schaftliche Kommune, diese Urzelle der Selbstverwaltung, nicht ge- 
schaffen, sondern den landschaftlichen Kreisbehörden wurde nicht 
einmal anheimgegeben, selbst die Beschlüsse der Landschaften aus- 
zuführen. Unmittelbar handeln konnten die Landschaften nicht, 
teils weil das vom Gesetz verboten war (z. B. rücksichtlich der 
Naturallasten), teils deshalb, weil der Kreis eine zu grofse Einheit 
darstellt, deren lokalen Verschiedenheiten und Besonderheiten nach- 
zugehen die zentrale Kreisverwaltung aufser stände ist Ohne festen 
Boden und die nötige Verbindung mit der Örtlichkeit, ohne eigene 
ausführende Organe waren die Landschaften nicht nur aufser stände, 
ihre Mafsregeln richtig durchzuführen, sondern konnten nicht ein- 
mal das richtige Eingehen der landschaftlichen Steuern sichern, 
weshalb zuweUen manche von ihnen in eine sehr bedrängte finan- 
zielle Lage gerieten. Die niederen Polizeiämter waren schlechte 
Hüter der Interessen der Landschaften und erfüllten schlecht deren 
Anordnungen, während ihnen doch die Ausführung der land- 
schaftlichen Mafsregeln oblag. 

Den gekennzeichneten Mangel ihrer Organisation suchten die 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSÜNG 229 

Landschaften von den ersten Tagen seines Auftauchens an zu be- 
seitigen. Diesem Ziele strebten die einzelnen Landschaften auf 
verschiedenen Wege zu . . . Alle landschaftlichen Gesuche in dieser 
Richtung aber wurden systematisch abgewiesen, und man darf 
annehmen, dafs sich bei diesen Abweisungen die Regierung mehr 
von politischen Erwägungen leiten liefs; denn vom Standpunkte 
der Zweckmäfsigkeit kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs die 
Landschaft ohne festen Boden und ohne Zusammenhang mit dem 
Wirkungsgebiet nicht erfolgreich wirken konnte und mit oder ohne 
ihren Willen manche ihrer wichtigsten Pflichten versäumen mufste. 
Ganz besonders mifstrauisch verhielt sich die Regierung zu den 
Versuchen der Landschaften, eine engere Verbindung zwischen 
sich und der bäuerlichen Selbstverwaltung herzustellen. Die Mehr- 
heit der Bevölkerung der Gubernlen machen die Dorfbewohner 
aus; auf Befriedigung der Bedürfnisse dieser Volksklasse waren 
denn auch anfänglich alle Bemühungen der landschaftlichen Amter 
gerichtet Die landschaftlichen Vertreter meinten, dafs die Sorge 
um die Bedürfnisse des bäuerlichen Standes die alltäglichste und 
hauptsächlichste sei, dafs zur Befriedigung dieser Bedürfnisse das 
sorgfältigste Bekanntwerden mit dem Sein und den Lebens- 
bedingungen der örtlichen Bauern unumgänglich sei; sonst konnte 
es immer vorkommen, dafs Unwesentliches befriedigt wurde und 
Wesentlicheres nicht. Die Regierung jedoch erachtete nicht blos für 
unmöglich, die bäuerliche Selbstverwaltung ^ in den Bau der Land- 
schaftsinstitutionen einzufügen, etwa durch Errichtung einer all- 
ständischen Dorfgemeinde, sondern verhielt sich zu den Bemühungen 
der Landschaften um die Bedürfnisse des Bauernstandes sogar 
höchst abwehrend." So verbot z. B. der Minister des Innern im 
Jahre 1874 der Landschaft von Taurien, die sich um die Volks- 
emährung kümmern wollte, alle örtlichen Untersuchungen über 
die wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Ausstattung mit Land bei 
den Bauern. „So wurde der landschaftlichen Selbstverwaltung, die 
berufen war, ,für die örtlichen Bedürfnisse und den Nutzen der Be- 
völkerung zu sorgen', in Wirklichkeit das Recht genommen, diese 
Bedürfnisse des Volkes durch Untersuchung seiner Lage zu erfahren." 
„Während die Regierung das Streben der Landschaften, im 



^ Die Bauerngemeinde ist das einzige ständische Institut in Rufsland, das 
sich seit lange einer unangetasteten gesetzlichen Selbstverwaltung erfreut 



230 VIERZEHNTES KAPITEL 

Lande Wurzel zu schlagen, in eine engere Verbindung mit der bäuer- 
lichen Selbstverwaltung zu treten, nicht erlaubte, verhielt sie sich 
mit womöglich noch gröfserem Mifstrauen gegenüber der Einigung 
der landschaftlichen Thätigkeit zur Herstellung einer Verbindung 
unter den einzelnen Landschaften." „Ganz zu Anfang ihres Be- 
stehens hatten die landschaftlichen Ämter das Recht, unter ihrer 
Verantwortung und ohne Präventivzensur ihre Berichte, Unterlegungen 
und Journale zu drucken. Damals fiberboten sich die Zeitungen 
in dem Eifer, über die Thätigkeit der landschaftlichen Versammlungen 
zu berichten; die öffentliche Meinung interessierte sich lebhaft für 
diese Thätigkeit, und es begann eine Gemeinschaft zwischen land- 
schaftlichen Kreis- und Gubernialämtem aufzutauchen. Aber schon 
am 13. Juni 1867 erschien ein Allerhöchst bestätigtes Gutachten 
des Reichsrats, das verbot, ohne vorgängige Erlaubnis der örtlichen 
Gubernialobrigkeit die in den landschaftlichen, städtischen und 
ständischen gesellschaftlichen Versammlungen gefafsten Beschlüsse, 
Sitzungsberichte u. s. w. und ebenso die vorhergegangenen Debatten 
und Reden zu drucken. Trotz dieser ersten verbietenden Malsregel, 
deren Wirkung, nach den Worten KosctiELEWs, sehr scharf war, 
fuhren die Landschaften fort, mit allen Kräften nach einer Einigung 
ihrer Thätigkeit zu ringen. Sie setzten einen gegenseitigen Aus- 
tausch der Berichte fest und bemähten sich, dem Punkt ... des 
Gesetzes über die Landschaftsinstitutionen eine weite Anwendung 
zu geben, durch den ihnen erlaubt war, Beschlüsse zu fassen über 
Beziehungen oder Vereinbarungen mit anderen Versammlungen in 
Sachen, die allgemeine Verordnungen der Regierung und Fragen 
nach den gesetzlichen Grenzen der Kompetenz der Versammlungen 
betrafen. Zugleich begannen die Landschaften Gesuche anzuregen 
um Gestattung allgemeiner Versammlungen zur Beratung von Fragen, 
die mehrere Landschaften betrafen, und um Genehmigung der 
Herausgabe eines gesamtlandschaftlichen gedruckten Organs.'^ 

„Man mufs, so scheint es, anerkennen, dafs alle diese Be- 
strebungen und Gesuche der Landschaften mit dem Grundgedanken 
des Gesetzes von 1864 übereinstimmten, dessen Ziel es war, die 
Landschaften zu einigen, in ihnen eine selbständige und regel- 
rechte öffentliche Meinung heranzubilden.'* Man mufs ebenso zu- 
geben, dafs das Streben nach Einigung der landschaftlichen Thätig- 
keit auch eine tiefe praktische Begründung hatte. Die Zerrissenheit 
der Landschaften und die Unmöglichkeit geschäftlichen Verkehrs 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSÜNG 231 

unter ihnen mufsten äurserst schädlich auf den Gang der land- 
schaftlichen Sache wirken; in ihm konnte keine Einheitlichkeit sein, 
auch in den Zweigen der Wirtschaft, in denen eine solche Ein- 
heitlichkeit wesentlich notwendig war, nicht blos im Interesse der 
einzelnen Landschaften, sondern auch im Interesse des Reiches. . . . 
Weiter kann man die unzweifelhafte Thatsache nicht leugnen, dafs 
die benachbarten Landschaften immer die engsten und unzerreifsbar 
miteinander verbundenen Interessen haben werden und haben 
müssen. . . . Der Kampf mit Epidemien, mit schädlichen Tieren 
und Insekten kann von einer einzelnen Landschaft nicht mit Erfolg 
geführt werden. Der Bau der Verkehrsstrafsen zwischen benach- 
barten Gubemien, die Verteilung des Risikos bei landschaftlicher 
Versicherung auf ein breiteres Gebiet, die Gründung von Pensions- 
kassen für die landschaftlichen Beamten u. s. w. — das alles ist 
nicht anders möglich, als nach Übereinkommen mehrerer an der 
Sache interessierter Landschaften. Endlich vermag man eine scharfe 
Grenze zwischen ,örtlichen wirtschaftlichen Nutzen und Nöten' 
und ,allgemeinen Reichsinteressen' gar nicht zu ziehen. . . . Alles 
dieses zusammen rechtfertigt vollkommen das Streben der Land- 
schaften nach Einigung ihrer Thätigkeit. . . . 

Die Regierung sah jedoch alle diese Versuche . . . ganz anders 
an: sie sah ohne Zweifel in der Einigung der Landschaften eine 
Gefahr. Das von dem Grundgesetz von 1864 den Landschaften 
gewährte Recht, sich untereinander zu vereinbaren, wurde immer 
weiter eingeschränkt, erfuhr eine immer engere Auslegung, und 
alle Versuche der Landschaften, es anzuwenden, wurden von der 
Regierung abgeschnitten, sogar bei der grOfsten von den Land- 
schaften angewandten Vorsicht, so dafs z. B. eine Landschaft 
(Charkow) eine Unterlegung einsandte, in der sie die Regierung 
bat, ihr die Möglichkeit der Anwendung des Gesetzes anzugeben. 
Weiter beschränkte ein Zirkularbefehl vom Jahre 1868 den Verkehr 
der Landschaften untereinander und ihre Öffentlichkeit; alle Zu- 
sammenkünfte mehrerer Landschaften, die Gründung eines gemein- 
samen Organs, das alles wurde an der Wurzel abgeschnitten. 
Endlich verbot man, in der Presse überhaupt von den Zusammen- 
künften der Landschaften zu reden. 

Ganz besonders eifersüchtig verhielt sich die Regierung zu 
den Versuchen der Landschaften, irgend einen Einflufs auf die 
Gesetzgebung zu gewinnen. Am häufigsten baten die Landschaften 



232 VIERZEHNTES KAPITEL 

um solche Änderungen der Gesetze, die eine allgemein landschaft- 
liche oder allgemein staatliche Bedeutung hatten. Viele davon ver- 
dienten ernstliche Beachtung und widersprachen keineswegs der 
Grundidee des Gesetzes von 1864. Alle solche Bitten wurden mit 
rein formeller Begründung abgewiesen. ... Die Tendenz zum Mifs- 
trauen und zur Einengung der Kompetenz der Landschaften ging 
vom Zentrum aus zur Peripherie, nicht umgekehrt, wie GOREMYKlN 
meinte, und schuf im Lande die „traurige Chronik von Wider- 
sprüchen und Widerhandlungen, an denen die Geschichte der Land- 
schaften so reich ist". War die Zentralgewalt mifstrauisch, so 
zeigten sich das Mifstrauen und das Bestreben, die Landschaft der 
gouvernementalen Bevormundung zu unterwerfen, noch stärker in 
den Handlungen der einzelnen Gouverneure: sie verletzten sehr 
oft die den Landschaften gesetzlich zustehenden Rechte. Und noch 
weiter gingen in diesem Kampf die staatlichen Gewalten der Kreise: 
Bedrückung der bäueriichen Gemeinden bei der Wahl der Stimm- 
haber (stimmfähigen Glieder) für die Landschaften; Strafen für die 
Wahl der Administration nicht genehmer Personen, und sogar 
Zwangsmittel gegen die Stimmhaber selbst „Hier," sagt WITTE, „be- 
gegnen wir in der Geschichte der Landschaft ganz traurigen Seiten." 
Die Landschaft konnte natüriich nicht umhin, in allen diesen 
Handlungen der zentralen und der örtlichen Gewalten eine systema- 
tische Beschränkung ihrer Thätigkeit zu sehen. Sie mufste ebenso 
die Mängel und Unfertigkeiten ihrer Organisation erkennen und 
wandte sich deshalb in vielen Gesuchen an die Regierung, die 
viel bittere Wahrheiten enthielten. Angesichts des MiTstrauens der 
Regierung, der allseitigen Beengung, der Unmöglichkeit, die Ent- 
würfe der landschaftlichen Versammlungen in dem nötigen Malse 
zur Ausführung zu bringen, erkalteten viele der besten Leute für 
die Sache der Landschaft, und in dem Mafse, als sie sich von der 
landschaftlichen Thätigkeit zurückzogen, gingen die Wahlen mehr 
und mehr in die Hände einer besonderen Klasse von sich herauf- 
arbeitenden Machern über, die auf das landschaftliche Budget als 
die Quelle guter Gehälter sahen. In der Thätigkeit der Landschaften 
zeigten sich solche Mängel und dunkle Seiten, die auch ihre 
eifrigsten Anhänger nicht leugnen können. „Bedrängt," sagt WnTE, 
„von gouvernementaler Reglementierung, unfertig in ihrer Organi- 
sation, wurde die Landschaft ohne Zweifel ein sehr schlechtes 
Werkzeug der Verwaltung." 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSÜNG 233 

Obwohl über diese Dinge viel gesprochen und geschrieben 
wurde, und ohne das Hindernis der Zensur noch mehr geschrieben 
worden wäre, so blieb die wahre Ursache dieser traurigen und un- 
normalen Lage der Sache doch im Schatten. „Wenn man von der 
unterirdischen Presse und der fremdländischen Litteratur absieht, 
die von ihrem Standpunkt aus eine ziemlich richtige Schätzung der 
Sachlage gaben, so bestanden im ganzen zwei herrschende 
Meinungen. Die liberale Presse sah die Ursache der Beschränkungen, 
denen die Landschaft unterworfen wurde, ebenso wie auch Ihre 
(GOREMYKiNs) Denkschrift, hauptsächlich in der beleidigten beamt- 
lichen Eigenliebe der einzelnen Minister und Gouverneure, in dem 
bureaukratischen Druck u. s. w. und forderte ihrerseits Gewährung 
möglichst weiter Freiheit für die Landschaft (was Ihre [Goreavykins] 
Denkschrift nicht im Auge hat), mit der Versicherung, es werden 
mit dem Aufhören der Bedrückungen auch alle Mängel der land- 
schaftlichen Thätigkeit verschwinden. Umgekehrt wandte die 
konservative Presse die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die in 
der landschaftlichen Thätigkeit hervorgetretenen Mängel und forderte 
zu ihrer Abstellung eine Verstärkung der administrativen Bevor- 
mundung. Der Streit geriet auf eine solche Weise in einen ver- 
hexten Kreis: die Landschaft wurde ein schlechtes Werkzeug der 
Verwaltung, weil sie eingeengt wurde: man mufs sie einengen, weil 
sie ein schlechtes Werkzeug der Verwaltung geworden ist Während 
dessen war der Ausweg aus diesem Kreise sehr einfach, aber die 
einen sahen ihn nicht, die anderen, und ihrer war ohne Zweifel 
die Mehrheit, wollten ihn nicht sehen, oder fürchteten sich, ihn zu 
bezeichnen. Die Landschaft geriet ohne Frage deshalb in Verfall, 
weil sie von der Regierung unter unnormale Bedingungen gestellt 
war, aber diese Bedingungen zu ändern, der Landschaft Freiheit zu 
geben ohne nachfolgende Änderung des selbstherriichen Baues des 
Reiches war unmöglich.'' 

Mag die Zentralregierung allzu mifstrauisch, mögen die Gouver- 
neure oft von persönlicher Eigenliebe beherrscht gewesen sein: 
es wurde sehr bald klar, dafs der Grundgedanke des Gesetzes von 
1864 „sich sehr schnell zu verwirklichen begann, dafs die Land- 
schaft sich als eine gute Schule repräsentativer Einrichtungen er- 
wies, und dafs man sie nicht in eine richtige Stellung bringen, 
noch ihr die nötige Entwickelung geben könne, ohne den gesamten 
Staatsbau zu ändern.'' 



234 VIERZEHNTES KAPITEL 

Wir können hier leider den höchst interessanten weiteren 
Schilderungen des Ministers von den Beziehungen und Kämpfen 
zwischen den Landschaften und der Regierung, auch nur flfichtig, 
nicht weiter so folgen, wie es auf den letzten Seiten geschehen ist 
Der harmlose Leser dieser Schilderung wird aber, wie ich vermute, 
Herrn WITTE fär einen Ranzenden Verteidiger der freiheitlichen 
Landschaftsinstitutionen halten, dem nur das Schlufswort auf den 
Lippen erstarb, die Folgerung, man müsse also die autokratische 
Verfassung Rufslands ändern. Auch weist er nachdrucklich dar- 
auf hin, dafs diese Folgerung nicht blos in den Landschaften, 
sondern auch in einem wesentlichen Teile der Gesellschaft 
gezogen worden sei. Namentlich waren es fünfundzwanzig her- 
vorragende Bürger Moskaus, die im Jahre 1880 dem damaligen 
Minister des Innern Loris-Melikow eine Bittschrift zur Ober- 
reichung an den Zaren vorlegten, in der sie die Fortschritte 
der revolutionären Thätigkeit zum wesentlichsten Teil auf „das 

erzwungene Schweigen der Landschaften zurückführten'' „Die 

russische Gesellschaft," hiefs es weiter in der Bittschrift, „bestärkt 
sich immer mehr und mehr in der Überzeugung, dafs ein so weites 
Reich, wie das unsere, mit seinem komplizierten sozialen Leben 
nicht ausschliefslich von Staatsbeamten verwaltet werden kann.*' 
und zum Schlufs heifst es: „Das einzige Mittel, das Land aus 
seiner gegenwärtigen Lage herauszubringen, besteht in der Be- 
rufung einer unabhängigen Versammlung von Vertretern der Land- 
schaften, in der dieser Versammlung gewährten Teilnahme an der 
Regierung der Nation, und in der Ausarbeitung der notwendigen 
Garantie für die Rechte der Person, der Freiheit der Gedanken 
und des Wortes.'' Soweit hatten sich die Gegensätze zu Anfang 
der achtziger Jahre zugespitzt „Die Regierung stand vor dem 
Dilemma: entweder den landschaftlichen Institutionen eine ge- 
regelte Stellung zu schaffen, ihnen weitere Entwickelung zu geben, 
und so, den Forderungen der Landschaften nachgebend, offen in 
die Bahn des Konstitutionalismus einzulenken, oder, die Grund- 
lagen der Autokratie wahrend, allendlich jede Selbständigkeit und 
Selbstthätigkeit der landschaftlichen Institutionen zu unterdrücken 
und dem gouvernementalen Prinzip ein entschiedenes Übergewicht 
über das landschaftliche Wahlprinzip zu erteilen." 

„Lors-Melikow beschlofs offenbar, vorsichtig den ersten 
Weg zu versuchen, sofern er nicht etwa im Sinn hatte, das 



DIE LANDSCHÄFTSVERFASSUNG 235 

Dilemma zu umgehen." Er sprach sich hierüber den Vertretern 
der Petersburger Tagespresse gegenüber im einzelnen aus, durch 
die dann sein Programm vor ganz Rufsland verkündet wurde. 
„In Wirlilichkeit versprach dieses nichts Bestimmtes, aber die Agi- 
tation der Landschaften verdoppelte sich, und die Gesellschaft 
glaubte die Verheifsung eines neuen, auf eine Verfassung ab- 
zielenden Kurses erkennen zu können." In der Zusammenkunft 
von 1880 wurde von den Vertretern einer Verbindung, die sich 
der „landschaftliche Bund" nannte, die Notwendigkeit festgestellt, 
„eine zentrale Volksvertretung mit der unbedingten Schaffung eines 
Repräsentantenhauses und allgemeinen Stimmrechtes zu erlangen, 
d. h. auf breitester demokratischer Grundlage beschlols man, Peti- 
tionen einzureichen um Erweiterung der landschaftlichen Rechte, 
um Zulassung der Landschaft zur Teilnahme an der Zentralverwal- 
tung. Und in der That, die Petitionen schütteten von den Land- 
schaften im Überflufs herab, wobei bemerkenswert ist, dafs die 
landschaftlichen Vertreter ,in dem Ausdruck ihrer Zustimmung 
zu der neuen Richtung der Politik der Regierung' eine grofse 
Mäfsigung zeigten." ... Die brennende Teilnahme drückte sich 
hauptsächlich in beglückwünschenden Adressen der landschaftlichen 
Versammlungen an LORIS-AVELIKOW, in seiner von vielen Stadt- 
magistraten beschlossenen Wahl zum Ehrenbürger aus. Und 
Loris-Melikow kam ihren Wünschen entgegen. Es wurden Sena- 
toren zur Untersuchung der Lage in die Gubernien geschickt, in 
deren Instruktionen die Frage nach der Erweiterung der landschaft- 
lichen Thätigkeit sehr klar und bestimmt gestellt war. Alle die 
landschaftlichen Mifsstände, die oben berührt worden sind, sollten 
erforscht werden. Noch vor der Beendigung der Untersuchungen ging 
Loris-Melikow an die Beantwortung der Fragen. Die Regierung 
berief zu Ende 1880 die Landschaften ein „zur Beratung über die 
aufgetauchten Fragen und zur Abänderung einiger Bestimmungen 
der Verordnung vom 27. Juni 1874 über die Errichtung örtlicher 
Bauern behörden." . . . Besonders eifrig kam die Regierung dem 
Wunsch der Landschaften in Bezug auf den Volksunterricht ent- 
gegen. Der unbeliebte Minister der Volksaufklärung, Graf TOLSTOI, I 
wurde entfernt, sein Nachfolger machte Versprechungen, dafs die 
eingegangenen Gesuche der Landschaften genau geprüft werden ' 
würden. Mit den Beziehungen zu der Zentralregierung besserten 
sich auch die Beziehungen der Landschaften zu den örtlichen Ver- 



236 VIERZEHNTES KAPITEL 

waltungsorganen. Nachdem sechzehn Jahre lang alle Versuche 
der Landschaften, an Fragen der Staatswirtschaft (soll heifsen der 
Volkswirtschaft im Reiche) heranzutreten, unterdrückt worden waren, 
erklärte der Gouverneur von Tschemigow am 12. Januar 1881 bei 
der Eröffnung der Landschaftsversammlung, „die Regierung be- 
dürfe mehr als je der beratenden Stimme der Landschaft in vielen 
Zweigen der Staatswirtschaft". 

Loris-Melikow entschlofs sich, den grofsen Schritt weiter zu 
thun: Erwählte der Landschaften und Städte zur Teilnahme an der 
legislativen Thätigkeit zu berufen. Die Gerüchte von der Kon- 
stitution verstärkten sich. Zu Anfang 1881 schritt LORIS-MELIKOW zur 
Verwirklichung seines Planes: am 28. Januar unterbreitete er dem 
2^ren den Entwurf zur Einberufung einer Kommission, bestehend 
aus Erwählten der Landschaften, und wo diese noch nicht ein- 
geführt waren, aus Personen, die von der Regierung eingeladen 
werden sollten. An die Spitze dieser Kommission sollte ein aller- 
höchst ernannter Vorsitzender treten, und sie sollte die Beteiligung 
der Volkskräfte an der zentralen Verwaltung in die Wege leiten, 
unterstützt von mehreren aus den verschiedenen Ressorts von der 
Regierung berufenen staatlichen Unterkommissionen, denen die 
Vorbereitung der nach allerhöchster Bestimmung zu machenden 
legislativen Vorlagen zustehen sollte. Die Kommission sollte eine 
beratende sein, die von den Unterkommissionen vorbereiteten, von 
der Hauptkommission beratenen Gesetzentwürfe sollten von den 
Ministern mit ihren Gutachten an den Reichsrat gebracht werden, 
der sie abändern durfte; die endliche Entscheidung blieb dem 
Monarchen vorbehalten. 

Dieses war noch keine Konstitution, aber unleugbar, meint 
Witte, wurde damit die Volksvertretung durch Wahl in das System 
der Legislative eingeführt, und alle Welt begriff, dafs damit ein 
weiterer Schritt zur Vollendung der landschaftlichen Reform ge- 
than wurde, d. h. dafs die Regierung beschlossen hatte, eine Kon- 
stitution zu geben. Man sah klar, dafs eine vereinigte Land- 
schaftsversammlung folgen müsse, die nichts arideres sein werde, 
als der preufsische Vereinigte Landtag von 1848, und dafs un- 
streitig diese Versammlung einen Anteil an der gesetzgebenden Ge- 
waltfordern und zuletzt erhalten werde. Kennan versicherte in seiner 
im Jahre 1890 erschienenen Schrift,^ der Ukas zur Einberufung 

^ Kennan, Die letzte Erklärung der russischen Liberalen. (Russisch.) 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSUNG 237 

der Kommission sei vom Zaren am 1. März 1881 unterschrieben 
und Loris-Melkow übergeben worden, und zwar nacli Durcli- 
lesung der oben angefutirten Petition der fünfundzwanzig Mosliauer 
Burger, in der die Frage nach der Konstitution sehr Idar ge- 
stellt war, und die auf den Monarchen einen tiefen Eindrucli ge- 
macht habe. 

Ich mufs mir versagen, den weiteren Darlegungen Wittes über 
diese Angelegenheit zu folgen; doch will ich noch hervorheben, 
dafs nach diesen Mitteilungen LORIS-MELIKOW als früherer Minister 
des Innern dem neuen Zaren Alexander III eine Unterlegung wegen 
der Ausführung der von Alexander II gebilligten Mafsnahmen 
machte, worauf zum 8. März eine besondere Beratung der Minister 
anberaumt wurde. Was auf dieser Versammlung vorging, meint 
Witte, und zu welchem Ergebnis sie gelangte, sei nicht zuverlässig 
bekannt geworden. 

Von da ab ging es mit den Landschaften rasch abwärts. 
Alexander III entschlofs sich, umzukehren zu dem anderen Wege: 
zur Kräftigung der Selbstherrschaft durch Errichtung einer starken 
Regierungsgewalt. Im Jahre 1882 bekam Graf D. TOLSTO das 
Ministerium des Innern, und im Jahre 1890 erschien das Gesetz, 
wodurch das Lündschaftsgesetz von 1864 umgestaltet wurde. „Graf 
Toi-STOI," sagt Witte spitzig, „verliefs nicht die gewohnte Politik des 
Ministeriums des Innern gegenüber den landschaftlichen Institu- 
tionen. Seinen Gedanken, in Wirklichkeit die Landschaft auf- 
zuheben, gab er in seinem Projekt offen Ausdruck; unter dem 
Anschein regelrechter Ausbildung der Prinzipien der Selbstver- 
waltung wünschte er deren äulsere Form zu erhalten, sie aber 
jedes Inhaltes zu berauben.'' So wurde das Gesetz von 1890 zu 
einer neuen Halbmafsregel: es schaffte die Landschaft nicht ab, 
nahm ihr aber Charakter und Farbe; es vernichtete nicht das all- 
standische Prinzip, fügte aber eine ständische Färbung hinzu; es 
liefs Wahlämter bestehen, erklärte aber den Dienst in ihnen als 
Staatsdienst; es machte die landschaftlichen Ämter nicht zu Staats- 
behörden, aber vermehrte ihre Bevormundung durch den Gouver- 
neur; es liefs den landschaftlichen Versammlungen ihre bisherige 
selbständige Beschlulsfassung in den meisten ihrer Sorge zu- 
gewiesenen Dingen, aber verstärkte das blos negierende Ein- 
spruchsrecht des Gouverneurs. Von der Hauptmasse der Land- 
bevölkerung, den Bauern, wurde die Landschaft völlig getrennt 



238 VIERZEHNTES KAPITEL 

Zwischen beide wurde durch das Gesetz von 1889 die Gewalt der 
Landhauptleute gesetzt, die mit den Landschaften nichts gemein 
haben. Das Gesetz von 1890 war ein offenbarer Schritt zur Auf- 
hebung der Landschaften. 

Dennoch wurden die Landschaften nicht gehorsame Werk- 
zeuge der Regierung. Man kann — immer nach WITTE — des- 
halb geradezu behaupten, dafs die gewünschte Vereinheitlichung 
ihrer und der staatlichen Thätigkeit solange nicht erreicht werden 
wird, solange die Landschaften in den staatlichen Zentralbehörden 
etwas ihnen Gegensätzliches sehen werden, solange nicht Erwählte 
aus den Landschaften aktiven Anteil an ihrer Thätigkeit nehmen, 
solange die Gesetze nicht als Ergebnisse der Beschlösse dieser 
Erwählten erscheinen werden. Andererseits wird das Mifstrauen 
der Regierung nicht verschwinden, solange sich auch nur der 
Schatten von Selbständigkeit bei den landschaftlichen Institutionen 
erhalten wird. 

Bei der Thronbesteigung Nikolaus II drückten neun Gouveme- 
mentslandschaften in ihren an den Thron gerichteten Adressen 
ihren Protest aus gegen die bestehende Ordnung und baten um 
Zulassung der Landschaften zur Teilnahme an der legislativen 
Arbeit Die meisten anderen Landschaften äufserten wenigstens 
dieselbe Gesinnung, ohne sie in Adressen auszudrücken. Witte 
hält die landschaftliche Bewegung, die sich in diesen Adressen 
zeigt, für weit ernster, als die leere und lärmende Opposition 
gegen die Gouvernementsobrigkeit. Weicher in der Form, sagt der 
Minister, ist sie doch nach ihrem inneren Gehalt weit bedeutsamer 
sogar als die heftige Bewegung von 1879 — 1883 war; man darf 
nicht vergessen, dafs die neueste Bewegung von der durch das 
Gesetz von 1890 verstümmelten Landschaft ausgeht 

Weder eine Verschmelzung mit den staatlichen Organen, noch 
eine Belebung und ein Erfolg in der landschaftlichen Thätigkeit, 
noch das Verschwinden der politischen Tendenzen in den um- 
gestalteten Landschaften ist erfolgt Umgekehrt bemerkt man in 
den neuen Landschaften ein neues Anschwellen der landschaft- 
lichen Besteuerung gerade für Bedürfnisse, die von den Land- 
schaften befriedigt werden sollen, darunter auch für solche, wie 
die Volksbildung, die nach der Meinung Goremykins nicht der 
Landschaft unterstehen sollten. Der Hader zwischen Landschaft 
und Regierung ist gewachsen, und endlich ist das gleichgültige 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSUNG 239 

Verhalten der landschaftlichen Stimmgeber gegenüber den An- 
gelegenheiten der örtlichen Verwaltung gewachsen, und ebenso 
die thatsächliche Abhängiglieit der ausfahrenden Organe der land- 
schaftlichen Wirtschaft von den Kanzleien. . . . „Unsere örtliche 
Verwaltung ist in der unnormalsten, traurigsten Lage. . . ." 

In einer Schlufsbetrachtung sagt WITTE: „Nur unter der Be- 
dingung gleichartiger Prinzipien in der Ordnung der obersten und 
der untersten Instanzen, der zentralen und der örtlichen Organe, 
erlangt man eine wirkliche Einheit der Verwaltung; der Staat er- 
scheint wirklich als Herr in dieser Sache; nur unter dieser Be- 
dingung können die örtlichen Organe zuverlässige Ausführer der 
Vorschriften der zentralen Gewalten sein, und gehören zu ihnen 
als ,eigene', nicht als ,fremde'. Ist die Regierung erst sicher 
aller Teile ihrer Verwaltung, bietet diese ihr erst eine zuverlässige 
Stütze, so werden Ausnahmemafsregeln überflüssig; sie gehören 
ins Gebiet der Ausnahmefälle. Nachdem die Regierung feste, be- 
stimmte Rahmen des Gesetzes aufgestellt hat, kann sie ruhig die 
Aufseningen persönlicher und gesellschaftlicher Selbstthätigkeit, die 
Freiheit des Wortes und des Gedankens behandeln, indem sie nur 
darauf achtet, dafs niemand, auch die Administration nicht, aus 
dem Rahmen dieses Gesetzes trete, und indem sie von allen eine 
unweigerliche Befolgung und widerstandslose Unterwerfung darunter 
fordert'' Das Schwanken ist vorüber, „die Regierung hat den Pfad 
der Verstärkung der Selbstherrschaft betreten, und — das Bild hat 
sich wieder geändert" 

So gedrängt die Wiedergabe der Erörterungen des Ministers 
ist, die ich in dem Vorstehenden gegeben habe, so wird der Leser 
doch vielleicht einen Einblick in diese für die Zukunft unseres 
grofsen Nachbarreiches so bedeutungsvollen Kämpfe zwischen den 
beiden altbekannten Prinzipien des Staatslebens gewonnen haben. 
Ja allerdings, das Bild hat sich geändert, und nicht blos das 
Bild des Kampfes zwischen Landschaft und Regierung, sondern 
auch das Bild des Ministers, das wir zu Anfang seiner Erörterungen 
sahen. Es schien, als ob wir einen glänzenden Anwalt der be- 
drängten Landschaften vor uns hätten, und nun müssen wir ihn 
als Vertreter des starren büreaukratischen Absolutismus aner- 
kennen. Und dennoch: sollte diese Schrift auf irgend eine Weise 
in Rufsland Verbreitung finden, so vermute ich, dafs der Anwalt 
der Selbstverwaltung weit mehr Gehör finden wird, als der Ver- 



240 VIERZEHNTES KAPITEL 

treter der Autokratie und des Tschinowniktums. Diese Sdufe: 
überzeugt nicht Im Sinne des Ministers des Absolutismus, sondert, 
weckt Sympatliie mit den Vertretern der Seibstverwaltung. So 
hoch wir die Begabung eines Mannes wie des Ministers WmE 
anerkennen müssen angesichts seiner übrigen praktischen L^istungeB. 
so staunen wir doch über das in seiner Schlufsbetrachtung a^ 
iegte Bekenntnis. Mag ihm auch vor dem Konstitutionalismus noch 
so sehr grauen, so können wir doch kaum verstehen, wie er an (fie 
Zukunft eines so offenbar bankerotten Systems zu glauben ver- 
mag, wie das ist, dem er hier Ausdruck giebt „Homogene Pts- 
zipien'* oben wie unten, d. h. absolut herrschender Wille des 
Monarchen; „Einheit der Verwaltung'', d. h. büreaukratischer Zen- 
tralismus; „Zuverlässigkeit'' der unteren Organe, d. h. volle Ab- 
hängigkeit, alles in allem eben der altbekannte Absolutismus, vk 
er in Europa im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, wie er 
in Rufsiand noch unter Nikolaus I blühte. Also jedenfalls nidits 
Neues, was WrfTE lehrt Was aber sollen wohl die „festen Rahmei 
des Gesetzes" bedeuten, die, einmal aufgestellt und polizeilich be^ 
wacht, die „Selbständigkeit von Personen und Gesellschaften\ 
sogar die „Freiheit von Wort und Gedanken" erlauben wurden? 
Ist das nicht der echte und rechte alte Polizeistaat, der 1855 zu- 
sammenbrach, und den Witte nun neu errichtet? „Widerstands- 
loser Gehorsam" — den fordert Witte vor allem, und was er 
unter vernünftiger Selbstverwaltung versteht, das ist die selb- 
ständige Verwaltung des Gutes durch den Gutsbesitzer, der Fabnl 
durch den Pabrikherm, kurz, der privaten Interessen durch private 
Personen und Gesellschaften. Das Verständnis für Selbstverwaltuqg 
in öffentlichen Dingen, für die erziehende, stärkende Kraft der 
politischen Selbstverwaltung, für die gewaltige Bedeutung, die sie 
in allen Kulturstaaten für Volk und Staat gehabt hat, vermissen 
wir. Wir vermissen auch den Nachweis, dafs die Landschaften 
ihre Pflichten nicht erfüllt hätten, ihrer Aufgabe nicht wären g^ 
wachsen gewesen. Solcher Mängel werden sie gar nicht beschul- 
digt, obwohl der Verfasser der Schrift ohne Zweifel reiches Material 
hätte herbeischaffen können, um zu beweisen, welche Fehler die 
Landschaften begangen haben. Denn dafs ein junges Institut wie 
dieses viele üble Erfahrungen durchmachen mufste in diesen bald 
vierzig Jahren seines Bestehens, dafs mancherlei Irrwege I)e- 
schritten, Thorheiten begangen wurden, kann man annehmen auch 



DIE LANDSCHÄFTSVERFÄSSÜNG 241 

ohne Untersuchung und ist in der That geschehen. Wffte aber 
läfst dem Eifer, der Thätigkeit, den Erfolgen der Landschaften in 
ihrer anfänglich freieren Stellung Gerechtigkeit widerfahren, nur dafs 
es ihm darauf gar nicht ankommt, was die Selbstverwaltung leistete 
und leisten könnte, sondern nur darauf, dafs sie durch ihre Ten- 
denz zur Bildung einer Gesamtlandschaft dieses Gespenst der 
Konstitution heraufbeschwört, vor dem der Minister den Staat um 
jeden, sogar um den Preis des Verdorrens, schützen will, weil der 
Bestand des Reiches, der äufsere Riesenleib, dadurch vielleicht ge- 
fährdet würde. Dieser Standpunkt scheint für jeden politisch 
denkenden Menschen ein bedenklicher, ein fast verzweifelter zu 
sein, besonders in einer Zeit, wo derselbe Minister alle Kräfte des 
Staates daransetzt, einen industriellen Mittelstand zu schaffen. 
Glaubt der Minister wirklich, ein sich industriell und kommerziell 
entwickelndes Reich zwischen Eismeer und Stillem Ozean, zwischen 
Pamir und Weichsel von St Petersburg aus mit dem „homogenen 
Prinzip*^ des staatlichen Mechanismus dauernd regieren zu können? 
Nach den Erfahrungen, die uns anderen Europäern zu Gebote stehen, 
ist das unmöglich. Gerade der Minister, der sich mehr als einer vor 
ihm bemüht hat, wirtschaftliches und geistiges Leben in dem Reich 
zu wecken, müfste fürchten, dafs mit der Rückkehr zur büreau- 
kratischen Alleinherrschaft die eine Hand zerstöre, lähme, was die 
andere schuf. Büreaukratische Alleinherrschaft würde weit mehr 
zu einem System POBEDONOSZEW passen, zur Niederhaltung der 
ganzen geistigen Volksentwickelung. In der Türkei ist dieses 
System vielleicht passend, aber Herr WITTE thut ja mehr als irgend 
jemand dazu, die Unähnlichkeit Rufslands mit der Türkei zu ver- 
gröfsem. Er holt eine ganze Bibliothek staatsrechtlicher Schriften 
zu seiner Beweisführung heran, ja er stützt sich auf eine Menge 
von Schriften, die, wenn er sie vor Jahren besessen und gelesen 
hätte, ihn vielleicht nach Sibirien statt an die Spitze der Regierung 
gebracht hätten : wenn er all diese Schriften aber nicht blos durch 
„Zusammensteller^' seiner Denkschrift hätte herbeiholen lassen, son- 
dern auch nur einen geringen Teil davon selbst gelesen hätte, so 
konnte es bei einem so bedeutenden Geist nicht ausbleiben, dafs 
eine mehr staatsmännische Auffassung von den sittlichen Kräften 
des Volkes und den politischen Aufgaben des Staates aus solchem 
Studium hervorgegangen wäre. Dem Verfasser der Denkschrift 
hätte es nicht entgehen sollen, dafs die vielen wissenschaftlichen 



242 VIERZEHNTES KAPITEL 

Autoritäten, die er nennt, an der Verderblichkeit einer staatlichen 
Uniformität und bäreaukratischen Zentralisation von der Art und 
Ausdehnung, wie der Minister sie im Auge hat, keinen Zweifel 
lassen. Wissenschaftlich für diese zum Gemeinplatz gewordene 
Erfahrung des europäischen staatlichen Lebens noch ein Wort zu 
verlieren, ist überflüssig. All der Gelehrsamkeit — nicht des ilerm 
Ministers, dem die Verantwortung zuzuweisen vermessen wäre, 
sondern des „Zusammenstellers" — erlaube ich mir nur ein Zitat 
aus einem Roman entgegenzustellen. Bulwer sagt in seiner „Alice", 
Buch 6, Kapitel 2, von der staatlichen Zentralisation der Franzosen: 
„ein Grundsatz, der augenblickliche Kraft sichert, aber jedesmal 
mit plötzlicher Vernichtung der Staaten endet Die Zentralisation 
ist wirklich ein gefährliches tonisches Mittel, das zwar das System 
zu stärken scheint, aber das Blut zu Kopf treibt und Schlagfluls 
oder Tollheit hervorzurufen pflegt Durch Zentralisation werden 
die Provinzen geschwächt . . ." Der Herr Minister hätte nur 
„Alice" zu lesen brauchen. Da er sich aber zu sehr auf seinen 
„Zusammensteller" verlassen hat, so ist das Ergebnis seiner For- 
schungen eine so flach mechanische Auffassung — soweit Auf- 
fassung und Progamm innerlich übereinstimmen — , wie sie allen- 
falls dem Gesichtskreise eines Kreispolizeichefs, nicht aber dem 
des leitenden Ministers eines grofsen Reiches entspricht Hätte 
der Minister selbst auch nur die russische Geschichte bis zu den 
Reformen Alexanders II selbst studiert, so wüfste er, dafs das, 
was er als die allein segensreiche Grundlage der Regierung Ruls- 
lands neu festigen will, eben das abgewirtschaftete System ist, 
das zu den Reformen nötigte. Die reine Büreaukratie ist in Rufs- 
land bankerott, und sie neu errichten, heilst ein gefähriiches 
Spiel spielen. Aber der Minister will ja auch nur einem nach 
seiner Meinung noch gefährlicheren Spiele entgehen. Es ist, wenn 
die Frage so scharf gestellt wird, allerdings nicht ganz leicht, sich 
zu einer Antwort zu entschliefsen. Und auch dem Minister ist sie, 
wie ich schon oben vermutete, schwer genug gefallen. Aber sie 
ist doch gefallen. 

Er will mit Selbstherrschaft und administrativer Zentralisation 
die Einheit Rufslands retten. Er kennt nur zwei Möglichkeiten: 
Selbstherrschaft oder Konstitutionalismus. Er bemerkt nicht, dafs 
es auch Mittelwege giebt, dafs z. B. die bestverwalteten Teile Rufs- 
lands, nämlich die Ostseeprovinzen und Finland, ihre^ Bifite durch 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSÜNG 243 

mehr oder minder freiheitliche Selbstverwaltung erreicht haben 
unter der Selbstherrschaft und ohne eine russische Konstitution. 
Er bemerkt nicht, dafs er aus Furcht vor einem Zerfall des Ganzen 
einem Zustande zustrebt, der eine Paralyse oder eine Explosion 
zur Folge haben mufs. Er bemerkt nicht, dafs, wenn seine Schultern 
vielleicht einer solchen Last, wie er sie schon heute trägt, noch 
gewachsen sind, die künftige Last des nach seinem Sinn neu ge- 
formten Staates von keiner Zentralregierung in nützlicher Weise 
wird getragen werden können. Er rechnet als Finanzminister, dafs 
die Staatsbeamten billiger seien als die landschaftlichen Beamten, 
und bemerkt nicht, dafs die Staatsbeamten oft deshalb schlecht 
sind, weil sie zu billig sind. Ja, es könnte sein, dafs der Finanz- 
minister, der schon bald 2 Milliarden Rubel jährlich durch seine tlände 
fliefsen läf st, meint, es wäre besser, wenn auch die etwa 88 Millionen 
die von den Landschaften aufgebracht und verwandt werden, ihm 
zur Verfügung ständen. Er ist eine gewaltige Arbeitskraft und 
will ein Atlas werden. Sollten ihn nie Zweifel anwandeln an der 
Ausführbarkeit seines Unternehmens? Vorläufig scheint er noch 
an sich und an sein System zu glauben. 

Wenn man die oben skizzierte Geschichte der russischen 
Landschaften überblickt, so fällt es auf, wie genau die Krisen in 
dem Leben der Landschaften mit den grofsen inneren Erregungen 
der Zeit und besonders mit den Krisen in dem Leben der Monarchen 
selbst zusammenfallen. Der politisch genommen tragische Tod 
Nikolaus I trieb zu den grofsen Reformen seines Nachfolgers an. 
Aber noch ehe diese Reformen bis zu den Landschaftsinstitutionen 
gediehen waren, brachen die Studentenunruhen vom Anfang der 
sechziger Jahre aus und 1863 der polnische Aufstand. Das kühlte 
den Liberalismus ab, und wenn man die Landschaftsverordnung 
1864 auch durchführte, so trat doch zugleich eine Rückwirkung 
auf das System der Regierung ein: dem freiheitlichen Gange der 
neuen Institutionen wurden die ersten Steine in den Weg geworfen. 
Dann kamen von 1866 an die Attentate auf Zar und Minister, und 
parallel ging die Knebelung der Landschaften in einem von Jahr 
zu Jahr verstärkten Mafse. Endlich wird die Erregung *in den 
Landschaften und Städten bedrohlich; man merkt im Zentrum, dafs 
man zu weit gegangen ist im Rückschritt Da kommt die Adresse 
der fünfundzwanzig Moskauer, deren Gewicht grofs genug ist, 
dem Zaren die Zustimmung zur Einberufung einer die Verfassung 

16» 



244 VIERZEHNTES KAPITEL 

vorbereitenden Kommission, die Unterzeichnung des Befehls dazu 
zu entreifsen. An demselben Tage, am 1. März 1881, wird 
Alexander II ermordet Noch halten der leitende Minister LORIS- 
Melikow und die meisten seiner Kollegen mit ihm an dem frei- 
heitlichen Programm fest Am 8. März ist Beratung darüber, 
ob der Ullas über die Einberufung der Kommission erfüllt werden 
solle, und — so können wir der Disliretion des Ministers, der 
nicht aus dem Amt plaudern will, nachhelfen — die meisten 
Minister sind von der Zustimmung der beratenden Ministerver- 
sammlung, sowie des neuen Zaren überzeugt Da erhebt sich der 
Oberprokureur des Synods Pobedonoszew und erklärt sich da- 
gegen, aber nicht blos sich, sondern auch den Zaren, den er ins- 
geheim gewonnen hatte. Gegen die Mehrheit blieb der Ukas un- 
ausgeführt, Pobedonoszew ging als Sieger hervor und leitete fortan 
wie ein zweiter Pater LACHAISE den Kampf gegen alle freiheit- 
lichen Bewegungen. Und was war das Mittel, nicht nur Alexander III, 
sondern auch einen so gewissenhaft und gerecht denkenden Mo- 
narchen wie Alexander II dazu zu bringen, sich selbst zu wider- 
rufen? Es war die Furcht Und mit diesem elenden Instrument 
hat man seither viel erreicht . . . 

In dieser Denkschrift vom Jahre 1899 sagt Herr Witte: „Die 
landschaftlichen Institutionen sind jetzt fast aller Selbständigkeit 
beraubt und unter strenge administrative Bevormundung gestellt; 
sie haben einen ständischen Anstrich bekommen; ihre Exekutiv- 
organe erhielten eine büreaukratische Färbung und sind in starke 
Abhängigkeit vom Gouverneur gesetzt worden; in kurzer Zeit be- 
absichtigt man die strengste Reglementierung der landschaftlichen 
Thätigkeit und ihre Herabsetzung auf ein Minimum.'* 

Nun, das ist offen gesprochen, und wie die Erfahrung gezeigt 
hat, auch offen gehandelt Am 12./25. Juni 1900 wurde gesetz- 
lich verordnet, dafs die landschaftliche Immobiliensteuer um nicht 
mehr als 3 Prozent jährlich erhöht werden dürfe, und da dies die 
hauptsächliche Einnahmequelle der Landschaften ist, so ist ihre 
ganze Thätigkeit fast zum Stillstand gebracht worden. Zugleich 
verloren sie die Selbständigkeit völlig, da ihr Beschlufsrecht in die 
Befugnis verwandelt wurde, Anträge zu stellen und Vorschläge zu 
machen. Das heifst freilich gründlich reglementieren. Und wie 
kam dieses die Landschaften völlig lähmende Gesetz vom IZ Juni 
1900, das Witte schon 1899 voraussagte, zu stände? Nach den 



DIE LANDSCHAFTSVERFASSÜNG 245 

Ergänzungen des Herausgebers der Denkschrift in der Weise, dafs 
in dem Reiclisrate neunzelin Stimmen gegen, zehn Stimmen für 
den Entwurf abgegeben wurden, der Zar aber der Minderheit zu- 
stimmte. Der Finanzminister, POBEDONOSZEW, SlPÄG N vereint ver- 
mögen viel, und der Finanzminister am meisten. Eben deshalb 
mufs uns Deutsche seine Denlischrift doppelt interessieren. Denn 
wenn jeder Gebildete heute auch Anteil nehmen wird an der Er- 
zählung staatlich sozialer Kämpfe, über die bisher wenig in die 
Öffentlichkeit gedrungen ist, so werden wir ganz besonders acht 
haben müssen auf Aufserungen eines Mannes, der den Willen und 
die .Macht gezeigt hat, unser grofses Nachbarreich in Bahnen zu 
zwingen, die vielleicht für lange Zeit entscheidend sein werden. 
Entscheidend nicht darüber, ob Rufsland büreaukratisch-zentralistisch 
oder dezentralistisch-selbstverwaltend regiert werden soll, denn für 
uns ist kein Zweifel an der Unhaltbarkeit des WiTTEschen, oder 
sagen wir lieber von WriTE vertretenen Systems, für längere Dauer 
möglich. Zweifelhaft bleibt nur, welches Ende diese, nach der 
Ansicht des Herausgebers der Denkschrift „letzte Anstrengung des 
selbstherrlich-büreaukratischen Regimes" nehmen wird. Die Empfin- 
dung von der unhaltbarkeit dieses Regimes, von der Notwendig- 
keit, die Erstarrung zu brechen; das Bedürfnis nach freier Be- 
wegung auf den Hauptgebieten des sittlichen Volkslebens, nach 
kirchlicher und politischer Freiheit und Selbstbestimmung, diese 
Empfindung, die schon zu einer Meinung geworden ist, ist heute 
sehr grofs in Rufsland, sehr verbreitet auch bis in die obersten 
Schichten des Beamtentums hinauf. Und diesem Drängen nach 
Luft und Licht setzt der thatsächlich leitende Minister die Erklärung 
entgegen, es solle Selbstverwaltung geben, aber nur auf dem Ge- 
biete privater Interessen, d. h. in europäischer Sprache: es solle 
keine Selbstverwaltung geben. Es ist kaum möglich zu glauben, 
dafs Herr WITTE im letzten Grunde wirklich in diesem Widerstreit 
zwischen Selbstherrschaft und Selbstverwaltung sich ganz und 
allendlich auf die Seite der unbedingten Erhaltung der Selbstherr- 
schaft stellen will. Indem er den Gegensatz schroff zeichnet, läfst 
er die Wahl offen — das ist es, was viele zwischen den Zeilen 
dieser Schrift lesen. Und wenn Herr Witte auch nur einen Teil 
der Quellen gelesen hat, die hier angeführt werden, so wird er 
ohne Zweifel auch die Lehren kennen, die sich aus der französischen 
Geschichte vor 1789 aufdrängen. Damals waren es zwei Finanz- 



246 VIERZEHNTES KAPITEL 

minister, TüRGOT und NECKER, die vielleicht die Greuel der Revolu- 
tion hätten vermeiden können, wenn sie die Macht gehabt hätten, 
ihre Pläne voll durchzuführen. Was waren diese Pläne, diese 
Mittel? TüRGOT suchte zu dezentralisieren durch Organisation 
selbständiger Körper in Gemeinde und Kreis; Necker wollte diese 
durch Provinzialkörper ergänzen. So sollte eine Selbstverwaltung 
gegründet und entwickelt werden, die den Zentralorganismus ent- 
lastet hätte. Die Minister wurden gestürzt, die Reformen kamen 
nicht zur Entwickelung, und — der Staat brach zusammen. Der 
heutige Finanzminister ist stärker, als es TüRGOT und NECKER waren. 
Sollte er wirklich nicht an diese Männer, sondern an Calonne und 
die Notabein gedacht haben, als er diese Denkschrift verfassen 
liefs? Haben wir Anlafs, an JüLES POLIGNAC und die Ordonnanzen 
zu erinnern? Rufsland ist nicht Frankreich, aber die Russen sind 
denn doch auch, sozusagen, Menschen. 




fünfzehntes kapitel 
BOREAÜKRATIE 

/T\an kann zweifelhaft sein, ob man den wahren Finanzminister 
^^^ WfTTE in dem glänzenden Anwalt der verklagten Landschaften, 
als welcher er im ersten Teil seiner Denkschrift auftritt, oder in 
dem starren Büreaukraten des Absolutismus, wie er im zweiten 
Teil erscheint, zu erkennen habe. Herr WfFTE hat die Geschichte 
der von den Landschaften erduldeten Mifshandlungen sicher nicht 
zu ihrem Schaden in der Meinung des lesenden Publikums ge- 
schrieben, und hat auch nicht geleugnet, dals sie viel Segens- 
reiches geleistet haben. Sind die Landschaften denn nun wirklich 
so gänzlich unfähig gewesen, die ihnen zunächst gestellte Aufgabe 
zu erfüllen? Denn dazu wurden sie doch vor allem geschaffen, 
in der Provinz, im Kreise, in der Gemeinde das Volksleben zu 
fördern, wozu bei dem staatlichen Beamtentum die Fähigkeit er- 
fahrungsmäfsig selten und in Rufsland gar nicht vorhanden ist 
Zur Selbstthätigkeit — so hiefs es in einer amtlichen oder halb- 
amtlichen Auslassung vom Jahre 1863 — wurde die Bevölkerung 
berufen, wurden „selbständige Organe'' geschaffen, denen die „Wah- 
rung der lokalen Interessen'' übertragen ward. Neben ihnen her 
sollte die ebenfalls auf ständischer Wahl ruhende neue Städte- 
ordnung von 1878 in ihrem Gebiet dasselbe leisten, wie die Land- 
schaft in dem Landbezirk. Auch die städtische Verwaltung hat 
von der Eifersucht und Herrschsucht des Beamtentums viel zu leiden 
gehabt Aber man fürchtete sie nicht, weil es nur wenig Städte 
in Rufsland giebt, und von ihnen wenige grofs genug sind, um 
politische Bedeutung zu gewinnen. Weit mehr Grund zu Be- 
schwerden haben die Landschaften gegeben, wie ich schon an- 



248 FÜNFZEHNTES KAPITEL 

fährte. Aber überall in den Gubernien sieht man auch gute Früchte 
ihrer Thätigkeit. Wie sah es auf dem platten Lande aus vor Ein- 
führung der Landschaft, und wie jetzt? 

Wir haben gesehen, dals die Landschaften über zwei Drittel 
aller Ausgaben für die Vollisschule aufbringen. „Die Schriftliunde," 
lesen wir bei NowiKOW,^ „war gleich Null, da man doch die 
früheren Gcmeindeschulen der Staatsdomänenverwaltung unmög- 
lich für ,etwas' rechnen kann. Auf den Kreis gab es einen Arzt 
Nichts geschah weder für die Seele, noch den Leib, noch den 
Wohlstand des Bauern. Jetzt, so oder so, erscheint die Schule 
doch schon als ein Volksbedürfnis, das Medizinalwesen hat sich 
gegen früher verzehnfacht, der Kurpfuscherinnen giebt es weniger, 
man kämpft mit den Epizootien. Das sind alles Resultate der 
landschaftlichen Thätigkeit Augenscheinlich zieht die Selbst- 
verwaltung eine Menge von Thätigen heran, die sonst dem Dorf- 
leben fem blieben: die Selbstthätigkeit der Gesellschaft hat nicht 
geringe Früchte getragen. Wenn man weiter in Betracht zieht 
alle Hindernisse, die sich auf dem Wege dieser Selbstthätigkeit 
finden, alle Knüppel, die in das landschaftliche Räderwerk gesteckt 
werden, so wird man die Resultate dieser Selbstthätigkeit noch 
höher schätzen können. Das ist das Aktivum der Landschaft; 
blicken wir nun auf das Passivum. Nehmen wir zwei benachbarte 
Kreise mit gleichen Lebensbedingungen, und vergleichen wir die 
Thätigkeit ihrer Landschaften. Wir sehen, dafs in dem einen das 
Schulwesen glänzend bestellt ist Die Schulen sind das verwöhnte 
Kind der Landschaft; im Nachbarkreise giebt es fast keine landschaft- 
lichen Schulen. In dem einen Kreis zieht das Medizinalwesen alle 
Beschäftigung der Landschaftsversammlungen an sich, der Spittel 
giebt es viele, die Kranken finden leicht eine Erleichterung ihrer 
Leiden; in dem anderen hält man das Medizinalwesen im Dorfe 
fast für einen überflüssigen Luxus. In dem einen wird auf die 
Wege viermal so viel verwandt als im anderen. So ist es auch 
in den Gubemiallandschaften." . . . Vor zwei Jahren stellte ein 
russisches Blatt („Now. Wremä") neun Gubernien mit landschaftlicher 
Verfassung den neun ehemals littauisch- polnischen sogenannten 
westlichen Gubernien gegenüber, die dieser Verfassung entbehren. 
Danach kam in den westlichen Gubernien ein angestellter Arzt 



* NowiKOW, a. a. 0. S. 147. 



B UREA UKRA 7 IE 249 

auf 83000 Einwohner, in den russischen landschaftlichen Gubernien 
auf 35000 Einwohner; in jenen kam eine weltliche Schule auf 
7346 Einwohner, in diesen auf 1919 Einwohner. — Diese Zahlen 
sprachen damals ohne Zweifel für den Wunsch des Ministers 
GOREMYK N, die Landschaften in dem Westgebiete einzuführen, und 
es lassen sich noch viele Zeugnisse fär andere Früchte der land- 
schaftlichen Thätiglieit aufweisen. Aber es wäre auch verständlich, 
wenn der verarmte Adel Neigung hätte, den doppelten Kampf mit 
den eigenen, den Nöten des Volkes und mit dem Übelwollen einer 
übermächtigen Beamtenschaft aufzugeben. Diese Verschiedenheit 
der Widerstandskraft drückt sich eben in jener ungleichen Thätig- 
keit aus, deren wir erwähnten. 

Schon dieser Mangel an Gleichheit, an bequem zu übersehen- 
der üniformität ist dem Beamtentum ein Greuel; dazu kommt jene 
Angst in den oberen Regionen vor den konstitutionellen Tendenzen 
der Landschaften. Und doch weisen die Erfahrungen immer wieder 
darauf hin, dafs von diesen Körpern der Selbstverwaltung noch am 
ehesten Abhilfe in den vielen Nöten des Volkslebens erwartet 
wird. So namentlich in den Hungersnöten. Eine Konferenz russi- 
scher Ärzte hat im Jahre 1899 in Kasan die Landschaften für die 
zur Hebung des Medizinalwesens kompetenteste Instanz erklärt 
Die Sorge für die Volks Verpflegung lag bisher den Landschaften 
ob und wurde im ganzen jedenfalls nicht schlechter wahrgenommen 
als von den Staatsbeamten. Aber sobald irgendwo eine Mifsernte 
konstatiert wurde, begann sofort der Konflikt zwischen Landschaft 
und Büreaukratie: man behauptete auf der einen Seite das Vor- 
handensein eines Notstandes, man leugnete ihn auf der anderen 
Seite, man stritt über die Höhe der Unterstützung, die nötig wäre, 
über den Ankauf des Korns, über seine Verteilung u. s. w. und 
das Ergebnis war natürlich schlimm für die Hungernden: die Hilfe 
kam meist zu spät oder gar nicht, oder in einer nutzlosen Weise.^ 
Zuletzt hat dann die Regierung die Sache in ihre Hand genommen: 
die Landschaft soll seit dem Sommer 1901 mit der Volksverpflegung 
nichts mehr zu thun haben. Und was sehen wir jetzt in den not- 
leidenden Ostgubernien? Die alte Klage: die Regierung habe zu 
wenig geleistet und das Getreide, das sie ankaufte, komme nicht 



^ Siehe: ,,Das hungernde Rufsland", von Lehmann und Pakvus, Stutt- 
gart 1900. 



250 FÜNFZEHNTES KAPITEL 

rechtzeitig, liege Irgend wo fest — und der Skorbut bricht aus 
(März 1902). Schon kündigt auch die Presse an, es werde den 
Landschaften das Wahlrecht ihrer obersten Beamten genommen 
werden, die von der Regierung fortan würden eingesetzt werden. 
Damit wären die Landschaften verstaatlicht, und mit den Anfängen 
von Selbstverwaltung hätte es ein Ende. Dann aber dürfte auch der 
letzte Versuch gemacht sein, den alten Landadel als führenden Stand 
zu retten. Denn ein Adel ohne öffentliche Rechte und Pflichten 
geht als Stand immer und überall zu Grunde, er wird SalonadeL 
Wir wissen in Deutschland aus eigener Erfahrung, wie in einem 
Staat mit noch so pflichttreuen absoluten Alleinherrschern der 
Büreaukratismus leicht um sich frifst Vom Aachener Kongrefs des 
Jahres 1818 bis zum März des Jahres 1848 hat die büreaukratische 
Wucherung, und nicht blos in Preufsen, das Blut im Volkskörper so 
ins Stocken gebracht, dafs ein schwächeres Volk schwerlich gegen 
Ende des Jahrhunderts zu solchem Aufschwünge wäre fähig ge- 
wesen, wie wir ihn erlebt haben. Die alte deutsche Kleinstaaterei 
mit all ihrem Elend hat vielleicht das Verdienst gehabt, das Be- 
amtentum nicht zu dem Mafse von Verderbtheit herabsinken zu 
lassen, dem es in einem grofsen Reich leicht ausgesetzt ist In 
dem Kleinstaat reicht der Blick des Ministers bis ins letzte Dorf, 
jede Meinung wird leicht eine öffentliche Meinung und gewinnt 
damit an einschränkendem Einflufs auch auf den Staatsbeamten. 
Der russische Minister kennt niemals die Beamten der Provinz 
persönlich, und eine öffentliche russische Meinung giebt es nicht 
und wird es nicht geben, aufser in sehr wenigen und ganz all- 
gemeinen Fragen. In der Provinz mag man sehr einig sein in 
der Verurteilung einer amtlichen Person oder Handlung: diese 
Meinung einer Provinz wird es sehr schwer finden, auf das Be- 
amtentum einen Einflufs zu gewinnen, und noch schwerer, sich 
bei der Zentralregierung Gehör zu verschaffen. Nicht eüie provin- 
zielle, sondern eine persönliche Meinung wird einige Aussicht haben 
durchzudringen. So bleibt der Beamte unter sehr schwacher Auf- 
sicht sowohl von oben her als durch die Gesellschaft, und so ist 
das Bestechungswesen heute in Rufsland verbreiteter, als es in den 
Jahren nach den Reformen Alexanders II war, und nicht viel ge- 
ringer als unter Nikolaus I. Die Unterschleife bei der Intendantur 
während der letzten chinesischen Wirren scheinen denen von 1877 
wenig nachgestanden zu haben. Die einzigen Beamten, die man 



B UREA ÜKRA TIE 251 

dieses Fehlers nicht zeihen kann, die ihre sachliche, unabhängige 
Meinung sich bewahrt haben und sie vertreten, sind die der 
höheren und höchsten Justiz, und sie sind auch die einzigen, die 
bisher gesetzlich in ihrer amtlichen Thätigkeit unabhängig sind 
von der Willkür 'des Vorgesetzten oder der höheren Administration. 
Beides, Freiheit und Redlichkeit, geht hier also zusammen. Im 
übrigen heifst es in einer schon oben zitierten Schrift: „Die 
Bfireaukratie verzweigt sich überall hin und ist bestrebt, das ganze 
russische Leben in die Ketten von Willkür und Formalismus zu 
verwickeln.^' Unter diesen Umständen hat die fortschreitende Zen- 
tralisation der Verwaltung zwar die Macht, aber nur wenig die 
sittliche Tüchtigkeit des Beamtentums gehoben. Wohl aber hat sie 
in hohem Grade die Verantwortlichkeit und das Interesse an den 
öffentlichen Dingen in weiten Kreisen der Bevölkerung erschlafft 

Wir haben gesehen, über wie ungeheure materielle Mittel das 
Finanzamt verfügt Mit einem Ausgabebudget von weit über 
300 MilUonen Rubel wird ein Beamtenheer von tiunderttausenden 
unterhalten. Das Verkehrsministerium gebot schon im Jahre 1899 
allein auf den Staatsbahnen über 339000 Bedienstete.^ Nimmt man 
die Domänen und Forsten, die Post und Telegraphie und andere 
Regalien hinzu, so mag die Summe der im Zivildienst des Staates 
stehenden Personen weit über eine Million hinausgehen. 

Wir haben gesehen, dafs 57 Prozent des Einnahmebudgets 
durch staatliche Verwaltung aufgebracht werden. Der Staat ist 
Eigentümer von zwei Fünftel des russischen Erdbodens, und zwar 
allein in dem europäischen Rufsland, die endlosen asiatischen 
Domänen und Apanagengüter gar nicht gerechnet' Ist das meiste 
davon auch Waldland, so bleibt immer noch genug Kulturboden 
übrig, um den Minister der russischen Domänen zu dem Verwalter 
des gröfsten forst- und auch landwirtschaftlichen Betriebes der 
Welt zu machen. Der Staat ist ferner Unternehmer in Eisen- 
bahnen, Branntweinhandel u. s. w. Der Gewinn, den er aus seinen 
Unternehmungen zieht, füllt den Staatssäckel, aber vermindert den 
Erwerb der Unterthanen. Ein Erwerbsfeld, aus dem der Staat 
solche Summen zieht, und aas dem, wenn es von Privaten gut 
ausgebeutet würde, vielleicht noch gröfserer Gewinn erzielt werden 
könnte, ist dem privaten Erwerbe entzogen. Auf grofsen Gebieten 

^ Russische Zeitung für Handel und Industrie, 1901. 

* Vgl. Trubnikow, Die Reichtttmer Rufslands, T. i, S. 156. 



252 FÜNFZEHNTES KAPITEL 

wird so zu Gunsten des Fiskus das Erwerbsleben des Volkes ein- 
geschränkt Es ist ein Schritt nach dem sozialdemokratischen 
Idealstaate hin, der hier gemacht ist Wollte man die Verstaat- 
lichung weiter ausdehnen, den Tabakshandel, die Zuckersiederei 
monopolisieren, so könnten die Summen des Budgets noch weiter 
anschwellen, und man käme der sozialistisch-staatlichen Produktion, 
der Verstaatlichung der Produktionsmittel, um ein gutes Stuck 
näher. Allein man darf sich darüber nicht täuschen, dafs der 
Staat, das Volk dadurch nicht reicher wird, dafs die Arbeit und 
das Verdienst aus privaten Händen in staatlich-beamtliche Hände 
übergeführt, dafs die Volkswirtschaft von der Staatswirtschaft auf- 
gesogen und ersetzt wird. Herr WriTE scheint nicht immer und 
ganz gegen diese Täuschung gesichert zu sein. Die Einführung 
z. B. des monopolistischen Branntweinhandels mag dem Fiskus 
vorteilhaft sein, aber sie geht auf Kosten der Bevölkerung und ist 
also eine Art von neuer Steuer. Wo das Monopol Platz griff, 
verloren die Kommunen in Stadt und Dorf ihre Einnahme aus 
der Schanksteuer, die sie von einer im ganzen Reich nach Tau- 
senden zählenden Menge von Trinkanstalten erhoben. Den Aus- 
fall berechnete z. B. die Stadt Moskau auf 100000 Rubel jährlich 
und bat um eine Entschädigung, aber vergeblich. Jedes Dorf 
hatte wenigstens einen, oft viele Krüge, die heute durch die so- 
genannte Monopolbude verdrängt, ihres Erwerbes beraubt sind. 
Der Steuerverlust bildet einen grofsen Ausfall in dem Budget des 
Dorfes, denn diese Krüge waren oft die Hauptquelle der Einnahmen. 
Diese Einnahmen der Kommunen also wurden einfach in die Staats- 
kasse übergeführt Daran schliefsen sich andere Schädigungen der 
Steuerzahler zu Gunsten des Staates. Der Fiskus ist bestrebt, die 
Konkurrenz nicht blos des privaten Branntweins, sondern auch 
anderer alkoholhaltiger Getränke einzuschränken. Im Süden des 
Reiches mehrt sich der Weinbau. Nach einer Zeitungsmeldung 
(„Rossija") hat der Finanzminister neuerdings ein Gesetz beantragt, 
welches den Absatz von Wein erschweren soll. Die Weinbauern 
sollen das Recht verlieren. Lokale für Weinverkauf im Grofs- und 
Kleinhandel zu eröffnen, wodurch der Weinbau natürlich leiden, 
aber der Fiskus auf dessen Kosten sich bereichern würde. Die 
Verwirklichung dieses Projektes erscheint nicht unwahrscheinlich 
angesichts der Erfahrungen, die man im Norden mit dem Bier 
gemacht hat Dort wurde eine Menge von Krügen in Stadt und 



B UREA ÜKRA TIS 253 

Land durch die Entziehung der Schankberechtigung für Bier zur 
Schliefsung gezwungen; in Livland allein mufsten 600 Krüge, die 
bedeutende Einnahmen abwarfen, geschlossen werden, wodurch 
der Verliehr, besonders des Frachtfuhrwerks, im Winter sehr er- 
schwert wird, das unterwegs keine Unterkunft mehr findet In 
den drei baltischen Provinzen war der Bierkonsum sehr bedeutend, 
und der Verlust, den die Besitzer der Krüge und der Brauereien 
durch jene Mafsregel erleiden, ist entsprechend grofs, da keine Ent- 
schädigung gewährt wird. Der Vorteil ist wieder auf selten des 
Branntwein verkaufenden Fiskus. Im inneren Reiche, wo weder 
Bier noch Wein gebräuchlich sind, herrscht der fiskalische Brannt- 
wein ohne Konkurrenz. Noch eine Gefahr aber drohte dem staat- 
lichen Ausschank, nämlich die Mäfsigkeitsbestrebungen. Sie wur- 
den offiziell gefördert, ja das Ministerium der Finanzen selbst 
rief eine Zentralleitung, ein Mäfsigkeitskuratorium, ins Leben. Die 
Trunksucht sollte offiziell bekämpft werden, es sollten Theebuden er- 
richtet, Vereine gegründet werden und dergleichen. In jedem Kreise 
wurde ein Komitee mit einem Vorsitzenden aus dem Adel ernannt, 
das gegen die Trunksucht arbeiten soll und unter dem Gubernial- 
komitee steht. Im Lande aber werden diese Bestrebungen durch 
die Beamten desselben Ministeriums eifrig bekämpft, den Komitees 
werden Hindemisse bereitet. Oft und an vielen Orten hat die 
Bevölkerung selbst versucht, der Trunksucht zu steuern, indem sie 
um Abschaffung oder Veriegung der Monopolbuden petitionierte. 
Hier ein Beispiel von vielen: Das Landschaftsamt des Wolkower 
Kreises im Gubemium Charkow petitionierte, wie in dem offiziellen 
Blatt des Guberniuni3 zu lesen war, darum, dafs hinfort keine 
fiskalische Branntweinschenke in den Dörfern auf den Kirchen- 
plätzen und in den Strafsen, wo sich Kirchen, Schulen, Gemeinde- 
verwaltungen befinden, errichtet werden möge. Die wüsten 
Szenen trunkener Volkshaufen sollten möglichst fern von diesen 
Anstalten gehalten und der Neigung, den Weg zu Kirche, Schule, 
Gemeindeverwaltung zu verfehlen, vorgebeugt werden. Die Petition 
gelangte durch das Gouvernements-Landschaftsamt an das Minister- 
Komitee und wurde dort abgelehnt. Das Interesse des Fiskus domi- 
niert, aber das Interesse des Volkes leidet, die Mäfsigkeit macht 
Rückschritte. Der Nationalökonom Buch giebt an, dafs im euro- 
päischen Ruisland in der Periode der Monopolisierung des Brannt- 
weinhandels von 1895— 1900 durchschnittlich jähriich 24 V» Millionen 



254 FÜNFZEHNTES KAPITEL 

Eimer Branntwein verbraucht wurden gegen rund 23 Millionen im 
vorhergehenden Jahrfünft,^ wobei man die zunehmende Verarmung 
im gröfsten Teil der Bevölkerung nicht aufser acht lassen darf. 
Der offizielle Bericht des Reichs -Kontrolhof es über das realisierte 
Budget für 1900 macht folgende Angaben: Der Branntwein hat 
dem Fiskus in diesem Jahre 316807550 Rubel eingebracht, d. h. 
um etwa 6V2 Millionen mehr als im Vorjahre und um 24 Millionen 
mehr als veranschlagt war. Davon kamen 14 Mülionen aus den 
Provinzen, wo der Verkauf monopolisiert war. Das Monopol 
scheint auch hiernach, trotz aller Mifsernten und Armut, den 
Konsum des Alkohols zu heben, dem Fiskus zu nützen. Der Finanz- 
minister giebt zur Bekämpfung der Trunksucht etwa ein Prozent vom 
Reingewinn aus dem Branntweinhandel her, um sich ein mora- 
lisches Mäntelchen umzulegen, wodurch der Elf er etwas verdeckt wer- 
den könnte, mit dem man die Ausbreitung des Branntweintrinkens 
fördert Die Moral wird geschlagen und der Monopolschnaps siegt 

Diese rein fiskalische oder rein finanzielle Behandlung der 
Einnahmequellen zeigt sich auch auf anderen volkswirtschaftlichen 
Gebieten. So wird bis heute noch in einem Ackerbaustaate wie 
Rufsland ein so hoher Zoll auf Eisen und auf landwirtschaft- 
liche Maschinen gelegt, dafs der Bauer ohne Radreifen fährt und 
der Landwirt die Maschinen doppelt so teuer bezahlen mufs, als 
sein Konkurrent im Westen. 

Die Einfuhr von Kunstdünger ist mit einem Zoll belastet 
und die Ausfuhr eigener Düngemittel wird begünstigt; Knochen- 
mehl, Ölkuchen werden in erheblicher Menge produziert, aber fast 
ganz ins Ausland verkauft, zu gröfserem Wohl der Handelsbilanz. 
In einem Lande, wo die Bestechlichkeit traditionell ist, wird 
dem Beamtentum alles wirtschaftliche und alles geistige Leben 
in die Hand gegeben. Handel und Industrie sollen gehoben wer- 
den, und kein Kaufmann kann einen Bahnwagen für seine Waren 
erhalten ohne Bestechung, kein Kaufmann weifs, ob seine Lieferung 
morgen oder nach 4 Wochen an ihre Bestimmung gelangen wird. 
Die Waren verderben unterwegs in Massen, die Unordung in der Ver- 
waltung der Staatsbahnen ist beständig und für den Handel sehr 
störend. In Rufsland wird alles und jedes in den Strudel büreaukra- 
tischer Aufsicht, staatlicher Einmischung und Verwaltung hinein- 



* „Europ. Bote", Olitobcr 1901. 



BÜREAÜKRATIE 255 

gezogen. Die einzigen grölseren Reedereien für den Aufsenhandel, die 
sogen. Freiwillige Flotte und die Donau-Schiffahrts-Gesellschaft, kosten 
dem Fiskus grofse jährliche Zuschüsse und stehen thatsächlich in 
halbstaatlicher Verwaltung. Die letztgenannte Gesellschaft soll den 
russischen Handel auf der Donau fördern ; aber der Handel ist so 
gering, dafs, obwohl sie nur Fahrzeuge mit einem Gehalt von im 
ganzen 281000 Tonnen besitzt, es ihr an Fracht fehlt Der Staat 
aber zahlt dieser Flotte jährlich 312000 Rubel Zuschufs. Die Hafen- 
abgaben, die bisher den Kassen der Hafenplätze zuflössen, sollen 
verstaatlicht werden, wogegen der Staat die daraus bestrittene Er- 
haltung der Häfen äbemimmt „Aus der Gesellschaft des Roten 
Kreuzes," seufzt NowiKOW, „ist ein Departement der Wohlthätigkeit 
mit Abteilungen und Revisoren gemacht worden. Die Wohlthätigkeit 
ist in Petersburg zentralisiert worden." Jedes öffentliche Wirken 
gleitet unversehens in die Hände der Beamten, hier, weil es schlecht 
geleitet wird, dort, obgleich es gut geleitet wird. Dazu treibt eben- 
so sehr von oben das herrschende System selbstherrlicher Büreau- 
kratie, als umgekehrt das Bedürfnis und die Gewohnheit der oberen 
Volksschichten, beim Staat Versorgung zu suchen, die Regierung 
zu fortlaufender Vermehrung des Tschinowniktums drängt Die 
Tausende verarmter Edelleute, die Tausende hungernder Popen- 
söhne und Beamtensöhne betteln um Stellen, und die Regierung 
schafft welche durch Verstaatlichung privater und kommunaler 
Arbeit Ausgleich, Assimilierung, Vereinfachung, kurz Uniformierung 
geben dazu leicht den Grund, oder doch die Begründung, selbst 
den Vorwand her. Aber die Volkskraft erschlafft dadurch immer 
weiter, die Unredlichkeit in der Verwaltung wächst und die Re- 
gierung vermag trotz Bahnen und Telegraphen immer weniger ihr 
Beamtenheer in Zucht zu halten. Die übertriebene Büreaukrati- 
sierung führt notwendig zu einem Zustande von Anarchie, der von 
oben bis unten heute spürbar ist Zentralisation und Uniformierung 
gehen überall Hand in Hand ; es sind Mahlsteine, zwischen denen die 
Selbstthätigkeit und die Selbständigkeit des Volkes zerrieben werden. 
Wie viel freier, selbständiger, die Arbeitskraft, die Unter- 
nehmungslust, die Selbstthätigkeit des Volkes mehrender Erwerb 
ist denn noch übrig? Man denkt sofort: frei ist die Landwirschaft 
Allerdings, die ist frei, nur dafs sie vom Staat als Maschine zur 
Erhaltung der Handelsbilanz verwertet, im übrigen aber vernach- 
lässigt wird. 



256 FÜNFZEHNTES KAPITEL 

Ebenso gewaltsame Fortschritte hat die Verstaatlichung auf 
geistigem Gebiete gemacht.^ Alexander II hatte im Jahre 1863 
ein Universitätsstatut erlassen, das nach dem Vorbilde der Uni- 
versität Dorpat die Verwaltung und Besetzung der Universitäten 
in die Hand der Lehrkörper legte. Aus einem persönlichen Zu- 
sammenstofs zwischen den damals mächtigen Leitern der ,,Mos- 
kauer Nachr." Katkow und Leontjew und dem Rat der Moskauer 
Universität ergab sich am Schlufs der 70 er Jahre ein Feldzug 
dieser Männer und der hohen Häupter der Reaktion gegen die 
Freiheiten der Universitäten, der mit der völligen Knebelung der 
Lehrkörper durch das neue Statut von 1884 endete. Seitdem wer- 
den alle Lehrstühle vom Minister besetzt, die Studenten stehen 
unter der Aufsicht der Polizei, die Lehrpläne werden ministeriell 
vorgeschrieben, die korporativen Bande unter den Dozenten sind auf- 
gelöst und der Professor wurde ein ebenso abhängiger Mandarin 
wie andere Staatsdiener. Die Folge war, dafs die selbständigen, 
die oft tüchtigsten Kräfte sich vom Eintritt in das Lehrfach zurück- 
hielten, und dafs der ohnehin schreiende Mangel an wissenschaft- 
lichen Lehrern noch künstlich genährt wurde. Und was die weiteren 
Folgen der staatlichen Eingriffe sind, sehen wir daran, wie die 
Unruhen an allen Hochschulen damit ein Ende keineswegs ge- 
nommen haben, dafs man die Universitäten ihrer Freiheiten be- 
raubte. Seit dem Sommer 1901 scheint ein völliger Umschlag sich 
vorzubereiten. Aber was der neue Minister der Volksaufklärung 
in Aussicht stellt, das ist doch nur wieder Uniformität, wenn auch 
flach liberale, und steht in hartem Gegensatz zu dem System, 
welches die Herren WnTE und SipäGIN vertreten. 

In die Justiz hat das büreaukratisch-zentral istische Prinzip 
gleichfalls einen Einbruch vollführt. Ich bemerkte schon, dafs die 
Unabhängigkeit, die den Gerichten durch die Verfassung von 1863 
gewährt wurde, die besten Elemente des Landes diesem Beruf 
zuführte und ihn moralisch so weit läuterte, wie es in Rufs- 
land wohl noch nie in einem staatlichen Beruf geschehen ist 
Die untere Instanz der Friedensrichter und ein ständiges Glied 
der zweiten Instanz waren Wahlämter und erfüllten ihre Pflichten 
im ganzen zu allgemeiner Zufriedenheit. Da „erfuhr, wie es in 



* Vgl. die vortreffliche Schrift: Rufsland am Vorabend des 20. Jahrhunderts, 
Berlin 1900, Steinitz. (Russisch.) 



B UREA ÜKRA TIE 257 

der obigen Schrift heifst, Rufsland eines schönen Morgens zu 
seiner Überraschung, dafs die Friedensrichter, man wufste nicht 
warum, abgeschafft und durch Landhauptleute ersetzt werden. 
Das war einer der unerklärlichsten Akte der Gesetzgebung, denen 
man in der Geschichte begegnet" Diese anerliannt gute Institution 
wurde, es war im Jahre 1889, „ohne allen Anlafs zum Fenster 
hinausgeworfen und durch die vollste Willliür ersetzt*' Denn die 
Landhauptleute sind nicht Wahlbeamte, sondern werden von der 
Regierung ernannt, und zwar sollen sie vorzüglich aus dem Adel 
ernannt werden. Das neue Gesetz erklärte sogar diesen letzten 
Umstand für den Beweis dafür, dafs diese Reform der besonderen 
Gnade des Zaren für den Adel zu danken sei. „Es ist klar,'' sagt 
unsere Schrift, „dafs der Zar auch in diesem Falle glatt betrogen 
wurde," wie es ihm schon bei dem Erlafs des Üniversitäts-Statuts 
von 1884 ergangen war, als einige Minister unter Führung des 
Oberprokureurs PoBEDONOSZEW mit verteilten Rollen einen Schwank 
vor ihm aufführten, in dem dieser kirchliche Würdenträger, schein- 
bar das Reformprojekt verteidigend, unterlag, den Monarchen aber 
dadurch zu der tröstenden Erklärung brachte: „Sie sehen, die 
Majorität ist gegen Sie, ich mufs das Statut bestätigen." Der 
schlaue Jesuit der Orthodoxie lachte sich ins Fäustchen, denn das 
Statut war wesentlich sein Werk. 

Für das Amt eines Landhauptmannes ist keinerlei Quali- 
fikation der Vorbildung erforderlich. Die Landhauptleute üben die 
untere Justiz und die untere Verwaltung aus, sie sind allmächtig 
gegenüber den Bauern, sehr mächtig bei allen Wahlen der Land- 
schaften. Man zählte ihrer im Jahre 1900 in 36 Gubemien 
2012, von denen 880 ihre BUdung in Militärschulen empfangen, 
473 Universitäten besucht hatten.^ Wenn auch die Landhauptieute 
sich vielfach bewährt haben, so gehören sie doch zu dem grofsen 
Heere abhängiger Tschinträger und verstärken die Zentralisation. 
Das Wahlrecht ist für diesen wichtigen untersten Verwaltungsposten 
den Ständen genommen. „In den russischen Regierungssphären,'' 
sagt obige Schrift, „herrscht das Streben, alles umzustülpen und 
bis auf den Grund niederzubrechen." „Die unlängst erst an- 
gepflanzte Rechtspflege droht von dem Antlitz der russischen 
Erde wieder zu verschwinden." Indessen darf zur Ehre der Justiz 



^ „Russkoje Bogatstwo" (Russ. Reichtum) April 1901. 

▼. D. BBOeenr, Bnßland. 17 



258 FÜNFZEHNTES KAPITEL 

hinzugefügt werden, dafs in den oberen Instanzen, namentlich im 
Senat, heute noch das Recht seinen Schutz, den letzten freilich, 
gegen die Willkür der Ämter findet Dorthin hat sich der Rest 
von Selbständigkeit, Gewissen und Mut geflüchtet, wie ehemals in 
Frankreich in die Parlamente. 

Über die religiösen Verfolgungen ist man in Deutschland 
einigermafsen durch die Presse, durch die Schriften des Grafen 
Leo Tolstoi und anderer unterrichtet So wenig Hang das russische 
Volk zur religiösen Unduldsamkeit zeigt, so ist doch die Leitung 
der Staatskirche bemüht, die Unduldsamkeit zu schüren. In den 
Berichten des Oberprokureurs POBEDONOSZEW an den Monarchen 
werden die fremden Konfessionen stets beschuldigt, die Orthodoxie 
auf alle Weise zu schädigen, zu verfolgen, was eine einfache Ver- 
drehung der wirklichen Lage ist Der Synod, die kirchliche Zentral- 
behörde, hält sein Heer von Kirchenbeamten, die Weltgeistlichen, 
in finsterer Unwissenheit, aber in äulserem Gehorsam. Die Welt- 
geistlichkeit hat als Stand aus der früheren Abgeschlossenheit 
noch eine starke ständische Tradition überkommen. Aber die 
Popensöhne üben, wie man annehmen mufs, einen zersetzenden 
Einflufs auf die Geistlichkeit selbst aus, von der sie stammen, und 
kommt es einmal zu einer ernsten Volksbewegung, so wird man 
diese mifshandelten Dorfgeistlichen wahrscheinlich auf der Seite 
ihrer Söhne und nicht des Synods finden. Denn der Synod ist 
eine staatliche Behörde wie irgend ein Ministerium, nur dem 
Monarchen gegenüber mächtiger als jeder Minister. Von einem in 
den Mitteln so wenig bedenklichen Manne wie Pobedonoszew ge- 
leitet, so despotisch zentralisiert, setzt sich diese Behörde nicht 
nur dem heute in den höheren Klassen so weit verbreiteten Verlangen 
nach Gewissensfreiheit entgegen, sondern treibt seit dem Tode des 
der Duldsamkeit geneigten Zaren Alexander II die Regierung zu den 
harten, oft grausamen Mafsnahmen, von denen wir hören, und 
die dem russischen Volksgeiste widersprechen. 

Die Leichtigkeit, mit der heute, dank der Eisenbahnen und 
Telegraphen, alle Dinge aus den entferntesten Provinzen zur Be- 
urteilung und Entscheidung nach Petersburg gebracht werden 
können, macht, dafs alle Dinge einfach dorthin strömen, und dafs 
umgekehrt an der Zentralstelle wie als selbstverständlich bestimmt 
wird, was in jedem Dorf zu geschehen hat Die Bestimmung ist 
oft völlig der Wirklichkeit widersprechend, völlig sinnlos, oft auch 



B UREA UKRA TIE 259 

undurchführbar, noch öfter aber bleibt sie ohne Erfolg aus Träg- 
heit der unteren vollziehenden Instanzen. Aber im ganzen ist 
die Folge davon eine gänzliche Erlahmung der provinziellen Selbst- 
thätigkeit und ein stumpfes Erwarten aller Bewegung von dem 
zentralen Anstofs. Und im Zentrum wird die Unfähigkeit, die 
provinziellen Dinge richtig zu sehen und zu leiten, immer gröfser, 
je mehr die Masse des Arbeitsstoffes sich anhäuft 

Hier ein Beispiel aus einer russischen Zeitungsnummer der 
letzten Zeit (,)Russk. Wedom/*), dem man ähnliche täglich anreihen 
könnte: „Wie aus den Daten über die Konzessionierung von in- 
dustriellen Etablissements in den beiden Hauptstädten während 
der Jahre 1896—1900 hervorgeht, sind die Angelegenheiten wegen 
Errichtung von Wurstmachereien, Schlosserwerkstätten, Schmieden, 
Etablissements zur Reinigung von Kleidern, Kartonnagenwerkstätten 
und Spitzenklöppeleien, in denen nicht mehr als ein Arbeiter be- 
schäftigt war, vor das Finanzministerium gelangt, also ,Angelegen- 
heiten', welche ihrem Wesen nach nicht einmal der Konzession 
der niederen Behörden bedurften. Wie komische Dinge sich that- 
sächlich ereignen, ersieht man aus der Angelegenheit der Konzessio- 
nierung einer Färberei mit einem Lohnarbeiter, deren Abwasser 
auf fünf Wredo (Eimer) monatlich taxiert war. Die Entscheidung 
dieser Angelegenheit zog sich ungefähr ein Jahr hin: nach und 
nach wurde sie der Polizei, dem Landschaftsamt, der Medizinal- 
verwaltung, dem Gouverneur und endlich dem Finanzminister unter- 
breitet Ebenso ernste Schwierigkeiten werden den landwirtschaft- 
lich-technischen und hausindustriellen Etablissements bereitet, bei 
deren Konzessionierung man von denselben Prinzipien ausgeht 
wie bei Fabrikuntemehmungen mit Tausenden von Arbeitern.'' 

Ein Beispiel dafür, wie die Zentralregierung aufser stände ist, 
die Menge des Arbeltsstoffes trotz des ungeheuren Beamten- 
heeres zu bewältigen, liegt in dem Schicksal vor, dem die Volks- 
zählung von 1897 verfallen ist In fünf Jahren hat die zur Ver- 
arbeitung des gesammelten Materials niedergesetzte Kommission 
nichts von sich hören lassen, aufser dafs sie des Stoffes nicht 
Herr werden könne. Sie hat in diesen fünf Jahren 4 Millionen 
gekostet und nichts veröffentlicht Aber der zentralistische Eifer 
ist grofs genug, um jede Mitarbeit provinzieller Kräfte abzulehnen. 
Die livländischen Stände unterhalten in ihren Kanzleien tüchtige 
und praktisch bewährte statistische Abteilungen, weshalb sie die 

17* 



260 FÜNFZEHNTES KAPITEL 

Regierung um Überlassung des auf Livland bezüglichen Materials 
der Zählung zur Verarbeitung baten. Die Regierung hätte damit 
wenigstens für Livland ein Werk erlangt, das zum Muster hätte 
dienen können, und hätte es kostenlos erlangt Die Bitte wurde 
aber abgeschlagen: solcher Separatismus wird nicht geduldet 
Durchblättert man einige Nummern des offiziellen Reichsorganes, 
des „Regierungs-Boten", so mufs man über die Thätigkeit des Zaren 
staunen. Da stand im Frühjahr 1899 in dem ,/irkular für den 
Rigaschen Lehrbezirk" folgender „Allerhöchster Befehr zu lesen: 
„Se. Maj. der Kaiser hat auf den allerunterthänigsten Bericht 
des Verwesers des Ministeriums der Volksaufklärung unterm 
15. Oktober 1898 Allerhöchst genehmigt, die Schülerin der siebenten 
Klasse des Revaler Mädchengymnasiums Sinaida Koshewnikow 
wegen äufserst schwacher Gesundheit von dem Unterricht in der 
deutschen Sprache zu befreien." tliemach müssen die zwölf 
Arbeiten des Herkules als ein Kinderspiel erscheinen gegenüber 
der Arbeitslast, die auf dem Zaren von Rufsland liegt 

Endlich noch ein Beispiel von der „papierenen Verwaltung^ 
des Riesenreiches. Jemand hat einmal ausgerechnet, dafs, wenn 
einer der Minister eine Reise ins Ausland antritt und beendet, die 
Behörden des Reiches von diesem Ereignis durch amtliche Schreiben 
in Kenntnis gesetzt werden, deren Summe sich auf 17 000 beläuft 

Bei der mafslosen Anhäufung der Macht in den zentralen 
Ämtern und der ebenso mafslosen Konzentration der Geschäfte 
ist es unvermeidlich, dafs innerhalb des Ringes dieser zentralen 
Ämter ein ziemlich anarchischer Zustand herrscht Ministerium 
steht gegen Ministerium, man sieht Bündnisse zwischen zwei oder 
drei Ministerien gegen andere sich schlief sen, in dem einen wird 
despotisch, im anderen fast revolutionär regiert Das Ministerium 
der Volksaufklärung oder des Unterrichtes hielt an einer solda- 
tischen Disziplin im Schulwesen fest, womit natürlich chronische 
Unruhen in allen höheren Lehranstalten verbunden waren, bis 
endlich der Minister, Herr BOGOLEGOW, ermordet ward. Zu der- 
selben Zeit wurden die vielen dem Finanzministerium unterstellten 
Schulen in liberaler Weise geleitet Und dieser selbe Finanz- 
minister ist im übrigen ein diktatorisch denkender Herr, schlägt 
die Landschaften zu Boden, erläfst Dekrete auf Dekrete, durch 
welche über Ausgaben und Einnahmen ganzer Klassen von Staats- 
bürgern verfügt wird, gerade wie seine Kollegen vom Innern und 



RÜREA ÜKRA TIE 261 

vom Kriege auch. Die Justiz hat sich nach allen Seiten gegen 
die Willkür der übrigen Ressorts zu verteidigen, die Landwirtschaft 
kämpft mit den Finanzen, das Innere mit der Volksauf klärung. 
Und alles versichert, die zarische Selbstherrlichkeit schützen zu 
müssen. 

Vor etwa drei Jahren ereignete sich folgendes:^ Der jetzige 
Minister des Innern SipAgin war Chef der Bittschriftenkanzlei des 
Kaisers. Er reichte bei seinem Herrn ein Projekt ein, in dem aus- 
einandergesetzt wurde, das Wesen der Selbstherrschaft bestehe 
darin, dafs der Herrscher die Möglichkeit habe, alle Sachen zu 
entscheiden und eine Stätte der Zuflucht für das Volk zu sein. 
Daher solle der Chef der Bittschriftenkanzlei das Recht erhalten, 
alle Bittschriften in Sachen privater Natur oder in Bezug auf 
Sachen, die bei Verwaltungsämtern oder Gerichten anhängig sind, 
anzunehmen und vermittelst einfachen Vortrages beim Monarchen 
zur Entscheidung zu bringen. Herr SipAgin wäre, wenn sein Plan 
die Billigung des Reichsrates und des Kaisers erlangt hätte, Dik- 
tator geworden. Man sieht aber aus diesem Vorgange, welche 
Stellung der gegenwärtige Minister des Innern zu den anderen 
Ressorts, ja zu Senat und Reichsrat im Grunde einnimmt. Das 
sind eben Zustände, die aus der Hypertrophie des Gehirns, wie 
man die Verteilung der Kräfte im heutigen Rufsland bezeichnen 
kann, notwendig sich ergeben. Und vielleicht hat auch der Ver- 
fasser der genannten Schrift recht, wenn er die Regierungszeit 
Alexanders III beschuldigt, demoralisierend auf die obersten Kreise 
der Regierung gewirkt zu haben. „In Rufsland,'' meint er, „war 
der moralische Stand der höchsten Sphären der Regierung niemals 
hoch; aber unter Alexander III sank er so, dafs es alle Wahrschein- 
lichkeit übersteigt'' 



^ Rufsland am Vorabend des 20. Jahrhunderts. 



<*^£)- 



sechzehntes kapitel 
BOREAüKRATIE 

(Fortsetzung) 

^V^ie Meinung ist sehr verbreitet, dafs ein so ungeheures Reich 
^^ wie Rufsland nicht anders als monarchisch und zentralistisch 
regiert werden liönne. Wir haben gesehen, dafs der Mann, der 
heute den meisten Einflufs hat, Herr WnTE, auch dieser Meinung 
ist oder doch sich als einen Verteidiger dieser Meinung giebt. 
und in der That luinn man sich schwer vorstellen, wie es mög- 
lich sein sollte, diese L^ndermassen etwa parlamentarisch und zu- 
gleich zentralisiert, wie heute, zu regieren. Wir nehmen also die 
Notwendigkeit der monarchischen Staatsform an. Allein daraus, dafs 
die Regierung monarchisch sein mufs, um dieses Reich erhalten zu 
können, folgt noch nicht, dafs sie gut sei, und eine anschliefsende 
Frage wäre, ob diese Lündermasse notwendig dieses Reich bilden 
und diese zentralistische Regierung haben müsse. Denn zuletzt 
ist doch wohl das Wohlergehen der Regierten, nicht die Form und 
Macht der Regierung der Zweck und Sinn allen Staatslebens. 
Wenn es sich erwiese, dafs die zentralistische Form der Selbst- 
herrschaft nur das Regieren, nicht aber das gut Regieren ermög- 
licht, dann mfifste man zu dem Rückschlufs kommen, dafs das 
heutige Rufsland nicht von Bestand sein könne. Dann würde 
man wieder an den unglücklichen Prinzen Alexei Petrowitsch er- 
innert, der dafür starb, dafs er von einer russischen kulturellen 
Weltmacht nichts wissen wollte. 

Solange man von Petersburg aus nur auf drei oder vier fleer- 
strafsen seine Befehle ins Land senden konnte, war „der Himmel 
hoch und der Zar weit". Aber durch die Eisenbahnen und Tele- 



B UREA UKRA TIE 263 

graphen ist das anders geworden, der Zar ist nirgends mehr weit, 
selbst in Wladiwostoli nicht, und seine Minister liommen den 
Menschen und Dingen oft näher, als diesen letzteren gut ist Sie 
finden nur zu leicht, dafs ihre Anwesenheit, dafs ihre Beamten in 
jedem Winkel des Reiches nötig, dafs ihr Einflufs allgegenwärtig 
sein mfisse, und dafs ihre Bequemlichkeit eine immer stärkere 
Konzentration der Interessen und Geschäfte in der Residenz er- 
fordere. Sie zentralisieren um so eifriger, je weniger sie der 
Tüchtigkeit, der Ehriichkeit, dem Fleifse ihrer Unterbeamten trauen, 
je schlechter das Material ist, aus dem sie ihre ünterbeamten 
wählen müssen; sie kommen bald dazu, zwischen schlechtem 
und gutem Material nur undeutlich unterscheiden zu können. Die 
Vielregiererei blüht und die Vermehrungskraft des Beamtentums 
ist erstaunlich. 

Das sind Eigentümlichkeiten, die mehr oder minder bei jeder 
staatlichen Büreaukratie beobachtet werden. Indessen unterscheidet 
sich die russische Beamtenschaft doch in einigen Stücken von der- 
jenigen der westlichen Staaten. 

Man kennt die 14 Klassen des „Tschin'', in welche die ganze 
Beamtenschaft geordnet ist Der „Tschin'' stammt wie so vieles 
in Rufsland ohne Zweifel aus der Zeit der mongolischen Herr- 
schaft und ist ein chinesisches Wort Die chinesische Schrift hat 
ein Zeichen „Tschin", welches Minister oder Diener bedeutet,^ ur- 
sprünglich aber einen Mann in tief vorgebeugter flaltung dar- 
stellte. Dieser Mann mit dem krummen Rücken, der chinesische 
Beamte, herrscht bekanntlich über ein Reich, das an Volkszahl 
Rufsland weit übertrifft, und doch ebenso starr büreaukratisch wie 
Rufsland regiert wird. Um die Herrschaft über das Beamtenheer 
zu behalten, werden die Mandarinen nie lange, meist nur drei 
Jahre an einem Ort im Amte gelassen; sie werden fortwährend 
im Reiche herumgeschoben, damit keiner an einer Stelle mit der 
Bevölkerung verwachse, damit Beamten und Volk durch Vereinigung 
nicht politisch gefähriich werden, damit der Beamte nicht vom 
Volke abhängig und von der Regierung unabhängig werde. Das 
Interesse kommt hinzu, die herrschende Mandschurasse, die die 
Hälfte der Beamten stellt, nicht mit den Chinesen sich verschmelzen 
zu lassen. 

^ Das Zeichen sieht so aus: 




264 SECHZEHNTES KAPITEL 

Blickt man nun wieder nach Rufsland zurück, so scheint es, 
als ob nicht die Benennung des Beamten allein aus dem fernen 
Osten herübergekommen w^re. Das russische Beamtenheer wan- 
dert fortwährend durch das weite Reich und fafst nirgends Wurzel. 
In kleineren Staaten bedeutet das weniger, denn wer in Koburg 
einwurzelt, ist auch in Gotha zu ilause. Aber in einem Reich, in 
dem mehr denn 120 Sprachen, wie geschrieben steht, gesprochen 
werden, in dem die Kultur solche unterschiede zeigt, ist der 
nomadisierende Tschinownik nicht das wünschenswerte Ideal des 
Beamten. Ich entsinne mich, dafs nach Einführung der russischen 
Rechtsverfassung in den Ostseeprovinzen unter den hereinströmen- 
den russischen Friedensrichtern sich einer befand, der direkt aus 
Transkaukasien dorthin versetzt worden war. Er erzählte aus 
seiner dortigen Amtsführung folgendes: „Ich mufste einen Mann 
nach den geltenden Gesetzen zu einigen Monaten Gefängnis ver- 
urteilen. Da nun dort Gefängnisse nicht vorhanden sind, übergab 
ich ihn, wieder den Gesetzen gemäfs, dem nächsten Gemeinde- 
ältesten, der ihn einsperren und in Haft halten mufste. Dieser 
Alteste aber und seine Gemeinde waren Nomaden und lebten in 
Filzzelten, sogenannten Jurten. Nach einigen Wochen hatte ich 
Veranlassung, nach dem Gefangenen zu fragen, und erhielt die 
Antwort, er sei verschwunden. -Auf weitere Anfragen erklärte der 
Gemeindeälteste, er habe in den Filzzelten den Gefangenen doch 
nicht an der Flucht hindern können, das Bewachen hätte zu viel 
Mühe gemacht; und da die Gemeinde annahm, der Friedensrichter 
doch nicht mehr nach ihm fragen werde, so hätten sie ihn gleich 
umgebracht^' Also hier eine Justiz, die Gefängnisstrafe anordnet 
ohne Gefängnisse, ohne jede Rücksicht auf die örtlichen Verhält- 
nisse. Und dieser Friedensrichter wird aus solchen Verhältnissen 
in die völlig anders gearteten der baltischen Provinzen versetzt, 
in nach Recht, Sitte, Kultur höchst komplizierte und ihm völlig 
fremde Provinzen, deren Sprachen er nicht kennt, deren Ge- 
setze er nicht kennt Die natürliche Folge ist nicht nur eine 
mangelhafte Erfüllung seiner amtlichen Obliegenheiten, sondern 
das Bestreben, so bald als möglich dieses Land wieder zu ver- 
lassen, das ihm ebenso fremd erschien wie die Kirgisensteppe. 
Die Justiz ist das einzige Ressort, welches heute noch immer 
einige Unabhängigkeit gegenüber der administrativen Willkür des 
Zentrums sich bewahrt hat, und in dem sich die fleifsigsten und 



B UREA ÜKRA TIE 265 

redlichsten Elemente des Landes zusammenfinden. In der Justiz 
und in einigen Landschaften hat sich noch am meisten von dem 
Schwünge, dem Pflichteifer, der Hingebung erhalten, die durch 
die Reformen der sechziger Jahre geweclit wurden. Aber wie 
liann Pflichteifer bestehen, ohne dafs dem Beamten zugleich die 
Genugthuung offen stände, die wohlthätigen Folgen seiner Pflicht- 
erfüllung zu beobachten, zu geniefsen? Wie kann der Beamte ein 
Interesse an seiner Arbeit haben ohne ein Interesse an den 
Wirkungen seiner Arbeit? Was kann ihm an den Wirkungen ge- 
legen sein, wenn ihm das Gebiet seines Wirkens fremd ist und 
fremd bleiben mufs, weil er, von fem hergekommen, es bald 
wieder verlassen wird? Der nomadisierende Tschinownik, der heute 
in den Verhandlungen seines Amtes der Sprache der Kirgisen, 
morgen der Letten und der Deutschen, übermorgen der Littauer 
und Polen lauscht, er mufs zum toten Instrument werden, er kann 
nicht mit dem Lande seines Wirkens bekannt werden, geschweige 
denn an ihm Interesse gewinnen. Die Thätigkeit eines solchen 
Beamten mufs zu der „papierenen Verwaltung'' werden, als welche 
sie in Rulsland längst einheimisch ist Die natürliche Folge hier- 
von ist, dafs sein Interesse sich um so ausschliefslicher dem 
eigenen Vorteil zuwendet Sein Interesse stuft sich so ab: das 
ich, d. h. die persönliche Gunst des Vorgesetzten, vielleicht auch 
die Bereicherung der eigenen Tasche; der Staat, d. h. das Erkennen 
oder Erraten der allgemeinen Wünsche der oberen Gewalten; der 
Amtsbezirk, d. h. die Sorge, dafs nichts vorfalle, was ihm, dem 
Beamten, nach oben hin schaden könnte. Das wirkliche Wohl 
des Volkes und Landes, dem er eigentlich dienen sollte, steht fast 
immer an allerletzter Stelle. Und dazu kommt, dafs der Bedarf 
an Beamten ein ungeheurer, der Vorrat an guten Beamten aber 
ein sehr beschränkter ist. 

Redlichkeit ist in der russischen Beamtenschaft nie zu Hause 
gewesen; sie ist es auch heute noch nicht Die Unredlichkeit 
und das Vielregieren drängen zur Zentralisation von unten her; 
Herrschsucht, Bequemlichkeit, Mifstrauen nach unten und Vertrauen 
zu sich selbst reizen die Zentralorgane von oben her zur über- 
mäfsigen^Zentralisation nicht nur der Macht, sondern der Leitung 
der Geschäfte im Einzelnen und in weitab liegenden örtlichen An- 
gelegenheiten. Die Zentralisation hat unter der gegenwärtigen Re- 
gierung eine schwindelhafte Höhe erreicht Je thatkräftiger ein 



266 SECHZEHNTES KAPITEL 

Minister ist, um so eher ist er bereit, auftretenden Mifsständen 
in der Provinz dadurch abzuhelfen, dafs er sie seiner persönlichen 
Behandlung unterzieht, und allgemeine Bedürfnissen dadurch zu 
befriedigen, dafs er in seiner Hand alle Machtmittel vereinigt Dies 
ist eine Tendenz, aus der sich mit Notwendigkeit die andere er- 
giebt, in den Zuständen des Staates eine möglichst tiefgehende 
Gleichförmigkeit zu schaffen. Je uniformer die Verhältnisse sind, 
um so leichter wird der Minister sie überschauen, überwachen, 
lenken können; ihm ist jede Abweichung von dem Durchschnitt, 
von der Mittelmäfsigkeit hinderlich, jede Selbstbethätigung einer 
Provinz, einer Kommune, eines Standes, einer Klasse, einer Person 
verdächtig. Sein Prinzip ist: Mafsregeln, nicht Männer! Und je 
stärker zentralisirt und uniformiert wird, um so gröfseres Gewicht 
wird auf den Erlafs von Gesetzen und Verordnungen gelegt, und 
um so mehr treten die Personen, die Charaktere zurück. Die 
papierene Verwaltung blüht, die lebendigen Triebe individueller 
Kraft verdorren. Und so erstickt zuletzt auch der stolzeste Baum! 
Wollte man die unterscheidenden Merkmale zwischen Rufs- 
land und England oder Rufsland und den Vereinigten Staaten von 
Amerika einzeln aufzählen, man fände ihrer kein Ende. Zu den augen- 
fälligsten Verschiedenheiten aber gehört die Verteilung der Kraft 
in dem einen und dem anderen Staate. In Rufsland sitzt sie ganz 
in der Regierung, in den angelsächsischen Staaten ganz im Volke; 
in Rufsland geht alle Bewegung, alles Leben von oben aus, in den 
Vereinigten Staaten alles von unten; in Rufsland türmt sich die Lava 
des ewig speienden Kraters der Gesetze und Verordnungen zu un- 
förmlicher Masse auf, in England giebt es keine systematisch ge- 
ordnete Sammlung der Gesetze, und in Amerika werden Gesetze 
und Verordnungen von einigen dreifsig Landesteilen, die sidi 
selbst regieren, erlassen. In Rufsland wird alle Initiative in Pro- 
vinz, Kreis, Gemeinde, alle Persönlichkeit erdrückt, in Amerika liegt 
alle schaffende Kraft bei Individuen, Gemeinden, im Einzelstaat 
In Rufsland ist die Arbeit des Einzelnen durch den Staat auf ein 
Minimum herabgedrückt, gelähmt, mifstrauisch bewacht, eingeengt 
in hundert Vorschriften: in Amerika ist jeder Nerv lebendig, jeder 
Muskel angespannt in unbehindertem Ringen und Arbeiten. In 
Rufsland schleicht durch alle Glieder, vom Kopf bis zu den Püfsen, 
die Furcht; in Amerika ist alles und jeder erfüllt von Selbstver- 
trauen. In Rufsland wird jede Selbständigkeit in Recht, Sitte, 



B UREA ÜKRA TIE 267 

Sprache, Glauben, in materieller und immaterieller Gestaltung des 
Lebens in Schwanken gehalten, gefesselt, geknickt: in Amerika 
treibt das freie Ringen aller individuellen und kollektiven Kräfte 
stündlich neue Rechte, Sitten, neue Formen des Glaubens, des 
materiellen und immateriellen Lebens hervor. Kann es bei solchen 
Gegensätzen dem geringsten Zweifel unterliegen, welcher Seite der 
in so vielen Dingen konkurrierenden Staaten der Sieg zufallen 
mufs? Kann man in Rufsland noch immer sich dem Wahne hin- 
geben von der Jugend des russischen Volkes, von der potenziellen 
Kraft, die nur der richtigen Leitung bedarf, um Gewaltiges zu 
leisten? Wird man sich von der empirischen Kraft der angel- 
sächsischen Reiche nicht endlich eines Besseren belehren lassen? 
Vor der Hand scheint das nicht in Aussicht zu stehen. Die 
gröfste Arbeitskraft, die seit lange einen russischen Ministersessel 
eingenommen hat, bemüht sich heute, wie wir gesehen haben, die 
Grundsteine einer Selbstverwaltung, die vor 40 Jahren gesetzt 
wurden, wieder wegzuräumen. Herr Witte zentralisiert und uni- 
formiert weiter, und andere Minister stehen ihm bei. Das Feuer- 
werk der Finanzen ist blendend genug, um vieles zu verdecken, 
was dunkel ist Mit einem Budget von bald 2000 Millionen meint 
man die Welt erobern zu können. Nachdem das Wunder ge- 
schehen, dafs russisches Gold in Jedermanns Tasche zu finden 
ist — wenn er Geld hat — , glaubt man fast, zaubern zu können. 
Der Finanzminister ist heute in Wirklichkeit Kanzler des Reichs : 
in einem Budgetbericht kündigt er eine Agrarreform an, als wäre 
er Minister des Innern, in einem nächsten erörtert er die chine- 
sischen Wirren und die auswärtige Politik im Tone eines Ministers 
des Äulsern. Das Eisenbahnwesen beherrscht er so völlig, dafs 
der Verkehrsminister nur wie sein Departementschef erscheint 
Endlich übernimmt er den Vorsitz in einer Konferenz von Ministem 
und hohen Würdenträgern zur Beratung über die vorzunehmende 
Agrarreform. Selbst die Justiz wagt sich nur schwer an ihn heran. 
Indem der Minister die Selbstherrschaft verteidigt, verteidigt er 
die in seiner Hand gesammelte Macht Eine so grofse Macht kann 
in einem Staate wie Rufsland zeitweilig sehr nützlich sein, wenn sie 
dazu verwandt wird, die erschlafften Teile des Reiches zu beleben. 
Das hat der Finanzminister, wie wir sahen, versucht durch Hebung 
der Industrie. Inzwischen ist die Lebenskraft dieser erkünstelten 
Industrie sehr gesunken, und man hat mit den 2—3 Millionen 



268 SECHZEHNTES KAPITEL 

Menschen, die in der Industrie beschäftigt sind, keine feste in- 
dustrielle Arbeiterschaft, die der fremden Konkurrenz gewachsen 
wäre, geschaffen. Zugleich aber geschah bisher fast nichts zur 
Belebung von hundert Millionen Ackerbauern, zur Belebung der 
eigentlichen, fundamentalen Volkswirtschaft. Mit dem Bau von 
Bahnen und Fabriken allein springt man nicht über die tiefe Kluft, 
die das russische Volk von der westlichen Kultur bis heute noch 
trennt. 

tlerr Witte hat sich nun auch an diese Aufgabe gemacht, 
indem er eine grofse Kommission zur Reform des Agrarwesens 
unter seiner Leitung beim Monarchen durchsetzte. Die Macht des 
Finanzministers wird durch das allgemeine Bewufstsein gestutzt, 
dafs er allein den Zusammenbruch vielleicht verhindern kann. 
TüRGOT soll gesagt haben: man gebe mir fünf Jahre gesicherte 
Diktatur, und ich werde Frankreich retten. Vielleicht denkt Herr 
Witte ähnlich. Aber wenn er Rulsland retten sollte, so wird nicht 
das heutige Rufsland daraus hervorgehen: es wird nur eine Re- 
volution von oben sein, durch die man suchen wird, der Volks- 
erhebung vorzubeugen. 




SIEBZEHNTES KAPITEL 

VERFASSÜNGSFRAGEN 

£^s ist ein verzweifelter Kampf, den Rufsland mit den Kultur- 
^^ Völkern Europas und Amerikas kämpft Dort im Westen senkt 
sich die Kraft, die ehemals ihren Schwerkpunkt in der Spitze, in 
Fürst und Regierung hatte, in immer breitere Schichten des 
Volkes hinab, und gewinnt damit an Umfang, Stetigkeit, Festig- 
keit, freilich mit Verlust an kriegerischer, erobernder Beweglichkeit 
nach aufsen. Rufsland hingegen ist sehr beweglich für Unter- 
nehmungen nach aufsen, indem es alle Kräfte des Volkes aus den 
unteren Schichten nach oben zieht und den Schwerpunkt in der 
selbstherrlichen Spitze zusammenhält, wodurch die Kräfte hand- 
licher für die Verwendung werden, aber im Wert für die Ent- 
wickelung des Volkes sinken. Die politische Gestaltung des heu- 
tigen Europa der parlamentarischen Ära ist dahin gelangt, dafs 
viele zweifelhaft werden an dieser Regierungsform, die doch 
hundert Jahre lang als politisches Zaubermittel verehrt worden 
ist Das Vertrauen wurde in Europa durch die Erfahrung er- 
schüttert, dafs die vollendetste Konstitution, der schönste Parla- 
mentarismus nur zu immer neuen sozialen Gärungen führten, 
und dafs, je tiefere Schichten an dem politischen Leben teil- 
nahmen, um so roher die Formen des politischen Lebens und 
auch um so schwieriger die Behandlung des Inhaltes wurde. Das 
Vordringen des Einflusses der Massen auf die Politik vergröfsert 
die politische Technik, engt das Denken durch das Wollen ein 
und fördert eine Gewaltsamkeit in dem Ringen der Interessen, die 
oft einen übermäfsigen Verbrauch an Arbeitskraft ohne die ent- 
sprechenden Früchte zur Folge hat Logik und Erfahrung sprechen 



270 SIEBZEHNTES KAPITEL 

gleichmäfsig dafür, dafs, sobald die politische Macht zu tief 
hinuntersinkt, der Staat Gefahr läuft, plötzlich umgestülpt zu 
werden, indem die Gewaltsamkeit in die Massen oder in die Hand 
eines einzelnen übergeht 

Die Russen, die stets mit sehr gespanntem Interesse dem 
politischen Leben Europas folgen, haben längst das Sinken des 
Ansehens bemerkt, welches sich gegenüber den Parlamenten Europas 
in den meisten Landern kund thut Voreilig folgern sie daraus 
oft, dafs der Parlamentarismus überlebt sei, indem sie übersehen, 
dafs, soviel auch gegen die Blöfsen, die die Parlamente sich geben, 
selbst in Deutschland gewettert wird, es kaum einen Deutschen 
giebt, der ernstlich wünscht, dafs die Volksvertretung beseitigt 
werde und der Kaiser selbstherrlich regieren möge, und wenn 
sie diese Folgerung, dafs die konstitutionelle Staatsform sich ab- 
gelebt habe, nicht immer ernstlich ziehen, so treibt das Bedürfnis 
nach Selbstverherrlichung sie leicht dazu, die eigene zarische Ver- 
fassung als urrussisch und als den repräsentativen Verfassungen 
Europas weit überlegen darzustellen. Es ist dasselbe Bedürfnis 
nach Originalität, welches die Ursache war, dafs die russische 
Dorfverfassung zu einem nationalen Heiligtum gestempelt und zum 
UnheÜ des Volkes bis heute erhalten wurde, oder dafs heute Indi- 
vidualismus und Kollektivismus von konfusen Köpfen für umissische 
grofse Prinzipien erklärt werden. Man wird zwischem dem Drange 
nach innerer Entwickelung und der Scheu, das Unvermögen einzu- 
gestehen, hin und her geworfen, und kommt so nicht von der 
Stelle. Und die Lage ist nicht nur für den sein Vaterland liebenden 
Russen, sondern auch für den praktischen Staatsmann allerdings 
eine auf^erordentlich schwere. Denn auch er muls anerkennen, 
dafs die innere Entwickelung Rufslands im Sinne europäischer 
Kultur in ihrem weiteren Verfolge nur möglich ist unter Verzicht 
auf eine Tradition und auf äufsere Ansprüche, von denen kein 
Staat und kein Volk sich leicht trennen können. Rufsland wird 
nicht Kulturstaat werden, solange es die bisher verfolgte Welt- 
politik und national-propagandistische Politik treibt, und es kann 
diese Weltpolitik nicht weiter treiben, wenn es seine bisherige 
despotisch -büreaukratische Zentralisation aufgiebt Täglich 438 
Quadratkilometer Land hinzuerwerben und zugleich aus einer mehr 
denn 120 Sprachen redenden Bevölkerung eine national und kirch- 
lich gleichförmige russische Masse machen, das kann nur einer 



VERFASSÜNGSFRAGEN 271 

despotisch zentralisierten Regierung, icli sage nicht gelingen, son- 
dern in den Sinn tiommen. Mit einer Bevöllterung, wie die Ver- 
einigten Staaten sie haben, kann das grölste Reich der Welt in 
den freiesten staatlichen Formen ohne grofse Schwieriglieiten ge- 
lenkt werden. Mit einer russischen Bevölkerung, wie sie noch 
heute ist, sich in den Parlamentarismus zu stürzen, wäre ein ge- 
fährliches Unternehmen, auch wenn man die weltpolitische Stellung 
aufgeben wollte, die Rufsland heute geniefst Und doch ist es 
wiederum aussichtslos, mit dem heutigen System der Regierung 
das russische Volk zu einer Entwickelung zu heben, die es den 
europäischen und amerikanischen Kulturvölkern gegenüber kon- 
kurrenzfähig machen könnte. So wie dieses Volk heute ist, kann 
es besten Falles noch für eine nicht gar lange Zukunft ein stehendes 
Heer von anderthalb Millionen und ein ungeheures Budget ertragen, 
aber es vermag weder wirtschaftlich noch geistig den Vorsprung 
der leitenden Kulturvölker einzuholen, hinter denen es vielmehr 
immer weiter zurückbleibt Dies könnte nur in einer langen 
Periode langsamer innerer Erziehung zu Selbstthätigkeit, Arbeit 
und Freiheit erreicht werden, und unter einer Regierung, die allen 
äulseren Glanz auf staatlichem und auf nationalem Gebiet entsagend 
sich ausschliefslich dem wirtschaftlichen und geistigen inneren 
Volksleben widmete. Zu einem solchen Bruch mit Tradition und 
Neigung wird sich jede Regierung nur in der äufsersten Notlage 
entschliefsen, und ganz besonders schwer eine Regierung, deren 
Ansehen gerade in äulserer Politik und in der Befriedigung natio- 
naler und kirchlicher Empfindungen hauptsächlich wurzelt Ein 
solcher Bruch könnte kaum anders als infolge grofser Erschütte- 
rungen durch Krieg oder Revolution zur Ausführung gelangen. 
Es scheint aber, dafs zahlreiche Elemente in Rufsland auch diese 
Bedingung anzunehmen entschlossen sind, nur um aus der völligen 
Stockung herauszukommen, in die das Volksleben in dem gröfsten 
Teile des Reiches geraten ist 

Man kann sich kaum vorstellen, dafs in Rufsland eine Revo- 
lution ausbrechen könnte, wie sie in anderen Ländern möglich war. 
Die natürlichen Verhältnisse des Landes sowohl als der Charakter 
des russischen Volkes sprechen dagegen. Die einzigen gröfseren 
Aufstände, die im 17. und 18. Jahrhundert vorkamen, wurden zu 
Stande gebracht unter der vorgespiegelten zarischen Autorität 
Stenka Rosins Flotte hatte an ihrer Spitze eine reichgeschmückte. 



272 SIEBZEHNTES KAPITEL 

angeblich zarische Bawka, in der man den Zaren Alexei verborgen 
glaubte. PüGATSCHEW gab sich für Peter III aus. Heute bringt 
man das Landvolk durch gefälschte zarische Manifeste auf die 
Beine. Allein es läfst sich doch nicht leugnen, dafs noch niemals 
so viel Stoff für revolutionäre Erhebungen vorhanden war als 
jetzt Die Bevölkerung der wenigen grofsen Städte nimmt immer 
offener den Geist in sich auf, den die revolutionäre Propaganda 
verbreitet; Mittelklassen, zum Teil auch obere Schichten sind viel- 
fach staatsfeindlich; das Landvolk wird vom flunger getrieben: 
die Fragestellung ist bereits die, ob das Heer noch sicher ist Und 
die Frage kann man nicht mehr ohne weiteres bejahen. Rufsland 
ist nicht mehr vor Revolutionen sicher, die weitere Kreise erfassen 
könnten, als blos Palastverschwörer. Finanzen, Volkswirtschaft, 
Selbstverwaltung — das sind die Dinge, von denen die nächste 
Zukunft des Reiches wird bestimmt werden. 

Wir haben in einem früheren Kapitel gesehen, wie der heute 
mächtigste Mann Rufslands scheinbar für Aufrechthaltung des 
Absolutismus eintritt Ihm kann man die Schrift eines sehr an- 
gesehenen und gereiften russischen Staatsmannes als Antwort 
gegenüberstellen, auf die ich schon hingewiesen habe.^ Der 
Verfasser gehört nicht zu den jungen Stürmern, sondern zu den 
besonnenen und erfahrenen Leuten, die unter den Schlägen 
der Reaktion ihr Gleichgewicht behalten haben. Er weist die par- 
lamentarische Regierungsform als für Rufsland ungeeignet zurück, 
weil es an politischer Erfahrung und Schulung fehle. Aber er 
fordert, dafs der unbegrenzten Gewalt Schranken gesetzt werden 
und der Monarch dem korrumpierenden Einflufs der herrschenden 
Büreaukratie entrissen werde. Hierzu genüge es, wenn in die Resi- 
denz eine Versammlung Erwählter berufen werde, etwa zwei oder drei 
von jeder Gubemiallandschaft, welche Versammlung die Gesetzes- 
vorlagen und das 'Budget zu beraten hätte. Zugleich solle der 
Reichsrat von den blos dem Tschin nach ihm angehörenden 
Gliedern gereinigt und zum Oberhause gemacht werden. Damit 
wäre die Verfassung gegeben, und man brauche sich weiter nicht 
viel den Kopf zu zerbrechen. Nur müfsten notwendig die Erwählten 
mit Rechten ausgestattet werden, da eine blos beratende Ver- 
sammlung immer von der regierenden Büreaukratie abhängig sein 



^ „Rufsland am Vorabend des 20. Jahrhunderts." 



VERFASSUNGSFRA GEN 273 

würde, auf deren Zügelung es gerade ankomme. Ein Gegengewicht 
gegen die den Thron umgebende Tschinownikschaft könne nur 
ein ganz unabhängiges Organ bieten mit beschliefsender Stimme 
für die inneren Angelegenheiten. Nur eine mit Rechten aus- 
gestattete Versammlung könne den Willen des Monarchen selbst 
einschränken, was die erste Bedingung einer gesetzlichen Ord- 
nung bilde. „Solange/' sagt der Verfasser mit feinem Verständnis 
der Lage, „der Monarch sich nicht an den Gedanken gewöhnt, dafs 
sein Wille nicht alles vermag, dafs es ein von ihm unabhängiges 
Gesetz gebe, dem er sich anpassen mufs, ist es vergeblich, über 
irgend welche Garantien des Rechts und über die Zügelung der 
Beamtenwillkür zu grübeln: Alles wird beim Alten bleiben ....'' 
Das ist ohne Zweifel sehr wahr und sehr klar. Nur bleibt es 
fraglich, auf welchem Wege dieses Ziel erreicht werden könnte in 
einem Staat, wo das Bedürfnis nach Recht bei der grofsen Masse 
der Unterthanen so wenig entwickelt und das Bedürfnis nach 
Macht bei den Organen der Regierung so stark ist Wenn 
man in Rufsland die Gewohnheit, die Geduld, Verständnis für 
organisch langsame Entwickelung hätte, so fände man vielleicht 
jene Wege. Man gebe es auf, Weltmacht und Kulturmacht zu- 
gleich zu spielen. Man versuche, das Budget nicht durch An- 
leihen und Grofsindustrie zu balanzieren, sondern, vom anderen 
Ende anfangend, den Ackerbau, die lokale Arbeit, den Bauern, das 
Kleingewerbe zu fördern. Man versuche zu sparen, indem man 
die Ausgaben für das tieer auf die Hälfte herabsetzt Denn diese 
Kriegsstärke dient wohl dazu, nach aufsen zu drohen und in Asien 
zu erobern, ist aber zum Schutz eines friedlichen, an seiner inneren 
Entwickelung arbeitenden Rufsland entbehrlich, da es keinen Gegner 
giebt, der Rufsland zu Lande bedroht Dieser Staat ist schon 
geographisch für eine defensive Politik so günstig gelegen, dafs 
er, will er ernstlich abrüsten, es thun kann, ohne jemand zu fragen 
und ohne jemand zu fürchten. Niemand ist ihm bedrohlich in 
seinem Bestände aufser etwa die Polen, und gegen die bedarf es 
keines fleeres von Millionen an Soldaten. Die westlichen Grenz- 
gebiete sind heute wirtschaftlich und kulturlich die stärksten Träger 
des Staates ; sie können es auch politisch werden, sobald der Staat 
den nationalen und konfessionellen Kampf in diesen Gebieten auf- 
giebt, und sobald die Westgrenze weiterem Einströmen westlicher 
Kultur geöffnet wird. Deutschland ist der bequemste und sicherste 

Y. D. ButJoeuf, fittfibuid. 18 



274 SIEBZEHNTES KAPITEL 

Nachbar, den Rufsland hat, und kann der nützlichste werden, wenn 
Rufsland sich entschliefst, sich ihm politisch und wirtschaftlich eng 
anzuschliefsen. Es ist in Deutschlands Interesse, dafs Rufsland 
Weltmacht bleibe, und dasselbe gilt auch umgekehrt Ein enges 
Zusammengehen beider Staaten giebt Rufsland die Möglichkeit, 
Weltmacht zu bleiben und seine Kriegsrüstung zu Lande in grofsem 
iWafsstabe einzuschränken. Erst dann wird es materiell und 
kulturiich die Mittel gewinnen, seine innere Entwickelung kräftig 
zu fördern. 

Niemand ist ihm in seinen wirtschaftlichen Interessen bedroh* 
lieh, aufser etwa England, und gegen dieses sich durch eine Flotte zu 
schützen, ist die flotte Rufslands allein viel zu klein, sie kann auch 
nie so vergröfsert werden, dafs sie der englischen gewachsen 
wäre; schon die geringe nutzbare Küstenausdehnung verbietet das. 
Die Werte, die die Flotte schützen soll, stehen nicht im Verhältnis 
zu den Kosten der Marine, solange die Marine sich nicht sicher 
an andere Seemächte anlehnen kann. Ohne eine verbündete See- 
macht hat die heutige russische Flotte geringen Wert, ebenso wie 
das Heer weit mehr kostet, als die Interessen wert sind, die es 
schützen soll. Und ähnlich liegt es mit der Verteidigungsstellung, 
die Rufsland auf dem Boden der Kultur einnimmt Es will nationale 
russische Kultur erzwingen und Kultur läfst sich nicht erzwingen. 
Statt nationaler Eroberung im Westen nachzujagen, die viel kostet 
und nichts einbringt, müfste die Grenze dem Einströmen fremder 
Kultur weit geöffnet werden, müfsten die Provinzen mit eigenen 
Kulturelementen in ihrer Eigenart gefördert werden, müfste überall 
dezentralisiert und provinzielles Sonderleben von Petersburg bis 
Odessa gefördert werden. Seit der Absolutismus in Europa seine 
einigende, zentralisierende Aufgabe erfüllt hat, ist der föderative 
Staatsorganismus zum leitenden Prinzip in den Kulturstaaten ge- 
worden. Hierin gehen die germanischen Völker in Amerika, Deutsch- 
land, England voran, und je gröfser ein Staat ist, um so mehr 
bedarf er der inneren Mannigfaltigkeit, um die äufsere Einheit sich 
zu erhalten, und mehr noch um sich kulturiich zu entwickeln. 
Das gilt durchaus auch für Rufsland, nur dafs es sich hier um 
eine andere, mildere Form des föderativen Prinzips, um provin- 
zielle Dezentralisation handelt In der Provinz müfste die Schule 
gepflanzt werden, wo politische Erfahrung gesammelt, wo die 
Kunst der Selbstverwaltung eriernt werden könnte, an deren 



VERFASSUNGSFRAGEN 275 

Mangel das Reich hauptsächlich krankt Im ganzen Reiche müfste 
das religiöse Gewissen unbehindert sein und die Bedrückung der 
Sekten und der nicht orthodoxen Konfession aufhören. Aber in 
Ruisland geht man in diesen inneren Angelegenheiten selten den 
langsamen und sicheren Gang; man will auf der einen Seite die 
gestern gepflanzten Setzlinge einer provinziellen Selbstverwaltung 
ausrotten, weil sie heute noch keine reife Frucht tragen, und man 
will auf der anderen Seite sich an grofser Weltstellung und an 
slawischer Kultur berauschen, ehe man die Mittel dazu erworben 
und die Kultur geschaffen hat 

und dann: sind denn die Leute, die ein Parlament wünschen, 
dessen so sicher, dafs mit einer beschiiefsenden Volksvertretung, 
einer Verfassung modemer Form, auch die Freiheit begründet 
werden wird, nach der man sich so sehnt? Ja, man wird die 
Freiheit erlangen zu reden und zu schreiben, was man auf dem 
tierzen hat Aber die Freiheit individueller, kommunaler, provin- 
zieller Entwickelung? Die lokale Sicherheit vor dem zentralen 
Zwang? . . . Revolutionen sind despotischer als Monarchen, und 
der liberale Doktrinarismus ist ebenso gewaltsam wie selbstherr- 
liches Beamtentum. Noch heute steht der grofsen Masse des 
niederen Volkes nur ein mit öffentlichen Pflichten wenig vertrauter 
Adel und eine „Intelligenz" gegenüber, die mit wenigen Ausnahmen 
von praktischer politischer Arbeit erst recht nichts versteht, um- 
somehr aber von theoretischer Schulweisheit erfüllt ist, die sie zu 
verstehen glaubt Der Russe ist von Natur demokratisch, er neigt 
zur abstrakten Doktrin, und bei dem Mangel an politischer Bildung 
und Erfahrung würde sich eine russische Volksvertretung von 
Doktrinen beherrschen lassen. Eine Volksvertretung des ganzen 
Reiches würde Gefahr laufen, ebenso gewaltsam und unbesonnen 
zu dekretieren, ebenso verständnislos das Recht, die Voraussetzung 
aller gesitteten Staatsordnung, zu mifsachten, wie die alte Beamten- 
schaft, und die uniformierte Zentralisation wäre wieder da. Ohne 
vorhergehende Dezentralisation in Verwaltung, Rechtspflege, parti- 
kularer Gesetzgebung, ohne politische Schulung in provinzieller 
Selbstverwaltung, wird eine russische Volksvertretung sich leicht 
dazu hinreif sen lassen, die vernünftigen Grenzen ihres Wirkens 
zu überschreiten, und viel Schlamm, vielleicht Blut würde über 
die russische Ebene sich ergiefsen, ehe man zu der ersehnten 
Ordnung, zu Freiheit und Recht gelangte. 

18* 



276 SIEBZEHNTES KAPITEL 

Wir haben einen sehr mächtigen Minister gehört, der die 
Selbstherrschaft für den prinzipiellen Feind der Selbstverwaltung 
erklärt, und einen angesehenen Staatsmann, der die Selbstherr- 
schaft zu beschränken wünscht durch verfassungsmäfsiges Volks- 
recht Das scheinen vollkommene Gegensätze zu sein, und sind 
es doch im Grunde nicht Die Macht ist auf Seiten des Ministers 
und der Büreaukratie, und die Erfahrung spricht freilich dafür, dafs 
der Absolutismus sich freiwillig nicht selbst aufgiebt. Die staat- 
liche Omnipotenz aber hat Grenzen in sich selbst, die nicht fiber- 
schritten werden ohne die Gefahr, bei kulturlicher Impotenz an- 
zulangen und wirtschaftliche und soziale Katastrophen herbei- 
zuführen. Und dafs man in Rufsland diesen Grenzen gefährlich 
nahe gekommen ist, scheint auch Herr Witte selbst erkannt zu 
haben. 




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